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Vor Russland, dem Großen auf ewig verbündet steht machtvoll der Volksrepubliken Bastion.
Hymne der UdSSR (Deutsche Fassung)

Unsere Sprache

Sechzehn Republiken, dazu noch mehrere Autonome Republiken (Tatarien, Baschkirien, Abchasien usw.), dazu noch nationale Gebiete mit eigener Sprache - also wirklich, ein Babylonischer Turm wurde aufgebaut. Aber man musste doch den Riesen verwalten, sich irgendwie miteinander verständigen.
Also, wie war unsere gemeinsame Sprache? Natürlich russisch; aber woher kam die russische Sprache?

Vor tausend Jahren hatten die Slawen, die an der Wolga, im heutigen Weißrussland und der Ukraine lebten, eine gemeinsame Sprache. Natürlich mit verschiedenen Dialekten, aber man konnte sich verstehen. Viele Jahrhunderte hieß das Land Kiewskaja Russ und man nannte Kiew die Mutter der russischen Städte. So hatten es unsere Vorfahren, unsere Eltern, wir und unsere Kinder in der Schule gelernt, doch was man heute unterrichtet, weiß ich nicht. Im Jahre 987 hat der Großfürst WladimirDas wichtigste Ereignis der Regierungszeit Wladimirs war die Christianisierung der Kiewer Rus im Jahre 988 anlässlich seiner Vermählung mit Prinzessin Anna von Byzanz, Tochter des byzantinischen Kaisers Romanos II. Dafür erhielt er auch den Beinamen der Heilige und wurde nach seinem Tod in den Stand eines Heiligen der orthodoxen Kirche erhoben.Siehe Wikipedia.org Altrussland in der DneprDer Dnepr (russisch Днепр, im Deutschen auch mit Dnjepr transkribiert, weißrussisch Дняпро/Dnjapro, ukrainisch Дніпро/Dnipro) ist ein 2201 km langer Strom, der durch Russland, Weißrussland und die Ukraine fließt. Er ist der drittlängste Fluss in Europa und seit Anlage von fünf Schleusen auf rund 1700 km schiffbar. getauft. Im zwölften Jahrhundert hat Moskau große Bedeutung bekommen. Die Sprachen haben sich entwickelt, aber bis jetzt verhalten sich die ukrainische, weißrussische und die russische Sprache wie Hochdeutsch zu Bayerisch oder Plattdeutsch.

In Russland gibt es auch viele Dialekte, Redensarten und Ausdrücke: In Moskau betonte man das A, an der Wolga das O. Und in Südrussland wurde statt G ein H ausgesprochen, man hatte sich deswegen über Breschnew lustig gemacht, seine Redensart war von Hochrussisch weit entfernt.

In den Republiken gab es sowohl russische, als auch nationale Schulen. In russischen Schulen war der Unterricht der nationalen Sprache ein Muss, und umgekehrt. In den Städten, wo viele Russen lebten, gab es überwiegend russische Schulen - die Einheimischen hatten oft ihre Kinder in eine russische Schule geschickt, denn die Kinder hatten dann bessere Karrierechancen: In den Hochschulen unterrichtete man auf Russisch, die ganze Technik und Wissenschaft bediente sich des Russischen, und ausländische Patente, Literatur, Filme wurden in die russische Sprache übersetzt. Auf dem Land, in den Dörfern waren nationale Schulen, die russische Sprache war dort ein Hauptfach und man verstand, dass ohne Russisch das Leben schwierig wird. Man musste zur Stadt, um auf den Markt Lebensmittel zu verkaufen und man musste dort einkaufen, oder es kamen Urlauber aus anderen Republiken.

In russischen Schulen hatten die russischsprachigen Kinder die nationale Sprache schlecht gelernt, nur um eine normale Note für das Abitur zu bekommen. Manche sagten Wozu denn? Sollen doch die Barbaren Russisch lernen. Etwas schnappte man auf der Straße, von Nachbarn auf. Der Vater meines Schwiegersohns lebt in Riga seit 1943. Jetzt, wo es notwendig geworden ist, kann er sich draußen verständigen, aber sich auf Lettisch richtig unterhalten – nein.

