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Meine Reise nach Texas

Teil 1: Direktflug nach Dallas

Es war das Jahr 1992, der private Jumbo Jet Boeing 747 eines Scheichs aus den Vereinigten Emiraten musste zur Inspektion und zur allgemeinen Überholung in eine Luftwerft. Der Scheich wollte dafür amerikanische Preise, aber deutsche Gründlichkeit! So hatte er den Auftrag zur Überholung seines Flugzeuges an ein amerikanisches mittelständiges Unternehmen in San Antonio in Texas gegeben mit der Auflage, dass die Bauaufsicht von der Technischen Kontrolle der Lufthansa übernommen wird. Hierfür war ein Kollege dieser Abteilung für die gesamte etwa sechsmonatige Liegezeit abgeordnet. Für die Nachtschichten und zur Unterstützung des Mitbarteiters wurde ein zweiter Kollege jeweils für drei bis vier Wochen von Hamburg aus nach Texas geschickt.

Schnell wurde uns klar, wie die amerikanischen Preise zustande kamen! Im Gegensatz zur Lufthansa wurden hier nur etwa zwanzig Prozent Facharbeiter beschäftigt, der Rest waren ungelernte Hilfsarbeiter, sodass es schon bei den Lohnkosten erhebliche Unterschiede gab. Gearbeitet wurde an sechs Tagen der Woche, bei uns an fünf Tagen. Kündigungsschutz gab es nicht. Wenn es keine Aufträge gab, wurden die Mitarbeiter von heute auf morgen entlassen. Arbeitssicherheit? Was ist das denn? Wenn bei uns für Arbeiten an schwer zugänglichen Stellen ein Gerüst gebaut wurde, hatte man hier bestenfalls einen Hubsteiger zur Verfügung. Kenntnisse für den Erwerb einer Lizenz zum Flugzeugwart mussten in der Freizeit und auf eigene Kosten erworben werden. Bei der Lufthansa erhielten wir alle zwei bis drei Jahre einen vier- bis sechswöchigen Lehrgang während der Arbeitszeit, um die Lizenz des LBA (Luftfahrt Bundesamt) zu erwerben.

Das Werkzeug musste sich jeder Arbeiter hier selbst kaufen. Ein Satz Werkzeuge für einen Flugzeugmechaniker kostete zirka 600 Dollar, bei einem Stundenlohn von 15 bis 20 Dollar. Wenn der Arbeiter noch kein ausreichendes eigenes Werkzeug hatte, musste er es sich von einem Kollegen gegen Gebühr leihen. Es gab weder Arbeitskleidung noch Sozialräume, lediglich Toilettenräume und zwei große Rundwaschbecken mit jeweils sechs Wasserhähnen. Keine Duschen, obwohl es ja in Texas im Sommer sehr warm wird, und auch keine Umkleideräume oder Schränke.

Wenn sich einer zum Arbeiten umziehen wollte, dann haute er einen Nagel in die Wand. Das war dann seine Garderobe! Natürlich gab es auch keine Kantine wie bei uns. In einer Ecke der Halle waren Automaten aufgestellt. Hier konnte man sich mit Fastfood versorgen und es bei Bedarf in den daneben stehenden Mikrowellen erwärmen, selbstverständlich gegen Bezahlung! Als Büros für die Ingenieure waren an der Wand Büro-Container aufgestellt. Selbst hier durften keine Kaffeemaschinen aufgestellt werden, die Mitarbeiter sollten sich ihren Kaffee gefälligst aus den Automaten holen, die dem Firmeninhaber gehörten. Dafür hatte aber der Besitzer der Firma ein eigenes sechssitziges Flugzeug, mit dem er gern sonntags mit seiner Familie unterwegs war. Auch sein Hobby war sehr schön: Er sammelte Auto- und Motorrad-Oldtimer und die wurden mit einem firmeneigenen Frachtflugzeug zu den Ausstellungen geflogen!

Meine Zeit für die Bauaufsicht in San Antonio war für den September 1992 geplant. Die Buchung für den Flug, Business Class bei Langstrecken-Dienstflügen, Hotelzimmer und Mietwagen war von der Reiseabteilung getätigt worden. Auch das Visum für die USA hatte mir die Abteilung besorgt und zwar ein Dauervisum, welches ich später für meine Urlaubsreisen, sowie für eine praktische Schulung von sechs Wochen bei Boeing in Seattel gut gebrauchen konnte.

