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Bei meiner Ehre verspreche ich…

Nur wenige Ereignisse in meinem Leben haben meine innere Entwicklung so sehr bestimmt wie die feierliche Abgabe des Pfadfinderversprechens 1951 als 14-jähriger im Stamm „Geusen“ des Gaues Bremen-Stadt des Bundes deutscher Pfadfinder:

„Bei meiner Ehre verspreche ich, mein Bestes zu tun, meine Pflichten gegen Gott und meine Heimat zu erfüllen, meinem Nächsten in allen Verhältnissen zu helfen und dem Pfadfindergesetz zu gehorchen“.

Ich weiß noch, wie ich tagelang vorher nicht nur mit meinen Eltern darüber gesprochen habe, ob ich die damit eingehenden Verpflichtungen erfüllen kann und darf.

Dabei waren mein Problem nicht die im Pfadfindergesetz festgelegten Charaktereigenschaften wie Ehre, Treue, Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft, Menschenfreundlichkeit, Ritterlichkeit, Duldsamkeit, Frohsinn, Einfachheit und Sparsamkeit, Reinheit in Gedanken, Worten und Taten. Wie weit die gegeben waren, hatten in erster Linie diejenigen zu beurteilen, die das Versprechen abnahmen. Natürlich konnten und sollten sie durch das Pfadfindertum gefördert und gestärkt werden und sich in der persönlichen Lebensführung niederschlagen.

Was mir damals Sorgen machte, waren die nicht definierten Pflichten gegen Gott und meine Heimat, insbesondere aber die Gehorsamspflicht im Pfadfindergesetz. Der 2. Weltkrieg war gerade 6 Jahre zu Ende.  Er hatte gezeigt, welch unermessliches Leid blinder Gehorsam und die Definition von „Pflichten gegen die Heimat“ durch ein verbrecherisches Regime über die Welt gebracht hatten – trotz vielfach vorhandener, aber fehl geleiteter Charaktereigenschaften im Sinne des Pfadfindergesetzes. Diese Fragen haben mich – seit meiner Schulzeit historisch sehr interessiert – auch in den späteren Jahrzehnten immer wieder beschäftigt. Mein Heimatgefühl ist dabei im Wesentlichen durch die Jahrhunderte vor 1933 geprägt, wenn ich auch die Auseinandersetzung mit dieser schlimmen Zeit nie gescheut habe, mich aber auch bemüht habe, im Ausland ein anderes Bild von uns Deutschen zu vermitteln.

Mir war auch klar, dass die Definition „Pflichten gegen die Heimat“ im militärischen Sinne durch die gegeneinander Krieg führenden Nationen im krassen Gegensatz zur Forderung steht, dass der Pfadfinder „Freund aller Menschen und Bruder aller Pfadfinder“ sein soll. Das Problem stellte sich 1951 noch nicht, denn kein ernst zu nehmender Politiker stellte die Forderung nach einer deutschen Wiederbewaffnung auf. Erst sehr viel später habe ich auch verstanden, dass der Opfergang der deutschen Jugendbewegung bei Langemarck im ersten Weltkrieg (Gegenstand jeder Pfadfinder-Ausbildung) militärisch sinnlos war, mithin von einer verantwortlichen Militärführung nicht hätte gefordert werden dürfen.

Ich hatte schon damals für mich die bis 1945 gültige Maxime der alten Römer „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“ durch „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu leben“ ersetzt und konnte daher mit voller Überzeugung das Pfadfinderversprechen abgeben, wenn ich auch bis heute über die zu leistenden Pflichten immer wieder neu nachdenken muss.

Höhepunkte meiner pfadfinderischen Aktivenzeit waren daher die damals noch seltenen Begegnungen mit ausländischen Pfadfindergruppen:

Von den beiden Ereignissen aus 1954 habe ich noch meine damaligen Berichte!

Nachstehend mein Bericht
über unsere Ankunft im Bundeslager  am Sonntag, 25.7. 1954:

Über Dickenschied kamen wir dann nach Kirchberg und damit in die Atmosphäre des Bundeslagers, denn die Straßen waren blau-gelb geflaggt. Hier und dort trafen wir Pfadfinderbrüder, alle mit einem Ziel: Bundeslager. Schließlich sahen wir einen Schlagbaum über die Straße gelegt, Pfadfinder hielten davor Wache. Im Hintergrund sah man die Landesmarkfahnen, daneben aber auch ausländische Fahnen wie von der Schweiz und Dänemark. Dazu kamen später noch litauische und schwedische. Das war für uns besonders, denn in so starkem Maße waren Ausländer wohl nach dem Kriege noch nicht vertreten.

