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Mein Vater — Richard Dall

Ich habe öfters über meinen Vater in meinen Geschichten geschrieben und dabei nicht bedacht, dass diese auch von Menschen gelesen werden, die ihn nicht kennen oder nicht kennen können, weil sie nach seinem Tod 1976 erst nach Norderstedt gezogen sind. Mein Vater war Lehrer und zuletzt Konrektor an der Volksschule Niendorfer Straße in Garstedt von 1920 bis 1960.

Er war kein gebürtiger Garstedter, nein, geboren ist er in Ellingstedt bei Schleswig in Luusangeln, wie er es nannte. Sein Vater war dort Lehrer. Sie zogen später nach Ulsnis an der Schlei. Dort wurde sein Vater krank - er war, wie wir heute sagen querschnittgelähmt und musste im Rollstuhl sitzen. Damals waren mein Vater und seine Schwester noch kleine Kinder. Zwölf Jahre hat mein Großvater im Rollstuhl gesessen, dann ist er gestorben. Meine Großmutter hatte es nicht leicht. Sie zog mit den Kindern erst nach Apenrade und später nach Hadersleben. Dort hat sie Seminaristen in ihrer Wohnung aufgenommen und so etwas zu der kleinen Rente hinzuverdient.

Dass mein Vater Lehrer werden sollte, war klar. Etwas Anderes gab es gar nicht. Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, hatte er gerade sein Lehrerexamen bestanden. Er wurde sofort eingezogen und hat den ganzen Krieg bis 1918 mitgemacht. Die meiste Zeit hat er im Elsass in Frankreich gelegen, da wo in all den Jahren die Erde von Granaten umgepflügt wurde. Er hatte ab und zu eine kleine Verwundung, ist aber immer wieder dorthin zurückgekommen. Weihnachten, wenn die ewige Ballerei gestoppt wurde, hat er mit seinen Kameraden und den Franzosen von Gegenüber im Niemandsland zusammen gefeiert. Das hat es wirklich gegeben.

Kurz vor Kriegsende hat ihn das Unglück doch noch erwischt. Eine französische Gewehrkugel traf ihn im Gesicht. Das Geschoss drang zwischen Lippe und Nasenflügel rechts in den Mund ein und über dem Zäpfchen in den Hals und blieb zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel stecken. Er kam nach Berlin ins Krankenhaus und musste dort bleiben, bis 1920 - also zwei Jahre. Die Wunde verheilte, aber das Geschoss saß fest im Hals.

Als er 1920 entlassen wurde, wollte er endlich Lehrer werden. Nach Haus konnte er nicht mehr, denn Nordschleswig war inzwischen dänisch geworden und er wollte in Deutschland bleiben. Er musste eine Lehrerstelle haben, die dicht an einer Großstadt lag, damit er leicht in ein Krankenhaus kommen konnte. Die Wahl fiel auf Garstedt.

1920 war der Rektor in Garstedt ein Herr Haseloff. Er hat sich mit meinem Vater in einem Anstellungsgespräch unterhalten und stellte zum Schluss eine private Frage und die war: Dall, können Sie Skat spielen? Das konnte er, das hatte er vier Jahre im Schützengraben und in der Etappe gelernt.

So begann sein Schuldienst an der Garstedter Volksschule. Vertraut war ihm die Sprache der Schulkinder - sie sprachen alle Plattdeutsch. Es gibt noch immer eine Menge Leute, die bei ihm zur Schule gegangen sind, die bei ihm etwas gelernt haben oder auch nicht, die ihn geärgert haben und auch viele, an denen er seine Freude gehabt hat. Viele haben ihn später noch besucht, viele mochten ihn nicht ansprechen — er war ja ein Lehrer, also eine Art Respektsperson.
Ab und zu hat auch mal einer eine gelangt bekommen, zu Recht oder zu Unrecht - das weiß ich nicht. So wie ich ihn gekannt habe, sah er sich alles gern von beiden Seiten an. Wenn er eine neue Klasse (13 - 15-Jährige) für Physik und Chemie bekam, dann sagte er immer: Wenn du etwas ausgefressen und Strafe verdient hast, muss du auch dazu stehen. Wenn ich die linke Hand in der Tasche habe, kannst stillhalten. Wenn ich sie aber aus der Tasche ziehe, denn ziehe deinen Kopf ein!

