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1944 als Polizei-Verwaltungsbeamter in Kurland

Als Polizei-Verwaltungsbeamter war ich vom 2. Juni 1944 bis zum 25. Oktober 1944 in KurlandKurland ist nach dem baltischen Volk der Kuren benannt. Kurland ist neben Semgallen, Zentral-Livland und Lettgallen eine der vier historischen Landschaften von Lettland. Kurland liegt südwestlich des Flusses Düna und bezeichnet den von Ostsee und Rigaischem Meerbusen umfassten Westteil des Landes um die Städte Liepāja und Ventspils.Klick für Wikipedia.org [1] (RigaRiga (lettisch Rīga) ist die Hauptstadt Lettlands und mit rund 700.000 Einwohnern größte Stadt des Baltikums. [2], MitauJelgava (deutsch: Mitau) ist eine Stadt in Lettland im Gebiet Semgallen 44 km südwestlich von Riga. [3], LibauLiepāja (deutsch Libau, russisch Лиепая) ist eine Hafenstadt an der Ostsee im Westen Lettlands. [4], BauskeBauska (deutsch Bauske, polnisch Bowsk) ist eine Stadt in der lettischen Region Semgallen und Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Bauska. [5], FrauenburgFrombork (deutsch Frauenburg) ist heute eine Stadt in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren. [6] usw.) und anschließend bis Februar 1945 in ZlinDie Stadt Zlín (deutsch Zlin; von 1949 bis 1990: Gottwaldov) ist mit 75.000 Einwohnern das Industriezentrum in der Region Zlínský kraj in Mähren (Tschechien). [7]-Tschechoslowakei mit einer Polizei-Nachrichteneinheit im Einsatz.

In Zlin erhielt ich einen Marschbefehl nach Lipki in PosenPosen ProvinzDie Provinz Posen (identisch mit dem Großherzogtum Posen) war eine von 1815 bis 1920 bestehende Provinz im Osten des Staates Preußen. Die Provinz gehörte von 1848 bis 1851 teilweise zum Deutschen Bund, ab 1867 vollständig zum Norddeutschen Bund und ab 1871 zum Deutschen Reich. Sie hatte eine Fläche von knapp 29.000 km² und war landwirtschaftlich geprägt. [8]. Dieses Ziel habe ich jedoch nicht mehr erreicht, sondern bin in Cottbus gelandet.

Nach einigen Tagen in Cottbus musste ich mich in Berlin beim General für das Polizei-Nachrichtenwesen melden. Von hier bekam ich den Marschbefehl nach Halberstadt. Hier in Halberstadt habe ich einen Teil meiner alten Einheit wiedergefunden und habe die Arbeit aufgenommen. Ende März 1945 wurden wir dann aufgelöst und ich kam zu meinem alten Standort Dortmund zurück. Ich habe jedoch die Auflage bekommen, mich für einen neuen Fronteinsatz bereitzuhalten.

In Dortmund bei der örtlichen Luftschutzleitung ging Anfang April so ziemlich alles durcheinander. Die vielen Luftangriffe, der amtierende Polizeipräsident Altner hat sich im Rombergpark erschossen. Die meisten noch anwesenden Kollegen dachten nur ans Absetzen, und so verschiedenes andere kam hinzu. Am 10. April 1945 bekam ich den Auftrag, eine Einheit der Technischen Nothilfe, die ihre Unterkunft in Dortmund-Wambel hatte, verwaltungsmäßig zu übernehmen.

Diese Einheit hatte schon seit Tagen keine warme Verpflegung mehr gehabt. Ich habe nun mit dem Führer dieser Einheit die erforderlichen und noch möglichen Schritte für den nächsten Tag besprochen. Am späten Abend des 11. April 1945 bin ich mal wieder mit einem mir zur Verfügung stehenden Motorrad zu meiner Familie nach Kamen gefahren. Kurz vor Kamen lagen schon Soldaten in Stellungen, die mich warnten, nicht weiterzufahren, da die Amerikaner schon in der Nähe seien. Ich habe mich jedoch bis zu meiner in der Gendarmerie-Kaserne liegenden Wohnung durchgeschlagen, einen Zivilanzug angezogen und wartete auf die Dinge, die da kommen sollten. Am 12. April gegen Mittag zogen die Amerikaner in die Kaserne ein. Zu der Zeit befanden sich in der Kaserne eine Genesungskompanie von Polizei-Reservisten und ein kleiner Tross von der Wehrmacht.

