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Johannes Gutenberg
Der Visionär aus Mainz

Selbstbewusste Bürger des Mittelalters nannten die Stadt Aurea Moguntia, goldenes Mainz, eine Residenzstadt von 6.000 Einwohnern, die übrig geblieben waren nach verheerenden Pestseuchen. Ihr Erzbischof war Kurfürst und Kanzler des Reiches. Konnte er seine Bürger schützen vor den brennenden und mordenden Haufen der Hussiten? Da wurden Kreuzzüge ausgerufen und man redete von der Türkengefahr und handelte mit Ablässen. Nein, lustig war die Welt nicht, in der Klein-Johannes Gutenberg mit seinen Geschwistern Else und Friele spielte. Brände und Bomben des 2.Weltkriegs haben alles vernichtet, was die Kinder mit eigenen Augen gesehen haben. Über dem gotischen Stein der Kirche von St.Christof wurde Johannes Gensfleisch getauft, vermutlich 1397. Die Kirche mit dem Stein wurde als Ruine erhalten. Freunde nannten den Jungen Henne, Hengin oder Hannsse. Wie er aussah, weiß ich nicht, es gibt kein Bild, so bleibt er ein Phantom. Sein Familienwappen ist erhalten, es zeigt einen Mann am Bettelstab, vielleicht ein Omen. Wir wissen nicht, welche Schulen oder Lehren er besuchte, wie er politisch dachte, wie er sich seine Zukunft vorstellte.

Anfang des 15. Jahrhunderts spitzte sich die Lage zu. Der Kampf Zünfte gegen Patrizier entbrannte in voller Härte. Alteingesessene Mainzer Familien wanderten aus, auch Johannes hielt es nicht, er kam aus dem Hause eines Patriziers und war wohl Partei. Er wanderte nach Straßburg. Ob noch in Mainz oder dort – er fand eine Freundin, namens Ennelin. Vor Gericht gab sie zu Protokoll, der Johannes Gutenberg habe ihr die Ehe versprochen! Bevor der Richter ihn verdonnerte, zahlte Johannes das vorgeschriebene Bußgeld und gab Fersengeld. Lebte solo zehn Jahre in Straßburg, gab sich geheimnisvoll, besuchte die Handschriftenhändler auf den Stufen des eben fertig gestellten Doms. Die hatten einen ehrbaren und einträglichen Beruf, denn jeder, der lesen wollte, brauchte Literatur und die gab es nur geschrieben auf teuren Pergamentrollen. Aber zunächst gab er den Großunternehmer. Alle sieben Jahre trafen sich hunderttausend Pilger zur Aachener Heiltumsfahrt. Sie kauften wie besessen kleine Spiegel. Da kam Gutenberg, gründete eine Firma und produzierte laufend Spiegel nach einem geheimen Verfahren. Doch ach, er hatte sich im Kalender geirrt, die Wallfahrt war erst im nächsten Jahr fällig. Gutenberg stellte die Spiegelproduktion ein, sonst wäre er vielleicht als Erfinder des Fließbandes berühmt geworden, Ein paar rauchgeschwärzte Akten mit handschriftlichen Eintragungen zeigte man uns in Archiven. Sie beweisen: in Geldsachen war mit Johannes nicht zu spaßen. Um 310 rheinischer Gulden wegen, die Mainz ihm schuldete ließ er den zu Besuch in Straßburg weilenden Mainzer Stadtschreiber von Wörstadt verhaften und einsperren, bis die Mainzer zahlten. Wenn die eigene Kapitaldecke zu knapp war für ein neues Unternehmen, lieh er sich größere Summe von Straßburger Bankiers, ohne es mit den Zinsen und der Rückzahlung allzu genau zu nehmen.

Und wann schritt er nun zur großen Tat? In St. Arbogast nahe Straßburg entdeckten wir eine bescheidene Sandsteintafel. Sie teilt dem Wanderer mit, das Jahr 1428 sei ein besonderes gewesen. Im Sommer 1428 nämlich habe Johannes Gutenberg eine Gesellschaft zur Ausübung einer von ihm erfundenen neuen Kunst gegründet, die mit Blei und Formen, mit Zeug und mit drucken zu tun gehabt habe. War das der Anfang, der erste Großversuch im Typendruck? Die Sternstunde? Warum aber hielt er sie geheim, fürchtete er Konkurrenz? Mit Recht, das sollte sich bald herausstellen.

