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Anders Reisen

Als ich 1993 nach Deutschland kamLesen Sie auch meine Geschichte:
Mein erstes Jahr in Deutschland
, hatte ich eine brennende Lust zu reisen. Reisen, reisen, Europa sehen, in der UdSSR war es für mich unmöglich. Aber wie macht man das, wenn man ganz knapp bei Kasse ist? Also suchte ich mir preiswerte Möglichkeiten.

Damals hatten manche Leute mit Unternehmungsgeist russische Reisebüros gegründet. Sie haben begriffen, dass es viele Emigranten gibt, die reisen möchten, aber noch kein Deutsch sprechen und wenig Geld haben. Sie mieteten Busse, buchten Übernachtungen in billigen Hotels und boten günstige Reisen an. Und die Reisebegleitung war perfekt — meistens waren es ehemalige Kunstwissenschaftler, Historiker, die in Deutschland keine Arbeit fanden. Nach nur ein paar Jahren in Deutschland ohne Erfahrung eine Firma zu gründen, die nach zwanzig Jahren noch floriert, verdient Respekt.

Mit so einer Firma Clip habe ich meine erste Reise nach Paris gemacht, sie hat nur 50 DM gekostet. Um 18 Uhr waren wir am Hamburger ZOB. Mein Schwiegersohn hatte für mich den besten Platz ergattert — oben, in der ersten Reihe an der Windscheibe. Das, was ich empfunden hatte, war holdes Glück. Wir sind durch Holland gefahren, die Autobahn war mit gelben Lampen beleuchtet, es war hell wie am Tag, ich hatte leise gesungen und keine Minute geschlafen. Früh am Morgen waren wir in Paris und die Führung begann. Natürlich war die Bekanntschaft mit der Stadt oberflächlich, was ist schon ein Tag für Paris? Aber wir waren auf dem Eiffelturm, in Notre Dame, und am Montmartre hat man uns sogar zwei Stunden frei gegeben. Es war Sommer, der Tag war sehr lang, ich fühlte keine Müdigkeit, aber während der Heimfahrt habe ich komplett durchgeschlafen.

Das Publikum bei Clip und bei ähnlichen russischen Firmen, hat die Reisegewohnheiten aus dem früheren Leben mitgebracht. Im Gepäck hatten alle Fahrgäste Lebensmittel — Käse, Wurst, Tee, Kaffee, Päckchen mit Suppen und einen Wasserkocher. So waren die Reisenden aus der UdSSR immer für Auslandsreisen ausgerüstet. Es gab ein Frühstück im Hotel, bei dem man ein Brötchen in die Tasche geschmuggelt hat. Es gab auch eine Mittagspause in der Stadt, aber unsere Leute gingen nicht ins Restaurant — zu teuer, und nutzen die Zeit ,um noch etwas zu sehen, in Ruhe ein Foto zu schießen, und dann hat man im Bus eigene Kost verzehrt. Und am Abend hat man sich im Hotelzimmer ein gemütliches Abendbrot gemacht, manches Mal in einer größeren Gesellschaft mit Wein und Gelächter.

1995 sind zu mir meine treuesten Freunde aus Moskau gekommen ‒Tanja und Mischa. Mischa war im Krieg in der Nähe von Berlin schwer verwundet worden und lag dort im Lazarett. Unsere Deutsch-Russische Gesellschaft hat geholfen, für sie ein Visum zu bekommen — es war doch 50 Jahre nach Kriegsende. Wir sind zusammen nach Berlin gefahren, Mischa hat sehr vieles wiedererkannt. Und dann wollten wir nach Paris. In Russland gibt es so einen Spruch: Paris sehen und sterben. Also, habe ich wieder bei Clip eine Reise mit zwei Übernachtungen gebucht. Das Hotel war recht ordentlich, ein Zimmer mit drei Betten, die Metro in der Nähe. Wir hatten volle dreiTage und haben sehr viel gesehen. Natürlich war das Geld sehr knapp, meine Gäste hatten überhaupt kein Geld — in Moskau herschten damals schlimme Zeiten. Aber wir hatten Paris gründlich erforscht. Im Louvre sagte Mischa, er sei schon müde, er bliebe im Foyer sitzen. In Wirklichkeit wollte er vielleicht das Geld für die Karte sparen. Wir gingen ohne ihn, sind die Säle durchgelaufen, haben alle Highlights angesehen, sogar zur Mona Lisa konnte man damals noch gehen. Als wir herauskamen, gaben wir Mischa unsere Karten und überredeten ihn noch kurz hereinzuschauen, was soll denn Paris ohne Louvre!