Meistens hat er die Schulanfänger unterrichtet und sie die 4 Grundschuljahre als Klassenlehrer begleitet. Dazu kam dann der Physik- und der Chemieunterricht in den oberen Klassen. Er versuchte auch, das praktisch anzuwenden. Zum Beispiel hat er den Kindern erklärt, dass man brennendes Benzin nicht mit Wasser löschen kann, aber mit Sand. Und das hat er ihnen vorgemacht - Benzin angesteckt - Wasser drüber gegossen - das Feuer ging nicht aus - Sand darauf geschüttet, und sofort war das Feuer gelöscht! Diese Geschichte hat mir mal ein ehemaliger Schüler von ihm erzählt. Der wollte sich noch kaputt lachen, dass mein Vater das mit Wasser versucht hatte, wo er doch vorher gerade gesagt hatte, dass es mit Wasser nicht geht. Als ich meínem Vater das erzählte, sagte er bloß: Ewald hat es immer noch nicht begriffen! So kann es gehen, wie gesagt, alles immer von zwei Seiten prüfen.

Meinem Vater ging es durch seine Kriegsverwundung nicht immer gut, oftmals musste er zu Hause bleiben oder mal wieder ins Krankenhaus, wenn die Schmerzen unerträglich geworden waren.
Ich kannte meinen Vater als kleines Kind nur mit einem Kopfverband, weil die Wunden am Hals, die durch die operativen Versuche, das Geschoss zu entfernen, entstanden waren, eiterten. Der Verband musste täglich zweimal erneuert werden, und die beste Krankenschwester war für ihn meine Mutter. Er ist wohl reihum in jedem Krankenhaus in Hamburg gewesen, bis er zuletzt ins Hafenkrankenhaus kam zu Professor Brütt. Der hat sich alles genau angesehen und dann entschieden: Wir müssen das Geschoss dort wieder herausholen, wo es hineingegangen ist — also durch den Mund. Das Loch über dem Zäpfchen müssen wir wieder öffnen. Das hat er versucht in vielen Operationen. Jedes Mal war sein Handwerkszeug nicht passend. Der Instrumentenbauer war bei jeder Operation dabei. Und dann bekam mein Vater keine Luft mehr, sie mussten abbrechen. Dann kam er wieder nach Haus und musste aufgepäppelt werden für den nächsten Versuch. Das waren schlimme Jahre für meinen Vater und vielleicht noch mehr für meine Mutter.

Und dann glückte es doch - das Loch war wieder offen. Der Professor konnte mit einer Sonde bis an das Geschoss herankommen. Eines Nachts kam das Geschoss von selbst heraus, mein Vater hatte es auf der Zunge. Meine Mutter holte meine Geschwister von der Schule ab und fuhr mit ihnen ins Krankenhaus. Ich musste bei Oma Rehders bleiben. Als sie endlich die Tür zum Krankenzimmer meines Vaters öffnete, saß schon jemand an Vaters Bett. Das war unser Pastor Schaper. Die Freude war groß - nach 19 Jahren (1918-1937) war das Geschoss wieder draußen. Das ging durch alle Zeitungen — nicht nur in Deutschland.

Mein Vater war nicht nur Lehrer in Garstedt. Er war auch im Gesangverein, hat Theater gespielt und Regie geführt beim Garstedter Theaterverein und hat die Kriegsopfer vom ersten Weltkrieg betreut. Er hat vielen Kriegsveteranen, die arbeitslos waren, wieder Arbeit besorgt. Außerdem hat er sich um die Kriegsgräber bemüht. Dann kam die Nazizeit und die Kriegsopferversorgung wurde in Nationalsozialistische Kriegsopferversorgung umbenannt. Mein Vater blieb der Leiter - damit wurde er plötzlich politischer Leiter, wie das damals hieß.

