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Bei den Fossilienjägern in Afrika

Alles begann mit uralten Knochen namens Aschenputtel.
1957 erschien der südafrikanische Anatom Dr. Phillip Tobias im Olduvai Tal, Ostafrika, und nahm an einer Safari teil, die Louis Leakey für Richard Foster von der Universität Yale organisierte. Foster hätte beinahe den Kampf gegen eine Raubkatze verloren. 1959 erschien, was Louis so sehr gehofft hatte. Es war Anfang Juli. Leakeys langjähriger Assistent Haselon Mukiri fand im Kalktuff einen Molareneinen großen Backenzahn, auch Mahlzahn genannt, der in einem Kieferfragment steckte.

Dies Fossil mit dem Karteinamen OH 4, das war die Spur des ersten echten Menschen. Und es fanden sich weitere Fragmente, Unterkiefer, Hirnschädel, Zähne. Einen dieser frühen Menschen nannte man nach Leakeys Sohn Jonathan Johnnys Kind, einen anderen Cindy von Cinderella = Aschenputtel, den dritten George. Phillip Tobias machte sich an die endlos mühsame Arbeit, die Schädel zu rekonstruieren und errechnete ein durchschnittliches Gehirnvolumen von 642 Kubikzentimetern, nun gab es keinen Zweifel mehr, es waren ganz sicher Menschen. Aus dem Dunkel unnennbarer Vergangenheit taucht er auf, unser allerfrühester Vorfahr, wie ein Gespenst. Sind diese 1,8 Millionen Jahre alten braunen Knochen wirklich? Hat ein lebendiges Wesen sie getragen, hat gelitten, war glücklich oder zufrieden?

In der Paläoanthropologie muss jedes Kind einen Namen bekommen. Tobias dachte ein Wochenende nach und fand die Lösung: Homo habilis. Habilis heißt fähig, clever, voller Phantasie. Und so entstand ein Aufsatz von Leakey, Tobias und Napier, der Geschichte schrieb: A new species of the genus Homo from Olduvai Gorge, er erschien in Nature vom 4. April 1964.

Der internationale akademische Boykott Südafrikas, der sich vor allem auf die Apartheid richtete, dauerte von 1964 bis 1984. Phillip Tobias heizte den Streit um die Stellung des frühesten Menschen noch an, denn er verkündete auf einem Kongress, Homo habilis habe die Fähigkeit zur gesprochenen Sprache gehabt. Da kam einer, der sagte, die gesprochene Sprache sei schon vor zwei Millionen Jahren möglich gewesen: das wurde ihm nicht verziehen. Für manchen ist der Kampf auch heute noch nicht beigelegt. Lyrisch und versöhnlich erläuterte der Anthropologe und Priester Pierre Teilhard de Chardin damals das Ereignis:

Ganz still ist der Mensch in die Welt getreten, er ist so leise aufgetreten, dass erst seine unzerstörbaren Steinwerkzeuge, Spuren seiner vielfältigen Gegenwart, ihn bezeugen; und wir fangen erst an, ihn wahrzunehmen, da er schon vom Kap der Guten Hoffnung bis Peking die alte Welt besiedelt. Gewiss spricht er schon und lebt er gruppenweise. Schon macht er Feuer an. Ist dies schließlich nicht genau das, was wir erwarten mussten? Gern würden wir wissen, wie unsere ersten Eltern aussahen, als das Ichbewusstsein den trennenden Graben eben erst übersprungen hatte.
Mit der Menschwerdung beginnt ein neues Zeitalter. Die Erde kleidet sich neu. Besser noch: sie findet ihre Seele.

Im Oktober 1968 gab OlduvaiDie Olduvai-Schlucht (in der Landessprache eigentlich: Oldupai) liegt im Norden von Tansania und gilt – gemeinsam mit dem Afar-Dreieck in Äthiopien und Fundplätzen in der südafrikanischen Provinz Gauteng – als die Wiege der Menschheit. Sie ist Teil des Ostafrikanischen Grabenbruchs (auch Great Rift Valley genannt). Quelle: Wikipedia wieder einen der uralten Ahnen frei: P. Nzube entdeckte einen zertrümmerten, aber nahezu kompletten Homo- Schädel in derselben Schicht, in der auch OH 4 gefunden worden war. Der neue Fund erhielt die Bezeichnung OH 24 und steckte in einer kalkigen Brekzie. Er war sehr platt gedrückt, so dass Tobias ausrief: So flach war nur Twiggy! (Ein damals bekanntes flachbrüstiges, britisches Model). Bevor er wusste, wie ihm geschah, erschien der Name Twiggy in der Literatur als die spöttische Bezeichnung für OH 24. Dieser Schädel wurde sorgsam restauriert von dem genialen Ron Clarke in Johannesburg. Nähere Untersuchungen erbrachten, dass Twiggy nicht nur ein Homo habilis war, sondern offenbar ein Weibchen. Twiggy entsprach genau der Definition eines Homo habilis, wie Leakey, Tobias und Napier sie einst festgelegt hatten und unterschied sich grundlegend von einem primitiveren Australopithecus vor allem in der Hirngröße, (sein Hirn war größer).

