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Zeugenaussage
oder:
Zum Andenken an meine liebe Freundin Tanja

Meine Studentenjahre hatten mir meine beste Freundin geschenkt. Wir beide, Tanja Bebtschuk und ich, studierten von 1952 bis 1957 am selben Lehrgang im Moskauer Energetischen Institut (MEI). Aus unserer Bekanntschaft wurde eine Freundschaft fürs Leben, sie dauerte bis zu Tanjas  Tod 2003. Sie war für mich mehr als eine Freundin, eine Schwester – wir waren ein Herz und eine Seele. Beide waren wir Zeugen unserer Zeit mit ihren grausamen und glücklichen Momenten.

Tanja wollte eigentlich Physik studieren. Sie machte ihr Abitur mit einer goldenen Medaille und hatte das Recht, ohne Prüfungen an die Uni zu kommen.  Es war das Jahr 1950, die Zeit des starken staatlichen Antisemitismus, und ihre Bewerbung wurde abgelehnt. Tanjas Mutter stellte dem Prorektor eine Frage: Sagen sie mir ehrlich, was war schlimmer, dass sie Jüdin ist, oder dass sie in der OkkupationBei einer Okkupation oder Besetzung (je nach Kontext auch Besatzung; von lateinisch occupare besetzen) wird in einem bevölkerten Gebiet die vorhandene Staatsgewalt durch einen externen Machthaber auf dessen Initiative durch die seinige ersetzt. Dies geschieht meist mit militärischen Mitteln.Siehe Wikipedia.org war? Beides, antwortete der Prorektor. Tanja hat dann ein Jahr im Bibliotheksinstitut studiert, das war wenigstens nicht weit vom Haus, und ist nachher zum MEIDas Moskauer Energetisches Institut (russisch Московский Энергетический Институт) ist eine 1930 gegründete Technische Universität in Moskau. An ihm studieren gegenwärtig ca. 15.000 Studenten in den Bereichen Energietechnik, Elektrotechnik, Kommunikationstechnik und Informationstechnik.Siehe: Wikipedia.org gewechselt.

Damals, und noch viele Jahre später, stand auf dem Personalbogen als Punkt 5 die Nationalität, und als Punkt 31: Waren sie in der Okkupation?. Leute, die in der Okkupation waren, waren verdächtig: Wieso sind sie beim Feind geblieben? Außerdem waren dort viele Bücher im Umlauf, die in der UdSSR verboten waren, und man konnte viele Informationen über GulagDas Kürzel Gulag bezeichnet das Netz von Arbeitslagern in der Sowjetunion, im weiteren Sinn steht es für die Gesamtheit des sowjetischen Zwangsarbeitssystems, das neben Lagern und Zwangsarbeitskolonien auch Sonderlager, Spezialgefängnisse, Zwangsarbeitspflichten ohne Haft sowie in nachstalinistischer Zeit ebenfalls einige psychiatrische Kliniken als Haftverbüßungsorte umfasste. Im weitesten Sinn ist das gesamte sowjetische Repressionssystem gemeint.Siehe: Wikipedia.org, über den Hunger, über gewaltsame Kollektivierung bekommen. Später hat Tanja diesen Teil ihrer Biografie geleugnet und bei Punkt 31 in Okkupation nicht gewesen geschrieben. Ich war nur mit dem Punkt 5 belastet, aber es reichte, um mir große Hindernisse bei meiner Bewerbung am MEI zu bereiten.

Niemals vergesse ich den grauenhaften Tag im Januar 1953, als wir mit Tanja im Unterrichtsraum standen und unser Physikprofessor uns den Leitartikel aus der PrawdaDie Prawda (russisch Правда, Wahrheit) ist eine russische Tageszeitung, die bereits vor der Februarrevolution 1917 im zaristischen Russland erschienen war und später bis zum Ende der Sowjetunion als Organ der KPdSU Bestand hatte. Sie wurde von Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) aus dem Exil angeregt und gegründet und sollte daher nicht mit der gleichnamigen von Leo Trotzki 1908 gegründeten Zeitung verwechselt werden.Siehe Wikipedia.org vorlas. Über die führenden Ärzte, es waren lauter jüdische Nachnamen, die sich als Saboteure entpuppten, die durch falsches Therapieren für Gorkis und Zhdanows Tod verantwortlich waren, und unsere Regierung und die Parteispitze vernichten wollten. Es war eine schreckliche Zeit bis zu Stalins Tod am 5. März, als dann das Leben heller wurde und jene Ärzte, die ihn überlebt hatten, rehabilitiert wurden.

