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In der Salzwüste Kavir

Der Wagen hielt am Straßenrand. Laster dröhnten vorbei auf ihrem Weg nach Kashan. Farid Kardavani holte die Thermosflasche aus dem Fach und goss heißes Wasser über die Teeblätter in der Kanne. Zucker dazu, erfrischend! Mohammed Harisi, der Architekt, reichte das Fladenbrot und den trockenen Käse, die Oliven. Der Fahrer rauchte gleichmütig. Ich bin mit der Wüste verheiratet, sagte Kardavani und lächelte. Die Gebirge da, das sind weiche und a prioriaprionisches, von Erfahrung unabhängies Wissen - im Gegensatz zu empirischem, erfahrungsabhängigem Wissen salzhaltige Gesteine. Das ober- und unterirdisch abfließende Wasser nimmt Salz mit und lagert es beim Verdunsten ab. So sind die KavireDascht-e Kawir (auch Kavir oder Kewir) ist der Name der Großen Salzwüste im Iranischen Hochland, nördlich der Lut. Sie liegt im Hochbecken zwischen dem Zagros-Gebirge im Südwesten und dem Elburs-Gebirge im Norden.Quelle: Wikipedia.de, Irans Salzwüsten, entstanden. Er zog ein Satellitenfoto aus der Tasche. Hier in der Mitte sehen Sie das strahlend weiße Rund der Daryatsche-ye-Namak, das ist der große Salzsee, eine leblose Salztonfläche, die sich in der feuchten Jahreszeit in einen tückischen Sumpf verwandelt. Niemand weiß, wie viele Karawanen darin schon versunken sind, auf Nimmerwiedersehen. Ein gespenstisches Bild, es erinnerte mich an eine Stelle bei Karl May.

Einfahrt in Ghom, die heilige Stadt, die Stätte der Moscheen. Vorsichtig um sich schauend, führte Kardavani mich in die riesige, unvorstellbar prunkvolle Hauptmoschee und deutete an, fotografieren Sie, aber rasch! Diese Profanierung ist verboten, der Islam verbietet in seinen Gotteshäusern die Abbildung von Gesichtern – manchmal aber haben Künstler Gesichter versteckt in den Arabesken. Ich schoss. Zehn Fotos hatte ich geschafft, dann schob der Wagen sich wieder durch enge Gassen. Schwarz verschleierte Frauen wichen aus, schüttelten die Fäuste, riefen etwas, das nicht nach Liebe klang. Ich duckte mich in den Schutz des Wagens. Ahnte noch nicht, auch wenn Zeichen sichtbar waren, dass hier bald die Hölle der Revolution losbrechen würde, mit mehr Fäuste schüttelnden, steinewerfenden Frauen.

Die Wüstenstation von Kashan war das Labor und die Basis für Exkursionen des Wüstengeologen mit seinen Studenten. Ich schob mein kleines Gepäck in den Jeep. Auf den Dach festgezurrt die Stahlmatten, notwendige Unterlagen für Reifen im mahlenden Sand. Der Wagen kletterte auf die Düne. Das ist eine klassische Barchane, eine Sicheldüne, lehrte Kardavani, ihre konvexe Seite weist der Windrichtung entgegen, der Steilhang liegt auf der Leeseite. Wir kennen hier geschlossene Dünenfelder in reinen Sandgebieten und Dünen, die über weite Flächen wandern.

Neben uns aufgereiht mit gleichen Abständen die Löcher der Qanats. Foggara sagen die Araber. Seit zweieinhalb Tausend Jahren kennt man die endlosen unterirdischen Stollen, die das Grundwasser sammeln und zur Bewässerung bereitstellen. Männer steigen ein und reinigen die Röhren vom eingedrungenen Sand, werden oft verschüttet. Hier gäbe es keine Landwirtschaft, überhaupt keine Kultur ohne die QanatsEin Qanat, (arabisch;‏قناة‎, DMG Qanāh, auch Kanat) ist eine traditionelle Form der Frischwasserförderung meist in Wüstengebieten. Es handelt sich um horizontale Brunnen, so genannte Freispiegelkanäle, die Trink- und Nutzwasser aus den Bergen beziehen.Quelle: Wikipedia.de. Aber sie verfallen. Schuld daran sind die neuen Tiefbrunnen, die zur Versalzung führen. Moderne Technik, belehrte mich Kardavani, ist in diesem alten Lebensraum immer vom Übel.

