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Sascha, der Wodkafreund

Karelien 1997

Wegweiser sucht man in der Taiga vergeblich, und wenn ein Schild kommt, ist es russisch. Irgendwie hat der Fahrer unseres altersschwachen VW-Busses die richtige Sandpiste durch den dichten Wald gefunden und wir erleben den Einzug ins 500 Seelen Dorf Kuganawolok – das Fischerparadies am großen Wodlosero-See. Ein paar Pferde grasen, Leute gehen auf der Hauptstraße, Büros gibt es nicht, keine Fabrik, die auf Arbeitnehmer warten könnte, wie noch zu Zeiten der Kolchosen. Ja damals, da war das Leben einfach, kam der Lohn immer pünktlich, aber heute? Die alten Leute blicken resigniert. Was hilft die gesegnete Demokratie, ohne etwas zu essen? Den Frauen tut der Rücken weh vom ewigen Bücken beim Kartoffelbuddeln im September. Manche besitzen ein handtuchgroßes Stück brauner Erde, das ein paar Knollen hergibt. Fließendes Wasser und Strom in den Häusern gibt es nicht, Trink- und Waschwasser für das Gemüse kommt aus dem sauberen See. Auf dem Dach wackelt die TV-Antenne.

Mein Sascha, der lebendige Reporter vom Russischen Fernsehen, labt sich am guten Wodka, wickelt das Kabel um die Hand, packt das Mikro und macht sich auf den Weg zu den kleinen Höfen. Lächelt, fragt, ermuntert, er macht das gut. Eine Bäuerin: Wir hatten eine Straße, die in den Park führte, hatten alle Arbeit, jetzt haben wir keine. Wir müssen jetzt Lizenzen kaufen, ohne Lizenzen dürfen wir im See nicht fischen, werden bestraft, es ist aussichtslos. Für Brennholz müssen wir Billette kaufen, die können wir nicht bezahlen, und der Winter ist lang.
Ein Bauer: Wir hatten 95 Kühe, mit angeschlossene, Betrieb, Kühe gibt’s nicht mehr, die wurden aufgegessen, wir haben nichts davon bekommen.

Sascha betrachtet wohlwollend die Rundungen der hübschen Bürgermeisterin. Na ja, der Nationalpark ist hier der einzige Arbeitgeber, fast alle stehen auf seiner Gehaltsliste. Ich hoffe auf den Tourismus – ach, die Zukunft muss einfach besser sein als die Vergangenheit. Sascha nickt friedfertig, und Alexander Kolobov schiebt die Kamera ins Leinenfutteral. Schluss.

Majestätisch ruht das Bauernhaus mit den altersschwarzen, dicken Bohlen, den kleinen winterfesten Fenstern, vor dem flachen Sandstrand des großen Sees – gebaut für eine Ewigkeit, und doch lange schon verlassen, weil hier niemand mehr den Boden bearbeitet seit Stalin. Natalja Tscherjakowa, die dunkle Schöne, hat Kunst und Ethnonologie studiert, bevor sie Oleg heiratete und mit dem Park befasst wurde. Dies schöne Haus hat sie ausgespäht, hier sammelt und bewahrt sie, was bäuerliche Kultur in Jahrhunderten geschaffen hat. Hat das Haus liebevoll restauriert und wartet auf Besucher. Auf mancher Expedition ins weite Umland, oft zusammen mit Schulkindern, hat Natalja Gegenstände des Alltags zusammengetragen, wie sie typisch sind für die Wodlosero-Kultur der 40 Dörfer, die einst um den See herum standen. Die Werkstoffe der Milch- und Getreidegefäße, der Hacken und Schaufeln, der Butterfässer sind Eisen, einheimische Hölzer und Rinde. Die junge Frau geht zum schlichten Holzkreuz auf der Anhöhe – eine weithin sichtbare Mahnung. Die Tradition, sagt sie, Gedenkkreuze zu errichten, ist sehr alt bei uns. Die örtliche Bevölkerung besucht diese Gedenkstätten, die anstelle ehemaliger Dörfer aufgestellt wurden. Die Menschen möchten sich an die Mitbürger erinnern, die hier in weiter Vergangenheit gelebt haben. Es sind heilige Stätten geworden.

