Der goldene Osten
Die Deutsche Demokratische Republik wurde am 7. Oktober 1949 gegründet, nachdem im Mai desselben Jahres, also knapp ein halbes Jahr zuvor, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland erfolgt war.
Nach Wilhelm Piecks und später Walter Ulbrichts Meinung war zwischen Osten und Westen kein großer Unterschied und dieser kleine Unterschied, den es gab, würde schnell in ein -oder zwei Jahren aufgeholt sein. Die Westsender würden den DDR-Bürgern nur das Gehirn verkleistern und sie einer Art Gehirnwäsche unterziehen. Der Westen im Allgemeinen will sich nicht satt essen, sondern Krieg.
Natürlich trugen dazu auch die Schlagersänger in „Der Schlager der Woche“ bei, deshalb war es damals streng verboten, RIAS zu hören. Wir Kinder wurden angeleitet, jeden zu melden, der etwas Westliches im Haushalt hatte. West- Pullover oder -Hosen konnte man nicht öffentlich in der Schule tragen oder Feindes-Sender hören, egal bei wem, wenn wir was hörten oder wussten, sollten wir es den Lehrern melden. Es sollte keiner verschont bleiben, egal ob Großeltern, Eltern, Onkel, Tante, Nachbarin, Freunden oder Müllmann. Die Spaltung der Bevölkerung und der Familien wurde immer größer. Es gab ja wirklich treue DDR-Bürger, die den Schwachsinn, den die Ostsender verbreiteten, glaubten und sich danach richteten und nur Osten hörten. Fernseher gab es damals noch keine oder nur sehr wenige.
Auf dem Lande wurden Bodenreformen und Enteignungen vorgenommen. In Berlin wurden Hausbewohner enteignet und Lebensmittelgeschäfte zu Konsums oder HOs. Dann wurde die Vereinigung zwischen SPD und KPD vorgenommen. Uns wurde erklärt, Kommunisten und Sozialisten hätten die gleichen Ziele und zusammen erreichten sie mehr als einzeln. Deswegen hätten sie sich zusammengeschlossen. Ich dachte auch, sie ziehen an einem Strang, aber es war nicht so. Wir haben ja nie in der Schule gelernt, was beide Parteien unterschied. Für uns verfolgten sie das gleiche Ziel – den Sozialismus. Es wurde nie erwähnt, dass es zwischen beiden Parteien in der Weimarer Republik zu Auseinandersetzungen gekommen war. Die KPD soll die SPD als „Sozialfaschisten“ betitelt haben. Nun „verbündet“ wurde die SED zur Staatspartei.
Es gab noch vier kleine Nebenparteien, in welche die Leute eintraten, die es beruflich mussten oder die nicht in die SED eintreten wollten. Ohne Parteizugehörigkeit wäre ihre Karriere vorbei gewesen. Ein Beispiel ist die Deutsche Bauernpartei. Diese vier Neben-Parteien hießen zwar anders, aber sie unterstanden natürlich der SED Eine bekannte Sängerin aus dem Osten hatte die Bauern-Parteizeitung abonniert. Ich weiß das, weil ich Post ausgetragen habe. Ich habe auch einige konspirative Wohnungen „bepostet“. Dort war nur eine Wohnung im Haus belegt und sie bekamen besondere Zeitschriften, die gefaltet und beschriftet waren.
Nachdem der Westen eine Währungsreform durchgeführt hatte, bekamen wir im Osten auch eine, wir brauchten ja Geld, um den Westen in den zwei festgesetzten Jahren überholen zu können. So kam es dann von 1948 bis 1949 zu einer Blockade Berlins, weil die Sowjetunion alle Land- und Wasserwege nach West-Berlin sperrte, um die Westmächte aus Berlin zu drängen. Aber die westlichen Befreier starteten eine Luftbrücke. Daran beteiligten sich dann die USA, Großbritannien, und Frankreich. So wurden die West-Berliner fast ein Jahr lang aus der Luft versorgt. Da nun die Erwartungen der Sowjets nicht eintrafen und die Versorgung gut klappte, auch mit Schokolade und Kaugummi, wurde das Ganze zum Desaster und schadete auch noch dem internationalen Ansehen der Sowjetunion. So ging nun das Leben weiter.
Während im Westen nun die Lebensmittel wieder frei gekauft werden konnten, gab es bei uns noch bis 1958 Marken.
Am 1. September 1955 wurde ich eingeschult. Wir bekamen Bücher und Schreibhefte kostenlos. Bevor wir ein neues Heft bekamen, kontrollierte die Lehrerin, ob auch alle Seiten beschrieben waren. Erst dann gab sie ein neues heraus.