Erfolgreiche Bone-digger sollten ihr Fach beherrschen, aber sie müssen auch Glück haben. Richard Leakey, der Sohn von Luis, hatte Glück. 1972 – im Todesjahr des Vaters – verkündete Richard das Wunder, den gut erhaltenen Schädel aus einem Tuff, das auf ein Alter von 2,6 Millionen Jahren geschätzt wurde. Richard dazu: Ich bezeichne ihn als Homo! Sein Fund wurde registriert unter der berühmt gewordenen Bezeichnung KNM-ER 1470. Heute heißt er schlicht 1470. Er hatte ein Gehirnvolumen von 775 Kubikzentimetern.
Richards Frau Meave hat die vielen und kleinen Knochen-Fragmente in unendlicher Mühe zusammengesetzt zu einer würdevollen Rekonstruktion. 1470 wurde eine der bedeutendsten Entdeckungen hominider Fossilien auf der Welt. Nach neueren Datierungen ist er weniger als zwei Millionen Jahre alt. Kurz vor seinem Tode hatte Louis Leakey Koobi Fora besucht und den Schädel betrachtet, für ihn war es ein ergreifender Augenblick. Und die Wissenschaft konnte nicht umhin, die Spezies Homo habilis als solche anzuerkennen, was ihr bisher so schwer gefallen war.

Der Werkzeugmacher

In Olduvai, Ostafrika, lebte Homo habilis von 1,85 – 1,60 Millionen Jahren vor unserer Zeit. Zwei Linien der Hominiden existierten damals nebeneinander: Homo habilis und der robuste Australopithecus boisei. Ihre Welt war eine des Wandels. In der Zeit von 2,5 – 2,0 Millionen Jahren wurde die Umwelt kühler und trockener, die Waldgebiete öffneten sich, Savannen breiteten sich aus. Wenn unter diesen härteren Bedingungen zwei Hominidenlinien nebeneinander existierten, kann man nur spekulieren, was geschah. Tobias nimmt an, eine Art habe die Existenz der anderen zumindest toleriert. Und wenn die beiden sich um die vorhandenen Nahrungsmittel stritten, müsste das einigermaßen friedlich vonstatten gegangen sein – immerhin über einen Zeitraum von einer Million Jahren – einen Zeitraum, den wir uns nicht vorstellen können, da schon die alten Pharaonen mit ihren lächerlichen 4000 Jahren für uns in nebelhafter Ferne liegen.
Der aufrechte Gang hat mit der Werkzeug-Herstellung nichts zu tun, meint Phillip. Steinwerkzeuge sind aber erst seit 2,5 Millionen Jahren belegt, so sind also die Hominiden über eine Millionen Jahre aufrecht gegangen, bevor sie ihre Werkzeuge schufen. Man fragt sich unwillkürlich, was haben sie diese endlos lange Zeit ohne Werkzeuge gemacht, wie haben sie überlebt in einer feindlichen Welt? Vielleicht mit abgebrochenen Holzknüppeln, die sich nicht gehalten haben – oder mit Muscheln aus dem See? Wir werden es leider nie erfahren.

Wir Menschen der Neuzeit brauchen sauberes Trinkwasser. Wie dringend das ist, lässt eine Vorhersage der Vereinten Nationen befürchten, die besagt, um das Jahr 2050 würde ein Viertel der Menschheit in Ländern leben, die kaum Süßwasser liefern können. Die frühesten Hominiden lebten in den warmen Tropen Afrikas und mussten ihre Körpertemperatur regulieren, so verbrachten sie und die Kinder Zeit damit, zu plantschen, sich abzukühlen in den flachen Seen, Teichen und Bächen, wie heute Kinder das auch tun. Phillip ist sich sicher, dass die frühen Menschen spätestens seit einer Million Jahren schwimmen konnten. Und weil sie in den frühen Phasen ihrer Evolution viel Zeit im Wasser verbrachten, haben sie vielleicht ihre Körperbehaarung verloren und eine Fettschicht unter der Haut entwickelt. Schließlich haben unsere cleveren Vorfahren beobachtet, wie Tiere auf Baumstrünken vorbei trieben und es ihnen nachgemacht und Flöße gebaut. So haben sich die Familien der frühen Menschen an den Ufern der Küsten und Flüsse entlang bewegt, schwimmend, treibend, und so irgendwann auch ihre Heimat Afrika verlassen. Eine Theorie, die nicht stimmen muss, aber vieles für sich hat.

