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Shakespeare auf dem Friedhof von Avon

Es ging um die Geschichte der geheimnisvollen Phthisis, wie man im 19. Jahrhundert die tödliche Tuberkulose nannte – und ich begegnete darin zwei Frauen – einer toten und einer höchst lebendigen. Dominique Gros stellte sich mir als aparte jüngere Pariserin vor und diente als freie und nicht gut bezahlte Redakteurin und Autorin im französischen Sende- und Produktionszentrum Bry-sur-Marne. Oft tobte und schrie sie schon am Morgen herum, dass man um ihren Verstand fürchtete, und dann sah sie aus wie die griechische Megäre. Heute hatte sie mich aufs Korn genommen und belegte mich mit den Schimpfworten eines Pariser Marktweibes. Was ich getan hatte? Einen Film gedreht über die schreckliche Lungenseuche, die TBC des 19. Jahrhunderts, darin kam auch eine junge Frau vor, die inmitten ihrer Jugend im Blut ihrer Lungen erstickt war. Dieser Film sollte von den Franzosen erweitert und bei ARTE gesendet werden – und was Dominique zur offenbaren Verzweiflung brachte, waren Szenen im Film und Kommentare, die ihr französisches Herz zittern ließen. Aber – sie sagte nicht, was ihrem Redakteursherzen missfiel, sie fluchte. Und ließ mich ratlos zurück auf den langen Fluren der INA, Institute International d’Audiovisuelle, wo Hunderte französischer Regisseure, Cutter, Kameramänner, Techniker, Elektroniker ihre Massenware für das Fernsehen produzierten.

Was tun? Ich liebte meinen Film, die Geschichte der Friedhofsröschen, wie man die jungen, todgeweihten Frauen nannte, deren Gräber man auf allen Friedhöfen findet. Und versuchte Dominique zu locken mit den Waffen der Verführung. Lächelnd lud ich sie in meinen Leihwagen, und stumm fuhren wir die winterlichen Straßen hinab ins Dörfchen Avon bei Fontainbleau. Der kleine Friedhof nicht weit von der Mairie. Das Grab mit dem schlichten Marmorstein, verwelkte Blumen in der schwarz angelaufenen Metallvase. Auf dem Stein, gut lesbar noch, der kryptische Spruch aus König Heinrich IV. gemeißelt:

Aber ich sage Euch Mylord Narr
aus dem Nesselbusch Gefahr holen wir
die Blume Sicherheit.

Dominique war still, in Gedanken versunken, sah nun damenhaft und französisch aus, nicht mehr böse. Las den Namen, buchstabierte: Katherine Mansfeld. 1888 - 1923. Mein Gott die neuseeländische Dichterin, ich kenne ihre schönen Geschichten. Das Gartenfest, In einer deutschen Pension, Das Taubennest Was haben Sie vor mit mir?
Eine Szene drehen, Dominique, mit Ihnen, hier am Grab, Schwester im Geiste, als Abschluss. Sie legen rote Rosen auf den Stein, die mochte sie. Dominique lächelte zum ersten Mal – na gut, mal sehen. Und was jetzt? Ins Schloss!

Er passte zu gut ins morbide Bild der alles tötenden Phthises, der Park im bunten Schein der Blätter, sie schwammen graziös im runden Teich vor LE PRIEURÉ, dem feinfarbigen Barockschlösschen, das einst der Marquise de Maintenon, Liebhaberin und 2. Frau Ludwigs XIV, gehört hatte und nun leer stand. Fenster und hohe Türen waren vernagelt. Wollen wir uns trauen? Dominique nickte. Ich hebelte ein Brett los, wir wagten uns hinein in den kleinen Saal voller zerbrochener Spiegel. Ehrfürchtig und still gingen wir langsam die geschwungene Holztreppe hinauf. Hier war es geschehen, Dominique, hier hat Katherine ihren letzten tödlichen Blutsturz gehabt, ob man noch Spuren findet im Holz? Makaber. Was hat sie hier getan?

Sie hatte eine letzte Zuflucht gesucht beim Charlatan und russischem Spion Gurdiejew, der das Schlösschen gekauft hatte mit dem Geld der Gattin des englischen Zeitungskönigs Hearst – die er wohl verführte – und holte sich Patienten herbei, meist Russen, die hier ihre spinnerten Gruppen- und Theaterspiele spielten und viel Geld bezahlten. Katherine durchschaute den Betrug nicht, sie hatte ihr bisschen Geld gegeben, verzweifelt in grässlichen Lungenschmerzen, dem endlosen Husten. Gurdiejew verbannte die Todkranke in den Kuhstall, damit sie Rinderdung atmete gegen das Leiden, ließ sie frierend Hausarbeiten tun, nichts half, verlängerte nur ihre Qual in der Kälte des Winters. Hier vertraute sie ihrem Tagebuch an:

Ein großer schwarzer Vogel fliegt über mir, und ich habe solche Angst, er könnte sich auf mir niederlassen, so schreckliche Angst. Mein linker Lungenflügel schmerzt und schmerzt. Als ich das hellrote arterielle Blut sah, bekam ich fast einen Anfall. Meine Lebensfülle ist am Versiegen, und es dauert nicht mehr lange, dann wird sie ganz ausgetrocknet sein. Ich will nicht sterben, weil ich bisher noch nichts getan habe, was mein Leben rechtfertigen könnte.

Hoffend, kämpfend und schreibend bis zuletzt – vor allem an den Gatten Murry, der in London blieb und sich fürchtete vor Ansteckung und später ihr Werk vermarktete – starb Katherine am 9. Januar 1923, 34 Jahre alt – im Schößchen von Avon. Heute gilt sie als Begründerin der neuseeländischen Erzählprosa, aber davon hatte sie nichts mehr. Weil es keine Medikamente gab zu ihrer Zeit, weil niemand ihr half. Mein Gott, sagte Dominique, ich bin eben 34 geworden.

Das Schicksal dieser jungen, starken Frau, die schrieb, bis sie der Phthisis erlag, wir sprachen lange noch über Katherine, Dominique und ich. Und schlossen Frieden im Nieselregen von Avon. Mich hat mein Vater gebrochen, erzählte mit leiser Stimme Dominique im Auto nach Bry-sur-Marne. Ich bin nicht stark, wie ich scheine. Als freischaffende Autorin ohne Mann und mit einer 16-jährigen Tochter, die noch zur Schule geht, ist es verdammt schwer, denn die Aufträge fließen zäh. Na ja, da raste ich eben manchmal aus. Es wurde dann noch eine stille Szene mit Dominique am Grab der Mansfield, sogar ein zartes Licht hatten die Techniker hingestellt, um die Blume erblühen zu lassen. Irgendwie war da wohl eine entfernte Verwandtschaft der beiden jungen Damen. Und als Le Grande Maladies bei ARTE lief, waren die tobenden Worte der jungen Pariserin vergessen, in den Archiven eines Films – wie das eben oft so ist.