Von Frankfurt aus gab es einen Direktflug nach Dallas. Ich hatte bereits meinen schönen Platz eingenommen, als durch die Lautsprecheranlage die Information kam Herr Herzog melden sie sich bitte an der vorderen Eingangstür. Na, Texas ade, dachte ich. An der Tür erwartete mich dann auch der PurserDer Begriff Purser (engl. purse Geldtasche) stammt ursprünglich aus der Seefahrt und bezeichnet dort auf Militär-, Fracht- oder Passagierschiffen den Zahl- oder Proviantmeister. In der zivilen Luftfahrt wurde diese Bezeichnung für den ranghöchsten Flugbegleiter mit Leitungsfunktion an Bord übernommen.Siehe Wikipedia.org mit einem ernsten Blick. Ja Herr Herzog, wir sind total ausgebucht, ich muss sie leider in die Erste Klasse setzen!, klopfte mir auf die Schulter und lachte. Mit mir waren wir hier vier Passagiere. Ganz vorn saß ein älteres Ehepaar, der Mann war offensichtlich schwerbehindert. Auf der anderen Seite der Kabine mir gegenüber saß ein Geschäftsmann, der schon vor dem Start seine Akten auspackte, später auch noch einen, zu der Zeit noch selten zu sehenden, Laptop. Wenn er nicht gerade schlief, arbeitete er die ganzen zwölf Flugstunden an seinen Unterlagen. Gegessen hat er auch bloß Salat oder einen kleinen Snack, getrunken nur Wasser. So konzentrierte sich die ganze charmante, geballte Schaffenskraft der hübschen Erste-Klasse-Stewardess auf mich! Sekt schon vor dem Start, mehrere Essen. Suchen Sie sich man nur das Beste aus empfahl sie. Ein Cognac vor dem Essen, Wein zum Essen, Whisky nach dem Essen. Mir kam es so vor, als wenn sie immer ganz glücklich lächelte, wenn sie mir wieder etwas empfohlen hatte. Zum Glück hatte ich nach all den Köstlichkeiten noch genug Zeit, mich einigermaßen auszuschlafen.

Auf dem Internationalen Airport Fort Worth reiste ich nun offiziell in die USA ein. Der riesige Flughafen war schon beim Anflug beeindruckend. Er hat eine Ausdehnung von acht mal zehn Kilometern! Sechs halbkreisförmige Gebäude stehen beiderseits der Runway. In diesen sind fünf Terminals mit jeweils sechs bis vierzig Flugsteigen untergebracht. Die Parkplätze für Autos liegen innerhalb dieses Halbkreises. Damit ergeben sich sehr kurze Wege zu den Flugsteigen. Die Flugzeuge docken von außen an die Gebäude mit den Flugsteigen an. In Deutschland ist es leider anders herum. Siehe Frankfurt oder aktuell Berlin!

An der Passkontrolle wurde ich problemlos durchgewunken, bei der Zollkontrolle wurde ich dann im schönsten schwäbisch mit den Worten na, wo haschd du die Leberwurschd verschdeggd? begrüßt. Der Zöllner amüsierte sich dann auch über mein verblüfftes Gesicht. Gleich gegenüber der Zollkontrolle konnte ich meinen Koffer wieder aufgeben, denn ich musste ja von hier aus mit Delta Airline weiter nach San Antonio. Von nun an brauchte ich mich nur nach den Farben zu richten. Alle Hinweisschilder zur Delta Airline waren in Gelb. Sie führten mich zu einem Bahnhof, der mit einem führerlosen Zug alle Terminals verband. Hatte man sein Terminal erreicht, leuchteten die Stationsschilder in der Farbe der Airline und man hatte sein Ziel-Terminal erreicht.

