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Meine Fünfziger Jahre

Vier Jahre nach dem Ende des Großen Krieges schien ein Ruck durch die Gesellschaft der Deutschen zu gehen. Oder mehrere. Ein optimistischer Positivismus schien sich auszubreiten. Die Menschen waren geneigt zu glauben, es könne nur noch aufwärts gehen nach dem tiefen Tal, das man hungernd und frierend durchwandert hatte. Nicht dass die Wunden verheilt gewesen wären, die das Hitler-Regime geschlagen hatte, doch man fand sich wieder zurecht in der Zeit, mit ihren noch ungewohnten demokratischen Regeln. 1949 gingen die Deutschen in ihre schäbigen Wahllokale und füllten die Zettel aus, wählten in hohen Prozentzahlen CDU, SPD, FDP und rechte Splitterparteien. Konrad Adenauer wurde erster Kanzler der westdeutschen Bundesrepublik (mit vorläufiger Verfassung und Besatzungsstatut), die auferstanden war aus dem Trizonesien des Karnevalliedes. Der freundliche Schwabe Professor Heuß wurde Bundespräsident. Von den ostdeutschen Grotewohl und Pieck wusste man nur, was die westdeutsche Propaganda wollte. Die Jungen hatten anderes im Sinn als Politik, redeten von Weimar und dass da nichts gelaufen wäre mit den vielen Parteien. Niemand hatte ihnen Demokratie beigebracht, wenn auch die Engländer im YMCADie Abkürzung YMCA steht für Young Men's Christian Association, deutsch Christlicher Verein Junger Menschen (CVJM), der Brücke, sich Mühe gaben, von Democracy zu reden. Und Freundinnen? Heiraten? Kinder, so meinten viele Studenten, dürfe man in diese furchterregende Welt der Wasserstoffbombe ohnehin nicht setzen. Lieber stattdessen über Sartre und den Existentialismus reden. Die junge Demokratie tat sich schwer. es gab zu wenig Arbeit, die Arbeitgeber hatten das Sagen, die Wirtschaft war eine des Mangels und der hohen Preise. Von der beschworenen FriedensnormalitätDas kenne ich anders. Es gab das Wirtschaftswunder, die Fresswelle und die Reisewelle. Wer arbeiten wollte, konnte immer einen gut bezahlten Arbeitsplatz finden – in NRW in den 50er Jahren. GM war man noch weit entfernt. Wer ein Heim besaß, baute es aus zu einer Burg, in die er sich zurückziehen und die böse Welt draußen lassen konnte. Nie wurde so viel gelesen und geredet wie damals.

Ich trieb mich am Hafen herum. Nicht weit vom alten Signalturm lag der stolze Hapag-Lloyd Passagierdampfer New York, ein düsteres Loch in der Bordwand, würdelos gekentert, ein Denkmal vergangener Ruhmestaten. Ob sie träumte von weiten Turns über den Ozean, wie ich? Dann kamen Männer, dichteten das Leck, pumpten sie leer, nahmen sie auf den Haken, schleppten sie ab nach London, zum Verschrotten. Nie kam die New York im letzten Hafen an. Vor Helgoland im Nebel soll sie sich losgerissen haben, untergegangen irgendwo – und Auguren wollten wissen, da hätten Deutsche an den Trossen gepult, um das Schiff nicht in Feindeshand fallen zu lassen. Britische Experten sprengten die Kaimauern am Ostufer: Nie wieder sollten die Deutschen ein Schiff bauen. Der klobige U-Boot-Bunker widerstand den Experten, so gaben sie auf. Freund Detlef tauchte am Kohlekai nach dicken Anthrazitstücken in 10 m Tiefe, Detlef lass das! Detlef fand Munition, Buntmetall brachte ein Vermögen auf dem Metallmarkt. Eine 8,8 Granate explodierte, Detlef zerriss es die Lungen. Mancher Freund lag in der Klinik, unheilbar nervenkrank vom tödlichen Gift der Torpedoöle, die leichtfertig zum Braten verwendet wurden.
Ganz Kühne liefen aus in hölzernen Kähnen und fingen bei Laboe fette Makrelen, gut zum Räuchern im blechernen Fass auf qualmendem Buchenholz.