Die Partei predigte, dass die Kultur sozialistisch im Inhalt und national in der Form sein müsse. Aber gute bekannte Schriftsteller in den Republiken schrieben auf Russisch, wie zum Beispiel Kirgise Aitmatov, oder Abchasier Iskander. Manche schrieben in der nationalen Sprache ideologisch einwandfreie Romane, die wurden ins Russische übersetzt, in großen Ausgaben gedruckt, die Autoren erhielten Stalinpreise, aber keiner wollte die Romane lesen. Berühmte russische Poeten, die in der UdSSR Schreibverbot hatten, wie Achmatowa, Pasternak und andere, plagten sich mit der Übersetzung nationaler Poesie ab, um Geld zu verdienen. Die Verse waren gut, aber man wusste nicht, wer die Urheber waren.

Auch vor der Revolution hatten die berühmten Schriftsteller aus der Ukraine - Gogol, Korolenko in russischer Sprache geschrieben. Als ukrainische Schriftsteller waren uns nur Iwan Franko, Lesja Ukrainka, die aus der Westukraine stammten, und der Poet Taras Schewtschenko bekannt.

In großen den Städten der Ukraine - Kiew, Charkow, Tschernigow sprachen die meisten Leute Russisch. Als ich aber in die Westukraine reiste, hörte ich dort die ukrainische Sprache. Und in Odessa gab es eine eigene berühmte Sprache - so ein Slang aus Russisch, Ukrainisch und Jiddisch; und so ein Klang! Aus Odessa kamen die berühmten russischen Humoristen, Kabarettisten und Schriftsteller, wie Babel. Anekdoten aus Odessa sind beliebt und wandern heute im Internet herum.

Ich war beruflich mehrmals in Kiew, im Institut dort haben alle Russisch gesprochen. Einmal haben wir im Labor ein Referat für eine Doktorarbeit  mit der Post erhalten, man hat uns um eine Rezension gebeten. Das Referat wurde in Ukrainisch gedruckt. Manche Ausdrücke klangen zum Lachen komisch, aber man konnte alles verstehen und die Schrift war die Gleiche, nur das i mit einem Punkt. Wir schickten also die Rezension auf Russisch ab. Das gleiche Referat erhielten auch die Kollegen in Georgien. Die fühlten sich irgendwie beleidigt und hatten ihre Antwort auf Georgisch verfasst.

Georgien ist ein kleines und stolzes Land. Jeder Bauer in den Bergen kennt die Geschichte seiner Heimat, was in russischen Dörfern nicht der Fall ist. Georgien hat seine berühmten Schriftsteller und Dichter und dort wurden auch georgische Filme gedreht. Die meisten konnten sich auf Russisch verständigen, es kamen jedoch viele Urlauber zum Schwarzen Meer und in die Berge, aber sie pflegten ihre Sprachen und Traditionen.

Aserbaidschan war ganz anders. Baku war immer eine internationale Stadt, dort sprach man Russisch. Aber die Bevölkerung in der Provinz, in den Bergen sprach Aserbaidschanisch, das der türkischen und persischen Sprache ähnlich ist. Bei der Einführung der kyrillischen Schrift ist ein Teil der arabischen Kultur verloren gegangen. Die Schwester meiner Freundin unterrichtete Physik an der Uni in Baku und erzählte, dass die Studenten aus der Provinz ziemlich wild waren, schlecht russisch sprachen und schlecht lernten. Die Studenten probierten sie mit Eiern, Käse und Lammfleisch ihres Dorfes zu bestechen. Aber sie war sowieso gezwungen, ihnen gute Noten zu geben, weil man die nationalen Kader fördern musste. Jetzt hat man in Aserbaidschan die lateinische Schrift eingeführt, also ist wieder ein Teil der Kultur verloren gegangen.

Ich war auch in Mittelasien, In Kasachstan und Kirgisien. Dort haben viele Russischsprachige gelebt, russisch war in Kasachstan die vorherrschende Sprache. Die Schrift war kyrillisch, jetzt ist sie lateinisch. Russisch bleibt auch jetzt die Sprache, in der sich verschiedene ethnische Gruppen verständigen können. Taschkent, die Hauptstadt von Usbekistan, war auch eine internationale Stadt. Während des Krieges kamen dorthin viele Evakuierte aus Russland, aus der Ukraine und Weißrussland. Viele sind dortgeblieben und es war eine sehr kulturelle Stadt.