Ein Mal sind wir in einen Supermarkt gegangen, um Obst und Mineralwasser zu kaufen. Mischa hat am Ausgang auf uns gewartet. Es ist nicht leicht, ohne Sprachkenntnisse zurechtzukommen, und wir haben viel Zeit gebraucht. Mischa hat Angst bekommen, dass wir ihn nicht gesehen hatten und schon weg waren. Wo wird er uns finden? Er hat sogar den Namen des Hotels vor Aufregung vergessen. Wahrscheinlich hat er so unglücklich ausgesehen, dass jemand ihm Geld zugesteckt hat. Wir hatten uns nachher sehr amüsiert und überlegt, ob er so weiter macht! Im Programm war noch eine Nachtreise mit dem Schiff auf der Seine. Die Pracht des illuminierten Paris hat uns fasziniert. Und dann sahen wir am Ufer ein Dutzend Burschen. Als der Scheinwerfer des Schiffes auf sie zukam, haben sie sich synchron umgedreht und die Hosen heruntergezogen. Weiße Po's leuchteten im Licht, na, so was!
Von Paris waren meine Gäste ganz begeistert.

Mit Clip und konkurrierenden Firmen habe ich viele Reisen gemacht, war in der Schweiz, in Italien, Spanien, Schweden und Norwegen, in Amsterdam, Kopenhagen, Belgien und in der Normandie. Ich erinnere mich an eine Reise nach Nizza und Monaco. So blöd wie im Kasino habe ich mich selten gefühlt, ich hatte überhaupt nicht begriffen, wie man mit den Automaten umgeht, was man dort drücken muss. Aber schön war es trotzdem. In Nizza hat uns unsere Reiseleiterin angeboten, den Friedhof zu besuchen, wo viele russische Berühmtheiten begraben worden sind. Ungefähr zehn Personen waren bereit. Es war schon Abend, am Tor war keine Aufsicht, wir sind hereingegangen und lange herumspaziert. Dort stehen sehr schöne Denkmäler. Beim Ausgang standen wir vor dem geschlossenen Tor, und kein Wächter war mehr da. Die Leiterin wusste nicht was sie machen sollte. Die Polizei anrufen — aber wie sollte man erklären, dass wir hier sind? Wir entschieden uns, über das mehr als drei Meter hohe Gitter zu klettern. Damals war ich zehn Jahre jünger, aber in der Gruppe die Älteste. Und es war keine leichte Sache, abgesehen von meinem breiten langen Rock. Mit Hilfe von ein paar Herren habe ich es geschafft. Nur ein Mann hat sich die Hose zerrissen, und die Damen haben sie im Hotel geflickt. Aber wir hatten nachher sehr viel zu lachen.

Jetzt hat der Clip bessere Busse, es gibt Würstchen und Kaffee, man fährt nicht mehr in der Nacht, und es reisen überwiegend Gäste aus Russland, Amerika, Israel. Die hiesigen haben ihre Reiselust schon gestillt. Und die Reisen sind viel teurer geworden, aber wir sind jetzt nicht so knapp bei Kasse.

Irgendwann wollte ich mehr Zeit für die Besichtigung der Städte haben. So eine Möglichkeit habe ich bei Rainbow-Tours gefunden. Rainbow hat sich den Wünschen und der Geldlage von jüngeren Leuten, Studenten, angepasst. Man reiste immer in der Nacht, Rainbow buchte billige Hotels, aber im Zentrum, und bot den Reisenden verschiedene Führungen an. Man konnte die Stadt auch auf eigene Faust erforschen. Ich hatte mir immer ein Einbettzimmer gebucht, um die jungen Mädels mit meinem Alter und Schnarchen nicht zu belästigen.

Die erste Reise mit Rainbow war wieder nach Paris.
Das Hotel war ein wenig komisch ‒ vielleicht benutzte man es auch als Stundenhotel. Im Badezimmer war vieles kaputt, und solche riesigen Kakerlaken habe ich sogar in Moskau nie gesehen. Die einzige Steckdose im Zimmer war unter der Decke für den Fernseher, der aber auch kaputt war.