Auf der Holtenauerstraße verschwanden die umgefärbten Uniformen, die blaukarierten Blusen aus Marinebettlaken, die Röcke aus weißer Fallschirmseide. Modegecks trugen Cord und Nylons und Sambapuschen. In der Allotria wechselte das Programm, Kabaretts und Kleinkunstbühnen mit Messerwerfern und Gummimenschen feierten Konjunktur, man wollte sich amüsieren und ging anschließend in den Tanzschuppen, tanzte auf weichen Sohlen lässig den Samba, die Kippe auf der Schulter der Schönen geparkt. Vom bunten Podest aus regelte der Schupo den Kreuzungsverkehr, zu Weihnachten verschwand er unter den hundert Paketen und Flaschen, gespendet von liebevollen Autofahrern – man kannte und mochte sich. Wer redete von Ampeln? Mir war es egal, denn ich hatte mein Kriegsfahrrad, nur Flickzeug war ein Problem und die dünnen Gummis der Ventile. Die waren fast so knapp wie dünne E- und dicke A-Saiten beim Musikalienhändler. Das Schrumm-schrumm in der Kapelle ließ die Saiten wegknallen.

Die Wirtschaft stockte, aber die Kultur blühte. Und der Durst nach Wissen war unstillbar. Die alten schönen Universitätsgebäude am Schloss waren größtenteils zerstört. Die Uni fand eine Heimstatt in den modernen Häusern der ELAC am Westring. Mit anderen klapperdürren Gestalten saß ich zu Füßen des Anatomen Wolfgang Bargmann. Professoren waren Götter, Studenten hockten vor dem Olymp und lauschten gebannt den Worten, die von den Lippen der Weisen tropften. Bargmann betrieb Zellforschung, studierte die innersekretorischen Drüsen und die Verknüpfungen des Zwischenhirns. Leichen waren knapp, wer präparieren durfte, entschied das Los. Ich fühlte mich im Präpariersaal zuhause, dachte wehmütig an meinen Biokeller im Thüringer Pädagogium. Ärzte ohne Anatomie, ermunterte uns Bargmann, gleichen Maulwürfen, sie arbeiten im Dunklen und ihrer Hände Tagewerk sind Erdhügel. Der drastische Vergleich blieb mir fürs Leben, obwohl mein Schicksal gegen die Laufbahn des Arztes entschied. Zu dem feinsinnigen, humorvollen Bargmann, der 1951 das Rektorat übernahm, bestand eine lebenslange Freundschaft. Ihm hat die deutsche Forschung nach dem Zusammenbruch den raschen Wiederaufbau mit zu danken.

Die enge Freundschaft zum Päda-Mitschüler Gevehard Freiherr Grote, auch er ein Spross aus maritimen Wurzeln, hat Not gelindert und Humanität in das karge Dasein gebracht. Mit diplomatischem Geschick vermochte der Freund, Nahrungsmittel herbeizuschaffen, die voller Geheimnisse steckten und irgendwie nach Goldadern rochen. Auch er hatte sich der Literatur verschrieben, an düsteren Winterabenden lasen wir Die Stadt in der Wüste von St. Exupéry. Als wir uns aus den Augen verloren, wechselten wir Briefe, nach dem Vorbild der Gärtner im Roman, von denen einer dem anderen schrieb ich habe heute die Rosen begossen. Diese Metapher wurde uns zum Signal der Verbundenheit. Später ist es verstummt. Gevehard war ein begabter Photograph, der mit Plattenapparaten experimentierte und meine bildlichen Übungen förderte. Bis der große Peter Cornelius in mein Leben trat und mich zum Lichtbildner machte. Neben der täglichen Pflicht des Tagebuchschreibens entstanden 1949 – 50 Sachtexte, die ich für den Verkauf schrieb. Nach eingehenden Recherchen. So im Herbst 49:

