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Israel 2017 –
Sonnenschein, Reichtum, Integration

So wird Israel jetzt bei mir in Erinnerung bleiben.
18 Jahre lang habe ich das Land nicht gesehen, und 2017 bin ich wieder zu Besuch gekommen.

1989-90 sind drei Familien meiner Freunde und Verwandten nach Israel ausgewandert, ich hatte sie alle zum Moskauer Flughafen begleitet. 20 Kilo durfte das Handgepäck einer Person wiegen, ich erinnere mich noch, wie meine Freundin der kleinen schreienden Enkelin ein drittes Paar Strumpfhosen anzog. Die meisten haben noch großes Gepäck mit dem Gepäckwagen abgeschickt – Möbel, Hausgeräte, Wäsche, Geschirr, Kleider, Bücher. Richtig wertvolle Sachen hat der Zoll nicht durchgelassen. Das Gepäck ging als Schiffsfracht übers Meer, das dauerte länger als ein halbes Jahr. Alle machten sich große Sorgen über die Zukunft im fremden Land – wie wird es gehen, ob man eine Arbeit kriegt, wird man das Geld fürs Nötigste haben?

1991 bin ich das erste Mal nach Israel gekommen und konnte meine Freunde am Anfang ihres langen Kampfs um die Zukunft in der Fremde erleben. Es ging ihnen nicht gut. Und das Land hatte es auch nicht leicht – ein Land mit nur fünf Millionen Einwohnern musste in ein paar Jahren die große russische AliyahDer Begriff Alija (hebräisch עלייה, wörtlich Aufstieg; Plural Alijot) stammt aus der Bibel und bezeichnet im Judentum seit dem babylonischen Exil (586–539 v. Chr.) die Rückkehr von Juden als Einzelne oder Gruppen in das Gelobte Land. Teilnehmer einer Alija heißen hebräisch Olim (Singular: fem. Olah, mask. Oleh). Seit der Entstehung des politischen Zionismus im 19. Jahrhundert bedeutet der Begriff allgemein jüdische Einwanderung nach Palästina bzw. seit 1948 nach Israel.Siehe Wikipedia.org [1] verdauen. Jeder Flüchtling (Olim)Teilnehmer einer Alija heißen hebräisch Olim (Singular: fem. Olah, mask. Oleh). [2] musste ein Dach über dem Kopf und ein Platz im UlpanEin Ulpan (Hebräisch: אולפן, Mehrzahl: Ulpanim, hebr.: אולפנים) ist ein intensiver Hebräischkurs. Ulpan bedeutet Unterricht, Anweisung oder Studio. Der Besuch der Ulpanim legt für die Neueinwanderer einen zentralen Grundstein zur Integration in die israelische Gesellschaft. Hier werden wichtige Grundkenntnisse vermittelt, um sich schon sehr bald auf Hebräisch verständigen, sowie die Sprache lesen und schreiben zu können.Siehe Wikipedia.org [3], wo man die Sprache unterrichtete, bekommen. Alle meine Freunde, junge und alte, besuchten den Ulpan oder hatten schon den Sprachkurs absolviert. Sie mieteten schäbige Wohnungen, kauften gebrauchte Möbel, die man in Deutschland nur auf dem Sperrmüll finden konnte. Es hat sich herausgestellt, dass das Gepäck zum großen Teil nicht zu gebrauchen war, und die Kartons stapelten sich unausgepackt in den Wohnungen - die Leute hatten dazu keine Zeit, keinen Platz, irgend wie schien alles provisorisch zu sein. Nur Sonnenschein gab es im Überfluss.

Aber alle hofften auf Verbesserung. Meine Nichte und ihr Mann hatten schon in Jerusalem als Ärzte im Spital gearbeitet. Man muss auch sagen, dass das Land in Hinsicht auf Arbeit den Olim entgegenkommend war – Diplome wurden anerkannt, das Alter war auch kein Problem, man brauchte Arbeitskräfte, nur die Sprache konnte ein Hindernis werden. Vorläufig nahm man jede Arbeit an.

Draußen klang oft russische Sprache, und ich dachte: Gott, wie kann man nur den absolut fremden IvritModernes Hebräisch (hebräisch עברית; deutsch Iwrit, auch Ivrit, Iwrith oder Ivrith) ist die in Israel meistgesprochene Sprache und neben Arabisch die Amtssprache des Staates. Sie entstand durch geplante Weiterentwicklung und Ausbau des Alt- und Mittelhebräischen. Ihre Einführung ist der bisher einzige gelungene Versuch, eine Sakralsprache wiederzubeleben und zu einer modernen Standardsprache zu machen.Siehe Wikipedia.org [4] erlernen, wie kann man sich an die glühende Hitze gewöhnen, wie werden meine Freunde sich in Israel integrieren?