Er musste nun am 9. November Kränze an den Kriegerdenkmälern legen in einer Feierstunde, deren Ansprache er möglichst kurz hielt. Die Feuerwehrkapelle spielte dann: Ich hatt' einen Kameraden…
Die ganze Chose hatte einen Fehler — mein Vater war gar nicht in der Partei, das hatten die hohen Herren übersehen. Sie wollten ihm immer einen braunen Anzug verpassen, aber er wollte keinen haben. Gemerkt haben sie es erst 1937, als alle Beamten zwangsweise in der Partei sein mussten - da musste auch er in diesen Verein.

In den letzten Kriegsjahren wurde er Ausbilder für den Volkssturm. Dazu haben sie in der Garstedter Feldmark das Schießen geübt. Seine beiden Karabiner standen bei uns im Esszimmer in der Ecke, und die Zigarrenkiste mit der Munition stand oben auf dem Buffet. Als der Krieg zu Ende war, mussten die Waffen abgeliefert werden bei den Tommies in der Garstedter Volksschule. Mein Vater nahm die Gewehre über die Schulter, klemmte sich die Zigarrenkiste unter den Arm und ist so hingegangen. Der wachhabende Soldat nahm sofort seine MP schussbereit in die Hand - ein Deutscher mit 2 Gewehren könnte ja gefährlich sein. Es passierte aber nichts. Mein Vater hat sich per Handschlag von dem Hauptmann, der die Waffen in Empfang nahm, verabschiedet und ist nach Haus gegangen. Er war heilfroh, dass er den Kram los war.

Dann kamen die so genannten schlechten Jahre. Wir haben Torf gemacht im Ohemoor, Stubben gerodet in den Witwentannen und selbst ofengerecht zerkleinert, Kartoffeln gestoppelt, Ähren gesammelt, Brombeeren gepflückt, Sirup gekocht aus Rübenschnitzeln, Kartoffelmehl gemacht - mein Vater war immer dabei - er war wieder gesund und leistungsfähig - auch wenn er seinen Kopf nicht mehr drehen konnte. Er probierte alles aus und freute sich, wenn er wieder etwas gelernt oder etwas fertig gekriegt hatte.

Gleich nach dem Krieg als wir wieder zur Schule gehen durften, fehlte es an Lehrern. Viele sind nicht durch die Entnazifizierung gekommen, weil sie solange in der Partei waren. Viele waren gefallen oder noch in Gefangenschaft in den verschiedensten Ländern. Da bekam mein Vater eben 3 Klassen. In jeder Klasse waren 60 Kinder! Das kann man sich gar nicht vorstellen. Was konnte ein Lehrer so vielen Kindern auf ein Mal beibringen? Morgens um 8 Uhr fing er mit dem Unterricht an und kam abends gegen 18 Uhr wieder nach Haus.
Es gab keine Bücher - es gab keine Hefte. Wer eine Tafel besaß, war König! Ein Mal in der Woche wurde eine Arbeit geschrieben auf Zetteln. Wir ließen uns von unseren Verwandten in Amerika Hefte schicken und haben sie zerschnitten, damit die Kinder einen Zettel hatten zum Schreiben oder Rechnen. Das deutsche Papier war aus Holz schlecht gemacht, da konnte man Splitter drin erkennen und es war rau. Das amerikanische Papier war glatt. Die Kinder hatten größte Mühe, darauf zu schreiben, sie rutschten darauf immer mit ihrem Bleistift aus! War eine Arbeit geschrieben, saßen wir abends zu dritt - mein Vater, meine Schwester und ich - beim Korrigieren. Allein konnte mein Vater das nicht schaffen. Er war oftmals so müde und magerte ab auf hundertacht Pfund. Da griff der Hausarzt ein und verschrieb meinem Vater Schwerstarbeiterzulage. Das hat geholfen! Auch kam ein Lehrer hinzu und er konnte eine Klasse abgeben. Oft hat er gesagt: Was soll nur aus diesen Kindern werden? Ich kenne sie ja noch nicht einmal alle mit Namen. Und er weinte. Und doch ist auch aus diesen Kindern etwas geworden, was die ganze Freude meines Vaters war, und was man beinahe nicht begreifen kann.

