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Geburt und Tod

Die Serengeti in den Siebzigern, nicht weit vom Camp Seronera, am Beginn der Regenzeit. Das Gras ist schon leicht grün und saftig, die Akazien haben getrieben. Alles im Rhythmus der trockenen und feuchten Jahreszeiten, die hier das Leben bestimmen. Die Herde der Impala-Gazellen ist durchgezogen, wieder in strenger Hierarchie, die sich aufgelöst hatte während der Not der Trockenzeit. Nun sind die Mütter auf der Suche nach Buschwerk, um in aller Eile, hastig fast, dem heimlichen Geschäft des Gebärens zu obliegen. Eile ist geboten, denn nichts ist schmackhafter für die zahllosen Räuber als ein zartes Impala-Baby, und nichts wehrloser. Die Gnus dort drüben – die stellen sich schützend um ihre junge Brut, denen kann nichts passieren. Impalas haben so was in ihren Genen nicht vorgesehen. Die Mütter sind allein gelassen mit ihrem schwierigen Geschäft. Aber es geht schnell. Und das Baby hat nichts Eiligeres zu tun, als, noch nass, sich auf die schwachen Füße zu stellen. Bloß nicht liegen bleiben, das würde die Mutter nicht akzeptieren. Aufstehen! Und nach Minuten der Herde folgen können, nur die bietet dann den Schutz.

Rechts – im Abstand von kaum 50 Metern lauern zwei Schakale. Nur die dunklen Rücken, die spitzen Köpfe mit den hohen Lauschern und den scharfen Augen sind über dem hohen Gras auszumachen. Unermüdlich folgen sie in flirrender Hitze, durch nichts und niemanden abgelenkt, dem Geschehen im Busch. Da muss doch was zu holen sein! Da ist was Kleines, Schwaches, ganz leicht zu killen, auch für die kleinen Schakale. Geduld ist ihre große Tugend. Die Impalamutter ruft leise, das Baby stolpert hinter den staksenden Beinen her, bemüht, das Tempo zu halten. Getrieben von Genen, die nichts als Anschluss halten befehlen. Die Impalamutter ist vielleicht zehn Meter voraus. Blitzschnell, kaum zu verfolgen für den ungeschulten Beobachter, der Schakalangriff. Klagender Schrei des Babys – aus. Die Mutter dreht sich kurz um, verhofft, hört nichts mehr, geht langsam weiter der Herde nach.

Ich beobachte Verhalten, suche es zu begreifen. Dies immer wiederkehrende Verhalten zwischen Beute und Räuber. Woher weiß der Schakal, dass jetzt und hier leichte Beute auf ihn wartet – sieht er die typischen Geburtsbewegungen? Riecht er die Ausscheidungen? Hat er, wie manche Raubvögel, ein Suchbild im Kopf, eine Art Bambi-Umriss, der schwache Kleinheit signalisiert? Und der zweite Schakal, wartet er auf den Erfolg des Bruders, um später teilzuhaben am Riss? Warum hilft er dem anderen nicht beim Töten, wie Löwen es tun? Ist Kooperation bei Schakalen nicht vorgesehen? Aber sie tauschen doch feine Signale aus, kommunizieren mit vielen Vokalen und Gesten. Wozu? Dienen ihre Signale nur zur Aufrechterhaltung gruppeninterner Ordnung der Balz, der Jungenaufzucht? Wo genau ist ihre ökologische Nische eingefügt im Beziehungsnetz der Räuber, die ja alle Jagd machen auf eine schmale Palette ähnlicher Beutetiere: grasfressende Säugetiere, nichts sonst. Ich beobachte Verhalten, bedenke aber nicht, dass Verhalten immer auch Antwort ist auf das Verhalten anderer. Verhalten ohne Umwelt, ohne Umfeld, hat gar keinen Sinn. Verhalten ist überlebens-sinnvolle Antwort auf das Verhalten anderer. Und nur so zu verstehen. Ich müsste intensiver nachdenken über die Frage, warum wir überhaupt uns bemühen, das Verhalten mancher Tierarten zu begreifen, zum Beispiel das der Impalamutter und der Schakalräuber. Die Serengeti ist ein Ort, an dem man unendlich viel lernen kann.