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Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!

Noch am 15. Juni 1961 kolportierte der damalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht,  auf einer Pressekonferenz in Berlin (Ost) die Frage eines Pressevertreters abschließend mit diesem Satz!

Keine zwei Monate vor dem Beginn der Arbeiten am Mauerbau in Berlin. Tausendmal wiederholt, immer wieder dem verlogenen Regime und seinen Grenzbewachern mit riesigen Lautsprechersäulen vorgeplärrt, aber es half nichts, die DDR mauerte sich nach dem 13. August 1961 ein und schottete sich so von der westlichen, der monopolkapitalistischen Welt ab. Ein perfektes System von Grenzanlagen mit Wachhunden, Stacheldraht und Selbstschussanlagen, Tag und Nacht von Grenzern bewacht, die selbstverständlich Schießbefehl hatten und ihn auch ausübten. Die spektakulären Fälle wie der des ersten Mauertoten Peter Fechter bleiben wohl immer in Erinnerung. Es waren schließlich über 1000 fast immer junge Menschen, die sinnlos erschossen wurden und meist ohne Hilfe in den so genannten Schutzanlagen verbluteten.

Ich bin Berliner, wurde dort geboren. Ich war fast 26 Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde. Familie, Freunde und Bekannte lebten alle in Berlin und ich lebte gern dort. Seit es die politischen Streitereien und Querelen um West-Berlin gab - das fing ja schon mit der Blockade 1948 an - seitdem waren sich die Berliner ihrer besonderen Rolle als Frontstadtbewohner (DDR-Jargon) sehr wohl bewusst. Immer wieder provozierten die DDR oder auch die Russen, man denke nur an den schlimmen Auftritt Chruschtschow bei den Vereinigten Nationen 1958. Aber schließlich stumpft man ab, und es wird alltäglich. Daher glaube ich auch heute noch nicht daran, dass sich die Westberliner sehr viel aus ihrer immer wieder bedauerten und schlimm geredeten Lage machten.

Man lebte, und zwar gar nicht so schlecht. Es gab alles, was eine Großstadt hervorbringen und bieten kann, zum Teil sogar besser als in Westdeutschland - damit war die Bundesrepublik von Flensburg bis Kostanz gemeint. Auch auf einem Vulkan wächst Gras, wieso sollte das Leben in Berlin auf Sparflamme laufen?

Nach dem Mauerbau gab es steuerliche Entlastungen, die Berliner erfanden sogleich den Ausdruck Mauerprämie. Es gab grundsätzlich drei Tage mehr Urlaub für alle Beschäftigten, weil man ja einen längeren Anfahrtweg zu den Urlaubsorten hatte! Das war zwar in den 1960er Jahren noch halbwegs nachzuempfinden, aber als in den 1970/80er Jahren die Motorisierung im vollen Gange war, und selbst in den traditionellen Arbeiterbezirken wie Kreuzberg, Neukölln und Wedding an den Laternengaragen fast nur noch große Reiselimousinen Marke Mercedes oder BMW parkten (man hatte ja das Geld!), zu der Zeit war der Mehr-Urlaub schon nicht mehr gerechtfertigt.

Ich habe das alles zumindest in den ersten Jahren bis 1969 hautnah miterlebt, ich war mittendrin! Die Preise waren subventioniert, auf viele Dinge wurde nur die Hälfte des Steuersatzes gezahlt - Berlin-Hilfe nannte sich das, und wir profitierten davon. Wir brauchten nicht zum Bund, die Wehrpflicht galt für Berliner nicht. Auch die Briefpost war billiger, Stadtporto hieß das, die Briefe mussten halt nur in den anderen Briefkasten -nebenan- eingeworfen werden. Es gab ja auch eigene Berlin-Briefmarken, ein beliebtes Sammelgebiet! Philatelisten bekommen heute noch feuchte Augen, wenn sie den Freiheitsglockensatz mit Klöppel rechts, mittig und links komplett haben! Wenn man alles andere weglässt, lebten die West-Berliner eigentlich wie die sprichwörtliche Made im Speck.

Da fragt man sich, wie kommt ein Berliner Anfang der 70er Jahre dazu, sich nach Westdeutschland versetzen zu lassen, Gehaltseinbußen und weniger Urlaub einfach so hinzunehmen, höhere Lebensmittelpreise zu zahlen und in den Ballungsgebieten (z.B. Hamburg) auch weit höhere Mieten? Aber ich riskierte das. Ich war frisch geschieden, wollte noch einmal neu anfangen, bekam innerbetrieblich eine höherwertige Stelle im Außendienst angeboten und hatte durch Reisekosten, Trennungsentschädigung und durch die im öffentlichen Dienst üblichen Anfangshilfen wenigstens keine Nettolohneinbußen. Außerdem bekam ich einen Dienstwagen gestellt, mit dem ich im bescheidenen Maße auch privat fahren konnte - es musste aber minutiös und kilometergenau abgerechnet werden!

Ich arbeitete zuerst in Celle, dann in Mainz, Saarbrücken und schließlich bis Ende 2000 in Hamburg. Da jeder Außendienst zum Stammsitz immer enge Bande hat, kannte ich die beiden Haupt-Transitstrecken über Helmstedt / Marienborn, und B 5 Lauenburg / Karstädt und letztlich über die Autobahn A 24 Gudow fast auswendig.

Keine Mätzchen machen, ruhig Blut, ernstes Gesicht am Kontrollpunkt, immer auf kleinste Fingerzeige der Grenzer achten und vor allem nie schneller als 100 km/h fahren, eher weniger! Das waren die Vorsichtsmaßnahmen, die wir uns einbläuten, und doch gab es immer wieder Ärger: Wo hasten Du Deene Fahrerlaubnis jemocht? war noch das Höflichste, was man sich anhören musste, aber wenn man nicht antwortete, ging es meist ohne Blessuren ab. So bin ich  bis 1990 fast 20 Jahre lang mehrmals jährlich über die Transitstrecken nach Berlin gefahren, ohne dass ich geblitzt oder sonst wie angemacht wurde.

Aber immer mit aufgestellten Nackenhaaren!