Natalja fährt mit uns nach Kanzanavolok zu einer alten Werkstatt. Mit seinen 80 Jahren noch sehr rüstig, baut Ivan Petrovitsch seine eleganten und schönen Holzboote ganz von Hand, Planke für Planke. Wenn er einmal nicht mehr ist, wird das Handwerk des Bootsbaus mit ihm aussterben. Er hat keinen Lehrling. Boote kommen jetzt aus der Stadt. Nebenan steht ein Haus voller Blumen. Seit einem halben Jahrhundert treffen sich neun alte Frauen des Dorfes – wurden einst von ihren Höfen vertrieben- um zu essen und gemeinsam zu singen. Die Lieder ihrer karelischen Heimat kann niemand ihnen nehmen. Immer geht es darin um ein Mädchen, das den Liebsten sucht, das Lied der eigenen Jugend. Nur Mühe und Arbeit ist ihr Schicksal gewesen, die Hände verraten es. Mit den neumodischen Ideen eines Parks können sie nichts anfangen.

Ganz still hat Victor seine Kamera aufgebaut im Turnsaal der alten Schule. Der Kinderchor von Kuganavolok will uns einstimmen in die eigentümlich schwermütige Welt dieser Taiga. Ein süßer Blondschopf, 5 vielleicht, singt hingebungsvoll mit strahlender Stimme den Refrain. Das jubelnde Lied handelt von einem Kind, das so gern fliegen möchte, aber doch keine Flügel hat. Weit hallt der Chor, während Sascha ins Boot steigt. Über den See fährt er in den nördlichen Teil des riesigen Parks. Überall hört er Hochzeits- und Liebeslieder, an denen Karelien reich ist. In stiller Farbenpracht der Unterlauf des breiten, ruhig strömenden Ilexa, Charakterfluss des Parks, Fichten und Kiefern im modrigen Boden der Ufer. Kein Mensch wird sich in die Taiga wagen, wo im Sommer Myriaden hungriger Moskitos das Dasein zur Hölle machen. Im Horst des Baumes sieht Sascha den Steinadler, der seine Jungen mit Hechten und Brassen aus dem Fluss füttert. Das Boot legt sich an den Steg der kleinen Siedlung Nowguda. Hier lebt Nicolai Borissowitsch Pimenow, Inspektor des Parks, einsam, früher war er Jäger, jetzt hofft er auf Touristen und Wissenschaftler aus Deutschland, die er führen könnte in sein Reich. Mit langer Übung spreizt Nikolai den salzbestreuten Fisch mit kleinen Hölzern, bringt einen guten Vorrat zur selbstgebastelten Räuchertonne, die früher mal Öl enthielt. Das Holz qualmt still und wirksam. Drei Stunden später sind alle satt vom Räucherfisch und lecken sich die Finger. Dann geht Nikolai mit uns in den Urwald von Ilexa. Tausende von Quadratkilometern borealer, also nordischer Nadelwald. Dicht stehen die Fichten, Tannen, Kiefern, Lärchen, hängen Flechten wie Bärte, Moosteppiche, Steinpilze, Beeren in Massen. Ein Lebensraum, fast lautlos, wie ein unbekanntes Märchen. In Jahrhunderten gewachsen, ertragen diese Bäume den langen harten Winter. Nur wenige Kilometer kann Nikolai vordringen nach Norden ins moorige Dickicht, dahinter dehnen sich riesige unbekannte Flächen menschenleerer Taiga.

Die Kinder von Kuganavolok singen ihre sehnsüchtigen Lieder. Werden sie den Nationalpark erleben, wenn sie erwachsen sind? Sein Unterhalt erfordert schon heute Mittel, die der Staat nicht hat. Nun soll Europa helfen, eine Infrastruktur schaffen, eine Kommunikation, Landkarten, Unterkünfte, Wegweiser in Englisch, Straßen, auch und Wege ins Dickicht. Bald soll die Märchenwelt zum Welt-Naturerbe der Unesco gehören. Hamburger Forstleute engagieren sich. Inzwischen geht Nikolai seine Runden im Revier, viel redet er nicht, gut verdienen tut er auch nicht, aber stolz ist er schon, Ranger sein zu dürfen im größten Urwald, den Europa besitzt - noch.

Sascha hat sich einen Stuhl geschnappt in Nataljas Museum. Er nimmt einen nicht ganz so kleinen Schluck, singt leise das Lied des Kinderchors vor sich hin, es geht ihm nicht aus dem Sinn. Morgen fährt er nach Petrosawosk, das Russische Fernsehen hat ihn wieder gerufen – nach Tscheschenien soll er, auf den Kriegsschauplatz, wohin sonst? Und da ist jetzt der Wodka knapp.