Nachts um ein Uhr sind wir dann in San Antonio gelandet. Ich hatte erwartet, dass ich hier vom Hotel-Shuttle abgeholt würde, es war immerhin ein Vier–Sterne-Hotel. Schnell leerte sich die Ankunftshalle, bis ich nur noch allein dastand. Nun bemerkte ich eine Anzeigentafel, auf der auch mein Hotelname stand

Neben dem Schild war ein Knopf, mit dem ich über eine Standleitung direkt mit dem Hotel verbunden war. Nachdem ich meine Ankunft avisiert hatte, fragte mich die Dame, auf welchem Flughafen ich denn sei, nach meinem hilflosen I don't know fragte sie, mit welcher Airline ich denn geflogen sei. Danach war alles klar, Gehen Sie zum Ausgang, wir holen sie in fünfzehn Minuten ab antwortete sie. Später erfuhr ich, dass es hier fünf Flughäfen gibt, zwei davon sind aber Militärflughäfen. Einsam stand ich nun mit meinem Koffer auf der Straße vor dem Ausgang. Dann bog eine schneeweiße Stretch-Limousine mit amerikanischem und texanischem Stander an den Kotflügeln um die Ecke. Neugierig sah ich mich um. Welcher Prominente wird hier wohl mitten in der Nacht abgeholt? Wahnsinn, der Wagen hielt vor mir! Welcome Mister Herzog sagte der Fahrer und hielt mir die Tür auf. Meinen Koffer habe ich erst im Hotelzimmer wieder gesehen. An der Rezeption wurde ich mit einem Wortschwall von Entschuldigungen überhäuft, weil man mich nicht am Flughafen erwartet hatte. Ich bekam eine Hotelscheckkarte, mit der man alles im Hotel bezahlen konnte. Inzwischen müde und wohl auch noch nicht ganz nüchtern vom Flug, sah ich die Dame an und wartete auf meinen Zimmerschüssel. Sie fragte, ob ich noch irgendwelche Wünsche hätte. Ja, sagte ich, bitte meinen Zimmerschüssel, damit ich endlich schlafen gehen kann. Sie lachte mich an - oder aus? - hielt mir die Hotelscheckkarte vor die Nase und erklärte mir, dass dies auch mein Zimmerschüssel sei. Das Apartment war die nächste Überraschung. Es war so groß wie meine gesamte Hamburger Wohnung! In dem Bett hätten vier Personen mühelos Platz gehabt.

Gegen elf Uhr klingelte das Telefon, mein Kollege von der Lufthansa war dran. Er teilte mir mit, dass ich mich erst mal richtig ausschlafen, mir dann den Leihwagen besorgen und die Stadt etwas erkunden solle. Zum Dienst brauche ich erst am übernächsten Tag zu erscheinen. Die Leihwagenfirma konnte ich von meinem Fenster aus sehen. Ein Gelände von der Größe zweier Fußballfelder.

Das Gelände lag direkt auf der anderen Straßenseite, allerdings waren der Eingang und die Büros auf der gegenüberliegenden Seite. Nach einem amerikanischen Frühstück mit Spiegelei, Schinken, Bratwurst und Pfannkuchen machte ich mich auf den Weg zum Autoverleiher. Immer am Zaun entlang. Die Straße war sehr breit, aber es gab keinen Fußweg. Bei schönstem Wetter war ein Verdauungs-Spaziergang ja auch ganz schön. Zu meinem Erstaunen hielten mehrere Autos bei mir an und fragten, ob alles in Ordnung sei oder sie mich mitnehmen könnten. Erst da fiel mir auf, dass ich, soweit man sehen konnte, der einzige Fußgänger war. Im Büro war alles vorbereitet. Nachdem ich den Mietvertrag unterschrieben und meinen Führerschein gezeigt hatte, bekam ich den Autoschlüssel und die Stellplatznummer des Wagens. Kurz bevor ich das Büro verlassen wollte, fragte mich die junge Dame, wie ich denn zur Vermietung hingekommen sei? Na, zu Fuß, mein Hotel ist doch gleich da drüben, antwortete ich. Das ganze Büro brach in ungläubiges Lachen aus.

Den Stellplatz hatte ich schnell gefunden, es war ein fast neuer Mittelklassewagen. Aber was war das nun wieder, die Kiste hatte ja gar kein Kupplungspedal! Also zurück ins Büro, Bremse treten, den Schalthebel auf D stellen und ein paar Mal um den Platz fahren, dann klappt das schon, wurde mir geraten. Bestimmt war ich der Knaller des Tages für das Büro.