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In der Musikhalle als Platzanweiserin

In der Musikhalle

Kapitel 1: Als Platzanweiserin

In Norderstedt hatte ich mich angefreundet mit einer Familie, die sich ehrenamtlich für Aussiedler und Flüchtlinge engagierte. Sie hatte eine Tochter, die in der Musikhalle in Hamburg als Garderobenfrau ihr Einkommen aufstockte. Dort wurde gerade eine Platzanweiserin gesucht. Deshalb hat sie mich im April 1994 der Personalleiterin der Musikhalle vorgestellt.
Mit klassischer Musik hat mich in meinem Leben wenig verbunden. Ich hatte überhaupt kein musikalisches Gehör gehabt, in Russland sagt man ein Bär hat auf das Ohr getreten. Melodien konnte ich nur unterscheiden, wenn sie für mich mit Text verbunden waren, also in der Oper oder Operette fühlte ich mich wohl – in Russland waren alle Libretti auf Russisch. Aber zum Konzert der Klassischen Musik ging ich nur zur Gesellschaft. Die erste Viertelstunde hatte ich aufmerksam zugehört, aber danach habe ich mich abgelenkt, angefangen an etwas Anderes zu denken, natürlich habe ich es nicht gezeigt. Trotzdem, wie viele unmusikalische Menschen auch habe ich es geliebt, selbst zu singen, Schlager und revolutionäre Lieder. Und meine kleine Tochter hat mich gebeten: Mama, sing bitte nicht!
Also war die Arbeit in der Musikhalle nicht speziell für mich geschaffen, aber eine Auswahl hatte ich nicht, das Arbeitsamt machte Druck, und es war doch besser, als bei der Zeitarbeit Teller zu waschen, wo ich verheimlichen musste, dass ich Akademikerin bin.

Als ich die Musikhalle sah,  verliebte ich mich sofort in das Haus. Ich war schon immer in Jugendstil vernarrt. Die Fenster, die Treppen – alles rund, alles fließt, alles wunderschön! Und das Brahms-Foyer – mir fehlten die Worte. 1908 wurde die Halle eingeweiht, der Reeder Carl Laeisz hat der Stadt ein großes Geschenk gemacht.

Die Personalleiterin war sehr nett, ich hab angefangen zu arbeiten. Mein Traum war: weg von der Sozialhilfe. Das hat leider nicht geklappt, obwohl ich mit Lohnsteuerkarte angestellt war. Die drei bis vier Arbeitsstunden am Abend, selbst wenn man sogar 30 Konzerte im Monat machte, haben nicht gereicht, und das Sozialamt musste noch zuzahlen. Aber ich war glücklich – schöne Beschäftigung, jeden Abend habe ich mich fesch gemacht, schwarzes Kostüm, weiße Bluse, und ich war unter Menschen. Manchmal bin ich sehr spät nach Hause gekommen, es gab noch keine U-Bahn in Norderstedt -Mitte, ein paar Mal bin ich nach eins in der Nacht von Ochsenzoll zu Fuß gelaufen. Aber damals hatte ich überhaupt keine Angst, fühlte mich sicher.

Mein Arbeitsplatz war der erste Rang rechts mit Logen. Vor dem Konzert musste ich Programme holen und sie dann verkaufen. Mit der Platzanweisung war es nicht schwer – meistens waren es Stammgäste, Abonnenten, die alles selbst wussten. Nach dem dritten Klingeln musste ich schleunigst die schweren, alten Türen schließen, und keiner durfte dann in den Saal. Eigentlich keine schwere Aufgabe. Aber manchmal wurde es stressig. Die Gäste durften erst nach dem ersten Klingeln ins Foyer. Aber manchmal wurde noch länger geprobt, und die Leute mussten dann vor der Tür warten. Ich stand mit meinen Programmen dort und beantwortete die Fragen Wann denn endlich?, und ich musste die Gäste zur Toilette durchlassen und aufpassen, dass sie wieder herauskamen. Manche hatten sich auf die Bänke gesetzt, aber die Ordnung erlaubte es nicht, warum eigentlich? Die alten Leute haben mir leidgetan, aber ich musste konsequent bleiben.

Wenn es ein Konzert mit Berühmtheiten  gab, standen an der Tür junge Leute, die kein Geld für einen guten Platz hatten. Im oberen Rang waren auch Plätze, von denen aus man überhaupt nichts sehen konnte, und die Leute kämpften um einen Stehplatz vor den Säulen. Beim Klingeln machte ich die Tür auf und sprang zur Seite. Wie eine wilde Herde liefen die Menschen durch das Foyer zur Treppe nach oben, um Maria de Montserrat Caballé oder Anna-Sophie Mutter zu sehen.

