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Alte Freundschaft

Ich arbeitete bei einem Internationalen Logistik-Unternehmen im Hamburger Westen. Dort war ich im Außendienst mit einem Dienstwagen tätig. Am Anfang meiner Dienstzeit hatte ich keinen festen Dienstposten, sondern wurde als Springer in vielen Hamburger Stadtteilen eingesetzt. Heute in Eppendorf, nächste Woche an der Elbchaussee oder zur Unterstützung eines Kollegen. Denn es gingen auch Kollegen in den Urlaub oder wurden krank. Bei der Übernahme einer Tour bekam ich vom Wagenmeister ein Fahrtenbuch und die Autoschlüssel ausgehändigt. Jetzt dachte ich, das Fahrzeug ist intakt. Aber dieser Schein trog vielfach. Dann ging ich um das Fahrzeug herum und untersuchte es auf Vorfindeschäden, auf Lackschäden, wie Beulen und Schrammen. Rückspiegel, sowie die Rückleuchten, als auch die Beleuchtung mussten in Ordnung sein. Aber da war ja noch der Motor. Schnell wurde der Ölstand kontrolliert. Fehlte was, wurde Öl nachgefüllt. Das Nachfüllen in den Motor ging schnell. Dann dachte ich, es könnte losgehen, doch die Tanknadel bewegte sich schon im roten Bereich, mehr als 5 Liter Kraftstoff können wohl nicht mehr im Tank gewesen sein. Also schnell noch Diesel tanken, eintragen in eine ausliegende Tankliste und in das Fahrtenbuch.

So, dachte ich, die Arbeitsmittel in das Kfz laden und ab vom Hof. Durch die Vorbereitungstätigkeiten wurde die Frühstückspause sehr viel kürzer als sie einem zu stand. Was war das Ende vom Lied? Das Pausenbrot wurde während der Fahrt verzehrt. Die Straßen Richtung Hamburger Innenstadt waren sehr voll und der Verkehr kam vielfach zum Erliegen. Auf in den Arbeitstrubel, die Kundschaft wartet. Nach ungefähr einer Stunde wollte ich den Kfz Dienstwagen starten, um zum nächsten Kunden zu gelangen. Aber der Anlasser machte nur rrr-rr. Einen Hammer hatte ich nicht mit, um mit Geduld auf das Ritzel zu klopfen. So hielt ich Ausschau nach einem gelben Telefonhäuschen in der Billstraße im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort.

Mitte der 1970er Jahre (1977) gab es noch keine Handys auf dem Markt. Dafür gab es umso mehr gelbe Telefonhäuschen, an fast jeder Straßenecke. Ende der 1950er Jahre waren die Fernsprechhäuschen viereckig, mit drei durchgehenden Glasscheiben. In den 1970er Jahren bekamen die Fernsprechhäuschen abgerundete Scheiben. Der Münzfernsprecher in der Telefonzelle hatte eine runde Wählscheibe, später waren es Wähltasten. Über der Wählscheibe waren drei Schlitze für 10, ‒ 50 Pfennige und 1 D-Mark-Stücke. Im Münzfernsprecher war eine schmale Scheibe, durch die man sehen konnte, wie viel Geld man eingeworfen hatte. Unten war eine Klappe für die Geldrückgabe. An der Rückwand der Telefonzellen waren eine Telefonbuchaufhängung und eine Gepäckablage angebracht. Auch konnte man die Tür hinter sich schließen. Es gab auch Telefonzellen, die hatten an der Rückwand einen öffentlichen Briefkasten und einem Automat aus dem man Briefmarken und Postkarten ziehen konnte.

Im Jahre 2006 gab es in Deutschland zirka 100.000 Telefonzellen. 2014 waren es noch ungefähr 36.000. Vandalismus musste die Deutsche Bundespost, später Deutsche Telekom, viel verzeichnen. So waren es Glasschäden, gestohlene Hörer, gestohlene Münzbehälter, zerstörte Apparate, zerstörte Telefonhäuschen, Schäden an Wählscheiben (später an den Tasten) und den Halterungen. In den nächsten Jahren wurden immer mehr Häuschen abgebaut. Für Sammler gibt es die beim Fernmeldezeugamt Berlin, Außenlager Potsdam zu kaufen. Ein gelbes Original Münztelefon vom Typ H.78 kostet heute gebraucht so um die 450 Euro. Das magenta/graue Model H.90 ist für rund 350 Euro zu haben. Man müsste sich das gute Stück aber selber abholen. Leicht ist es auch nicht, zwischen 250 bis 350 Kilogramm wiegt so ein Exemplar.