Inzwischen sind 26 Jahre vergangen.
Meine Generation sitzt schon zu Hause und spricht Russisch. Das bisschen Ivrit, das sie im Ulpan erlernten, haben sie zum Teil vergessen, aber es reicht noch, um einzukaufen und sich auf der Straße zu verständigen. In kleineren Städten, wo die Wohnungen billiger sind, leben viele ältere Russen und man kann auf der Straße Russisch hören. Zu Hause im TV laufen bei ihnen nur russische Kanäle. Die nächste Generation, die Kinder, sprechen gut Ivrit und arbeiten alle sehr viel, verdienen gut. Und die Enkelkinder sprechen Russisch fehlerhaft, mit Akzent. Russisch sprechen sie nur mit Großeltern, mit Freunden aus der Schule und der Armee nur noch Ivrit. Meine Nichte ist schon 62, ihre beiden Kinder haben Einheimische geheiratet, und die fünf kleinen Enkel werden leider kein Russisch verstehen.

In der Schule unterrichtet man Englisch, die Jugend spricht es fließend, viele Erwachsenen auch. In vielen Firmen benutzt man Englisch, im Weizman-Institut in Rechovot unterrichtet man in englischer Sprache. Die Israelis reisen viel um die Welt, geschäftlich und im Urlaub, und Englisch ist dann ein Muss. Also, auf der Straße kann man auf Englisch etwas fragen, und meistens bekommt man eine Antwort.

In allen Bussen auf den Bildschirmen sind die Informationen auf Ivrit und Arabisch, ebenso in vielen Schaufenstern. Viele Leute kennen sich aus mit Arabisch, wenn die Arbeit es verlangt. Wie meine Nichte, die im Spital in Jerusalem viele Palästinenser als Patienten hatte. Wie es bei der Jugend ist, weiß ich nicht, und zu Palästinensern hatte ich keinen Kontakt.

Meine Gastgeber sprechen untereinander Englisch, er kam als Baby 1935 aus Mainz, hat aber in den letzten Jahren Deutsch fast verlernt, sie kam 1950 als junges Mädchen aus Australien für einen Urlaub nach Israel und ist hiergeblieben. Ihre Enkelin Tali ist 16 und gehört zur großen Jugendorganisation – Scouts. Die Scouts wandern zusammen, machen Sport, tanzen, singen.
Sie und noch zwei Jugendliche aus Rechovot wurden ausgewählt, um mit einem Ensemble von 30 Scouts in den USA aufzutreten und so für Israel zu werben. An dem Tag in Mai gaben sie ein Abschiedskonzert in Tel Aviv. Ich habe auch eine Karte bekommen.

Ich wusste nicht, was mich dort erwartet. Mit drei Autos ist die ganze Familie zum Konzert gefahren. Wir kamen in einen großen Park. Dort im Freien standen die Bühne und die Tribünen, wie im Stadion. Aus ganz Israel sind Scouts zum Konzert gekommen, auch Freunde, Bekannte, von der Schule, von der Armee und auch die Eltern, Geschwister, Verwandte. Es war eine warme Nacht, eine Menge Sterne, und ein riesiger Luftballon am Himmel. Und dann ist auf der Bühne das Ensemble erschienen. Das Publikum jubelte. Auf der Bühne waren Jungen und Mädchen, blonde, rothaarige mit Sommersprossen, dunkle, schwarzhaarige, Migranten aus Tunesien oder Marokko, und ganz schwarze aus Äthiopien und dem Jemen, von wo auch eine Aliyah stammt. Sie alle rezitierten, sangen, tanzten, erzählten die Geschichte Israels, des Kampfes für die Unabhängigkeit. Und schilderten das Leben und die Arbeit der Scouts. Und das Publikum sang und tanzte mit, wie man es bei Rock - Konzerten sieht. Und auf jedes Lob für Israel antwortete das Publikum mit lautem Jubel. Ich bekam so ein Gefühl der Euphorie und dachte das ist die Integration, wenn sich die Jugend so verbunden mit dem Staat und der Armee fühlt.

Übrigens, der Bruder von Tali ist 18, er ist zurzeit in der Armee und er ist ein strenger Veganer. Er bekommt dort spezielle Speisen, und wenn keine Möglichkeit dazu besteht, kriegt er Geld, um sich selbst etwas zu kaufen. Und er bekommt auch spezielle Stiefel, weil die normalen aus Leder sind. Nette Armee, nicht wahr?

Alle Israelis, und die Olim besonders, streben nach einem Eigenheim. Für Olim gab es in den ersten Jahren besonders günstige Kredite für Wohnungen und für Autos. Alle meine Freunde haben jetzt eigene Wohnungen. Wohnen auf Miete lohnt nicht – die Mieten sind sehr hoch, ebenso wie Hotelpreise. Das Land ist klein, die Erde sehr teuer, und eine neue eigene Villa erlauben sich nur die ganz Reichen, die weniger Reichen kaufen sich eine schöne Wohnung.

