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Hirsebrei und Erdnuss-Soße

In steter Geduld taucht Werner die Hände tief in die schwarze Erde, hebt sie heraus, gräbt nach und nach ein rundes tiefes Loch in den Boden der Plantage. Ein Baumpflänzchen hebt er sorgsam hinein in das eben gegrabene Loch, drückt sanft die Erde fest um die zarten Wurzeln, besieht sein Werk, lächelt und rutscht auf den Knien ein paar Meter weiter, setzt sein Tun fort, bis zum späten Nachmittag, wenn die Sonne verschwindet. Werner Schindele, der Blondschopf aus Oberfranken, knapp dreißig Jahre alt, er liebt seine Bäume, er kämpft um ihr Überleben in einer Welt, die ihre Wälder rodet, um Land zu gewinnen für den Anbau, Land für die ewig wachsende Bevölkerung. Werner Schindele leitet das German-Gambian-Forestry-Projekt und hat uns in seine kleine Baumschule geführt, Nyambai heißt sie und liegt inmitten eines Forstes nicht weit der Distrikthauptstadt Birkama an der Teerstraße von Serrekunda am Atlantik nach Mansa Konko am stillen Gambiafluss. Ein Dutzend einheimischer Forstarbeiter pflanzen Setzlinge, die in dünnen Plastikbeuteln aufbewahrt werden, in breite Betonbeete und begießen sie.

Schwül heute, die Regenzeit steht bevor, lass uns in den Schatten gehen. Werner lehnt sich an einen dünnen Baum. Ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, was wir hier machen, aber sonst macht es eben keiner. Schauen Sie sich doch um im Land, wo finden Sie noch einen halbwegs intakten Wald? Nur verkümmerte Palmen auf den Ackerflächen, die Wälder sind längst gerodet, weg, verschwunden. Ein Trauerspiel, aber so ist es in Afrika, die Leute brauchen was zum Kochen und Braten, Holz eben. Und sie holen sich’s, wo sie’s finden. Heute hat Gambia 600 000 Einwohner, is’n kleines Land, aber eine Geburtenrate von 3,2%, Tendenz steigend. Und die Edelhölzer sind längst ins Ausland verkauft, auch nach Deutschland: Jallo, die Mahagoni, Kyembo, das Eisenholz, Duto, der Buschmango, Kobal, der Balsabaum. Aber die Frauen hier wollen nur Keno zum Kochen, das Rosenholz, weil es gut riecht und lange hält und glüht ohne Rauch. Ein Holzbündel reicht für anderthalb Tage, so braucht die Frau pro Monat 26 Bündel, die kosten sie ein Fünftel ihres Einkommens. Na und das Rosenholz wird natürlich aus dem Wald geholt. Da kommen Sie nicht gegen an. Die beste Ernährung ist nichts wert, wenn man sie nicht kochen kann, wenn man kein sauberes Wasser hat, so ist das eben. Ich bring Sie zu einem alten Freund, da können Sie selbst sehen.