Tanjas Eltern waren Ärzte, Vater arbeitete in Moskau und hatte eine Wohnung dort. Mutter arbeitete in einer Klinik in der Moskauer Umgebung, in Kratowo, und wohnte dort. Als der Krieg ausbrach, hat Vater angefangen, in einem Moskauer Spital zu arbeiten und es wurde entschieden, dass Mutter mit beiden Kindern, Tanja und Sascha, sie waren damals acht und 13 Jahre alt, mit einem anderen Spital in die Evakuierung fährt. Moskau hat man schon bombardiert und das Spital wurde nach dem Nordkaukasus evakuiert. Man dachte, es würde tiefes Hinterland sein, ist aber anders gekommen.

Tanja hat mir viel über die Okkupation erzählt, ich will ihr aber selbst das Wort geben, ich habe es möglichst getreu übersetzt. Sie hat 1992 ihre Geschichte für eine israelische Zeitschrift geschrieben. Also, spricht Tanja:

Es ist Sommer 1942. Meine Mutter arbeitet im Kriegslazarett in Kislowodsk, im Kaukasus. Die deutsche Armee nähert sich der Station Mineralnye Wody. Dort wird schon gekämpft, und Kislowodsk wird bald abgeschnitten werden, und es bleibt als einziger Fluchtweg zu Fuß durch die Berge. Die leicht verwundeten Soldaten und ein Teil des Personals, darunter auch der Chef meiner Mutter, bilden eine Kolonne, um über den Pass Richtung Kaspisches Meer zu gehen. Der Chef empfiehlt meiner Mutter, sich ihnen anzuschließen. Nein, unmöglich, Tanja wird es nicht schaffen, sagt Mutter. Zum Ärger habe ich eine schreckliche Angina, Fieber 39°C. Sie verabschieden sich und gehen, und wir bleiben in der Stadt. Dann kommt noch eine Hoffnung auf, ein Militärzug mit Schwerverwundeten wird gebildet, und Mutter ist als Begleitperson dabei. Spät am Abend in Dunkelheit werden die Verwundeten auf Tragen in die Waggons geladen. Und plötzlich fängt der Bombenangriff an. In Dunkelheit und Durcheinander verliere ich meine Mutter. Nachher waren noch viele ganz schlimme Minuten in unseren Erlebnissen, aber dieses Grauen werde ich niemals vergessen. Das Bombardement endete, wir fanden einander, aber die Gleise waren zerstört, der Zug konnte nicht abfahren. Wir schleppten uns nach Hause.

In der Stadt herrschte Anarchie, die sowjetische Armee war weg, die deutsche war noch nicht da. In diesen paar Tagen wurden die Geschäfte und Lager geplündert. Kislowodsk wurde ohne Kampf aufgegeben. Eine Kavalkade Motorräder ist durch die Hauptstraße gefahren, und die deutsche Besatzung hat begonnen.

Nach ein paar Tagen wurde ein Dekret ausgehängt, dass alle Juden zur Registrierung kommen sollten. Mutter ist selbst nicht gegangen und hat manchen ihrer Bekannten abgeraten. Stattdessen hat sie mit meinem Bruder Sascha die Papiere gefälscht. Von allen sowjetischen Dokumenten passte nur das Arbeitsbuch. Erstens war dort die Nationalität nicht eingetragen, zweitens war es auf einfachem Papier ohne Wasserzeichen gedruckt. Lange haben Mama und Sascha am Buch gezaubert, um den Nachnamen und Vatersnamen zu fälschen, dann habe ich auf das Buch Sand und Staub geschüttet und bin mit Füßen darauf herumgetrampelt. Nach unserer Version waren alle unsere Papiere während der Bombardierung verschwunden und nur das Arbeitsbuch hatten wir am Bahnhof im Dreck gefunden. Also, Abramowitsch Maria Moiseewna hat sich in Abramowa Maria Matweewna verwandelt. Aber für die Faschisten war das Aussehen wichtig. Mutter war blond und hatte blaue Augen, aber ich mit meinen schwarzen lockigen Haaren, konnte die ganze Familie kompromittieren.

