Filmerinnerungen – Filmstudio Bendesdorf
Das ist so ein Teil einer Erinnerungskiste, die etwas abseits des großen Erinnerungshaufens steht. So ab 1950 bis 1960 war Jesteburg, unser Dorf an der schnellströmenden und sehr kalten Seeve mit ihren tückischen Wirbeln, immer wieder Kulisse für Filmer, oft für Heimatfilme mit Nachkriegsschmelz. Aufgefrischte Themen bunt und konfliktfrei, Titel etwa wie „Die Mädels vom Immenhof“, im Zentrum eine Blondine, Brigitte Grothum
Brigitte Grothum * 1935, und drumherum viele Pseudokonflikte mit Happy-End.
Zum Filmen wurden am schmalen, schnellen Dorfbach vor seiner Mündung in den Feuerwehrteich riesige Scheinwerfer aufgebaut, um die Szenerie um die kleine Kate hinter dem schönen alten Bauernhaus der Uhlens zu beleuchten. Ein Gewimmel von Leuten mit den verschiedensten Funktionen herrschte – und schien schlagartig in Lähmung zu verfallen, wenn eine Männerstimme (des Regisseurs?) „RUHE – KAMERA!“ rief. Die Schauspieler in ihren Nachkriegs-Kostümen wurden von Menschen zu Darstellern einer kitschigen Familiengeschichte, bis nach einem „FERTIG“ das normale Leben wieder einsetzte. Regieanweisungen erklangen, Gesprächsfetzen wehten über den Bach.
In den Drehpausen sausten wir Kinder zwischen Menschen, Scheinwerfern und Kameras herum, bis wir zurückgescheucht und zu Zuschauern wurden. Manche Szenen wurden auch in der offenen Heide aufgenommen, ich erinnere mich nicht mehr, wie wir Kinder es dorthin schafften, aber ich meine, öfter „dabei gewesen“ zu sein.
Bendestorf, damals das Zentrum des wieder erwachenden deutschen Films im Norden, war nur wenige Kilometer entfernt. Irgendwie fanden wir immer wieder Fahrräder, um dorthin zu fahren. Das Dorf schien um den „Schlangenbaum“ und das gleichnamige Hotel herum gewachsen zu sein. Auf dem Gelände hinter dem Gasthaus hatte Filmproduzent Rolf MeyerAm 1. April 1947 erhielt Rolf Meyer die britische Lizenz zur Gründung einer Filmproduktionsgesellschaft und gründete die „Junge Film Union“ als eine der ersten Filmgesellschaften in West-Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. 1947 die „Junge Film-Union“ gegründet, aus der sich das Filmstudio Bendestorf entwickelte. Die ersten Filme wurden direkt in einem Behelfsatelier des dortigen Gasthauses gedreht. Prominente Stars wie Zarah Leander
Zarah Leander * 1907 - † 1981, Marianne Holt
Marianne Holt * 1933 - † 1994 … kehrten dort regelmäßig ein, heißt es in einem Nachruf auf die untergegangene Glamourwelt.
Eine alte Kiefer, aus verschiedenen Stämmen und Ästen zu einem kuriosen Gewächs geformt, „Schlangenbaum“ genannt, stand im Garten des gleichnamigen Hotels. Es war ein berühmter Ort, ich erinnere mich an die vielen Tische im Garten mit ihren farbigen Decken, hingekleckst wie eine Kulisse, aber immer bevölkert. Die Kiefer, der namengebende Baum, fiel durch ihre kuriose Wurzel auf: Sie erinnerte optisch an einen Schlangenkopf. Schon seit 1920 war der Baum auf einem kolorierten Werbebild als „Bendestorfer Riesenschlangen-Kiefer“ deutschlandweit bekannt, unter anderem als Werbemotiv für Fleischextrakt der Firma Liebig.
Filmen hieß damals für uns neugierige Zuschauer: Viele Leute für die merkwürdigsten Funktionen, die um die Schauspieler und vor allem um den Regisseur herumtanzten. Meine Autogramm-Sammlung war nach wenigen Jahren ziemlich umfangreich, mit Namen wie Marianne Koch
Marianne Koch * 1931 und sogar Elisabeth Flickenschild
Elisabeth Flickenschild * 1905 - † 1977. Und der größte Mädchen-Schwarm: Joachim Fuchsberger
Joachim Fuchsberger * 1927 - † 2014, den wir Kinder „Bläcki“ nennen durften. Dass er, als Blacky bekannt, in Wallace-Filmen bereits ein berühmter Schauspieler war, wussten wir nur vom Hörensagen. Blacky unterhielt sich in Drehpausen oft mit uns jungen Bewunderinnen und Bewunderern. Er schien sehr interessiert, über unser Leben mehr zu erfahren.
Rund um das bei weiblichen Diven und männlichen Schauspielern berühmte „Schlangenbaum“-Hotel hatten sich mit der Zeit gutbetuchteDer Verleger Axel Springer besaß damals ein Ferienhaus in Bendestorf. Hamburger angesiedelt, es gab Bars und Clubs, sogar eine Art von Heide-Nachtleben. Auch einige junge Jesteburger waren angestellt bei der Produktionsfirma, wir bewunderten sie sehr und versuchten, sie auszuhorchen. Aber bei ihren Bürojobs hatten sie kaum direkten Kontakt mit der „Filmwelt“, die uns so interessierte.
Mehrere Jahre war Bendestorf echt wichtig, sogar aus Berlin reisten Filmleute für ihre Projekte in die Heide. Heute zeugt vom „Heide-Hollywood“ das Filmmuseum, und vom berühmten „Schlangenbaum“-Hotel und -Park haben immerhin einige Erinnerungen, wie diese, überlebt.