Wo und wie hat unser erster Mensch - Homo habilis gelebt, überlebt? Nach den neuesten Erkenntnissen befanden sich die Lagerplätze des Homo habilis dicht an Flussläufen, so hatten sie Schutz vor der Sonne, eine Fülle nahrhafter Pflanzen und am Boden der Ströme reichhaltiges Steinmaterial für die Werkzeugmanufaktur. Hinzu kommt, dass unsere Freunde nun Fleisch, also Eiweiß, auf ihrem Speisezettel hatten. Man entdeckte Spuren von scharfen Steinschnitten auf den Knochen, ebenso in Mikroaufnahmen von ihren Zähnen. Mit hochwertiger Nahrung, die ihn richtig satt machte, konnte unser Homo habilis seinen feindlichen Lebensraum für sich und seine Nachkommen besser beherrschen. An manchen Stellen fanden sich haufenweise Steinwerkzeuge und zerbrochene Knochen, und man vermutet, dort seien Heimplätze der Hominiden gewesen, die neue Anpassungsstrategien erwarben, nämlich den Transport von Nahrung und Steinen von Ort zu Ort, das regelmäßige Verzehren von Fleisch und – eine wichtige Neuerung, die das Überleben der Familien sicherte – das Teilen der Nahrung unter den Mitgliedern der Gruppe.

Faszinierend ist die Vorstellung, dass Habilis vor 1,85 Millionen Jahren bereits geschützte Plätze kannte, die er aus Steinwällen formte. Aber dieser frühe Mensch war weder zu schneller Flucht fähig, noch besaß er große Körperkräfte. Im Vergleich zu anderen Großsäugern war er ohne Krallen und Reißzähne recht wehrlos, aber er hatte die Fähigkeiten seines größeren Gehirns, den harten Wettbewerb um Nahrungsressourcen zu bestehen. Er konnte sich etwas einfallen lassen, zum Beispiel das gezielte Werfen seiner Geschosse, um Leoparden und Hyänen, seine gefährlichsten fleischfressenden Gegner, zu vertreiben, abzuwehren, dann das Abtrennen großer Stücke Aas , die er zur Heimatbasis schleppte und an die alten und jungen Mitglieder seiner Gruppe verteilte (altruististisches VerhaltenAltruismus (lat. alter ‚der Andere‘) bedeutet in der Alltagssprache Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Handlungsweise, kann bis heute jedoch nicht allgemeingültig definiert werden.Quelle: Wikipedia war neu in der humanen Evolution!) . Alle diese Aktivitäten verlangten von Homo habilis ein hohes Maß an intelligenter Aktivität.

Wissenschaftler erkannten Änderungen im Paarungsverhalten. Die Hominidenweibchen wurden unabhängig vom Menstruationszyklus und waren somit stets paarungsbereit, dies mag eine monogame Partnerbindung begünstigt haben. Damit verbunden war eine Steigerung der Reproduktionsrate, also mehr Kinder pro Familie, eine innigere Mutter-Kind-Beziehung, das Entstehen einer Vaterrolle, so bildete sich eine Kernfamilie. Die Männer streiften in der Savanne weit umher auf der Suche nach Fleisch und Früchten, die Mütter blieben im engeren Bereich des Lagers und versorgten den Nachwuchs mit gesammelten Eiern und ausgegrabenen Wurzeln. Ob es so ablief, werden wir kaum je mit Sicherheit wissen, können es aber nach den fossilen Zeugnissen vermuten.

