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Der Gutsherr auf Charlottenhof

Groß, dunkel und schweigend standen die Buchen im Halbkreis um das alte Gutshaus mit der weißen Veranda wie alte ehrerbietige Wächter. Im hohen Geäst gurrten weiße Tauben.  Rechts im  strohgedeckten Stall muhten 30 braune Jersey Rinder freundlich, denn sie standen bequem bis an den Bauch im sauberen Stroh, selbst der Bulle ging friedlich am Seil, der Stolz des Hofes, denn hier wurden die Jerseys gekreuzt mit Angler Schwarzbunten, und die F1- Generation gab schon Milch mit hohem Fettgehalt, und Milchfett brachte gutes Geld in der Molkerei.
 
Frühmorgens trat der Hausherr auf die Stufen der Veranda, gekleidet in die grüne Lodenjoppe mit dem Pelzkragen, die Hand an der Silberkrücke des Knotenstocks. Dr. Anton Schifferer, Gutsherr auf Charlottenhof, Offizier, Sachverständiger in Fragen des Verkehrs für das Oberlandesgericht in Lübeck, Bismarckkenner, Patriot, Politiker auf Seiten der Liberalen, und begeisterter Jäger. Er pfiff den Hunden und ging gemächlichen Schrittes hinaus auf die Koppeln, wo die Pferde grasten, wo die niedrigen Ställe standen mit den Legebatterien, wo jedes Ei in den Nestern herausgenommen und nach Listen nummeriert wurde, um seine Herkunft zu dokumentieren. Im stilvollen Saal des Gutshauses standen drei wuchtige Brutschränke, auf den Laden ruhten die gekennzeichneten Eier anderer Höfe aus der Nachbarschaft, die hier als Lohnbrut gehalten wurden bis zum Schlupf. Die Zeiten waren hart für Bauern und Güter, die Löhne karg, Bargeld war knapp. 

Früh um fünf gab es Buchweizengrütze in der großen Gutsküche, bereitet von der liebevollen damenhaften Hausfrau. Sie hatte ihren Mann nach dem Krieg aus französischer Gefangenschaft geholt; mit Mut und Tatkraft war sie beim Staatspräsidenten vorstellig geworden, um das zu erreichen, denn Dr. Schifferer war mit dem General Ramke über Kreta abgesprungen und galt als Kriegsverbrecher. Nun konnte er die Waffen an den Nagel hängen und Rinder züchten und Bücher sammeln.

Wenn wir bei Tisch saßen im Esszimmer mit den  Geweihen an den Wänden und dem hochreichenden Majolikaofen im Eck, pflegte der Hausherr zu dozieren. Vom dänischen Kulturkampf erzählte er, von den Paketen, welche die Dänen an Deutsche schickten, damit sie dänisch wählten, und die man deshalb Speckdänen nannte. Von den Kriegen von 1864, 1866 als es um Schleswig-Holstein up ewig ungedeelt ging. Vom Bruder, der seinen Hof in Nordschleswig bewirtschaftete und es schwer hatte nach dem Krieg, als die Deutschen dort nicht wohlgelitten waren. Manchmal erhob Oma die Stimme, Antons Mutter, und erzählte von ihrem Mann, dem Reichsrat in Berlin, einem wohlhabenden Herrn, der Charlottenhof, einst Witwensitz der Herzogin Charlotte, erworben hatte als Sommerresidenz und hier Hof hielt mit viel Gesinde und einem  Jäger in den Farben des Gutes. Er hatte die Reichsbahn veranlasst, ein Gleis bis an den Hof zu legen, so dass er jeweils im Winter alles Gepäck und notwendige Möbel in einen Güterwagen packen lassen konnte, und in Berlin wieder ausladen. Wenn die Kutsche die beiden Söhne nach Kiel zur Gelehrtenschule brachte, hatte der Kutscher einen silbernen Streifen am Hut, das bedeutete, dass man ihn überholen durfte. Fuhr er aber die Herrschaft ins Theater, dann zeigten seine drei Streifen, dass Überholen wegen der Staubentwicklung unerwünscht sei. Oma machte als junge Frau im Jahre 1900 den Führerschein, der die Nummer 3 trug, und sie fuhr mit dem eigenen Wagen nach Berlin, über staubige Sandpisten, und musste an Apotheken halten, um aufzutanken. Einen Vergaser reinigen konnte Oma immer noch besser als ihr Enkel. Sie sammelte Kriminalromane und wunderschöne uralte Sonnen- und Regenschirme.

