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Kindheit im Vorkriegs-Moskau

Ich bin in einem alten Moskauer Bezirk aufgewachsen, jetzt ist es Zentrum. Von unserem Haus konnte man in 45 Minuten zu Fuß den Kreml erreichen. In Vorkriegszeiten sah unsere Gegend noch wie vor der Revolution aus, nur die meistens ein- bis zweistöckigen Häuser waren schäbig geworden und nur die Fassaden wurden zu großen Feiertagen gestrichen.

In den Vorkriegsjahren war unsere Straße mit Kopfsteinpflaster bedeckt, und ich erinnere mich an das Klappern der Hufe und an das Geschrei des Kutschers: Karasin, Karasin! (Kerosin auf Deutsch). Dann liefen die Hausfrauen mit Kannen zu ihm. Autos waren bei uns sehr selten.

Im Winter war die Straße mit einer dicken Schicht Schnee bedeckt, und alle Kinder liefen herum mit Schlitten, oder glitten auf Schlittschuhen, die mit einem Strick direkt am Filzstiefel (Walenki) befestigt waren. Waghalsige Jungen klammerten sich mit Haken an die Straßenbahn auf der Nachbarstraße und rutschten so zwischen den Schienen entlang. Erwachsene und Kinder haben im Winter Walenki getragen, bei Tauwetter Walenki mit Galoschen. Modische Damen hatten für den Winter Überschuhe aus Filz mit hohen Absätzen.

Jedes Haus hatte einen Hauswart. Mit großen hölzernen Schaufeln schaufelten sie Schnee von den Gehwegen, an den Rändern entstanden riesige Schneehaufen. Im Frühling schmolz der Schnee, der Hauswart hackte das Eis vom Bürgersteig mit einem Brecheisen ab, und überall liefen Ströme von Wasser. Dann ging man in Gummistiefeln oder Galoschen. Wie schön war der erste trockene Tag, wenn man auf der Straße ohne schwere Überschuhe gehen konnte! Alle hatten sich über den Frühling gefreut. Die Winter Rahmen wurden herausgenommen und in den Keller gebracht, die Hausfrauen hatten die Fensterscheiben geputzt. Im Sommer nach starken Regenfällen bildeten sich auf der Straße riesige Pfützen, und ein ganz besonderes Vergnügen war barfuß durch Pfützen zu laufen. Übrigens, auch viele Erwachsene, auch noch in der Nachkriegszeit, zogen beim starken Regen die Schuhe aus, um sie zu schonen.

Unser Haus wurde im 19. Jahrhundert gebaut, war für eine Familie vorgesehen und gehörte einem Kaufmann, eigentlich könnte man es Villa nennen. Unten war das Haus aus Backstein gebaut, oben aus Holz. Von außen und von innen war alles verputzt und mit Stuck verziert. Der Hof wurde von benachbarten Häusern durch einen hohen Holzzaun abgegrenzt. Im Hof war ein Wagenschuppen, und hinten ein Obstgarten. Zu meiner Zeit hat man im Schuppen Holz und Kohle gelagert, und nachher wurde dort eine Wohnung eingerichtet. Nach der Revolution 1917 wurde das Haus enteignet, zwei Töchter des Kaufmanns, alte Jungfern, hatten kleine Zimmer und der Sohn, ein Alkoholiker, hat mit meiner Mutter sein Appartement getauscht. In jedem Zimmer hat man eine Familie untergebracht, sogar in der Waschküche. Und im Haupteingang wurde ein fünf Quadratmeter großes Zimmer ausgebaut, dort wohnte eine Frau mit Kind. Insgesamt wohnten im Haus 14 Familien. In Moskau herrschte eine furchtbare Wohnungsnot. In der Stadt suchten Leute Zuflucht, die der EntkulakisierungDie Entkulakisierung (russisch раскулачивание raskulatschiwanije), gelegentlich auch Dekulakisierung, war eine politische Repressionskampagne in der Sowjetunion, die sich während der Diktatur Josef Stalins von 1929 bis 1933 gegen sogenannte Kulaken richtete. entkommen waren, die vor Hunger aus dem Land liefen, die in Moskau auf eine Arbeit hofften. Nach dem Krieg konnte man einen Antrag auf eine Wohnung stellen, aber nur, wenn man weniger als fünf Quadratmeter für eine Person hatte, und sogar die, die nur zwei Quadratmeter hatten, mussten jahrzehntelang warten. Der Wohnungsbau für einfache Leute begann erst in Chrustschow-Zeiten.

