Ausgemustert
In den Nachrichten, in der Politik und im Alltag wird heute so vorsichtig gesprochen wie nie zuvor. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt, damit sich niemand verletzt oder ausgeschlossen fühlt. Wer die falschen Begriffe verwendet, wird schnell belehrt oder gar moralisch ins Abseits gestellt. Doch mitten in diesem unerbittlichen Kampf um Mitgefühl und Gerechtigkeit klafft eine riesige Lücke: Sobald es um die ältere Generation geht, scheint jede sprachliche Rücksicht verflogen zu sein.
Das zeigt sich drastisch in den Debatten über Rente, Pflege und Gesundheitsversorgung. Hier weicht Empathie einer eiskalten Wirtschaftssprache. Alte und kranke Menschen werden zum Kostenfaktor, der keine Rendite bringt. Die steigende Lebenserwartung, bedingt durch den medizinischen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen, erscheint nicht mehr als Erfolg, sondern als finanzielles Problem. In politischen Diskussionen und Analysen wird das Leben an sich – genauer gesagt die steigende Lebenserwartung – fast schon wie ein Schadensfall oder ein unkalkulierbares Finanzrisiko behandelt.
Menschen, die gearbeitet, Steuern, sowie Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung gezahlt, Kinder großgezogen und zum Wachstum und Wohlstand dieses Landes beigetragen haben, werden jetzt auf eine bloße Belastung für die Sozialkassen und des ganzen Systems reduziert.
Bei vielen Betroffenen kommt diese Sprache anders an. Sie hören nicht nur die Zahlen der Statistiker, sie hören die Botschaft dahinter: Ihr seid zu teuer. Ihr kostet die Gesellschaft zu viel. Ihr habt lange genug gelebt. Karsten Vilmar, Chirurg, Standespolitiker und Präsident der Bundesärztekammer prägte 1998 das Wort vom „sozialverträgliches Frühableben“, das auch promt zum Unwort des Jahres gekürt wurde.
Hier zeigt sich die ganze Doppelmoral der aktuellen Debatten: Wer vehement einfordert, auf die Gefühle von Minderheiten Rücksicht zu nehmen, ignoriert die Gefühle der älteren Generation völlig.
Für die meisten älteren Menschen ist die klare, unverfälschte deutsche Sprache, wie sie sie gelernt und jahrzehntelang benutzt haben, ein Stück Heimat. Wenn diese vertraute Sprache nun durch komplizierte Wortgebilde wie „Ragebait“ und andere englische Modewörter untergraben wird, fühlen sie sich häufig sprachlich fremd im eigenen Land. Nicht selten erleben sie, dass sie mit ihren Ansichten vorschnell in eine politische Ecke gedrängt werden, mit der sie sich selbst nicht identifizieren.
Diese Ausgrenzung zeigt sich nicht nur in Worten, sondern auch ganz praktisch im Alltag durch den Zwang zur Digitalisierung. Ältere Menschen, die weder Smartphone noch Computer bedienen können, auch jene, die keinen Zugang zum Internet haben, werden systematisch unsichtbar gemacht. Ob Informationen, Fahrkarten der Bahn, Bankgeschäfte, Arzttermine oder Anträge bei Behörden: Wer nicht online ist oder kann, bleibt draußen. Eine Kultur, die sich die gesellschaftliche Teilhabe aller auf die Fahnen schreibt, grenzt hier viele, gerade Senioren. vollkommen aus. Traurig, dass erst ein Verein (Digitalcourage e.V.)gegründet werden muss, um eine Disskusion in Gang zu bringen über einen Digitalzwang, der zur handfesten Benachteiligung bis hin zum kompletten Ausschluss von Diensten führt. Es kann nicht sein, dass Grundrechte nur gewährt werden, wenn die Betroffenen Laptops, Smartphones und Computer angeschafft und die entsprechenden App‘s installiert haben. Zu Recht fordert dieser Verein, das Recht auf analogen Zugang zu Verwaltungsleistungen als Grundrecht zu etablieren.
Eine Gesellschaft zeigt ihren wahren Charakter nicht darin, wie perfekt sie digitalisiert ist – was im Übrigen keineswegs der Fall ist – oder ob sie die neuesten Modewörter wie „woke“– übersetzt wachsam oder achtsam – beherrscht, sie zeigt ihn darin, wie sie mit ihren älteren und vor allem, mit den schwächsten Mitgliedern umgeht. Wer wirtschaftlich nichts mehr erarbeitet und als Kostenfaktor bezeichnet wird, digital nicht mithalten kann und in seiner vertrauten Sprache nicht mehr verstanden wird, erfährt am eigenen Leib, wie selektiv und heuchlerisch die vorgegebene Achtsamkeit in Wahrheit ist.
Wer heute ältere Menschen vor allem als Kostenfaktor und Belastung betrachtet, sollte sich bewusst sein, dass er damit zugleich in seine eigene Zukunft schaut.
Siehe auch: Deutscher Bundestag, Dokumentation zum sog. Digitalzwang