Nach dem Essen wanderte ich durchs weitläufige Haus und suchte Motive. Mit sorgsam dosiertem Licht fotografierte ich die vier mit geschnitzten Figuren geschmückten Seiten einer Truhe aus dem 14. Jahrhundert, die in der Diele stand vor den Beiderwandvorhängen – oder die Porzellanbüste Friedrichs II. auf dem Schrank in der Bibliothek. Sie war mein Reich, ihretwegen war ich Gast auf Charlottenhof für einige Wochen, es galt die reichen Bestände zu ordnen, zu katalogisieren, damit sie auch anderen Lesern zugänglich sein könnten.

Wenn es sich gut traf, nahm der Doktor mich im Wagen mit. Wir fuhren zu einer Unfallstelle, die ihm gemeldet worden war. Einmal hatte der Porsche eines Bauern eine harmlose Kuh gerammt, die ihres Weges auf der Betonstraße  lief und an nichts Böses dachte. Nun war sie tot, wer bezahlte? Dr. Schifferer sah sich alles kritisch genau an, befragte die Unfallbeteiligten und Zeugen und schrieb später sein Sachverständigengutachten für das Gericht. Vielleicht würde der Bauer verurteilt werden, dessen Kuh frei umhergelaufen war, anstatt hinter dem Zaun zu bleiben. Der Richter würde es wissen.

Wenn alle gute Laune hatten, weil viele Eier verkauft worden waren und viele Liter fettreicher und  tuberkulosefreier Milch, dann machten wir uns fein und betraten andachtsvoll den Festsaal, achteten der Brutschränke nicht, warfen ein Grammophon an und tanzten. Ich schwenkte die sanft duftende Hausfrau nach dem Walzertakt umher und danach die blonde Hühnerfachfrau, die Anton eingestellt hatte, ein munteres, junges Wesen, das Antons Sohn den Kopf verdrehte. Bald hat er sie geheiratet und wurde glücklich mit ihr. Wegen schwerer Allergien konnte er den Hof nicht übernehmen, zum großen Kummer des Vaters.

Dr. Anton Schifferer war, was man damals einen Herrn nannte, in Haltung und Gesinnung, in seiner Art, mit den Leuten auf dem Hof umzugehen, vor Gericht, in der Partei-Vorstandssitzung. Ich habe ihn heimlich meinen Vizevater genannt und ihn still verehrt, auch wenn ich mit seinen politischen Ansichten nicht immer konform ging.
Wenn ich am Sonntag den Hof verließ und durch die Schlammwege von Neuwittenbek bis an die Hochbrücke über den Kanal ging, dachte ich an jene Tage vor dem 1. Weltkrieg, als auf Charlottenhof zur Jagd geblasen wurde, die illustren Gäste vom Anleger am Kanal heraufstiegen und den Gastgeber und seine Familie begrüßten. Der Jäger des Hauses führte die Gäste zum Anstand oder zur Strecke der Niederjagd. Er bekam kein Gehalt, sein Lohn bestand aus einer Goldmark, die jeder Jagdgast ihm beim Abschied in die Hand drückte.  Und wenn ich auf meinen Wegen das Brombeergebüsch der alten Schleuse fand, dann wusste ich, dass hier einst der alte Rantzau-Kanal verlief – tot nun, ersetzt durch das imposante Werk, das Kaiser Wilhelm II. mit Tausenden von Arbeitern Wirklichkeit werden ließ.

Jahrzehnte später geriet ich durch Zufall noch einmal auf den Charlottenhof.  Keine Spuren mehr von den  Aktivitäten eines 30-Hektar-Hofes, kein Muhen der Jerseys, keine Puten, keine Gänse. Niemand nummerierte Eier. Ein reicher Werbekaufmann hatte das Haus gekauft und im modischen Schnick-Schnack Stil in Weiß und Gold aufgeputzt und die Geschichte zum Verstummen gebracht. Meiner Seele tat es weh, und ich habe Charlottenhof nie wieder betreten.