Der französische Paläoanthropologe Yves Coppens erklärte das Schicksal dieses frühen Homo:

Homo musste sich bewegen, seine neue Fleischdiät zwang ihn dazu. Er musste hinter dem Wild herrennen, um eine Chance zu bekommen, das Wild zu fangen und zu verzehren. Mit seinem größeren Hirn konnte er schneller denken und seine Neugier befriedigen. Mit Steinwaffen und Steinwerkzeugen hatte er Hilfsmitteln, die ihm mehr Freiheit gaben, die ihn zäher machten für seine neuen ökologischen Nischen und das Leben darin. Als er sich den neuen trockneren Bedingungen angepasst hatte, begann Homo, sich auszubreiten. Zuerst erwanderte er sich den afrikanischen Kontinent, dann ging er durch den Mittleren Osten nach Europa, nach Asien, schon vor zwei Millionen Jahren. Bald hatte die Menschheit die gesamte alte Welt erobert.

Jeder kannte jeden in der Horde, redete mit jedem, in welcher Sprache auch immer. Man passte aufeinander und auf die Kinder auf, schützte sie notfalls mit dem eigenen Leib. Alle suchten, entdeckten, sammelten Essbares im offenen Buschland, und die Nahrung wurde verteilt. Vermutlich haben die Männer das Fleisch herangeschafft und dann mit den anderen im Basislager zerteilt und verzehrt. Zunächst wohl roh. Gute Nahrungsreviere der frühen Menschen waren die Urwaldzonen, wo Reste der Großkatzenbeute und Kadaver eines natürlichen Todes gestorbener Tiere ausreichend Nahrung boten.
Der Paläoanthropologe Glynn Isaacs schrieb: Nahrungsteilung trug entscheidend zur Entwicklung eines Gefühls der gegenseitigen Verpflichtung bei, das den komplexen sozialen und ökonomischen Beziehungen der menschlichen Gesellschaften zugrunde liegt. Sein Sozialinstinkt ließ den Homo überleben in seiner neuen kälteren, trockneren Welt. Ohne gegenseitige Hilfestellung und eine frühe Form des Altruismus hätten die Horden nicht überleben können.

Hansjürgen Müller-Beck skizziert ein Lebensbild aus den frühen Tagen:

Die junge Mutter bricht mit ihren Zwei Schwestern und einem etwas älteren Mädchen zum Graben von Knollen auf, die sie in ihren Fellbeuteln zurück zu den Windschirmen unter dem großen Schutzbaum bringen werden, in dem man die Nacht gemeinsam in Baumnestern verbringt. Den jungen Leoparden, der sich plötzlich an das ältere grabende Mädchen heranpirscht, bemerken sie erst, als er zum Sprung ansetzt. Der abwehrende Stoß mit dem Grabstock ist zu schwach, so dass es dem Tier gelingt, sich im Arm der Verteidigerin zu verbeißen. Doch dann lässt er ihn fahren. Das Graben wird abgebrochen. Sie eilen in das Lager zurück, um die Wunde am Arm zu versorgen und die Blutung zu stillen. Die alte Mutter hat dafür einen Kräutervorrat bereit. Nach der Rückkehr der Jäger, die zwei Buschböcke mitbringen und sich mit den übrigen Männern der kleinen Gruppe treffen, die Eier gesammelt hatten, berichten die Frauen mit noch immer schreckgeweiteten Augen laut und gestenreich über das dramatische Abenteuer, das sie so noch einmal nachspielen.

Dreißig Sommer hat der Jäger namens Arrh gesehen, er ist alt und erfahren, und alle in der Gruppe achten ihn, die Frauen vertrauen seiner Führerschaft. Eben ist er unterwegs am Strand des großen Sees. Im Geröll sucht er nach schweren, runden Steinen. Er wiegt den Fund in der Hand, prüft sein Gewicht, seine Oberfläche. Hockt sich in den Sand, nimmt einen anderen größeren Stein, macht einen Abschlag. Schneidet zur Probe ein Stück Schwemmholz. Steckt das neue Werkzeug in den Beutel aus Bast. Mit Arrh und seinen Freunden von der Zunft der Steinwerkzeugmacher vor zwei Millionen Jahren beginnt irgendwo in Afrika, was kein Primat sonst kann: Material aussuchen, prüfen auf seine Verwendbarkeit, zubereiten auf geplante Benutzung, Erfahrungen machen mit dem Gerät und diese Erfahrung übertragen auf das nächste Objekt. Auch dem Sohn erklären, wie ein guter Arrh-Clan Werkzeuge macht, die was taugen, die man tauschen kann mit dem Nachbarn. Traditionen bilden und weitergeben – Paradigmen. Hier beginnt, was man sehr viel später Naturwissenschaft nennen wird. Das Aufstellen von Hypothese (dieser und jener Stein aus dem und dem See ist brauchbar), die Prüfung der Hypothesen (das Ausprobieren in der Praxis am Kadaver), die Korrektur der Hypothese am Ergebnis der Prüfung. Wie Arrh, so gehen heute Paläoanthropologen vor, und sie sind sich mindestens so uneinig in ihren Schlussfolgerungen wie Arrhs Nachbarn am anderen Seeufer. Es wäre denkbar, dass ältere Frauen bestimmte Blätter oder Lianen gekannt haben, die man kaute, wenn einem der Magen wehtat, sehr frühe Kenntnisse vielleicht in der Pflanzenmedizin?