Nicht weit vom Dorf Kafuta finden wir an der breiten Dorfstraße den viereckigen Hof eines Compounds, hier der Ausdruck für den Wohnsitz einer Großfamilie. Fast sieht es aus, als brächen die Europäer in den Frieden Afrikas. Aber unsere Gastgeschenke, liebevoll eingewickelte Colanüsse, werden lächelnd akzeptiert. Der Boss und oberste Erzeuger begrüßt uns, Landing Kujabi, seine Frauen bleiben im Hintergrund: Mama Jargu, Aisatou Badjie, Binta Jargu. Frauen behalten nach der Hochzeit ihren Mädchennamen. Dann tritt der Held unserer kleinen Filmstory auf, ältester Sohn Jobé, kenntlich an seiner tiefroten Wollmütze. Seine hübsche Frau hört auf den Namen Binta Kamara. Alle im Compound sind miteinander verwandt und verschwägert, nicht zu zählen die sauberen und gut genährten Kinder. Man führt uns lächelnd durch das Haus – in die hübschen Wohn- und Schlafzimmer, wir bewundern das Brunnenklo im Gärtchen, den Körperwaschplatz, die Frauen in der Kochhöhle, das Geschirr aus traditionellem Ton und buntem Plastik. Es geht in unserem Schulfernsehfilm um die Eiweißernährung, und auf unsere Bitten hin wollen uns die Frauen zeigen, wie und was sie an diesem Tag kochen. Jobé hat dabei nichts zu suchen, das sind Arbeiten für die Frauen. Fische aus dem nahen Gambiafluss werden gereinigt, Zwiebeln aus dem Garten geschält, die harten Körner der Hirse mühsam im Holzmörser gestampft, um die Schale zu entfernen, mit dem zweiten Stampfen entsteht ein grauweißes Pulver, dies wird ausgesiebt und im Tontopf gekocht… alles in zwanghafter Enge, ohne Rauchabzug, uns laufen die Tränen über die Backen, und auf den kleinen Feuern aus Rosenholz, das so gut riecht. Der Fisch wird in Erdnussöl gebraten, dazu gibt es eine schmackhafte Soße aus Zwiebeln, Tomaten, Erdnussbutter und getrockneten Austern aus dem Fluss. Mir schmeckt es, meinem verwöhnten Team weniger: zu scharf! Im Compound essen die Geschlechter getrennt, wir werden bei den Männern versorgt.

Im Dorf Kafuta steht die Hochburg der Deutschen im Kampf gegen die Waldrodungen, das Hauptquartier des Projektes – das neue Sägewerk, ein sauberer Hof, das Bürohaus, die weitläufigen Holzwerkstätten, das Holzlager, die große offene Halle mit den Sägen, der Platz für die angelieferten Baumstämme, der Hackplatz. Einheimische Arbeiter grüßen freundlich, Vorarbeiter, Counterparts laufen herum, ein bisschen nach General sieht der Leiter aus, Diplomforstwirt Josef Trainer. Alles befiehlt durcheinander, die große Wuhling zur Eröffnung des teuren Prestigeobjekts durch den Präsidenten von Gambia. Weißgestrichene Feldsteine markieren Parkplätze. Alle Fußböden werden grün gestrichen, wollen aber nicht trocknen. Der streng verschließbare Kühlschrank birgt Softdrinks, Wasser und Strom gibt es nur stundenweise. Die deutschen Damen schwitzen beim Fertigen belegter Brote. Unter dem weiten Mahagonibaum steht eine richtige Bartheke. Mit dem LKW kommt das weißblaue Präsidentenpodest mit Baldachin und wird eilig aufgebaut. Männer mit Reisigbesen fegen den Hof stubenrein. Kommt die große Holzschale rechtzeitig für das Präsent an den Regierungschef? Wird man alle Leerflaschen wieder bekommen – das Flaschenpfand ist hoch. Sind alle Alcalos eingeladen worden, die Dorfchefs? Wer wird wo sitzen? Wird Regen alles aufweichen zum roten Schlamm? Werner ist schweißgebadet, es steht viel auf dem Spiel für ihn und sein Projekt. Und dann kommt der Tag, und alles strahlt in Sonne und Festesglanz. Kavalkaden von Dörflern und Kindern eilen festlich gewandet herbei, Honoratioren stehen herum, gelb gewandete Militärmusiker üben letzte Takte. Ein Minister nach dem anderen mit Eskorte. Die Botschafter aus China, England und Deutschland geben sich jovial. Vor dem Werktor improvisieren die Dörfler schon mal ihre Tänze nach den Klängen aus dem Lautsprecher. Stimmung wie auf dem Jahrmarkt – Hoch die Deutschen! Dann der Jubel: Der Präsident erscheint, Herrscher über den Blinddarm Afrikas, wie Nicht-Wohlmeinende Gambia nennen, seit 20 Jahren. Man pfercht ihn ein mit anderen hohen Würdenträgern auf dem viel zu kleinen Podium. Reden werden gehalten und bejubelt, von Fortschritt ist die Rede, von Import-Unabhängigkeit, von Waldschutz und von den großartigen Deutschen, die das alles so wunderbar organisieren. Die Schale mit Landesfrüchten wird huldvoll akzeptiert, das beigelegte gefesselte Huhn versucht zu fliehen. Die geschenkte Ziege bleibt einfach stehen. Niedlich uniformierte Schulmädchen stehen Spalier. Die Nationalhymnen erklingen, die gambische und die deutsche. Der Präsident entnimmt der hingereichten Holzschale die Schere und durchschneidet beifallsumrauscht das grüne Band der Maschinenhalle. Wandert umher, besichtigt jede Maschine, jede Probe Holz, ist interessiert. Endlich werden die Softdrinks freigegeben, es entbrennt eine erbitterte Schlacht – manch einer versucht zwei Flaschen gleichzeitig zu schlucken.

