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Junge Mutter Aby

La Brousse, wie die Franzosen die Trockensavanne im nördlichen Senegal  nennen, ist  kein Urlaubsort. Was der Mensch braucht, muss er mit sich schleppen, Lebensmittel, Medikamente, vor allem Wasser.  Die  Teerstraße nach Richard Toll vom Sandstaub überweht, der sich überall zu Dünen häuft. Das Land verschleiert im Dunst. Verdorrte Bäume, Zuckerrohrfelder zum Erbarmen trocken, die Zuckerfabrik stank zum Himmel. Ein kleiner Flugplatz, verlassen. Rechts ab auf die tief ausgefahrenen Sandpisten. Steckenbleiben, Reifenwechseln konnte lebensgefährlich sein, weit und breit für Stunden kein Mensch, nur traurige Büsche, ein scheuer Vogel. In der Ferne wanderten schwarzweiße Ziegen in Richtung Brunnen Sagobé.  Dort zog das Eselspaar die langen Seile über weithin quietschende Holzrollen. Tausend Jahre alte Technik.  Langsam kam der Gummisack hoch, voll Wasser. Früher war er aus Leder. Der Hirte goss das Wasser in Wannen aus Holz, die Herde drängte sich, trank. Karge Grüße. Hier spricht man offiziell französisch, doch die Hirten im Ferlo verstehen nur die Stammessprachen Fulani und Wolof. Sagobé – der zeitlose Ort im Sand, der ewige Brunnen, wie die ältesten Schriften ihn erwähnen – aus dem historischen Bilderbuch Afrikas, wie es einmal war. Zeichen auch für das Sein oder Nichtsein durch Wasser oder kein Wasser. Der Ziehbrunnen im Zentrum aller Gedanken der Hirten.
 
Nicht weit von den palavernden Männern standen lachend die selbstbewussten Nomadenfrauen (sie haben das Recht an der Milch ihrer Kühe und deshalb eigenes Kapital, was nicht selbstverständlich ist in Afrika). Sie stellten  mir unzweideutige Fragen, machten mir  sinnfällige Zeichen: Streichen über den Bauch hieß: ich kann Kinder kriegen! also heirate mich! Das Verhaken der Zeigefinger: Ich könnte dich vielleicht mögen. Um vier Uhr nachmittags hatten die lachenden Fulbefrauen sich in die Savanne verzogen, und der Brunnen lag still.

Wem  die Ehre zuteil wird, einem traditionellen Fulbe-Führer gegenüberzusitzen, gewinnt auch ohne sprachliche Verständigung den Eindruck: Welch  ruhiges Selbstbewusstsein, welche Sicherheit des Auftretens und der Entscheidung. Im zerfurchten Gesicht der alten Männer war die Geschichte ihres Volkes zu lesen. Hier lief nichts ohne diese Führer, nicht einmal die Reparatur eines Zauns. Manch ein gut gemeintes und teures europäisches Entwicklungsprojekt ist gescheitert, weil von außen Kommende in ihrer kolonialen Arroganz nicht begriffen, dass ihre westliche Technik ganz interessant sein kann, hier jedoch nur sekundäre Bedeutung hat gegenüber den Bedürfnissen der Menschen, die mit dem Lebensraum, seinen Tieren und Pflanzen, seinen klimatischen Rhythmen seit ungezählten Generationen zutiefst vertraut sind. Die Fulbeführer hatten einen erheblichen politischen Einfluss. Eine große Herde bedeutete für den Besitzer Ansehen, Gewicht, Kapital, Macht. Kein Rind wurde geschlachtet.  Die Haushalte sind polygam. Ein verheirateter Mann besitzt keine eigene Hütte. Er übernachtet abwechselnd in den Rundhütten seiner drei oder vier Ehefrauen und muss gut achtgeben, dass er die richtige Reihenfolge einhält.

