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Die Spinne im Pralinen-Karton

Im September des Jahres 1962 wurde meine jüngere Schwester Dagmar zehn Jahre alt und ich, als ihr großer Bruder und gut zehn Jahre älter, wollte ihr zu diesem Anlass etwas besonders Schönes und Originelles schenken.

Im Juwelierladen suchte ich eine Ansteckbrosche in Form einer silbernen Spinne aus und überlegte, wie ich sie etwas ausgefallen verpacken und überreichen könnte.
Schließlich hatte ich eine Idee und kaufte einen Karton mit Marzipan-Konfekt, natürlich ohne Alkohol. Marzipan musste es schon sein, denn meine Schwester und natürlich auch ich erst recht aßen dieses sehr gerne. Ich hoffte also, die eine oder andere Praline als Dankeschön angeboten zu bekommen.

Ganz vorsichtig entfernte ich die Cellophan-Umhüllung des Kartons und wählte eine Praline zum Probieren für mich selber aus. In die leer gewordene Stelle legte ich nun die silberne Spinne hinein, deckte sie mit der Watte aus dem Schmuckkasten zu und verpackte die Schachtel ganz vorsichtig wieder originalgetreu. Die Pralinen-Schachtel wurde noch mit Geschenkpapier samt Schleife versehen, und nun war ich sehr gespannt, wie meine Aufmerksamkeit ankommen würde.

Am Geburtstagsmorgen überreichte ich meiner kleinen Schwester das Geschenk. Sie nahm mit einer gewissen Selbstverständlichkeit hin, dass es nach dem Auspacken ja nur eine Pralinenschachtel war.
Nach einer Weile drängte ich sie und meinte, sie solle doch mal eine Praline probieren und auch mir, ihrem großen Bruder, eine Süßigkeit anbieten, aber sie hatte keinen Appetit im Moment.

Unser Vater merkte wohl, dass es mit dem Geschenk etwas Besonderes auf sich hatte und pflichtete mir bei, indem er meinte: Dagmar, so biete doch mal etwas an und schau, ob dir diese Pralinen gefallen. Schließlich ließ sich meine Schwester auf das Drängen ein und öffnete den Karton.
Sie reichte die Schachtel herum und bemerkte überhaupt nicht meine besondere Überraschung darin.

Erst nach einem kleinen entsprechenden Hinweis meinerseits entdeckte sie nun endlich das Schmuckstück und war überaus erfreut über dieses hübsche Geschenk.
Sie verwahrte es weiterhin voller Stolz in dem Karton, auch als die letzte Praline schon längst aufgegessen war.

In unserem Wohnraum hatten wir damals einen gusseisernen Ofen, und allmählich wurden die Tage kühler. Der Ofen musste für Wärme sorgen. Eines Tages fütterte unsere ältere Schwester ihn mit Papier, Holz und Brikett, um ihn anzufeuern, und siehe da, es stand noch eine alte und offenbar leere Pralinen-Schachtel auf dem Schrank. Diese kam gerade richtig, um dem Ofen noch mehr Futter zu geben, und schon wurde es warm in der guten Stube.

Die kleine Schwester kam von der Schule nach Hause zurück und wollte sich wieder einmal an ihrem schönen Schmuckstück erfreuen. Doch wo war der Pralinen-Karton, die Schatulle für das gute Stück, geblieben?

Die traurige Aufklärung folgte alsbald, aber eine Rettung für die silberne Spinne gab es leider nicht mehr. Am nächsten Morgen fanden wir in der kalten Asche des Ofens einen kleinen geschmolzenen Metallklumpen, den man allerdings nicht mehr verwenden konnte. Auch ein Juwelier hätte sicherlich nichts mehr damit anfangen können.

Wie mir in Erinnerung ist, hat meine Schwester nie einen Ersatz für das leider versehentlich vernichtete Schmuckstück erhalten. Doch nach 50 Jahren, also zu ihrem 60. Geburtstag, werde ich im September dieses Jahres diese Altlast abarbeiten und ihr etwas Schmückendes schenken, aber dieses Mal ohne Pralinen-Karton.