Als wir nun im Bundeslager waren, mussten wir uns erst einmal anmelden und konnten dann zum Unterlager „Bremen“ gehen, wo wir erstmalig nach Kassel wieder alte Bekannte trafen, nämlich Weißkohl, Pitt und Kasper mit ihren Sippen. Gleich am Eingang fielen uns Wappen und Namen einer pommerschen Stadt ins Auge. Der Grund: Das ganze Lager stand im Zeichen der verlorenen Ostgebiete, jede Landesmark führte einen Städtenamen.

Dass auch ein Minimum an Gehorsam in einer Gruppe nötig ist, haben wir in meiner Sippe im Herbst 1954 durch einen furchtbaren Todesfall erfahren müssen. Wir waren von Bremen aus auf einer Spurensuchfahrt in die Wümmewiesen gefahren und hatten dort in der Nähe eines kleinen Wehrs gelagert – weitab von Häusern und Straßen. Die Wümme war hier weniger als einen Meter tief, sehr schmal, aber mit starkem Uferbewuchs und unübersichtlichen Strömungen. Außer mir als Sippenführer waren 4 Sipplinge mit, davon der Jüngste Nichtschwimmer. Zu zweit hatten wir uns in der Strömung treiben lassen – in Hörweite, aber leider nicht in Sichtweite -, nicht ohne den anderen einzuschärfen, ja nicht allein ins Wasser zu gehen. Kaum waren wir weg, als die beiden Größeren der Versuchung nicht widerstehen konnten und den Kleinen an die Hand nahmen, um das Wasser zu testen. Dabei kamen sie in eine Strömung, ließen vor Angst los, so dass der Kleine unterging. Als ausgebildeter Rettungsschwimmer habe ich noch lange vergeblich getaucht, während andere Hilfe holten (es gab noch kein Handy!). Der Verunglückte war offenbar gleich in die unübersichtliche Uferzone geraten. Erst Tage später wurde die Leiche in einer Uferböschung viele Meter vom Unglücksort entfernt gefunden. Die Begegnung mit den Eltern, die eindrucksvolle Trauerfeier in der überfüllten Friedhofskapelle in Bremen-Osterholz und die Betroffenheit in unserer gemeinsamen Schule haben sich bei mir tief ins Gedächtnis eingegraben. Danach setzte die Aufarbeitung innerhalb des stadtbremischen BdP ein, wobei insbesondere Alfred Woog als Landesfeldmeister und kommissarischer Stammesführer, Dr. Gerhard Rosencrantz als Gaufeldmeister und die anderen Stammesführer Paul Gottwald (Freibeuter) und Paul Markgraf (Wikinger) gefordert waren. Da ich kurz vor dem Abitur stand, habe ich meine aktive Pfadfinderzeit beendet. Später wurden unsere vier Kinder bei den christlichen Gemeindepfadfindern in Hamburg aktiv.

Erst 2002 wurde ich als Teilnehmer des Pfadfinder-Forums „Pfadfinden – eine Antwort auf Herausforderungen unserer Zeit“ Mitglied des Veranstalters, der Altpfadfindergilde Hamburg.  

Ich hatte 1956 das Glück, zu Beginn meines Doppelstudiums der Physik und Betriebswirtschaft in Göttingen eine Studentenverbindung zu finden, die mir in ideeller Hinsicht eine hervorragende Fortsetzung meines Pfadfindertums bot. Das Motto „Ehre, Freiheit, Freundschaft, Vaterland“ des übergeordneten Verbandes der Landsmannschaften und Turnerschaften an deutschen Hochschulen, die Kleingruppen und die Verantwortung für die staatliche Gemeinschaft kannte ich im Grunde bereits aus meiner Pfadfinderzeit. Als Obmann (erster Vorsitzender) des Altherrenverbandes mit Göttinger und Greifswalder Wurzeln habe ich später auch versucht, in Vorträgen auf beiden Seiten zum gegenseitigen Verständnis beizutragen.

In dieser Funktion habe ich – gemeinsam mit einem befreundeten, ebenfalls christlich geprägten, emeritierten Medizinprofessor – fünf Jahre lang Podiumsdiskussionen an der Universität  Greifswald mit dortigen Professoren (Theologen, Juristen, Mediziner und Biologen) organisiert und durchgeführt. Themen waren u.a.: Was ist der Mensch? Wann beginnt das Leben? Wann endet das Leben? Ehrfurcht vor dem Leben und dem Tod, Evolution und Schöpfungsglaube – Themen, die schon im Pfadfindergesetz angelegt sind und mich seit Jahrzehnten beschäftigen.