Unsere Familie besaß das größte Zimmer im Haus, die Halle, mit 30 Quadratmetern und mit drei Fenstern auf die Straße. Mutter teilte es in drei Räumlichkeiten.
Die Toilette befand sich auf dem Flur. Vor dem Krieg war dort noch ein Holzfußboden. Dann war er verfault, und nach dem Krieg lagen auf der Erde ein paar Backsteine. Natürlich hat es keinen Sitz gegeben, alle haben ihr Geschäft im Stehen gemacht und alles hatte eine fast schwarze Farbe bekommen — das Becken, die Rohre und der Wassertank. Ein Stück Zeitungspapier hat jeder mitgebracht, Toilettenpapier gab es in Moskau erst in den frühen 60ern. Vor dem Krieg ging ich nicht zur Toilette, ich hatte einen Topf. In jeder Familie gab es Töpfe oder Eimer, am Morgen trug man sie zum Klo.

Am Ende des Flurs war die Küche, mit 16 Quadratmetern schien sie mir riesig. Die wurde von zehn Partien benutzt. Jede Familie hatte ihren eigenen Küchentisch oder einen Hocker. Man benutzte zum Kochen einen Petroleumkocher. Unter solchen Umständen ging es nicht um Delikatessen. Die ersten Kühlschränke erschienen erst nach dem Krieg, deshalb musste man im Sommer jeden Tag kochen, im Winter konnte man ein Netz mit Lebensmitteln aus dem Fenster heraushängen und ein Topf mit Essen zwischen die Fensterrahmen stellen. Wir wohnten im hohen ersten Stock, und eines Tages hat man bei uns einen Topf mit Gänseschmalz gestohlen.

Die Küche war immer überfüllt, Petroleumkocher summten und qualmten. Die Hausfrauen haben dort auch Wäsche gewaschen, jede Frau hatte einen Waschtrog oder eine Schüssel und ein Waschbrett, es war dann trüb vom Dampf. Ein eisernes Becken diente auch zum Waschen und Zähneputzen. In der Küche gab es eine Tür zum Badezimmer. Vor der Revolution wurde dort das Wasser mit Holz erwärmt. Jetzt aber wurde das Badezimmer nur als Rumpelkammer für Tröge, Eimer und vieles mehr benutzt. Zum Baden gingen die Menschen in die Banja (Dampfbad). Man ging mit eigenen Kübeln, Handtüchern, Birkenbesen beladen, warm umwickelte Kinder wurden im Winter auf Schlitten transportiert. Ich konnte die Banja nicht ausstehen, man hat mich zu Hause in einer kleinen Badewanne gewaschen.

Das Leben in jener Zeit war sehr dürftig, bescheiden. Erst 1935 wurden Lebensmittelkarten abgeschafft. Ich kann mich noch an das Bild erinnern: Wir gehen mit Mutter auf der Straße und haben ein Paket mit Pelmeni (Teigtaschen). Es regnet, das Paket platzt, und die Pelmeni fallen in den Matsch. Wir haben einige nicht sehr schmutzige aufgesammelt, um sie zu Hause zu waschen, alle anderen wurden sofort von Passanten aufgesammelt. Wir lebten noch besser, als viele andere: Vor dem Krieg haben die Ingenieure überdurchschnittlich verdient und Mama konnte sich ein Kindermädchen (Njanja) leisten, die Wäsche haben wir in die Wäscherei gegeben. Und ich erinnere mich an Mandarinen und Orangen, die auf der Fensterbank lagen, aber haben die Erwachsenen sie auch gegessen? Mit der Bekleidung ist man sehr sparsam umgegangen, sie hat viele Jahre gedient. Mäntel waren oft für alle Jahreszeiten, den Herbstmantel hat man für den Winter mit Watteline untergefüttert. Am Anfang des Sommers hat man im Hof Seile gespannt, und Winterkleidung und Schuhe wurden in der Sonne getrocknet und gelüftet. Im Hof wurde dann Wache gehalten aus Angst vor Dieben. Nachher wurden die Kleider mit Mottenpulver gesalzen in die Truhen eingepackt. Alle hatten Angst vor Motten, weil Mäntel Jahrzehnte halten mussten. Bekleidung, Schuhe, Stoffe waren sehr schwer zu bekommen. Es gab in Moskau ein Geschäft, das Torgsin hieß (Kürzel für Handel mit Ausländern). Dort konnte man für Valuta oder für Gold und Silber verschiedene Waren — Defizit kaufen. Ende der 1930er Jahre wurde der Torgsin-Shop geschlossen, und in den 1960ern als Berjoska wieder eröffnet.