Nach und nach kamen neue Lehrer hinzu, und der Unterricht kam wieder in Schwung. Die Kinder gingen gern in die Schule - da gab es etwas zu essen, nämlich die Schulspeisung, gestiftet von Schweden und Amerika. Oftmals war es das einzige Warme, was die Kinder zu essen bekamen. Sie fühlten sich wohl in der Schule — behütet so wie die beiden Kinder unter dem Schirm an der Ecke des Schulhauses. Ein kleines Kunstwerk das von vielen noch nie gesehen wurde, obwohl auch sie dort zur Schule gegangen sind. Gemacht sind sie aus gebranntem Ton wie der Brunnen zum Trinken im unteren Flur der Schule, der dem Umbau leider zum Opfer fiel.

Durch die vielen Flüchtlinge und Butenhamburger lief die Schule bald über. Seit 1937 war ja auch die Mittelschule in diesem Schulgebäude untergebracht mit Kindern aus Garstedt, Harksheide, Friedrichsgabe und Glashütte. Eine neue Schule musste her. Die wurde 1952 am Lütjenmoor gebaut und mein Vater zog mit um. Aus diesem Anlass hat er ein Gedicht geschrieben, das ich hier einsetze. Ich lasse es in Plattdeutsch - bei einer Übersetzung geht zu viel verloren.

De nee School

Modder hest du dat all höört?
Wi kriegt een nee School!
dor schall dat Lehrn lichter sien
as in de ool.

Dor reekent wi bloß mit Maschien
un haut mol op'n Knoop,
denn bruukt wi gor keen Angst to hebbn
bi Opsatz un Diktoot.

Un Reken warrt di denn so licht
as wenn dat gor nix weer.
Dat Een-mol-een — dat is bestimmt-
dat gifft dat denn nich mehr.

Un in de Stünn,dor mookt wi bloß
noch wat wi sülben wöllt;
un geiht een Fensterschief entwei
denn hett de Lehrer Schuld.

De Pausen, de warrt denn so lang
as nu de Stünn'n,
de Tein-Minuten-Stünn, de kriegt wi denn
jo ok ganz licht herüm.

Des Morgens könnt wi uns bestelln,
wat wi geern eeten wöllt,
de Bontjes un de Schokolood,
de kost dor gor keen Geld.

Un Football, Handball speelt wi dor
bestimmt in jede Stünn.
Wenn bloß de School eerst fertig weer,
dor güng ik geern mol hin.

Zum Richtfest der neuen Schule am Lütjenmoor vorgetragen von Heino Müller.
Zur Einweihung am 3.10.1952 nochmals, und dazu kam die Antwort der Mutter, gesprochen von Tina Pacholke, auch geschrieben von meinem Vater.

Mien leeve Heini, kiek di an,
de nee School steiht dor.
Man wat du uns all vörtüünt hest,
dat is noch lang nich wohr!

Dat mit de Schrievmaschien , mien Jung,
dat sloo di unt'n Kopp,
denn du dröppst doch bi jedet Woort
op den verkehrten Knoop.

Dat Reken schall dor lichter sien
un gor keen Een-mol-een?
Veel slimmer warrt dat,segg ik di,
Dor kannst op speen!!

Fang du man glieks mol an un tell
de Fensterschieven all,
De Döörn un Muursteen all,
de Fohrrööd in den Stall.

Dor froogt de Lehrer di bestimmt all
in de eerste Stünn.
Un du meenst, dat schall lichter sein?
Bill di man bloß nix in.

Smiet bloß keen Fensterschiev entwei,
se kriegt di bi den Kripps,
se steekt di in een swattet Lock
un eit di op de Büx.

Nee,Jung, so eenfach is dat nich
as du wohl meenst,
du kriggst ok in de nee School
genau wat du verdeenst.

Hest du dien Oogen aver los
un ok die Ohrn,
denn kannst du Angst un Arger di
un Anneres erspoorn.

Denn lehrst du in de nee School
allns wat du lehrn musst,
kommst jeden Mittag üm Klock een
hungrig un vergnöögt no Huus.