In Israel wird sehr viel gebaut - Wolkenkratzer für Firmen, Wohnhäuser, öffentliche Gebäude, Marinas, Strandpromenaden. Und es wird sehr schön gebaut, die Architekten können ihre Träume verwirklichen. Fünf Tage habe ich in Tel Aviv bei meiner Nichte Lena verbracht. Sie wohnt im Norden der Stadt, ans Meer kann man zu Fuß laufen. Von ihrem schönen, großen Balkon kann man die Häuser der Umgebung bewundern – zwölf bis 14 Stockwerke hoch, mit cremefarbigen Fliesen beschichtet, jedes originell, doch alle passen zusammen. In dem Bezirk wohnt die Mittelschicht, auch gehobene Mittelschicht. Lenas Vierzimmerwohnung kostet jetzt eine Million Euro, vor 17 Jahren, als das Haus gebaut wurde, waren die Preise niedriger, den Kredit haben sie schon abbezahlt. Das Wohnzimmer, von der Küche nur mit einer Theke getrennt, so ist es ist hier üblich, ist sehr groß. Es gibt zwei Badezimmer und alle Dielen sind mit hellen Fliesen bedeckt, sehen aus wie Marmor, alle laufen barfuß. Lena erzählte, dass die Häuser, die man jetzt baut, noch komfortabler sind, manche haben ein Schwimmbad und einen Fitnessraum. Natürlich sind die Nebenkosten sehr hoch. Auf meine Frage, wie die Leute sich das leisten können, sagte sie, dass man viel arbeitet und gut verdient. Lena ist Hausärztin, arbeitet in zwei Praxen, ihr Mann ist Chefarzt im Hospital, beide gehen morgens früh weg und kommen spät am Abend nach Hause.

Am Abend, nach Sonnenuntergang sind wir in ihr Auto gestiegen und sie zeigte mir das abendliche Tel Aviv – prächtig! Unsere Tour endete in Sarona. Früher war es eine deutsche Kolonie, ein Dorf, das die Templer einmal gegründet hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Deutschen weg, es wurde eine Vereinbarung zwischen Israel und der BRD getroffen, und das Dorf Sarona wurde an Tel Aviv abgegeben. In den letzten Jahren hat man die alten Häuser der Templer unter Denkmalschutz gestellt und restauriert, um sie als Cafés und Boutiquen zu nutzen. Und nebenan hat man drei Riesenhäuser gebaut, in denen sich ein berühmter Markt befindet. Sarona ist ein Lieblingsort zum Bummeln geworden. Auf dem Markt kann man Lebensmittel kaufen, nicht billig, teurer als in Deutschland, aber die Leute kaufen rege. Und die Läden, die Auslagen, sind so schön – ich konnte einfach nicht weg. Aber hauptsächlich ist es ein kulinarisches Paradies. Erwachsene und Jugendliche sitzen an Tischen, essen und trinken, amüsieren sich.

Und alles - das Land, Tel Aviv, die Bauten, die Strände, übrigens alle kostenlos, Sarona vermittelt das Gefühl des Reichtums. Ich verstehe, meine Worte sind subjektiv, es gibt auch arme Leute, die jeden Schekel umdrehen und Sozialhilfe bekommen, aber ich bin mit dem Gefühl des Reichtums aus Israel weggefahren.

Lena sagte: Was willst du? Hier ist es so heiß, man kann nur mit einer Klimaanlage existieren, im Büro, in der Fabrik, im Auto. Deshalb arbeiten alle so viel. Das Leben kann doch nur nach dem Sonnenuntergang, in der Nacht anfangen. In den Straßen, am Strand sieht man am Tag nur die Touristen.

Und ich - ich bin trotz der glühender Sonne so viel in den zwei Wochen herumgelaufen und habe so vieles gesehen.

[1] Der Begriff Alija (hebräisch עלייה, wörtlich Aufstieg; Plural Alijot) stammt aus der Bibel und bezeichnet im Judentum seit dem babylonischen Exil (586–539 v. Chr.) die Rückkehr von Juden als Einzelne oder Gruppen in das Gelobte Land. Teilnehmer einer Alija heißen hebräisch Olim (Singular: fem. Olah, mask. Oleh).
Seit der Entstehung des politischen Zionismus im 19. Jahrhundert bedeutet der Begriff allgemein jüdische Einwanderung nach Palästina bzw. seit 1948 nach Israel.
https://de.wikipedia.org/wiki/Alija

[2] Teilnehmer einer Alija heißen hebräisch Olim (Singular: fem. Olah, mask. Oleh).

[3] Ein Ulpan (Hebräisch: אולפן, Mehrzahl: Ulpanim, hebr.: אולפנים) ist ein intensiver Hebräischkurs. Ulpan bedeutet Unterricht, Anweisung oder Studio. Der Besuch der Ulpanim legt für die Neueinwanderer einen zentralen Grundstein zur Integration in die israelische Gesellschaft. Hier werden wichtige Grundkenntnisse vermittelt, um sich schon sehr bald auf Hebräisch verständigen, sowie die Sprache lesen und schreiben zu können.

[4] Modernes Hebräisch (hebräisch עברית; deutsch Iwrit, auch Ivrit, Iwrith oder Ivrith) ist die in Israel meistgesprochene Sprache und neben Arabisch die Amtssprache des Staates. Sie entstand durch geplante Weiterentwicklung und Ausbau des Alt- und Mittelhebräischen. Ihre Einführung ist der bisher einzige gelungene Versuch, eine Sakralsprache wiederzubeleben und zu einer modernen Standardsprache zu machen.