Weiter fuhren und rutschten wir lehrend und hörend auf der historischen Seidenstraße, begegneten den ehrwürdigen, bunt geschmückten Kamelen mit ihren klingenden Glöckchen, wie sie gravitätischen Schrittes in langer Karawane gingen, zur nächsten Karawanserei – manche sind 400 Jahre alt und stehen wie Burgen im Sand. Dicht an die Dünen geschmiegt und in Sichtweite des großen Salzsees liegt die Karawanserei Maranjob. Architekt Harisi ließ sie im Auftrag der Regierung ausgraben und aufwendig restaurieren. Monatelang schaufelten die Arbeiter den meterhohen Schutt, gemischt mit Kameldung, aus den weiten Gewölben und dem Innenhof. In den meterdicken Mauern sind Nischen eingelassen, in denen schliefen die Kamelführer beim Schein der Öllampen, deren Ruß noch die Wände färbt. Ein Museum sollte Maranjob werden, eine Begegnungsstätte von Wissenschaftlern aus Europa und dem Orient. Kaiserin Fara Diba (die Shabanu) hatte das Patronat übernommen. Schüler servierten den Tee auf bunten Teppichen. Kamele standen wie scharf geschnittene Silhouetten gegen den Himmel. Ich träumte mich in die Welt der Seidenkarawanen, in die Zeit, da Tier und Mensch hier lagerten im Schutz der Mauern, die noch manche Kugel aufwiesen von den Kämpfen der Vergangenheit.

Zur kurzen Visite kam Professor Balooch vom Science Department, ein begeisterter Zoologe, in der Wüste geboren, ein blendender Erzähler. Im Sand zeichnete er für mich eine Nahrungskette in der Salzwüste und erläuterte:

Der Wind bringt Pflanzenteile und Samen .... Insekten fressen das .... Eidechsen fressen Insekten .... Füchse fressen Eidechsen .... oder noch kürzer:
Das Gras wächst .... Gazellen fressen Gräser .... Geparden fressen Gazellen
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Balooch führte mich dann an einen Dünenhang, ließ mich warten. Eine niedliche Wüstenspringmaus saß vor ihrem Bau, knabberte an den Samen eines Busches. Richtige Disneyszene. Leider heftig unterbrochen von einem anderthalb Meter großen, grauweißem Waran Varanus griseus, der das Mäuslein schnappte und genussvoll verspeiste – nur der lange Schwanz schaute noch eine Weile aus dem Maul des Räubers. Während Balooch wie ein Bilderbuch über den kleinen Wüstenfuchs Vulpes cana und die kaninchenjagende Schlange Vipera lebetina berichtete und auch den Geier nicht vergaß, betrachtete ich eine Schule von stichlingsgroßen Fischlein im schmalen Wasserlauf, der durch die Mauer der Festung ins Freie floss und rätselte, wie sie wohl da hinein gekommen waren, dies aber konnte der Zoologe mir nicht erklären. Karawansereien sind die Hiltons der Wüste, scherzte Karavani beim Einsteigen. Zu Abend aßen wir mit zwei lachenden Studentinnen, die emsig Bauernmünder betrachteten, denn ihre Doktorarbeit handelte von den Zahnerkrankungen der örtlichen Bevölkerung. Einmal blüht die Salzwüste Kavir kurz und heftig – ich dufte es nicht erleben.

Auf Anordnung des Schahs wurden 600.000 Hektar der Kavir zum Nationalpark erklärt, zum A-Habitat von Wüsten und Gebirgen. Es wurde eines der zehn Wüstenreservate des Iran. Teile der Wanderdünen wurden mit Pflanzen befestigt. Ein für acht Jahre verhängtes Weideverbot genügte, um Arten wie Haloxylon ammodendron und Stipagrostis plumosa, das Futtergras, wieder erscheinen zu lassen. Ein Phänomen, dem ich später bei Sigi im Senegal begegnen sollte. Vom Jeep aus konnten wir die einheimischen Gazellenarten (dorcas und subgutterosa) beobachten, selten auch den für Iran typischen Geparden.

Wir saßen noch einmal zusammen beim Essen. Kardavani, der Wüstenfreund, er begriff nicht, warum reiche Leute heute hier ihre Häuser bauen können mit riesigen Fensterscheiben und ölfressenden Klimaanlagen. Dies sei doch gegen jede Anpassung an die Bedingungen der Wüste. Auf der Serviette zeichnete er die Umrisse der iranischen Bauweise mit den runden Kuppeln aus Lehm, im Sommer kühl, warm im Winter. Innen verläuft der Schacht, der dafür sorgt, dass im Sommer kühle Luft aus dem Keller hochgesaugt wird bis ins Dach. Ich berichtete von meinen Plänen, etwas zum Thema Humanökologie zu machen, er verstand mich sofort. Von diesem gelehrten Idealisten und Kämpfer für ein intaktes Wüstenökosystem, gegen die man-made-deserts der Welt, habe ich gelernt. Ich bewunderte ihn, weil er als Wissenschaftler die Wüste so sehr lieben konnte. Leider hatten die Wächter der islamischen Revolution, die bald darauf die Macht übernahmen, für eine westlich geprägte Ökologie nichts im Sinn.