Ich öffnete die Türen, die Gäste gingen in den Saal. Keiner ohne Karte durfte stehen oder in den Logen auf den Treppen sitzen. Oft war die Halle ausverkauft, zum Beispiel bei den Konzerten des alten Dirigenten Günter Wand, dann musste ich die jungen Leute verjagen, obwohl das Publikum sagte, dass sie nicht störten. Nachher waren mir die Jungs bekannt, es waren Stammgäste, und ich war mit ihnen nicht genug konsequent.

Diejenigen, die zu spät kamen oder hustend aus dem Saal gingen, mussten auf den Bänken sitzen bleiben. Sogar in den kurzen Pausen zwischen den Sätzen durfte ich sie nicht herein lassen, nur bei Applaus. Aber die Musik war auch im Foyer gut zu hören. Herumgehen im Foyer während des Konzerts war auch verboten. Einmal kam aus dem Saal ein Mann mit einem schwarzen Hut und hat angefangen, hin und her zu gehen. Ich habe gebeten, er soll sich hinsetzen. Wissen Sie denn nicht, wer ich bin? Muss ich das denn? fragte ich. Er ist weggegangen, ein bisschen beleidigt. Die Kollegen staunten: Wieso hast du Udo Lindenberg nicht erkannt? Aber das war mir nicht peinlich.

Peinlich war mir am Anfang das Trinkgeld. Ich bin doch im Sozialismus aufgewachsen. Vor dem Krieg hingen überall Plakate: Trinkgelder erniedrigen den Menschen. Im Taxi, beim Friseur fühlte ich immer Hemmungen beim Bezahlen. Und hier bekam ich Kleingeld und man sagte mir: stimmt so. Und wo sollte meine Würde bleiben? Aber schnell habe ich mich daran gewöhnt und sogar gefreut. Damals war ich sehr knapp bei Kasse ‒ ich musste noch die Familie meiner Freundin in Moskau unterstützen. Und jetzt sage ich selbst beim Bezahlen: stimmt so und weiß, dass keiner beleidigt ist.

Das Publikum war für mich sehr interessant. Es kamen viele ältere Paare, in Russland konnte man alte Männer kaum sehen: sie waren im Krieg gefallen oder früh verstorben. Alle hatten schöne weiße Zähne, und die meisten Damen eine sehr gute Haltung, gerader Rücken, Kopf hoch, wahrscheinlich in jungen Jahren Sport getrieben, oder zu Hause wurde aufgepasst. Am Sonntagmorgen gab es immer Klassische Musik, und es kamen viele alte Frauen, schön gekleidet, die Haare sorgfältig gelegt, denn am Abend trauten sie sich nicht aus dem Haus. Junge Leute, die überwiegend zu Pop-Konzerten kamen, waren meistens lässig gekleidet. Einmal habe ich ein ganz besonderes Publikum erlebt: Eine Dame hat zum Geburtstag ihre Freunde in die Musikhalle eingeladen. In der Pause war im Brahms-Foyer ein Empfang. High Society, die Herren im Smoking, die Damen im Abendkleid, sehr gepflegt und eine ganz besondere Haltung, es waren aber keine Stammgäste der Halle. In Moskau haben manche junge Frauen sich alte reiche Männer geangelt, aber nicht umgekehrt, vielleicht nur ein paar Berühmtheiten. Und hier kamen solche Paare vor, vielleicht war es doch die Große Liebe? Und das Publikum war sehr freundlich, bei Augenkontakt lächelten alle, in der Pause plauderte man mit Bekannten. Mir ist nur eine unfreundliche Dame aufgefallen, sie kam immer in einem altertümlichen Kleid mit Schürze, spazierte allein, Kopf hoch, niemals ein Lächeln.

Mein Akzent war den Leuten aufgefallen. Sind sie aus Schlesien? Aus Ostpreußen?  Es wurde ein Stoff zur Unterhaltung. Ach, Tschaikowski! Ach, die slawische Seele. Ich fühlte, dass viele alte Menschen vereinsamt sind. Alte Witwen, allein in der Wohnung, Kinder weit weg, sie nutzten den Besuch in der Musikhalle, um mit jemandem ein Wort zu wechseln.

So ging die Zeit. Ich habe angefangen die Melodien zu unterscheiden, konnte nicht nur Tschaikowski, sondern auch Brahms, Ravel und Mahler erkennen, und die Neunte mitsingen.

Fünf Jahre habe ich Platzanweisung gemacht, und dann bin ich zur GarderobenfrauLesen Sie wie es weiterging... gewechselt.