Die Bevölkerung unseres Hauses war recht bunt. In drei von vierzehn Familien gab es Ingenieure. Damals hatte das Volk die Akademiker verfaulte Intelligenz genannt. Der Staat bevorzugte die Proletarier. Aber es waren bei uns nur ein paar Fabrikarbeiter. Die meisten waren Invaliden, Rentner mit ganz kleiner Rente, Putzfrauen, kleine Angestellte.

Unser Nachbar war der Hauswart Mustafa, er wohnte mit Frau und vier Kindern im zwölf-quadratmeter-Zimmer. Er war sehr nett und gesellig. Nach dem Ersten Weltkrieg hat man ihm die erfrorenen Fußsohlen amputiert. Er hinkte und trug immer Walenki. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Beheizung des Hauses. Wir hatten eine Kaloriferheizung. Im Keller war ein Ofen, mit Kohle geheizt, und die warme Luft gelangte durch Rauchrohre in die Zimmer, dort waren kupferne Rohrklappen (Duschnik). Vor dem Anheizen ging Mustafa im Haus herum, klopfte an die Türen und schrie, Schließ den Dusznik!, sonst konnte man vom Kohlengas vergiftet werden. Mustafa war Tatar. Im oberen Geschoss wohnte seine Schwester mit ihren drei Kindern. Oft kamen zu Besuch Verwandte aus dem Dorf, die hatten dann zusammen mit Mustafas Kindern auf dem Fußboden geschlafen — im Zimmer war nur ein Bett. Die Tataren in unserem Haus gingen ihren Traditionen nach: Zu Festen kam der Mullah, aus Pferdefleisch machte man Beshbarmak und Mantı. In unserem Bezirk lebten immer viele Tataren, ein paar Straßen hießen Tatarskaja.

Ein Fenster zum Innenhof hatte Familie Saschko. Er verlor im Ersten Weltkrieg beide Beine, ging mit Krücken auf kurzen hölzernen flaschenförmigen Prothesen. Er war Schuster. Ich konnte stundenlang vor seinem Fenster stehen und zusehen, wie geschickt er in eine Sohle Nägel schlug, die er aus dem Mund nahm. In unserem Haus war er der Repräsentant der Hausverwaltung. Er selbst und seine Familie waren bittere Trinker. Seine Frau starb 1940, sie kam betrunken unter die Straßenbahn. Sein Sohn landete vor dem Krieg im Knast wegen groben Unfugs, wurde in eine Strafkompanie eingezogen und kam von der Front mit Schwindsucht zurück. Auch er war Alkoholiker, einmal hat er sich mit Entlausungsflüssigkeit betrunken und kam in die psychiatrische Klinik. Tochter Saschko hatte kurz nach dem Krieg, aus Angst vor einer Prüfung in ihrer medizinischen Schule, sich etwas in die Vene gespritzt und starb.

Die alte Tochter des Kaufmanns im oberen Geschoss hatte viele Katzen gehalten und man konnte hören, wenn sie auf der Schreibmaschine tippte. Sie hatte immer Angst, dass die Nachbarn sie bei dem Steuerinspektor verpetzen. Der Staat duldete keine selbstständige Tätigkeit.

Also, im Haus lebten Russen, Tataren, Juden, ein International, und im Allgemeinen waren die Beziehungen ganz in Ordnung. Und bei den Kindern im Hof war es das Gleiche. Die Kinder, sogar die Kleinsten, spielten im Hof ohne Aufsicht. Die Eltern hatten für sie keine Zeit. Die Mütter mussten lange Schlange stehen, um Lebensmittel zu bekommen, und für den Haushalt brauchte man viel Zeit. Kinder aus unserer Nachbarschaft gingen nicht in den Kindergarten, wahrscheinlich war es für die meisten Eltern zu teuer. Im Zentrum, in intelligenteren Bezirken gab es private Spaziergruppen. Alte Frauen deutscher oder französischer Herkunft, zitternd aus Angst vor Steuerinspektoren, spazierten mit Kindern auf einem Boulevard und versuchten ihnen die Sprache beizubringen. In unserem proletarischen Bezirk gab es soetwas nicht. Meine Mutter versuchte, mich in den Kindergarten zu schicken, ich habe dort nur geweint und nach zwei Tagen hat man mich zurückgegeben mit der Diagnose: Passt nicht zum Kollektiv.

Zum Team im Hof habe ich auch nicht ganz gepasst. Erstens war ich von der verfaulten Intelligenz, zweitens spazierte ich meistens mit meiner Njanja. Aber oft musste ich auch allein im Hof bleiben und habe am Spiel teilgenommen. Die Kinder des Hauses wurden zu meinem Geburtstag am 10. Januar gerufen. Dann war immer ein Weihnachtsbaum bei uns, und mit drei oder vier Jahren war ich sicher, dass der Baum zum Geburtstag gehört. (Offiziell wurden die Weihnachtsbäume erst 1937 erlaubt, bis dahin galten sie als religiöses Opium.)