Also, um meinen Wasserkocher einzuschalten, musste ich auf den Tisch einen Stuhl stellen, auf ihn den Kocher, und so meine Suppe machen. Aber das Hotel war keine 100 Meter vom Moulin Rouge entfernt, und ich hatte eine ganze wunderschöne Woche in Paris. Ich bin zu Fuß vom Triumphbogen bis Cite und von Montmarte bis Montparnas gelaufen, hatte Zeit, in Ruhe die Museen zu besuchen. Und La Defense habe ich gesehen und bin in den schönen Parks spazieren gegangen. Im McDonald’s hatte ich mir einen Stadtplan besorgt. Auf dem waren alle -McDonald’s-Läden und Sehenswürdigkeiten eingezeichnet, man konnte von einem zum anderen gehen und so das Problem des preiswerten Essens und der Toilette lösen — auch eine Möglichkeit, die Stadt zu erforschen. Die Reize der Französischen Küche hatte ich nicht genossen, aber alles kann man doch nicht haben!

Die nächste Reise mit Rainbow ging nach Wien. Das war für mich eine ganz besondere Reise — auf den Spuren meiner Großmutter, die 1937 von dort geflüchtet war. In hungrigen Kriegszeiten in Swerdlovsk erzählte sie mir über das Leben in Wien, wo man sie gnädige Frau nannte, wo ihre gut erzogenen Enkelkinder im Park des Schlosses Liechtenstein spazierten, und wo man Wiener Schnitzel aß und im Café Demel Apfelstrudel genoss. Das alles wollte ich jetzt erleben!

Wir hatten fünf volle Tage in Wien, gefahren wurde in der Nacht, vier Übernachtungen im recht guten Hotel im Zentrum, die Reise kostete 440 DM. In der Gruppe war ich doppelt so alt wie das älteste Paar und drei Mal älter als jeder andere. Mit der Gruppe habe ich nur die erste Stadtrundfahrt gemacht, alles andere auf eigene Faust, ich musste doch so vieles sehen. Ich war am Haus meiner Großi in der Nähe von Schloss Liechtenstein, wo ganz normale Kinder im Park tobten, stand vor ihrer Wohnungstür, wo jetzt eine Familie mit dem Namen Strauß wohnt. Und ich habe sehr viel in Wien gesehen. Ich spazierte durch den Graben, bin die 343 Stufen des Stephansdoms heraufgestiegen und habe die schöne Aussicht auf k.u.k Wien genossen. Ich war in dem Kohlkopf SecessionDas Ausstellungsgebäude der Wiener Secession, umgangssprachlich einfach… nach Eduard Pötzl vom Volksmund Krauthappel (= Kohlkopf) genannt., ich habe überhaupt eine Schwäche für Jugendstil, für Maler Klimt und Architekt Otto Wagner. Und für Hundertwasser, dessen Bauten ich bewunderte. In der Musikhalle hat man mir eingeprägt, dass ich unbedingt den Goldenen Saal der Wiener Philharmoniker sehen muss, also war ich dort im Konzert. Ich war auch auf einer Führung in der Wiener Oper. Und ich habe im Restaurant Wiener Schnitzel bestellt, und in k.u.k. Hofzuckerbäcker Demel Strudel gegessen und sehr vieles über Kaiser Franz Josef und seine Sissi gehört.

Im Café Central, wo einst Trotzki Kaffee trank, hat mich ein 16-jähriger Gymnasiast angesprochen: Darf ich die gnädige Frau um Entschuldigung bitten und fragen, ob in diesem Café Trotzki war?. Ich erzählte ihm, was in meinem Reiseführer stand und dass ich früher in Moskau lebte. Dann hat er gefragt, ob die gnädige Frau vielleicht Trotzki persönlich kannte? Es war umwerfend, aber mein Enkel wollte auch wissen, ob seine Oma Peter den Großen gesehen hat. Und es ist doch sehr angenehm, mit gnädige Frau angesprochen zu werden!

Es war wunderschön in k.u.k. Wien, aber ich müsste noch einmal dort hinfahren, weil ich doch die schöne blaue Donau nicht gesehen hatte — nur den Donaukanal. Und noch ein Mal war ich mit Raibow 1997 für zehn Tage nach London gefahren, aber davon will ich nicht erzählen — London ist sooo groß, und meine Geschichte ist lang genug. Seitdem traue ich mich nicht mehr, zu Rainbow zu gehen, jetzt bin ich doch schon viermal älter als der Durchschnitt.