Es sei doch großartig, was man alles mit der Sprache anstellen könne, schwärmt Tobias. Natürlich können Sie Kindern etwas beibringen durch Nachahmung, durch Zeigen, durch Bestrafung, wenn sie was falsch machen. Schimpansen können das alles auch. Wenn Sie aber mitteilen wollen: Kind, das Material, das Du für dies Werkzeug brauchst, ist ein spezielles Material, das findest du nur im nächsten Tal, und du musst herumlaufen und in tiefe Löcher schauen, dann findest du es ist das schon viel komplexer. Und wenn Sie Ihrem Kind bedeuten, dies ist die Art, wie Blätter miteinander verknüpft werden müssen, dann braucht ein so kompliziertes Verhaltensmuster wirksamere Methoden für eine Überlieferung an die nächste Generation. Das ist das Wesentliche im Menschsein: Etwas an die nächste Generation weitergeben. Bewahre die Kinder, ist die Nachricht der Evolution, nicht: Rette dich selbst. Und die wirksamste Methode, die wir bislang auf dem Planeten entwickelt haben, etwas an die nächste Generation weiterzugeben, ist eben Sprache!

Phillip macht es vor, wie ein Zirkus-Clown, spitzt den Mund, rollt die Konsonanten:
Gesprochene Sprache, Zunge und Stimmtrakt machen die Töne, Lippen, Zunge, Membrane, Stimmbänder, alles wirkt zusammen, schafft eine Folge von Tönen. Wobei das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile. Für den Homo habilis wurde das Sprachverhalten obligat, es lieferte die Basis für eine Strategie des Überlebens. Hier war also der erste kulturgebundene, sprachabhängige Primat. Diese Dualität markiert die Anfänge der Humanität, wie wir sie heute kennen. Die Entwicklung von Sprache war der Schlüssel für das erstaunliche Wachstum des Gehirns in den letzten zwei Millionen Jahren. Artikulierte Sprache wurde das Vehikel für Konzepte, Stammeskenntnisse, für den Sinn für die Vergangenheit und die Zukunft. Für Verhaltensstandards, Gesetze, für das Wissen, den Glauben, die Kunst. Sprache machte die Hominiden zu Menschen.

Ich bin wieder in Johannesburg und wandere über den weiten, grünen Campus der Medical School und bin erstaunt, wie wenige Studenten sich hier noch tummeln, nachdem die Apartheid aufgehoben worden war. Ich war dem Professor Phillip Tobias zweimal im Abstand von Jahrzehnten begegnet und mochte ihn – seine zartgliedrige Gestalt, den braungebrannten Gelehrtenkopf mit den weißen Haaren, die tiefen Lachfalten um die Augen, die empfindsamen Hände. Stundenlang konnte ich ihm zuhören, wenn er im altmodisch gepflegten Englisch seiner Heimat über sein Leib- und Magenthema dozierte: Wie konnten unsere frühen Vorfahren in relativ kurzer Zeit ein großes Gehirn entwickeln und was machten sie damit und was bedeutete dies für die Evolution des Menschen. Tobias gebietet über eine der weltgrößten Sammlungen fossiler Knochen und kennt sie alle in- und auswendig. Sorgsam vor Staub geschützt ruhen sie hinter dicken Glasscheiben, kostbarer als das Gold Südafrikas. Auf unnachahmliche und sehr persönliche Weise führt Phillip mich auf den langen Weg – Äonen zurück in eine Vergangenheit voller Rätsel und Geheimnisse, in die Morgendämmerung des Menschengeschlechts, versucht mir deutlich zu machen, was er und seine Kollegen an Mosaiksteinen gefunden, und wie sie das Puzzle zusammensetzten, das irgendwann ein Bild des frühesten Vorfahren geben könnte. Welch ein Unterfangen, die alten Knochen zum Sprechen zu bringen – und wie wenig wissen wir trotz aller Mühen immer noch über das Wie und das Warum der Menschwerdung