Herdenfürst Inel Salif Sow lud  uns in sein Camp, weit draußen im Sahel, wohin kein Weg  führte. Fünf  wohlgeformte hölzerne Rundhütten, von den Frauen geflochten, umgeben vom Zaun, den man aus krummen Rundhölzern gebaut hatte. Die Bewohner: Zwei alte, zwei junge Frauen, Kinder, ein Pferd, ein Hund, ein Koranleser. Mit langen Holzstangen stampften die Frauen in rhythmischer Abwechslung Hirse in ausgehöhlten Holzbottichen. Ab und zu gaben sie den herum spielenden leisen Kindern in ruhiger Würde die Brust. Ein angenommener  junger Mann killte unseren als Gastgeschenk mitgebrachten Ziegenbock und hing ihn außerhalb des Zauns am Kopf an einen Baum und zog ihm die Haut herunter wie einen Handschuh. Kleinere Fleischteile spannte er auf kleine Holzkreuze und ließ sie in der Sonne trocknen – ein gespenstischer Anblick. Das Essen in der hohen, kühlen Rundhütte mit den rundum angebrachten geflochtenen Sitzbänken wurde zu einem festlichen Ereignis. Herr Sow deutete an, ich möge das gebratene Ziegenbein aus der Hand essen. In der großen Schüssel wölbte sich grobkörniger Reis, angefeuchtet mit dem Saft des Fleisches, darauf gekochte Ziege. Mr. Sow formte den Reis zu Kugeln und stopfte sie mir – als dem Ehrengaste – in den Mund. Aufhören durfte ich erst, als ich Zeichen gänzlicher Überfüllung von mir gab.

Die Hauptfrau, Dianaba, kenntlich am großen Silberring an der großen Zehe, widmete sich der langwierigen Teezeremonie. Eine kleine Kanne stand auf der glühenden Holzkohle. Hinein ein Schnapsglas voll grünen Tees, plus einem Klotz Zucker, abgehauen vom spitzen Zuckerhut. Nun wurde der Tee viele Male umgegossen in die sieben kleinen Gläser und zurück in die Kanne, hin und zurück, bis der Tee schäumte. Frische Minze wurde hinzugefügt. Probieren, umgießen, probieren, aufkochen, umgießen, wohl eine halbe Stunde. Das bittersüße Getränk ließ das Herz explodieren und machte die Nase frei – ich wollte trotz der Fleischesfülle in die Luft springen.

Mit der jungen Mutter Aby geriet ich in  Blickkontakt, trotz lähmender Hitze.  Aby war  scheu, ein Kind noch.  Ein Bildhauer hätte ihn modellieren wollen, den fein gebogenen langen Hals, die zarten Brüste. Eine klassisch schöne Hirtenfrau, das Gesicht könnte auf alten ägyptischen Reliefs prunken.  Reden konnte sie nicht mit mir, nur angucken und lächeln. Ohne Scheu rutschte Aby näher.  Zeichnete stumm mit einem Hölzchen wunderliche Zeichen vor meinen Füßen in den heißen Sand.  Die spannende Lösung: es waren die Brandzeichen der großen väterlichen Herde.   Aby war nicht arm, o nein! Hin und wieder erschien der vierjährige Sohn Mamadou, spielte mit einem Cocacola-Korken und verlangte zu trinken. Ein Bild kind-mütterlicher Geduld und Ergebenheit. Es sind Frauen wie Aby, die den Clan zusammenhalten, weil sie die althergebrachten Traditionen ihres Volkes weiterführen und ihren  Kindern mitteilen. 

Die rund fünf Millionen Fulani in Afrika sind ein altes Volk. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert gründeten sie Reiche in Guinea, Obervolta und Fouta-Toro. Ihre Sprache ist reich an Geschichten und Lyrik. Für 50 Ziegen, plus zweier Kamele hätte ich Aby zur Ehefrau haben können, meinte der Herdenführer.  Es bedurfte einiger Diplomatie, das großherzige Angebot abzulehnen, ohne die Menschen zu verletzen. Ich schied in tiefer Nachdenklichkeit.

Der reiche Hirte Inel Salif Sow kam mit der Herde in Staubwolken  gehüllt von der weit entfernten Wasserstelle Amadi. Geboren war er 1918. Vor zehn Jahren hatte er dieses Camp gebaut (Compound sagte man hier). Seine Herde bestand aus 216 Rindern, 30 Ziegen, 50 Schafen, 3 Kamelen, 5 Eseln und drei Pferden. Viele Rinder litten an Botulismus, die Tiere hinkten, hatten hohes Fieber und starben innerhalb von drei Tagen. Ursache war ein Mineralstoffmangel des Brunnenwassers, es ließ die Tiere Haut und Knochen von Kadavern fressen, damit holten sie sich die Infektion. Medikamente, das war das einzige, womit man ihm eine Freude machen könnte. Der Compound, die kleine Heimat für Aby und ihrer  Hirtenfamilie, verschwand im Dunst von La Brousse. Aby winkte nicht einmal. Das Versinken von Bildern und Szenen in die Erinnerung war diesmal ein recht   schmerzhafter Prozess, ich hatte mich in der fremden Welt zuhause gefühlt für ein paar Stunden.