An den zerbombten Kais des Hafens liegen wohlvertäut ein halbes Dutzend Fischkutter, Fahrzeuge der Kriegsmarine, also Beutegut der Alliierten. Von ihnen den Deutschen vermietet, um etwas Nahrungseiweiß für die Darbenden zu fangen. 1200 Mark musste der Fischer jeden Monat an Leihgebühr zahlen, da war noch kein Proviant mit drin, kein Geschirr, kein Diesel. So fuhr er hinaus auf die Doggerbänke, nach Island, in die Ostsee. Gefährlich, denn vor Hela und Danzig lagen die Polen und sperrten die Fischer einzeln in winzige Betonzellen, wenn sie näher herangekommen waren als 12 Seemeilen. Kamen sie heil zurück mit dem Fang, brachte der Ostseedorsch kaum 2 Deutschpfennige das Kilo von der Fischverwertung. Der Mudd, in dem der Dorsch laicht, war verseucht von Munition, versenkt von den Russen und versehentlich an Bord gehievt als tödliche Beute. Da half auch der eben eingeführte Sprechfunk wenig. Müsste es nicht möglich sein, die Boote wieder in deutsche Hände zu geben? Wenn es auch einmal Kriegsfahrzeuge waren, so wird doch niemand ernsthaft befürchten, dass diese Flotte jemals wieder eine Gefahr darstellen könnte, aber man könnte doch aus den reichen Fischgründen der beiden Meere einen wertvollen Beitrag zur deutschen Ernährung holen.

Die Kieler Nachrichten druckten das Opus, mit redaktionellen Änderungen, versteht sich und ohne mein mahnendes Schlusszitat. Der Anfänger hatte noch viel zu lernen. Die sachliche Reportage wurde mir später zum Broterwerb.

Ich brauchte Geld für die kleine Familie, und das war für mich am ehesten am Theater zu verdienen, mit Bühnenmusik. Die Jobs wurden hart umkämpft. So blieben Stunden der Gespräche mit der umschwärmten Salondame Katharina. Sie spielte die Rolle in Don Carlos, wir hatten nächtelang Rollentexte geübt. Doch Katharina strebte nach Sicherheit. Alexander Kuhs versprach sie ihr, der Chefredakteur der Volkszeitung. Und im goldenen Herbst feierte man Hochzeit mit Wein, Weib und Gesang. Gegen Mitternacht lagerte ich unter dem großen Gabentisch, aber da lag schon einer und stöhnte. Ich heiße Alfons. Verstehen Sie was von Jazz? Zwei Stunden redeten wir über Theorie und Praxis des Jazz, sagten tschüss und taumelten, ernsthaft diskutierend zu Alfons Braut Odile, dem wohltemperierten Sopran. Der Kaffee kochte und rief die Männer zur Ordnung. Neukirchen hieß der Jazzfreund, Redakteur war er gewesen bei den Düsseldorfer Nachrichten, und dahin musste er zurück. Er hatte es satt, Konzerte und Lesungen zu organisieren. Ob ich seinen Job wollte? Meine Geldvorräte im Auge, wollte ich.

Und saß am Morgen, leicht verkatert, im ComptoirEin Kontor oder Contor (von französisch comptoir Zahltisch, im Postdeutsch auch comtoir) war im Mittelalter eine Niederlassung von hansischen Kaufleuten im Ausland und ist eine veraltete Bezeichnung für Büro sowie die Zweigstellen von Banken. des königlichen Kaufmanns Heinrich Hunke, Chef der Buchhandlung Walter G. Mühlau, er im silbergrauen Dreiteiler, das PlastronAls Plastron bezeichnet man die breite (weiße) Krawatte, einen Brustlatz bei Frauentrachten und den, meist abzeichenfarbigen Brustbesatz der Ulanenuniform, ähnlich einer Rabatte. Die breite Krawatte, auch Krawattenschal, Ascot, Ascotkrawatte oder englisch day cravat (Tageskrawatte) genannt ist einer der Vorläufer der heutigen Langbinderkrawatte. mit der Brillantnadel anstatt einer Krawatte, ganz Würde und Gelehrsamkeit. Was ich denn könnte, und ob ich mir das zutraute – Ich traute, bekam den Job für netto DM 80,- im Monat, Sechstagewoche, auch sonntags, bitte, und morgens pünktlich um acht. Handschlag. Der alte Buchladen war ein dunkles, bombenzermürbtes Gelass. Das Fußvolk hinten, auf harten Stühlen an großen Holztischen, überladen mit Karteikarten, Bestellzetteln, uralten Maschinen. Artig saßen die Damen bolzengerade an ihren Arbeitsplätzen und lugten, ob der Alte guckte. Der Neue wurde kritisch gemustert, Leiter der Konzertdirektion nannte er sich, Prospekte und Plakate waren zu gestalten für Konzerte und Lesungen von Dichtern. Im Saal der Methodistenkirche, wo man am Eingang das bunte Mosaik betrat. Du bist meines Fußes Leuchte.