Jetzt aber wieder zurück an meinen Arbeitsplatz. Ich kramte 20 Pfennige aus meiner Geldbörse und rief die Kfz-Werkstatt an. Die Telefonnummer hatte ich schon im Kopf, denn das war nicht die erste Panne, die ich erlebte. Sonst stand die Telefonnummer auch noch im Fahrtenbuch. Jetzt hatte ich die Werkstattleitung an der Strippe und schilderte das Problem. Ich nannte mein Kfz-Kennzeichen und den Standort. Man versicherte mir am Telefon, dass ein Werkstattwagen losgeschickt würde. Nach einiger Zeit kam der Mechaniker mit dem Werkstattwagen an. Es war derselbe Kollege, der mir schon mehrmals aus der Patsche geholfen hatte. Er versuchte den Fehler zu beheben, aber er war mit seinem Latein am Ende und sagte: Das ist der Anlasser, da muss ich das Fahrzeug mit einer Abschleppstange in die Werkstatt schleppen.

Also die Abschleppstange zwischen die beiden Fahrzeugen montiert und den Warnblinker an. Jetzt ging es quer durch die Hamburger Stadt, Richtung Westen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Angstschweißtropfen ich auf der Fahrt verloren habe. Als ich in der Werkstatt ankam, wurde ein neuer Anlasser eingebaut. In der Zwischenzeit hatte ich noch ein wenig Zeit, mich mit dem Werkstattfahrer zu unterhalten. Wir waren beide verheiratet und jeder hatte zwei Kinder. Er hatte zwei Mädchen und ich zwei Jungs. So kam mir die Idee, ihn mit seiner Familie zum Sonntagskaffee zu uns einzuladen. Telefonnummern wurden ausgetauscht. Ein geeigneter Termin wurde schnell gefunden und es kam zum ersten Treffen. Unsere Kinder waren alle noch sehr klein. Das Jüngste war noch in der Babytrage und schlief. Bei den Gesprächen von uns Erwachsenen mussten wir etwas leiser sprechen. Wir vier verstanden uns auf Anhieb. Unsere andern Kleinen waren im Kinderzimmer und ließen sich beim Spielen nicht stören. Von nebenan klangen Kinderlieder aus dem Kassettenrecorder. Als es wieder nach Hause gehen sollte, waren die Kinder gar nicht begeistert von der Idee. Ein neuer Termin wurde mit den neuen Bekannten vereinbart. Nach einigen Wochen besuchten wir uns erneut. Für meine beiden Söhne war die Eisenbahn der beiden Mädchen der Hit. Sonst ging es im Kinderzimmer sehr ruhig zu. Wir Erwachsenen waren bei Kaffee und Kuchen am Schnacken. So wurden immer wieder neue Treffen vereinbart. Natürlich immer umschichtig. Von Jahr zu Jahr wurde die Freundschaft von uns vier immer fester. Seitdem drei von uns im Ruhestand sind, muss das Telefon darunter leiden. Wir telefonieren jeden Tag in der Frühe. Unsere beiden Söhne sagen so oft: Bei Euch ist die Telefonleitung ja dauernd besetzt. Doch im Zeichen der Telefonflatrate kann man ja so lange quatschen, bis der Mund trocken ist. Wenn ich jetzt zurückblicke, sind es bald 40 Jahre Freundschaft ‒ wie doch die Zeit vergeht. Natürlich muss man auch die Freundschaft pflegen. Es darf auch nicht nur einseitig laufen, denn dann geht eine Freundschaft baden. Es gibt natürlich auch Mitmenschen, denen ist Freundschaft schnuppe. Doch gerade im Alter ist eine gute Gemeinsamkeit sehr wichtig, dadurch gibt man sich gegenseitig Kraft!