In unserem Labor hatten wir zwei Aspiranten aus Taschkent. Unser Chef liebte es, aus Asien Aspiranten zu nehmen, denn dort hatte man ihn prächtig empfangen, Pakete nach Moskau geschickt und das ganze Labor labte sich an berühmten usbekischen Melonen. Einer der Aspiranten, der Sachir, war begabt und kultiviert und hatte eine gute Doktorarbeit geschrieben. Zum Fest nach der Verteidigung seiner Dissertation kam sein Papa, ehemaliger Außenminister in Usbekistan. Man scherzte, dass er nie seine rechte Hand wasche, weil Stalin sie gedrückt hatte. Sachir hat sich von der Verwandtschaft distanziert und war in Moskau geblieben. Der andere, der Batyr, war aber unbegabt, recht blöde und sprach schlecht Russisch. Das ganze Labor plagte sich mit seiner Doktorarbeit ab - das war der Preis für die Melonen. Aber sein Papa hat für den Sohn in Taschkent ein Institut gegründet. Er war als Haupt eines Klans allmächtig.

In den baltischen Republiken, die erst ab 1940 zur UdSSR gehörten, war Russisch viel weniger beliebt. Im Café, im Laden, in den Behörden hat man mit dir natürlich russisch gesprochen. Auch in den Urlaubsregionen, die in der UdSSR sehr beliebt waren. Aber auf der Straße konnte man dir zeigen, dass man Russisch nicht versteht. In Riga konnte man auf der Straße ne saprotLettisch: Ich verstehe nicht hören. Russen, die noch im unabhängigen Lettland aufwuchsen, sprachen Lettisch. Vor der Revolution war die Kultur in Lettland von Russisch und Deutsch geprägt, meine Mutter hat zum Beispiel eine deutsche Schule besucht. Und Lettisch galt als Sprache der Bauern, der Ungebildeten. Als Lettland nach der Revolution unabhängig wurde, ist Lettisch die Leitsprache geworden. Nach dem Krieg kamen viele Russen, Ukrainer und Weißrussen nach Lettland, in Riga war ihr Anteil sehr hoch. Aber die meisten von ihnen fanden es nicht nötig, Lettisch zu lernen. Und jetzt lernen und sprechen junge Letten kein Russisch mehr.

1962 kamen wir mit meiner Freundin für ein paar Tage nach Estland auf Urlaub. In Tallin war es unmöglich einen Platz im Hotel zu bekommen. Also fuhren wir nach Pirita, einer Vorstadt am Meer. Es war schon September, keine Urlauber mehr. Niemand wollte uns ein Zimmer vermieten. Wir gingen zum letzten Haus. Der Wirt war sehr unfreundlich und gab uns zu verstehen, dass er kein Russisch spricht. Dann sprach ich ihn auf Deutsch an. In dem Moment veränderte sich sein Gesicht und er bat uns ins Haus. Die Dielen waren gestrichen und noch nicht ganz trocken, er hat ein paar Bretter gelegt und uns ein schönes Zimmer vermietet, obwohl wir ungeliebte russische Besatzer waren. So haben wir miteinander gelebt.

Und mit ausländischen Sprachen für Unbefugte war es schlimm. Die Tradition, die Puschkin, Turgenew, Nabokow erlaubte, Französisch, Englisch ebenso gut wie Russisch zu sprechen, war verloren gegangen. In der UdSSR war der Sprachunterricht sehr mangelhaft. Man konnte in der Schule, in der Uni, in der Aspirantur jahrelang eine ausländische Sprache lernen, aber es reichte nur, um mit einem Wörterbuch einen Fachartikel zu lesen. Oft konnten die Lehrer selbst nicht richtig die Sprache verwenden. In manchen Zeiten war es auch verdächtig, Sprachen zu kennen.

Jetzt ist alles anders. Reiche Russen schicken ihre Kinder in die Internate nach England und in die Schweiz, junge Russen studieren an der Sorbonne und in Oxford und die Jugend, natürlich nicht alle, nur die Wohlhabenden, reisen in der Welt herum.
Davon konnten wir nicht einmal träumen.