Außerdem konnte ich das R nicht aussprechen. Das war mehr als genug, um verdächtig zu werden. Mutter hat meine Haare nass zu Zöpfchen geflochten, und der Bruder brauchte nur einen Tag, um mein R zu reparieren, Todesangst ist der beste Logopäde.

Bald wurde ein neuer Befehl ausgehängt: Alle Juden, ohne Ausnahme, sollten an einem bestimmten Tag am Sammelpunkt erscheinen, man sollte Papiere, Wertsachen, 20 Kilogramm Gepäck und Lebensmittel für zwei Tage mit sich führen, es besteht die Möglichkeit einer Übersiedlung in die Ukraine. Mutter hat es sofort abgelehnt. Nach zwei Tagen waren Gerüchte im Umlauf, dass alle diese Juden in der Nähe der Stadt erschossen wurden.

Es wurde zu gefährlich, in Kislowodsk zu bleiben, es wurden Razzien gegen gebliebene Juden gemacht, und es herrschten Denunziationen. In der Nacht sind wir heimlich in ein kleines Zimmerchen am Stadtrand verschwunden, aber dort waren wir auch nicht sicher. Zu der Zeit haben die Deutschen angefangen, einen Zug zum Transport der Schwerverwundeten aus den Lazaretten in die Ukraine zu formieren. Zur Begleitung wurde medizinisches Personal gesucht. Mutter mit ihrem Arbeitsbuch hat sich beworben.

Die Verwundeten wurden in Güterwagen verfrachtet, wir sind auch eingestiegen und die Fahrt begann. Es war der 23. September 1942. Siebzehn Tage dauerte diese Fahrt, in drückender Hitze, beim Stöhnen der Verwundeten, mit schrecklichem Gestank. Und der Hunger hat uns auch gequält. Mein Bruder und ich halfen Mutter beim Verbinden der Wunden, brachten Wasser an den Haltestellen. Endlich stand der Zug bei Zhitomir, nur wenige Kilometern vor unserem Ziel – KZ Bogun. In Zhitomir hat Mutter Sascha am Bahnhof zurückgelassen, sie hatte Angst, einen dreizehnjährigen Jungen ins KZ zu bringen. Und hinter uns hat sich das Tor des KZs geschlossen.

Das Personal wurde von verwundeten Kriegsgefangenen getrennt. Im großen Zimmer haben uns junge Sanitäterinnen umringt, nach kurzem Bekanntmachen brachten sie uns zum Fenster, zeigten auf den Platz und erzählten, dass gestern dort Juden, die Kriegsgefangenen, erschossen wurden. Warum hatten sie uns das erzählt? Plötzlich kam ein Mann herein und fragte: Wer ist hier aus Kislowodsk gekommen? Ich und meine Tochter, hat meine Mutter geantwortet. Der Mann erzählte, dass dort seine Frau mit dem Baby, das er noch nicht gesehen hat, geblieben war und seine Frau Olga Gontscharowa heißt. Ob wir zufällig etwas von ihr gehört haben? Aber Olga war doch meine liebste Lehrerin, ich war oft bei ihr zu Hause und hatte  ihr Baby geschaukelt. Das alles hatte ich ihm erzählt. Er hat meine Mutter genau angesehen und ging mit uns zum Flur. Ihr müsst das KZ so schnell wie möglich verlassen, obwohl Sie Zivilangestellte sind, Sie können aufgehalten werden, und man wird Sie nicht mehr herauslassen. Ich bin auch ein Gefangener, aber arbeite hier als Wirtschaftsverwalter. Morgen früh muss ich nach Zhitomir fahren, um Lebensmittel zu kaufen. Ich werde Sie in meiner Fuhre unter leeren Säcken herausbringen. So passierte es auch und in der Morgendämmerung waren wir in Zhitomir und haben dort Sascha gefunden, schmutzig und hungrig, aber lebendig und gesund.