In der ersten Klasse mussten wir immer erst den Buchstaben, A oder B oder C, den wir gerade lernten, mit der rechten Hand, wohlbemerkt, nur mit der rechten Hand, darauf wurde geachtet, in die Luft schreiben. Erst dann durften wir mit Bleistift, ausschließlich Bleistift, den Buchstaben ins Heft schreiben. In der ersten Klasse wurde nur mit Bleistift geschrieben. In der zweiten Klasse lernten wir mit Füller zu schreiben. Die Füller mussten immer gefüllt sein und so ist es mir einmal passiert: Ich machte einen großen Tintenfleck an der Wand unseres Wohnzimmers. Meine Mutter war voll „begeistert“. Das Tintenfass stand oben auf dem Schrank und ich hatte keine Lust es runterzunehmen, und so nahm das Unglück seinen Lauf, das Fass fiel um und die Tinte lief zur Wand, was mir eine Moralpredigt einbrachte.
Eines Tages bekam ich einen Brief von der Kirche, die mich zur Sonntagsschule einlud. Ich habe nur das Wort Schule gelesen und gleich abgelehnt. Meine Eltern sind aus der evangelischen Kirche schriftlich ausgetreten. Ich wurde dann damals angeschrieben, habe mich aber nicht gemeldet. Als wir später einmal Kirchensteuer zahlen sollten habe ich mich beschwert und auch mein Austritt wurde anerkannt.
Die Versorgung in der Deutschen Demokratischen Republik war verheerend schlecht. Obst gab es gar nicht und wenn es mal Äpfel gab, standen die Leute mindestens ein Kilometer weit an. Wir stellten uns hinten an, wenn es Obst gab, egal ob Äpfel, Birnen, Weintrauben, vielleicht auch mal Erdbeeren, daran erinnere ich mich aber gar nicht mehr. Ich kann mich nur daran erinnern, dass wir wegen Äpfeln und Weintrauben anstanden.
Jeder, der sich hinten anstellte, ließ ein Stoßgebet los: „Lieber Gott, lass es für mich auch noch reichen“. Das war aber oft genug ein leeres Gebet. Besonders ärgerlich war es immer, wenn wir endlich an der Reihe waren und die Äpfel waren alle. Da hat man sich dann die Beine umsonst in den Bauch gestanden.
Solange die Grenzen offen waren, konnte man sich im Westen ein paar Bananen, Käse, Wurst und Butter kaufen, bei uns alles auf Marken. Im Konsum lag ein großer Berg Butter auf dem Tresen der aussah, als wenn er weint, denn da waren Tränen drauf und manchmal lief auch eine runter. Das war dann die gesalzene Butter, die es meistens gab. Wir waren ja schon froh, wenn es die gegeben hat, denn es gab tagelang keine Butter. Sauerkohl nur aus dem Fass, wie auch die sauren Salzgurken. Am 14. Februar 1958 hatten meine Eltern ihren zehnten Hochzeitstag. Und gerade zu dieser Zeit wurden uns die Marken entzogen. Nun konnte meine Mutter für die Feier auch richtig einkaufen. Sogar eine Flasche Kognac, eine Ostmarke, kaufte sie. Onkel Alex brachte dann noch eine mit und so konnte tüchtig gefeiert werden.
In dieser Zeit wurden Bill Haley und Elvis Presley gerade groß. Rock`n Roll war in. Mein Vater und Onkel Alex waren der Ansicht, sie könnten das auch. Sie hörten sich Bill Halley an und tanzten dazu so, wie sie Rock‘nRoll verstanden. Erst mit dem Po wackeln, dann langsam die Hemden aufknöpfen und dabei ordentlich wackeln. Dann Hemd ausziehen, aber vorher die Hose öffnen, dann wieder Po wackeln, Hose rutscht runter und sie stolperten fast. Ich als Kind fand es peinlich, die Männer in Unterhosen dastehen zu sehen. Mutti und Tante freuten sich ein Loch in den Bauch. Ich hatte auch immer Angst sie könnten fallen und sich verletzen. Aber sie waren eben der Meinung, sie könnten Bill Halley die Stirn bieten. Irgendwann hörten sie damit auf. Die Zeit des „Türen öffnen“ war ja auch bald zu Ende.