Ich sitze Phillip gegenüber an seinem, knochenüberladenen eichenen Schreibtisch im Chefzimmer des Departments für Anatomie an der Medical School. Die Wände bedeckt mit Urkunden und Fotos von Tobias und Kollegen beim Graben nach Knochen. Sekretärin Heather hat Tee serviert. Candy Petersen, die schwarze Studentin, fragt nach einem Detail an dem fossilen Unterkiefer, den sie eben bearbeitet für ihre Thesisim akademischen Umfeld bezeichnet thesis (vor allem im englischen Sprachraum) die Forschungsarbeit eines Studenten oder auch die Literaturübersicht über ein bestimmtes FachgebietQuelle: Wikipedia. Auch sie verehrt, wie alle Studenten bei ihm, den weisen Professor, der manchmal aussieht wie ein milder Guru. Aber Tobias hat nur noch wenige Studenten. Das schwarze Bandenwesen der Nach-Apartheid-Bewegung sät Angst und Unsicherheit unter der Bevölkerung.

25 Jahre meines Lebens habe ich mit dem Studium und der Bewertung von Fossilien des Homo habilis (Man the Toolmaker) verbracht, die Mary Leakey und ihre Mitarbeiter in Olduwai Gorge ausgegraben hatten. Louis Leakey und ich behaupteten damals, es handele sich um das erste Erscheinen des Genus Homo auf dieser Erde. Das war ein Durchbruch, und er bedeutete, es könnte einen Homo gegeben haben, früher und primitiver als der Homo erectus aus Java und China. Bei Habilis waren die großen Molaren und Prämolaren des Australopithecus ersetzt worden durch kleinere Zähne. Aber das kleine affengroße Gehirn des Australopithecus hatte sich in ein um die Hälfte größeres Gehirn verwandelt. Danach wird die menschliche Evolution von zwei Trends charakterisiert: Eine Neu-Modellierung des Gehirns in eine menschliche Form und die Zahnverkleinerung von den großen Molaren der frühen Hominiden zu jenen kleinen Zähnen, die Sie und ich haben.

Hat es sich gelohnt, Professor?

Phillip lächelt: Es war ein schönes Leben. Ich war bevorzugt in vielerlei Hinsicht. Ich konnte mein ganzes Leben in Südafrika zubringen, wo ich ja auch geboren wurde. Ich lebte weitab von den erbitterten Kämpfen und Streitereien der Paläoanthropologen in den USA und Großbritannien, wo sie besonders heftig und ernst ausgetragen wurden. Der Abstand war mein Vorteil. Ich konnte Abstand wahren, ohne Partei zu ergreifen. Ich lebte in jenem Teil der Welt, der am reichsten ist an fossilen HominidenLeider reichen unsere Erinnerungen nicht bis zum Homo habilis. Aber vielleicht meldet sich noch ein diesbezüglicher Autor. Wir haben ja großen Zulauf.Günter Matiba, 5.10.2012. Und dies ist der Teil der Welt, der Humanität vom allerersten Anfang an gehütet hat. Südafrika – die Wiege der Menschheit. Das war ein Privileg!

Dann wandere ich mit Ron Clarke wieder durch die Tiefen von Sterkfontein und lasse mir erzählen von den neuen aufregenden Funden, und da man noch weitere 100 Jahre hier in den Kalksteinen Fossilien finden würde, die neue Mosaiksteine für das Bild der humanen Evolution liefern könnten. Die Forschung der Paläoanthropologen ist nie zu Ende. Tobias, der große Lehrer, hat manchen Generationen seines Fachs die grundlegende Philosophie der menschlichen Evolution mit auf den Weg gegeben, hat sie gelehrt, sauber zu arbeiten und vorsichtig zu sein mit allzu voreiligen Interpretationen. Ohne diesen Mann wäre die Paläoanthropologie ein Stück ärmer gewesen. Dass Africa the cradle of Mankind sei, hat Phillip früher gesagt, als manche seiner Fachkollegen wahrhaben mochten. Und das Beunruhigende ist, dass wir heute vieles neu lernen müssen, dass unser Weltbild vom Frühmenschen ins Wanken geriet und dass wir es mit einem ganzen Busch von Ahnen zu tun haben. Und dass der Mensch viel früher den Weg nach Europa fand, als wir noch vor Kurzem dachten. Das Abenteuer der Menschwerdung ist noch lange nicht zu Ende erzählt.