Noch wackelig auf den Beinen, erscheinen am Morgen Werner mit Frau Susanne, Holzexperte Eberhard Götz mit Frau, das deutsche Dreimannteam, ein Fahrer, und Mr. Bangura, der alle 11 Landessprachen spricht und viel von Wildpflanzen versteht. Die Kolonne marschiert ostwärts – von Kafuta über Bwiam, Bondali, Kalagi, nach Tandaba am Ufer des Gambia. Unser Übersetzer macht den arbeitenden Bauern auf den Feldern klar, dass wir sie filmen möchten, und sie sollten nicht zu uns hingucken, sondern einfach weitermachen, manchen fällt gerade das schwer, denn welcher gambische Erdnussbauer wird schon Filmstar. Wir drehen die bäuerliche Landschaft mit ihren Palmen, schwarze Gewitterwolken, hackende Frauen unter Bäumen, den verbrannten Wald bei Bwiam, abgestorbene Mangroven am Bintang, einem Seitenarm des Gambia. Frauen beim Säen und Einhacken des Upland-Reis. Spät am Tandaba Camp, eine Ansammlung runder Gästehütten. Sie gehört einem knorrigen Schweden, der uns ein Festessen zelebriert mit Kalebassen voller Reis, Krabben, Erdnusssoße, Hirsebrei, zartes Ziegenfleisch. Die Luft steht still und heiß über dem braunen Gambia. Dann der heulende Sturm, der hereinbrechende Sturzregen in wilden Kaskaden, alles rennt und flieht. Und am heiteren Morgen wecken uns die melodiösen Vogelstimmen. Die Dusche ist lau und das Handtuch riecht nach Fäulnis – doch wen stört das. Während mein Kameramann im schmalen Boot durch die Mangroven gleitet, erzählt mir Herr Bandura ein wenig über die Ethnobotanik seines Landes. Über die beliebte Zahnbürste, nämlich die gekauten Zweige des Jambakateng, die man auch als Reinigungstee gegen Magenschmerzen aufgießt. Oder das Lalo aus den gemahlenen Blättern des Nettobaums, dessen gelbe Samen das beliebte Speisegewürz liefern, Netto ist auch gut zum Schreinern. Kinder mögen die süßsauren Früchte des kleinen Baumes namens Sisiphus duduba. Die Blätter des Combrettum nigranta helfen gegen Malaria. Palmwein gewinnt man aus der Rhunpalme, deren Blätter zum Teppichknüpfen dienen, der Stamm ergibt Dächer und Brücken. Die Stämme des wilden Mango verarbeitet man zu Möbeln und zu Hirsestampfern. Und schließlich führt er mich auf der Rückfahrt geheimnisvoll in den dichten Pirangwald. Er steht nur deshalb noch, weil ein Schamane ihn vor drei Generationen mit einem Bann belegte. So mögen weite Landstriche Gambias einmal ausgesehen haben. Die kleine Fläche ist heute ein zaungeschützter Staatsforst. Ein Schicksal, das vielen Waldgebieten Afrikas bevorsteht.