Drucken wollte Gutenberg, nicht schreiben. Seine Vorbilder fand er in der karolingischen Minuskel, dieser gut lesbaren Schreibschrift, wie sie seit 500 Jahren in Klöstern und Kanzleien geübt wurde und eine vielfältige Literatur hervorgebracht hatte. Aus den Buchstaben der Minuskel formte er seine neuen, zum Druck passenden, Typen in verschiedenen Größen und Breiten. Herr Hoffmann in der Werkstatt des Gutenbergmuseums zu Mainz führte begeistert vor, wie der Meister das handhabte. In die spiegelglatt geschliffene Oberfläche eines stählernen Vierkantstäbchens wird das Bild des Negativbuchstabens hinein gearbeitet. Unter der starken Lupe gräbt der Meister mit dem gehärteten Stichel die Punzen aus dem Stahl heraus, die inneren Konturen des Buchstabenbildes. Mit der Farbwalze verteilt er Druckerschwärze auf dem Stahl, gibt Farbe auf die Oberfläche seines Stempels, macht einen ersten Abdruck auf Papier: perfekt. Dann treibt der schwere Hammer den Stahl in die Oberfläche eines viereckigen Stückchens aus Kupfer. Die Matrize ist geboren, das Negativ der Originalgravur. Dann kommt das wichtigste Instrument der Technikgeschichte, das Gießinstrument – der Zünder an der Bombe des neuen Zeitalters, ebenso einfach wie genial, und es geht so:

einspannen der Matrize ins Gießinstrument
festklemmen mit dem Bügel
einfüllen des 380 Grad heißen Schriftmetalls aus Blei und Antimon mit dem Gießlöffel
lösen der Backen
Gießzapfen von der Type abschlagen, schleifen

Viele identische w’s und a’s und o’s, so gelingt Gutenbergs maßgerechter Typenguss.

Buchstaben sind die Elemente, in die Gutenberg jeden Text zergliederte. Lautzeichen, die jedes für sich keinen Informationswert haben, sondern immer wieder anders zusammengesetzt werden zu Wörtern und Zeilen. Hierzu konstruiert er den Winkelhaken oder Setzlöffel und er erfindet den Setzkasten, einen logisch durchdachten Speicher, in dem jeder Buchstabe seinen für den Setzer günstigsten Platz einnimmt. (War in unserer Zeit ein beliebtes Acessoir zum Aufbewahren von Nippes) Fünfhundert Jahre vor dem Computer denkt sich ein mittelalterlicher Handwerksmeister das moderne System zur beliebigen Wiederverwendung von Normteilen in immer neuen Kombinationen aus. Darin liegt die Größe, die Modernität eines Mannes, der als Pragmatiker eigentlich nur Handschriften rationeller herstellen wollte als mit Hilfe von Tinte und Feder.

Kein Buch ohne Papier. In Basel steht eine originalgetreu wieder aufgebaute mittelalterliche Papiermühle. Im Keller müffelten die Lumpen, die dort vergammelten, um im dicken Kalander zu Mus zermahlen zu werden. Wir beobachteten die Büttgesellen (daher Büttenpapier) an der großen hölzernen Schöpfbütte, wie sie mit Schwung den feinen Rahmen, der das Wasserzeichen enthält, in den Brei tunkten und heraushoben, um die Schicht Papierbrei äuf einem Filz abzuladen, wo er trocknete. Natürlich versuchte ich sogleich, mit meiner Feder ein paar Buchstaben auf das raue, herrlich sich anfühlende neue Papier zu setzen.

Dann lernten wir, wie Gutenbergs Gesellen die Druckform einfärbten mit dem Ballen aus Hundeleder (das keine Poren hat) und unter die Presse legten. Ein harter Druck mit dem dicken Holzbalken und die gedruckte Seite lag vor uns, wurde sachkundig an die Leine gehängt zum Trocknen. Welche Mühe, welche handwerkliche Kunstfertigkeit.

Zwei Fachfrauen entwarfen für uns die mittelalterlichen Kostüme und der Requisiteur zauberte Raritäten aus geheimsten Ecken hervor. Mit Hilfe dieser guten Geister gelang es, in einer geheimen Ecke hinter dem Mainzer Dom, wo alte Säulen und Kapitelle herumlagen, einen mittelalterlichen Buchmarkt aufzubauen, die Stände bestückt mit echten (unter strengem Polizeischutz herbeigeschafften) Büchern und Bibeln. Der Historiker Professor Manns hatte ein gewichtiges Wort bei den Kirchenoberen gesprochen.

Und da lagen sie, die kostbaren Originale aus dem Hause Gutenberg:

Die lateinische Schulgrammatik des Aelius Donatus
der astronomische Kalender für das Jahr 1449
der Aderlasskalender
der Türkenkalender 1455
die Ablassbriefe, die erste Großauflage der Geschichte

Wer das Hauptwerk zu sehen wünschte, musste sich ins Mainzer Gutenberg -Museum verfügen, wo die Kostbarkeiten unter strengem Verschluss liegen: die prunkvolle 42-zeilige Gutenberg-Bibel mit ihrem zeitlos harmonischem Satzbild und den leuchtenden Farben wie am ersten Tag. 180 Exemplare wurden zwischen 1452 und 1455 gedruckt auf Papier und Pergament, das grandioseste Werk, das Handwerkerkünstler je aus Druckerschwärze geschaffen haben. Ein Denkmal zum Anbeten. Ich habe hunderte von Menschen daran vorbei defilieren sehen, die Augen groß, ergriffen.