In Zhitomir lebte eine Kollegin meiner Mutter, sie hat ihr geraten zur Arbeitsbörse zu gehen. Nach dem Vorlegen ihres Arbeitsbuches, man kann sich vorstellen, wie sie dabei jedes Mal zittern musste, hat man ihr einen Platz als Ärztin – Laborantin im Klinikum der Bezirksstadt Korosten angeboten. Es war ein Wunder, das war doch ihr Beruf! Man gab uns eine kleine Kammer im Klinikum, dort war es kalt und wir haben sehr an Hunger gelitten. Wir hatten keine Vorräte und keine Sachen um sie auf dem Markt zu tauschen. Bis heute erinnere ich mich, wie wir die furchtbare Suppe aus Fischmehl aßen und erzählten einander über exklusive Speisen aus dem Kulinarischen Buch. Ich weiß nicht, ob die Schulen in der Stadt noch funktionierten, ich blieb zu Hause, aber lernte jeden Tag. Spazieren bin ich selten gegangen, immer in Angst.

Eines Tages, als wir draußen spielten, war ein deutscher Soldat stehen geblieben. Er hat uns beobachtet und dann hat er mich angesprochen. Ich konnte primitiv, aber fließend deutsch sprechen, vor dem Krieg besuchte ich eine deutsche Gruppe. Er erzählte, dass er Albert Roos heißt, aus Stuttgart kommt und dort eine Tochter Ruth in meinem Alter hat, nach der er große Sehnsucht hat. Seitdem besuchte er uns oft zu Hause, brachte Essen in seinem Kochgeschirr, zeigte Ruths Fotos. Dann hat er mich gebeten, an Ruth einen Brief zu schreiben. Bald bekam ich eine Antwort, wir haben uns befreundet. Über diese Freundschaft habe ich in meinem Tagebuch geschrieben. Nach der Befreiung haben wir mein Tagebuch verbrannt, denn die Freundschaft und die Korrespondenz mit dem Feind waren strafbar, obwohl der Feind ein Pazifist war. 1991 ist es meiner Nichte gelungen, in Deutschland Albert und Ruth zu finden. Sie lebten noch immer in Stuttgart, Albert war schon alt und sehr krank. Meine Nichte hat noch die Möglichkeit gehabt, ihm meinen Brief vorzulesen.

Herbst 1943. Die deutsche Armee ist auf dem Rückzug. Nicht weit von unserem Haus befindet sich eine Eisenbahnbrücke, die wird stark gebombt. Wir und eine Nachbarfamilie haben uns in der Nähe, im Eichenhain in eine kleine Erdhütte verzogen. Am 19. November 1943 wurde Korosten befreit. Aber es gab noch starke Kämpfe und Artilleriefeuer. Wir hatten noch niemandem erzählt, wer wir sind. Und am 28. November war die Stadt wieder von der deutschen Armee besetzt. Und dann mussten wir noch ein Grauen überleben. Alle, Alte, Frauen, Kinder wurden aus den Häusern und Hütten geholt und gen Westen getrieben. Wozu brauchte uns die deutsche Armee? Für mich ein Rätsel. Es ist kalt und windig, Bruder Sascha schleppt sich in leichten Stoffschuhen durch den Schneematsch. Die unglückliche Menschenmenge wird durch grobes Geschrei und Schüsse angetrieben, ich habe Mama angebettelt, uns in den Graben zu legen, ich war so müde und konnte nicht mehr gehen, aber Mama schleppte mich weiter. Und wieder ein Wunder; in der Dunkelheit der Nacht ist es gelungen, uns in einem Schuppen zu verstecken. Und nach einem Tag, auch in der Nacht, sind wir zurück nach Korosten gegangen. Die Stadt war leer, unsere Bleibe ausgeraubt, von Lebensmitteln, die Mutter für morgen gespart hatte, kein Krümchen. Und für hungrige Nachkriegsjahre war unsere Parole Lass nicht für morgen, was du heute aufessen kannst.