Vom Hof brachte ich unanständige Worte und obszöne Lieder mit nach Hause. Mutter staunte nur. Wir Kinder hatten auch keine Angst vor fremdem Pack. Die zeigten sich nicht in unserem Hof, weil sie Respekt vor unseren Kriminellen hatten.

Und hierher, in dieses Haus, in diese Umgebung, in dieses Leben kam meine Oma Sophie. Sie kam 1937 aus Wien. Die Familie ihres Schwiegersohns, (er war ein erfolgreicher Ingenieur,) musste vor den Nazis fliehen. Oma war damals 58 Jahre alt und war an ein ganz anderes Leben gewöhnt — schöne Wohnung mit Dienstmädchen und Köchin, Cafés, Skat und andere Annehmlichkeiten. In Wien hat sie die russische Sprache beinahe völlig vergessen. Sie begann mit mir Deutsch zu reden, und ich erinnere mich an die ersten Worte: Putze, putze deine Zähne rein. Die Wirklichkeit des sowjetischen Lebens war ihr völlig fremd, obwohl einige Dinge wahrscheinlich den Zeiten des Bürgerkriegs ähnelten. Sie verließ Moskau 1923. Allmählich hat sich Oma an das Moskauer Leben, an das Kochen in der Gemeinschaftsküche gewöhnt. Niemals hat sie geklagt, sie liebte meine Mutter über alles, wollte ihr helfen. Ich habe mich auch an die Großmutter gewöhnt, obwohl sie viel strenger war als meine liebe Njanja, die uns verlassen musste. Oma liebte Unterhaltung. Sie nahm mich mit zu Gast zu ihren Bekannten aus früherer Zeit. Manchmal gingen wir in eine Eisdiele. Oma hat ihre Wiener Kleider getragen und sah sehr ausländisch aus.

Das Land erschütterten politische Prozesse, Menschen verschwanden, und die Großmutter aus Wien — womöglich eine imperialistische Agentin? Mutter wurde in die Personalabteilung eingeladen, und der Chef riet ihr, Moskau zu verlassen. Sie wurde zum Moskau-Wolga-Kanal nach Dmitrow abkommandiert. Der Kanal gehörte zum System NKWD und wurde von Gefangenen errichtet. Mutter war als freiwillige Ingenieurin angestellt. Nach anderthalb Jahren kamen wir nach Moskau zurück.

Wir alle liebten Kino. In Vorkriegszeiten waren die Filme lustiger als danach, obwohl sie natürlich auch ideologisch waren. Und man hat sehr viel gesungen. In jeder Wohnung hing an der Wand ein schwarzer Lautsprecher, (der Rundfunk hat nur ein Programm ausgestrahlt), und von dort klangen sehr optimistische Lieder über Sonne, Frühling, Jugend und dem Glück, in unserem Land zu leben. Die Leute sangen gerne die Lieder nach.

1936 wurde die neue Verfassung verabschiedet, man nannte sie Stalins Verfassung, und am 5. Dezember wurde ein Feiertag eingeführt, ich war glücklich — es war der Geburtstag meiner Mutter. Der Stalin-Kult wurde mit jedem Tag stärker. Man errichtete überall Denkmäler, bei den Demonstrationen am 1. Mai und 7. November hat man seine Porträts getragen, und es gab zahlreiche Losungen: Danke Genosse Stalin für unsere glückliche Kindheit. Ich habe das alles sehr genossen, es war ein Gefühl der großen Feier. Ich wusste nicht, was meine Mutter dabei dachte, oder unsere Nachbarn, deren Sohn fünf Jahre Haft bekam für ein Paar Sohlen, gestohlen in der Fabrik. Die Erwachsenen sprachen nicht darüber, und ich dachte, dass alle Menschen um mich herum glücklich sind.

Viele hatten wahrscheinlich nicht viel über das Geschehen in unserem Land gewusst. Die Propaganda funktionierte perfekt, und an allen Problemen und Schwierigkeiten unseres Lebens waren der Imperialismus und seine Agenten schuld. Sie wollten unseren Untergang, so wie im Lied Wenn morgen Krieg, sollen wir schon heute bereit sein, und natürlich werden wir gewinnen. Die Menschen hatten gehofft, dass nach der Erfüllung des Fünfjahrplans das Leben leichter werden wird.
So lebten wir vor dem Krieg.