Es kam wie es wohl kommen musste. Zeugnis dafür ist ein Stück Papier, nicht mal gedruckt, es ist handgeschrieben:

ich Johannes Fust han ußgenommen sechszendehalb hundert Gulden, die Johann Gutenberg worden und auch uff unser gemein wergk gangen sint, do von ich dan jerlichs gult, solt und schaden geben han und auch noch eins teils biß her schuldig ist.

Der Chef des Museums zeigte es mir, das Helmaspergische Notariatsinstrument, in dem Zeugnis abgelegt wird von den Gerichtsverhandlungen des ehemaligen Druckerschülers Fust gegen den Meister Gutenberg im Mainzer Franziskanerkloster. Unser Team hatte das Umfeld des tragischen Prozesses nachgebaut im Remtersaal des Klosters Eberbach. Freundliche Schauspieler waren bereit, in historischen Kostümen den Prozess in seinen Höhepunkten nachzustellen. Bis dann der schreckliche Ausruf des Richters kam: Sie sind schuldig, Meister Gutenberg! Alles verlor er, sein Geld, seine Ehre. Seinen Ruf als Drucker.

Ich wusste nur, dass Johannes Gutenberg 1468 starb und begraben wurde im Langschiff der Franziskanerkirche. Diese Kirche ist längst vergangen. Ich versuchte, dem Meister mit einer keinen Szene gerecht zu werden. Ich hatte errechnet, dass Gutenbergs Grab in der Mitte der Straße zu finden sei, die am alten Gebäude des Instituts für Europäische Geschichte vorbeilief. Dort stellte ich hölzerne Pfeiler auf, die vom roten Tau verbunden wurden. Und aus einem Hauseingang schritten feierlich vier würdige Gestalten in Talaren stumm auf das Viereck zu und legten Kopien seiner Druckwerke und Schriften nieder. Verbeugten sich und schritten davon. Und für den Abend hatten wir die Feuerwehr bestellt, die den Platz vor dem Dom absperrte und auslegte mit Asbest. Darauf häufte der Requisiteur Zentner billig erworbener Bücher und versuchte sie anzustecken. Nichts da, es bedurfte einiger Liter Benzin, bis es langsam vor sich hin kokelte. Ich wollte, die Flammen müssten so hoch schlagen, dass sie aus meiner Sicht genau über der Kuppel des Doms hervorleuchteten. Es klappte.

Und doch blieben so viele Fragen. Warum gab es keinen Preis für die Jahrtausenderfindung, warum keine Anerkennung der Zeitgenossen, keine Hilfe für den Mann, als er am Boden lag? Nur Hohn und Spott für den Verlierer?

Da war einer, der mir half, das Ganze einzuordnen. Er hieß Peter Manns und war Priester und Professor für Geschichte. Er war der wohl bedeutendste Lutherforscher der katholischen Kirche, ein katholischer Lutheraner, wie er schmunzelte. Ich fragte ihn nach den Wirkungen der Gutenbergerfindung:

Aus den alten Buchmessekatalogen kann man ablesen, dass in den ersten Jahren der Anteil der theologischen Literatur sehr hoch ist. Vierzig Jahre später wurde es weniger, dafür kamen die Naturwissenschaften, eine positive Folge Gutenbergs. Astronomie, Astrologie, Medizin, Mathematik. Bis in die Gegenwart hinein waren sie undenkbar ohne die Erfindung des Buchdrucks. Negativ ist dass die Menschen das Memoiren verlernten. Unsere Unfähigkeit, Texte zu memorieren, Lieder zu behalten, geht auf das gedruckte Buch zurück.

Und was ist mit den Bücherverbrennungen, fragte ich:
Es hat in Mainz hier vor meinem Fenster 1821 eine Lage gegeben, wo im Dom und um den Dom Mainz fast eine lutherische Stadt war. Als Alexander nach Mainz kam, um die Bücher Luthers verbrennen zu lassen. War da vor dem Liebfrauenportal des Domes ein Haufen aufgerichtet zur Verbrennung der Bücher. Obendrauf stand der Mann vom Schindanger, der das verbrennen sollte, mit der Fackel. Alexander befahl die Verbrennung, und der Mann weigerte sich. Dann wurden Luthers Bücher in der Nacht draußen bei der Aurelius-Kapelle auf dem Friedhof verbrannt.

Ohne Gutenberg, sagten Fachleute wie Peter Manns, hätte es Luthers Reformation nicht gegeben. Mit allen ihren Folgen für die Europäische Geschichte.