Meine Liebste hieß Eleonore und konnte besser Mathe und Buchführung als ich. Sie konnte auch sonst allerlei, sparen zum Beispiel. Sie war die einzige Tochter eines Zeppelinbauers, dessen technische Fähigkeiten, etwa beim Zusammenbau eines schönen alten DKW, ich von ferne bewunderte. Geduldig begleitete sie mich zu den Versammlungen im Goethejahr 1949. Riss Karten ab, rückte Stühle zurecht, begrüßte charmant die ernstgekleideten Gäste. Mit verhaltener Begeisterung nahmen die Kulturträger und Kulturträgerinnen Mathias Wiemann auf, wenn er Goethes Leben im Gedicht rezitierte, sie applaudierten Manfred Hausmann, wenn er dräuend Gefahr und Rettung – Goethe 1949 zu sehen glaubte. Mit Vehemenz spielte die zarte Rita Hirschfeld Werke von Bach, die unter der hohlen Akustik des Saales litten. Kiel hatte Kultur, wir brachten sie unter die Leute. Manchmal gab’s zur Belohnung ein Autogramm des Dichters und einen warmen Händedruck des Chef.

Zuhause lasen wir im druckfrischen Exemplar der deutschen Ausgabe von Christopher Fry, Die Dame ist nicht fürs Feuer, ein Hit der Saison, Cerams Götter, Gräber und Gelehrte, und Ernst Jüngers Tagebuch Strahlungen. Nicht satt hören konnten wir uns an der Zithermusik mit dem Harry Lime Thema in Der 3.Mann – ein Ohrwurm, wie man ihn seit Lale Andersens Unter der Laterne nicht genossen hatte.

Eleonore und ich litten unter der Unbedingtheit des Kuppelparagraphen, der Eltern verbot, jungen Leuten eine zur Liebe geeignete Heimstätte zu gewähren, bevor sie die Ringe getauscht hatten. Wohin mit den jungen Trieben? Es blieben kalte Parkbänke und dunkle Treppenhäuser, wo immer das Licht anging, wenn es spannend wurde. Und im Sommer strampelten wir auf Fahrrädern ins Felmer Moor mit seinen weichen Moospolstern.
Und redeten von den Chancen, die der Globus zu bieten hatte, jetzt, da man reisen durfte, sollten wir auswandern nach Kanada oder Australien? Wir waren noch keine Weltbürger, wir hatten in der Provinz zu bleiben, bescheiden, wie es sich gehörte für frisch gebackene Bundesbürger.

Allzu oft und allzu vehement brach das Weltgeschehen in die stille Provinz und machte den Deutschen klar, dass sie nichts und nirgends mitzureden hatten, geschweige denn zu handeln. Wir feierten in gewöhnter Bescheidenheit meiner Mutter 49. Geburtstag. Es war der 25. Juni 1950. Nordkoreanische Truppen überschritten den 38. Breitengrad, die UNO stellte Truppen auf, der Krieg begann. Bleich schauten wir uns an: Der 3.Weltkrieg? Bitte, lieber Gott, nicht schon wieder! Dann fand der Koreakrieg nur in der Wochenschau im Kino statt, aber die dumpfe Angst vor dem Weltbrand blieb lange in den verunsicherten Gemütern der Deutschen.

