Starke Worte
„Am Anfang war das WortIm griechischen Urtext ist vom Logos die Rede, was auch Sinn, Vernunft oder Plan bedeutet..“ Dieser Satz aus der Bibel war kurz. War stark. Hatte Macht. Wenn Gott damals statt „Es werde Licht!“ verkündet hätte: „Hiermit wird das Gesetz zur Erzeugung und dauerhaften Bereitstellung sichtbarer elektromagnetischer Strahlung mit sofortiger Wirkung in Kraft gesetzt“, säßen wir vermutlich heute noch im Dunkeln. Und zwar deshalb, weil zunächst die Länder angehört, Verbände beteiligt, Folgen abgeschätzt, Formulierungshilfen abgestimmt und schließlich geprüft werden müsste, welche DIN-Normen für ausreichende Helligkeit gelten.
Unsere Sprache hat viele, starke und klare Worte: Gott, Welt, Mann, Frau, Kind, Licht, Tod, Trost, Ja, Nein. Bei „Halt“ bleibt man stehen – sofern man kein Verbrecher ist. Wenn bei Gefahr „Lauf!“ gerufen wird, dann läuft man einfach. Doch wir leben im Zeitalter der ArbeitskreisbildungHeute heißt es: „Wenn ich nicht mehr weiter weiß, bild' ich einen Arbeitskreis.“ und stattdessen entsteht ein Verfahren zur koordinierten Gefahrenabwehr unter Berücksichtigung der geltenden Zuständigkeitsregelungen. Allein für Schleswig-Holstein gibt es eine „Rahmenempfehlung für die Durchführung von Evakuierungen durch die Katastrophenschutzbehörden“. Sie ist umfangreich und umfasst zahlreiche Seiten. Bis die Zuständigkeit geregelt ist, steht dir das Wasser längst bis zum Hals. Immerhin kannst du beruhigt untergehen mit der Gewissheit, dass der Dienstweg strikt eingehalten wurde.
Wir sprechen vom Recht. Doch es gibt Gesetze, deren Titel länger sind als manche Kurzgeschichte wie zum Beispiel die Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung. Da dies kaum jemand fehlerfrei sagen kann, gibt es die Abkürzung „GrundVZÜV“, schlauer wird man aber dadurch auch nicht.
Warum macht man das? Weil lange Wörter den Vorteil haben, Inhalte zu verschleiern. Ein Wort wie „Stop!“ übernimmt Verantwortung. Jeder weiß sofort, was gemeint ist.
Dass Klarheit und Recht kein Widerspruch sein müssen, zeigt unser Grundgesetz. Es beginnt mit einem Satz, der seit Jahrzehnten zu den stärksten der deutschen Sprache gehört: »Die Würde des Menschen ist unantastbar«. Kein Fremdwort, kein Schachtelsatz, keine sprachliche Verrenkung. Nur sechs einfache Wörter – und jeder versteht sie. Gute Gesetze brauchen nicht viele Silben. Sie brauchen gute und klare Gedanken.
Ein Wort wie »Zuständigkeitsübertragungsverordnung« zeigt, wie bürokratische Sprache erstaunlich gut Verantwortung hinter den Silben verschwinden lässt. Es entstehen Worte wie „Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz“, „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“ oder „NIS-2-Umsetzungs- und Cybersicherheitsstärkungsgesetz“. Letzteres trägt sogar eine Abkürzung mit zehn Buchstaben: NIS2UmsuCG – kaum kürzer, aber genauso erklärungsbedürftig.
Nicht nur Gesetzestexte werden immer länger. Auch die reale Welt bekommt neue Namen. Früher wurde jemand entlassen. Heute erfolgt ein sozialverträglicher Personalabbau im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung. Arbeitslos ist er danach trotzdem. Das klare Wort „Schulden“ wurde vernebelt und als „Sondervermögen“ in das Gegenteil verkehrt. Die Worte werden länger, was von Verantwortung befreit.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Zweck vieler Sprachungetüme: Nicht um Klarheit zu schaffen, sondern Abstand. Abstand zwischen einer Entscheidung und demjenigen, der sie trifft.
Verantwortung entsteht nicht durch immer längere Gesetzesnamen und undurchsichtige Zuständigkeiten, Verantwortung entsteht dort, wo Menschen bereit sind, Entscheidungen zu treffen und sie verständlich zu erklären. Dafür braucht es keine Sprachungetüme.
Dafür braucht es Mut.