Alle wurden entwaffnet und gefangengenommen. Ich konnte dem amerikanischen Offizier glaubhaft versichern, dass ich Polizeiverwaltungsbeamter aus Dortmund sei und hier meine Wohnung habe. So kam ich nicht in Gefangenschaft, musste jedoch innerhalb einer Stunde meine Wohnung verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Ich habe jedoch ein Dach über dem Kopf mit meiner Familie in einer Garage gefunden. Nach etwa 14 Tagen konnte ich in meine Wohnung wieder einziehen.

Am 25. April 1945 konnte ich mich nun unter erheblichen Schwierigkeiten von Kamen nach Dortmund zu meiner Dienststelle durchschlagen. Mit Not und Mühe habe ich meinen Vorgesetzten gefunden, der mich mit großer Sehnsucht erwartete. Ich wurde sofort in das Polizeilager in Dortmund-Wellinghofen beordert. Das Polizei-Lager – siehe Foto – wurde im Jahre 1940 auf Anordnung des Reichsführers der SS, Himmler, für die Ausbildung von Polizei-Reservisten erbaut. Es war das Polizei-Bataillon 61.

Dieses Polizeilager wurde von den Amerikanern eingenommen, wurde aber einige Tage später an die Engländer übergeben. Die Engländer führten eine strenge Aufsicht. Ein englischer Hauptmann kam jeden Tag zweimal zur Kontrolle. Nur am 8. Mai, als bekannt wurde, dass Deutschland kapituliert hatte, wurden die Engländer etwas freundlicher. Ich bekam sogar vom wachhabenden englischen Sergeanten am 8. Mai ein kleines Päckchen Tee und ein halbes kleines Kistchen Zigarren. Sonst habe ich von den Engländern keine Unterstützung gehabt.

Im Lager befanden sich seinerzeit ein Bataillon Berliner Polizeibeamte, die von einem Kommando aus Dänemark kamen und nicht mehr zu ihrem Standort in Berlin kommen konnten. Dann eine größere Anzahl Polizeibeamte als Heimkehrer, die kein Zuhause mehr hatten. Es waren so insgesamt an die 200 Männer, die hier im Polizeilager lebten, die ich nun wirtschaftlich zu betreuen hatte. Die größte Sorge war die tägliche Verpflegung dieser 200 Männer.

Jeden Tag die gleichen Sorgen und Fragen der Köchin: Herr Jarsing, was kochen wir morgen? Ich möchte sagen, dass diese Zeit mit die schwerste und sorgenvollste meiner 42-jährigen Dienstzeit bei der Polizei war. Erst im Juni 1948 nach der Währungsreform ist auch bei mir in Wellinghofen die Sonne wieder aufgegangen.

Wenn ich heute, als 84-jähriger Mann, in stiller Stunde über die vergangene Zeit in Wellinghofen nachdenke, so frage ich mich, wie hast du das alles geschafft. Ich schäme mich wirklich nicht zu bekennen, dass mir oft in dieser Zeit Sorgentränen in die Augen getreten sind. Aber ich habe in diesen schweren Monaten auch hilfsbereite Menschen gefunden, die mir in dieser sorgenvollen Zeit geholfen haben. Jede Hilfe war für die zu betreuenden Männer und mich ein Geschenk des Himmels.

Nur ein Beispiel:
In der Nähe von Dortmund habe ich einen Landwirt gefunden, der mir einen Lastwagen voll Steckrüben überlassen hat. Diese mussten jedoch selbst geerntet werden. Dafür hatte ich freiwillige Arbeitskräfte genug. Diese Steckrüben wurden gesäubert, geschnitzelt, in einer Dortmunder Zeche getrocknet und säuberlich in Säcke verpackt. Diese getrockneten Schnitzel ergaben unter Zusatz von Gries schmackhafte Klöße, die mit einer Hackfleischsoße übergossen wurden. So wurde wieder ein für alle Männer zufriedenstellendes Mittagessen gezaubert.