Dann kam die Befreiung, die Briefe meines Vaters. Der empfand unser Zurückkommen vom Jenseits als Wunder, und die giftigen Fragen der Damen aus dem Gesundheitsministerium: Wie ist es ihnen denn gelungen, am Leben zu bleiben?
– Ja, wie? –

Nach der Befreiung hat man Tanjas Mutter und ihrem Bruder Ausweise nach den deutschen Papieren ausgestellt. So wurden sie Russen, und Tanja, die erst mit 16 auf Grund der Geburtsurkunde ihren Pass bekam, wurde Jüdin. Sascha hat es dadurch leichter gehabt, zu studieren und Karriere zu machen.

Die Mutter hat einen Arbeitsplatz im Tuberkulosesanatorium als Bakteriologe angenommen. Um nicht aufzufallen, hat sie ihre Doktorarbeit, die vor dem Krieg schon fertig war, nicht verteidigt. Der Vater verstarb im Jahr 1952, und ich hatte ihn nicht kennengelernt.

Die Moskauer Wohnung hatten sie verloren und Maria Moiseewna mit Tanja bewohnten ein kleines Zimmerchen im Häuschen, das dem Sanatorium in Kratowo gehörte. Natürlich ohne Bad und Telefon. Bis Moskau waren es 45 Minuten mit dem Regionalzug. Ich war dort oft als Gast, habe mich mit der ganzen Familie angefreundet. Wenn Tanja sich noch spät in Moskau aufgehalten hatte, im Theater oder im Konzert, hat sie immer bei uns übernachtet, wir hatten ein Sofa, dass Tanjas Sofa hieß.

1957 absolvierten wir unser Studium im MEIDas Moskauer Energetisches Institut (russisch Московский Энергетический Институт) ist eine 1930 gegründete Technische Universität in Moskau. An ihm studieren gegenwärtig ca. 15.000 Studenten in den Bereichen Energietechnik, Elektrotechnik, Kommunikationstechnik und Informationstechnik.Siehe: Wikipedia.org. Tanja wurde ins Institut für Aerodynamik (ZAGI)ZAGIDas Zentrale Aerohydrodynamische Institut (russisch Центральный Аэрогидродинамический Институт, deutsche Abkürzung ZAGI) ist das wichtigste russische Luftfahrtforschungsinstitut. Dort wurden und werden die theoretischen Grundlagen der Aero- und Hydrodynamik erforscht und für die sowjetische und russische Luft- und Raumfahrt nutzbar gemacht. Viele bekannte zivile und militärische Flugzeuge und nicht zuletzt die Rakete Energija und die Raumfähre Buran wurden dort entwickelt. Einige der bekanntesten Flugzeugkonstrukteure waren wenigstens zeitweise im ZAGI tätig.Siehe: Wikipedia.org in die Technische Abteilung geschickt. Das ZAGI befindet sich in Zhukowsky, Kratowo liegt an seiner Grenze. Tanja war mit ihrer Arbeit unzufrieden, sie hatte mit Patenten und Papierkram zu tun, keine Physik oder Chemie. Aber drei Jahre mussten wir nach dem Studium dort schuften wohin man uns schickte.

Nach drei Jahren gingen wir beide in die Aspirantur. Es war eine wunderbare, unbeschwerte Zeit. Wir waren jung, ungebunden, hatten glückliche und unglückliche Liebesgeschichten. Lange Urlaube erlaubten uns, viel zu reisen. Ans Ausland war nicht zu denken, aber in der UdSSR reisten wir sehr viel.

Im ZAGI hat Tanja ihren Mann kennen gelernt. 1963 hat sie geheiratet, ich war Trauzeugin bei der Hochzeit. Mischa Morosow war in Tanja sehr verliebt, hat lange auf sie gewartet. Für Tanja war es keine große Liebe, aber er war ein sehr guter Mensch, und sie wollte Kinder. Sie bekamen eine Tochter Nadja. Tanjas Leben war nicht leicht. Mischa wurde 1925 geboren, mit 18 in den Krieg einberufen. In der Nähe von Berlin wurde er verwundet, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Er bekam epileptische Anfälle. 1968 hatte er eine Operation, das Loch wurde mit einer Platte bedeckt, aber die Kopfschmerzen blieben.

Die ganze Zeit waren wir eng verbunden. Und als ich 1970 meine Tochter bekam, hat Mischa sich in ihre Geburtsurkunde als Vater eingeschrieben. Meine Julia sollte später nicht an dem Punkt 5 leiden.