Am 13. August 1961 war dann alles vorbei. Meine Cousine, die gerade in Berlin mit ihrem Freund Urlaub machte, bekam wie wir auch einen Schock. Ihr damaliger Freund schlief in West-Berlin bei seiner Schwester und Ingrid schlief bei uns. Sie trafen sich dann immer und verbrachten den Tag zusammen. Kurt brachte Ingrid noch zu uns, so gegen 22 Uhr. Dann ging er zum Bahnhof und wollte seine Reise in den Westen antreten. Er kam aber nirgends mehr durch und sah nur Soldaten, die Stacheldraht abrollten und an einigen Ecken wurde eine Mauer gebaut.
Notgedrungen kam er zu uns zurück und erzählte, was los war. Meine Mutter arbeitete damals drüben, in West-Berlin, wie viele Ostler. Die Näherei, in der sie arbeitete, in der Alexandrinenstraße, wird am Montag halb leer gewesen sein. So wie viele andere Arbeitsstellen sicherlich auch. Wir im Osten verfolgten dann, wie die ersten italienischen Gastarbeiter im Westen ankamen. Hier bei uns suchten sich dann alle DDR-Bürger, die im Westen gearbeitet hatten eine neue Arbeitsstelle.
So teilte sich das Leben in Deutschland. Die Bundesrepublik Deutschland war für die Deutsche Demokratische Republik Ausland. Ich habe das nie anerkannt, oder akzeptiert. Wie kann ein Land zwei Länder sein, geteilt ja, wenn es sein muss, aber doch nicht Ausland! Ich habe auch deshalb bei meiner Jugendweihe kein Gelöbnis abgelegt, sondern nur den Mund auf und zu gemacht. Mein Ziel war, in den Westen zu kommen. Ich wollte damals bei der Mitropa lernen und einmal mit dem Zug rüberfahren. Aber aus dem Plan wurde nichts, so lernte ich Köchin. Immer noch mit dem Gedanken, bei der Mitropa eine Arbeitsstelle zu bekommen. Aber wie ich dann erfuhr, durften nur ausgesuchte verheiratete Mitarbeiter dort arbeiten. Abgesehen davon, dass damals nach der Lehre fast alle Mädchen heirateten. Mit 21 Jahren waren wir, frisch ausgelernt, schon Mutter.
Als 1961 die Grenzen zu waren, hatte der „goldene Osten“ eine „goldene Idee“, um das Volk zu beruhigen. Es gab eine Zeitlang Fernseher für Rentner, die billig abgezahlt werden konnten. Was für eine Freude unter den Nichtrentnern, wenigstens konnten Oma und Opa so ein Gerät im Wohnzimmer stehen haben. Der Abzahlpreis war, glaube ich, im Monat 20 Mark Ost.
Mein Vater hatte damals die Idee, über Oma so ein Gerät zu kaufen. Oma fuhr auch mit in den Fernsehladen, sie musste ja gleich bei der Post angemeldet werden, damit auch die Fernsehgebühren bezahlt wurden. Ich war nicht dabei, aber meine Eltern erzählten mir, dass Oma den ganzen Weg dem schönen Fernseher nachtrauerte, sodass Papa ihn Oma überlassen hat und sogar die Kosten übernommen hat. Nun mussten wir warten, bis unsere Anmeldung dran war. Das dauerte noch zwei Jahre, bis wir 1962 unseren Fernseher der Marke „Staßfurt RFT“ bekamen. Ich weiß noch wie heute, wie ich mit dem Fernseher im Auto saß, freudig den Abend erwartend. Die erste Tagesschau, was habe ich meine Oma um ihren Fernseher beneidet. Das brauchte ich nun nicht mehr. Die Freude legte sich aber bald wieder, weil ich immer um Viertel vor zehn ins Bett musste. Da fing ja der Film gerade an, damals gab es noch ein richtiges Fernsehprogramm mit Spielen oder Fernsehfilmen oder Ohnsorg- und Millowitsch-Theater, Originalübertragungen mit Pause. Zum Glück waren diese Theater immer am Sonnabend zu sehen und da durfte ich aufbleiben.
In der Woche, wenn ich früher ins Bett musste, habe ich immer unter der Bettdecke mit der Taschenlampe gelesen. Natürlich fand ich es unbeschreiblich blöde, mitten im Film ins Bett zu müssen. Ich habe meine Tochter später immer die Filme zu Ende sehen lassen, wenn sie morgens pünktlich aufgestanden war. Das war sie, und so hat sie auch Dallas und Denver gesehen. Das war natürlich im „goldenen Osten“ verboten. Auch die westliche wirtschaftliche Überholung hat nie stattgefunden, bis jetzt, wo wir eine Gleichstellung haben.