Auf dem Dachboden der neuen Schule wurde eine Bücherei eingerichtet. Wenn ich es richtig erinnere, hat der Lehrer Freihofer dort zuerst die Arbeit erledigt. Dann hat mein Vater sie übernommen, und ich habe ihm dabei geholfen. Zweimal die Woche waren wir dort für einige Stunden schwer beschäftigt. Eingebracht hat das meinem Vater eine zweite Steuerkarte und unterm Strich nicht einmal 50 Mark. Da haben wir unsere Sachen gepackt und Garstedt hat eine Bibliothekarin einstellen müssen - für viel mehr Geld!

Mein Bruder ist nach dem Krieg aus dem Haus gegangen, hat eine Banklehre gemacht und wurde Sparkassenrendant in Haale bei Rendsburg. Meine Schwester ging 1951 nach Schweden als Aupairmädchen, dort hat sie auch geheiratet. Ich habe 1955 geheiratet und bin nach Hamburg gezogen. So waren unsere Eltern in einem für sie viel zu großen Haus. Deshalb haben mein Mann und ich es 1959 so umgebaut, dass wir zwei Wohnungen hatten, und mit meinen Eltern unter einem Dach leben konnten. In diesem Jahr sollte mein Vater auch pensioniert werden, aber daraus wurde nichts. Er als Konrektor musste bis 1960 für den verstorbenen Rektor die Schule leiten. Somit hat er erst 1960 im April seine alte und neue und einzige Schule als Lehrer nach 40 Jahren mit einer großen Schultüte verlassen!

Nun hatte er Zeit für unseren Garten. Er hat gepflanzt und Unkraut bekämpft, gegraben und gehackt und mit viel Spaß geerntet und beim Einmachen geholfen. Holz musste er hacken zum Anheizen der Heizung, Rasen mähen und abharken - er lebte in seinem Garten auf. Im Herbst ging er Brombeeren und Nüsse pflücken. Radfahren mochte er gern und hat viele Touren mit meiner Mutter unternommen. Und dann wurde noch Karten gespielt: Skat, Sechsundsechzig mit sechs Mann und Canasta. Das ging reihum in der Nachbarschaft. Was haben die sich amüsiert und Spaß gehabt. Manchmal sind wir nach oben gegangen! Wir dachten, sie kämen durch die Decke, so einen Lärm haben sie gemacht!

Aber das wurde langsam weniger. Zweimal wurde mein Vater schwer krank. Einmal hatte er eine Entzündung am Kehlkopfdeckel, und der Arzt im Krankenhaus hatte wenig Hoffnung. Aber er wollte leben und kam wieder auf die Beine. Dann hatte er eine schwere Gallenoperation, doch auch hier wurde er wieder gesund. Und dann wollten die Beine nicht mehr, und wir kauften ihm einen Rollstuhl. Damit war er wieder beweglich. Er ging damit spazieren, und wenn er nicht mehr konnte, setzte er sich hinein. Wir haben ihn damit auch gefahren, so war das nicht, doch meistens war er allein unterwegs mit seinem Fahrradersatz, wie er den Rollstuhl bezeichnete.

Karten spielen konnte er aber immer noch und hatte dabei viel Spaß. Unserer Tochter Maren hat er viele plattdeutsche Geschichten erzählt und auch vorgelesen. Das war seine liebste Sprache. Aber langsam wurde er müde. An einem Freitag bekam er Nasenbluten und es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn ins Krankenhaus zu bringen. Die Ärzte hatten große Schwierigkeiten, den Blutfluss zu stoppen und ich bekam ihn nicht wieder mit nach Haus. Als wir ihn am nächsten Tag besuchten, glaubte er, er säße im Auto und sagte: Heino fohr los, ik will no Huus. Wir durften ihn aber nicht mitnehmen. Und dann hat er aufgegeben und ist in der Nacht ganz ruhig eingeschlafen.

Wir hatten unseren Vater verloren. Auf alle Fragen, die wir noch hatten und heute noch haben, gibt es keine Antwort mehr. Das ist das Schlimmste.