1969 bezogen sie eine Wohnung in Moskau. Ich und Julia waren bei ihnen oft zu Gast. Neben ihrem Haus war ein großer Petrowsky-Park, wo Julia mit Mischa gern spazierte. Mischa hat sie sehr geliebt.

Nadja hat die Uni im Fach Biologie absolviert, hat geheiratet, bekam drei Söhne. Tanja hat sich sehr mit den Enkelkindern abgegeben. Sie wohnten alle zusammen in einer kleinen Dreizimmerwohnung und das Leben war nicht leicht.

1993 emigrierte meine Familie nach Deutschland. Jede Woche schrieben ich und Tanja einander lange Briefe. Das Leben in Moskau wurde sehr schwer. Der Rubel fiel, alles wurde teuer; die Lebensmittel, die Bekleidung. Ich half nach meinen Möglichkeiten.

1995 hatte ich Tanja und Mischa zu mir nach Deutschland eingeladen. Die Deutsch-Russische Gesellschaft von Norderstedt half mit dem Visum. Es war 50 Jahre nach Kriegsende, Mischa war ein Kriegsveteran, und die Gesellschaft hat für ihn einen Empfang gegeben. Wir reisten nach Berlin, wo Mischa im Mai 1945 im Spital lag, nach Lübeck, nach Bremen, und dann mit einer Busreise für vier Tage nach Paris. Meine Gäste waren glücklich, ich auch.

Jedes zweite Jahr bin ich nach Moskau zu Besuch gekommen, immer bei Tanja untergekommen. Einmal sind wir zusammen nach Wasilsursk gefahren, es ist eine kleine Stadt an der Wolga, Mischas Geburtsort, und sie hatten dort eine Hütte. Mischa hat sehr seine Heimatstadt geliebt.

2001 war Tanja wieder bei mir, hat meinen Enkel kennengelernt, und wir machten mit einer Busreisegruppe eine Wochenreise nach Italien. Die Reise war wunderbar, Tanja hat sich aber gesundheitlich nicht besonders gefühlt.

Ein Jahr später war ich bei ihr in Moskau. Wir saßen im Petrowsky-Park, und sie hat mir ihr Herz ausgeschüttet. Nadja hat sich von ihrem Mann getrennt, hat sich für eine Doktorantur in den USA beworben, und ist mit drei Kindern dort hingefahren. Ihr Leben dort ist nicht leicht, das Stipendium ist klein und sie muss jobben. Und für Tanja empfindet sie nur Hass. Angeblich, weil Tanja immer auf der Seite des Schwiegersohns stand. Nadja war talentiert, aber schon immer psychisch nicht stabil, und hat ihrer Mutter viele graue Haare besorgt. Und Tanja möchte so gerne nach Israel emigrieren, Mischa ist aber ein sehr russischer Mensch und wird niemals damit einverstanden sein. Zum Schluss sagte sie auf Deutsch Ich will sterben.

Im Sommer 2003 machten sie Urlaub in Wasilsursk. Dort hat Tanja einen schweren Schlaganfall erlitten. Ihre Nichte, eine Ärztin, brachte sie in einem Pkw nach Moskau ins Krankenhaus. Dort bekam sie nach ein paar Wochen einen zweiten Schlaganfall und ich konnte nur noch zur Beerdigung kommen. Für mich bleibt sie immer lebendig.

Es sind mehr als 13 Jahre vergangen. Alle sind sie schon tot – Tanja, ihr Bruder, Mischa. Vor zwei Wochen hat Tanjas Nichte mich gebeten, ihr eine Zeugenaussage zu schicken – warum Tanja und ihr Bruder verschiedene Vatersnamen hatten. Sie braucht es fürs Gericht, weil Tanjas Neffen ein Prozess droht. Ich habe meine Zeugenaussage aufgeschrieben, dann musste ich sie im russischen Konsulat beglaubigen lassen, und darin musste auch stehen, dass ich für eine falsche Aussage eine Verantwortung trage.

Also, als Zeuge sage ich, dass meine Geschichte der Wahrheit entspricht.