Inzwischen verkauften wir Bücher, literarische Zeitschriften und Musikalien an ein lesewilliges und kulturtragendes Publikum. Ich gestaltete in der Wochenendfreizeit Schaufenster mit aktuellen Büchern. Erlebte feierliche Ereignisse, als Cheftochter Dr. Waltraud mich mitnahm nach Hamburg per Anhalter und mit dem Zug eine weite Reise, um im Schauspielhaus die große Hermine Körner zu sehen in ihrer Glanzrolle der Irren von Chailot. Durfte in Hamburg in der Speicherstadt einen der Großen besuchen, Ernst Rowohlt im dicht verqualmten Zimmerchen, Manuskripte bis an die Decke, in der Mitte das mittelalterliche Taufbecken als Aschbecher und Rowohlt mit Stentorstimme: Ich lese nie! rief. Und hatte doch soeben Buchhandelsgeschichte gemacht mit seinen Taschenbüchern, die das Leseverhalten der Deutschen gründlich verändern würden. Betäubt wanderten wir kleinen Lehrlinge von dannen und dachten: Wer so groß einmal werden könnte.

Wir gingen zur Handelsschule, hörten von moderner und alter Literatur, vom Göttinger Hainbund und doppelter Buchhaltung, wurden geprüft und durften uns Buchhandelsgehilfen nennen. Das Monatsgehalt stieg auf die epochemachende Höhe von 100 Mark. Ich aber meinte, zu Höherem geboren zu sein, verließ die Liebste und das Heim und zog ins Rheinland, wo man Bücher machte, die wir im Laden verkauft hatten. Büchermachen, mit Autoren reden, typografisch gestalten mit Text und Bild – dies schien mir das Dorado zu sein für einen Menschen, der sein Handwerk an den Mann bringen will.

Man ließ mich zur Frankfurter Buchmesse fahren, wo die Verleger selbst an ihren bescheidenen Ständen auf Autoren und Buchhändler warteten, Ernst Rowohlt natürlich, Dr. Urban, von Urban & Schwarzenberg, Dr. Hanser vom Carl Hanser Verlag, und wie viele noch.
Ich zeichnete Buchumschläge und ließ Prospekte drucken, die verschickt wurden mit Hilfe der Adrema, die hunderttausend Adressen auf Blechkarten speicherte. Die Technik in den sparsam möblierten Büros erschöpfte sich in der alten lauten mechanischen Schreibmaschine, dem Telefon und dem imposanten Holzgehäuse des Fernschreibers, wo die Sekretärin kilometerlange Papierbahnen lochte. Die Gehälter bewegten sich unter der Tausendmarkgrenze, Betriebsräte gab es nicht, dafür ein kümmerliches Mittagsmahl aus angelieferten Kesseln. Die Chefs schalteten nach Laune und Vermögen, Angestellte hatten keine Stimme. Esther, Mitleidende im Verlag, willigte ein, mich zu ehelichen und mir nach München zu folgen. Holger wurde geboren, und ich fuhr im VW-Bus mit einer Ansammlung von Büchern und einem zerlegbaren Ausstellungsgestell zu den medizinischen Kongressen zwischen München und Hamburg und versuchte, in den Tagungspausen Bücher an den Mann zu bringen. Die Internisten kauften gern, die Orthopäden und Psychologen wenig oder gar nicht. Ein mühsames Unterfangen.

Es dauerte nicht lange, und mir wurde klar, dass Büchermachen mit sehr viel Glück verbunden sein muss, soll es seinen Mann ernähren. Nach einer Episode bei Carl Hanser gingen wir nach Opladen, kamen vom Regen in die Traufe, denn der Westdeutsche Verlag war das Urbild der menschenschindenden Hierarchie. Hier konnte, ich wusste es bald, meines Bleibens nicht sein.

Und so kam ich zum Fernsehen – am 1. November 1960