Nie möchte ich noch einmal so eine Zeit erleben. Auch den nachkommenden Generationen wünsche ich es nicht. Ich bin zu jeder Zeit bereit, alles mir Mögliche zu tun, damit nicht noch einmal so ein Weltbrand entsteht.

Ich habe mit eigenen Augen die Not und das Elend sowie die vielen schwer verwundeten und toten Kameraden an der Ostfront in KurlandIn der Kesselschlacht von Kurland wurden die deutsche Heeresgruppe Nord (später in Heeresgruppe Kurland umbenannt) sowie Luftwaffen- und Marineeinheiten in Kurland ab Oktober 1944 eingeschlossen.Klick für Wikipedia.org [9], dann die vielen Flüchtlinge in Libau am Schiff und auch in Deutsch-EylauIława (deutsch Deutsch Eylau) ist heute die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren. [10] in Ostpreußen, einen Eisenbahnzug mit erfrorenen Kindern und hilflosen Müttern gesehen. Diese schrecklichen Bilder habe ich heute noch recht oft vor meinen Augen.


[1] Kurland ist nach dem baltischen Volk der Kuren benannt. Kurland ist neben Semgallen, Zentral-Livland und Lettgallen eine der vier historischen Landschaften von Lettland. Kurland liegt südwestlich des Flusses Düna und bezeichnet den von Ostsee und Rigaischem Meerbusen umfassten Westteil des Landes um die Städte Liepāja und Ventspils.
[2] Riga (lettisch Rīga) ist die Hauptstadt Lettlands und mit rund 700.000 Einwohnern größte Stadt des Baltikums.
[3] Jelgava (deutsch: Mitau) ist eine Stadt in Lettland im Gebiet Semgallen 44 km südwestlich von Riga.
[4] Liepāja (deutsch Libau, russisch Лиепая) ist eine Hafenstadt an der Ostsee im Westen Lettlands.
[5] Bauska (deutsch Bauske, polnisch Bowsk) ist eine Stadt in der lettischen Region Semgallen und Hauptstadt des Verwaltungsbezirks Bauska.
[6] Frombork (deutsch Frauenburg) ist heute eine Stadt in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren.
[7] Die Stadt Zlín (deutsch Zlin; von 1949 bis 1990: Gottwaldov) ist mit 75.000 Einwohnern das Industriezentrum in der Region Zlínský kraj in Mähren (Tschechien).
[8] Die Provinz Posen (identisch mit dem Großherzogtum Posen) war eine von 1815 bis 1920 bestehende Provinz im Osten des Staates Preußen. Die Provinz gehörte von 1848 bis 1851 teilweise zum Deutschen Bund, ab 1867 vollständig zum Norddeutschen Bund und ab 1871 zum Deutschen Reich. Sie hatte eine Fläche von knapp 29.000 km² und war landwirtschaftlich geprägt.
[9] In der Kesselschlacht von Kurland wurden die deutsche Heeresgruppe Nord (später in Heeresgruppe Kurland umbenannt) sowie Luftwaffen- und Marineeinheiten in Kurland ab Oktober 1944 eingeschlossen. Infolge des Durchbruchs der sowjetischen Truppen über Memel zur Ostsee am 10. Oktober 1944 wurde die über die Düna auf Kurland zurückgegangene Heeresgruppe von den über Polen und Ostpreußen auf die Reichsgrenze zurückgehenden Wehrmachtverbänden abgetrennt und bildete einen Brückenkopf. Sechs Großangriffe der sowjetischen Streitkräfte brachten diesen in der Summe nur geringe Geländegewinne, so dass die Wehrmachttruppen ihre Stellungen bis zur bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 insgesamt nur wenig zurücknehmen mussten.
[10] Iława (deutsch Deutsch Eylau) ist heute die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren.