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Israel vor der Jahrtausendwende

Samstag. Im 4. Stock der Weizmanstraße 19 ist die Jugend voll im Stress. Es gilt das Bemalen riesiger Plastikfolien, die man aus dem Fenster hängen will zum Tage des Protestes. Der mahnende Text ist kurz und von weitem zu lesen: Bibi go home! Mit diesem Titel ist der unbeliebte Ministerpräsident Netanjahu gemeint.

Hadas’ Sohn Dan, das Urbild des kühnen Jünglings auf großer Fahrt, hat mehr als vier Jahre bei den Fallschirmjägern gedient und ist zum Kummer der Mutter viele Einsätze in den Libanon geflogen. Jetzt studiert er Orientalistik in Jerusalem. Dem Gast zuliebe spricht man am Abendtisch unter der kühlenden Klimatechnik das Deutsch des Goetheinstituts, dann im gewohnten Englisch, und, wenn es lebhaft wird, auch im rollenden Hebräisch. Wenn sie Erinnerungen aus der Kindheit erzählt, redet Mutter Hadas Tamir polnisch. Zwischendurch rattern 6 - 7 Haustelefone, weil die Freunde ringsum das Neueste erfahren müssen, Nachrichten gucken in CNN und alle erreichbaren Zeitungen lesen.

Sonntag. Die kommunalen Kräfte streiken. Mit der Folge beachtlicher Müllberge, die das Laufen auf den Trottoirs zum Abenteuer machen. Katzen und Vögel laben sich an fauligen Früchten und Dosensahne. Der Verkehr im quirligen Tel-Aviv lahmt. Wir fahren an die Küste. Im alten überrestaurierten Jaffa ruhen lang gewandete Orthodoxenfrauen auf grünem Rasen, weisen geschlossene Antiquitätengeschäfte mögliche Kunden ab. Der Blick auf die mittelmeerisch-mittelalterliche See erheitert die Seele. Im alten Hafen dümpeln Boote, laden dunkelgebrannte Fischer ihre Beute aus, stehen weiße Reiher auf den Bojen. Sie warten, bis jemand ein Stückchen Brot ins Wasser wirft, dann sammeln sich Sardinenschwärme um das Boot und werden den geduldigen Vögeln zur Beute. Klever was? Der St. Petersfisch ist kross und riecht leise nach Genezarethsee. Meine alte Freundin Hadas, ich kenne sie seit so vielen Jahren, philosophiert über das Ob und Wie des Lebens angesichts drohender Katastrophen. Israel am Abgrund, dies aber mit einem vagen, lächelnden, jüdisch-leidenden Optimismus. Der Gast kann nur lernend schauen und an Jahrtausende jüdischer Leidensgeschichte denken. Ein weißes Schild droht Wagt nicht, diesen Hafen zu verscherbeln!. Dies aber plant man, sagt Hadas böse, den Umbau des historischen Filetstücks zur Touristenattraktion.

Umziehen für das Fest. Über gewundene Straßen fahren wir ins nächtliche Jerusalem. Hoch über der Stadt die moderne Universität. Auf den Terrassen des Gästetrakts begehen Hunderte freundlicher Menschen die Hochzeit eines bekannten Akademikerpaares. Häppchen hier und da, Säfte. Klagend die einleitende Flöte. Kinder spielen leise unter den Füßen der Feiernden. Die Braut in weißen Tüllwolken, sitzend auf dem bräutlichen Thron, grüßt lächelnd, empfängt Freunde. Manche bedürfen eines Küsschens. Geschenke häufen sich. Der Bräutigam wird hereingeführt. Die Zeremonie mit dem Rabbi unter dem weißen Zelt. Musik, Reden, Gesänge vor dem biblischen Panorama der Lichterstadt. Am Rande erzählt der bejahrte Greis mir lebhaft von jungen Tagen, die er in Erfurt verbracht habe, sein Deutsch ist untadelig, und er spricht ohne Groll. Der Mond ruht wie eine Milchglasscheibe über der Szene. Die Nachtfahrt zurück ist voller Gedanken, Träume und Trauer.

Montag. Die Nacht ist kurz, die Hitze lähmt. Hadas versieht pflichtbewusst ihre Arbeiten im Büro einer Organisation für Kinder, deren Eltern sich nicht um den Nachwuchs kümmern. Hadas organisiert Verbindungen zu mächtigen Partnern mit Geld. Gideon, ihr schwergewichtiger Mann, saß vor seinem Herztod gern in der großen Bibliothek im oberen Geschoß, wo zu Tausenden die Werke zur Literatur, Drama, Theatergeschichte stehen und liegen. Der Aufenthalt zwischen den Wänden der Gelehrsamkeit ist auf Minuten beschränkt, es ist hier einfach zu heiß. Am frühen Nachmittag beladen wir das gekühlte Auto mit Reiseklamotten, Nachtkram Sonnenhüten und Trinkwasser. Die Straße nach Norden ist ruhig. Die historische Stadt Tiberias empfängt uns mit Massen von Touristen. Seine Ruinen sehen aus wie künstlich aufgebaute Souvenirs. Wir fliehen den Ort und reisen weiter in das verträumte Städtchen Metulla. Es ist geprägt von der nahen Grenze und dem allgegenwärtigen Militär. Die Hotelfenster tragen Gaze, der Blick ist getrübt. Die Nacht wird betont vom Gebell eigener Artillerie. Bürger sehen besorgt zum Himmel, ob nicht wieder Hubschrauber kreisen und auf Verwundete warten, die sie ins Lazarett fliegen. Es herrscht ein Krieg der unaufhörlichen Opfer und Schmerzen. Das Land ist ihn so leid, lange schon.

Dienstag. Lange vor sechs jubeln Vogelstimmen aus den Dickichten der Nachbarschaft. Ich laufe durch die ruhige Dorfstraße zum weitläufigen Denkmal, vergangener Kriege gedenkend mit Panzern und Schrifttafeln. Dazu ein kleiner Park, wo Väter ihren Söhnen Feuer anzünden beibringen. Im nahen Naturreservat ist der berühmte Wasserfall trocken gefallen zum Ende des Sommers. Unter den militärisch geraden Reihen der Obstbüsche vertrocknen die letzten Pfirsiche. Der staubige Boden harrt des ersten Regens. Wir brechen auf zu den berüchtigten und noch immer verminten Golanhöhen. Hier hat jeder Meter Menschenleben gekostet. Wege und kleine Straßen winden sich empor und herunter. Auf freien Feldern üben Soldaten den Angriff. Weiße Rinder sammeln sich vor der Hitze im kargen Schatten müder Bäume. Freundlich empfängt die Beschließerin am Tor die allbekannte Hadas – wir wandern zum Heiligtum des Gottes Pan aus römischer Zeit hoch am roten Felsendom. Unvermeidlich die schwitzenden Touristen mit weißen Golfkäppchen, truppweise vom Bus ins Heiligtum und zurück. Im kühlen Raum der halbzerstörten Moschee sammeln sich lächelnde Archäologen zum kühlenden Frühstück. Die jugendlich-aktive Ausgräberin Shoshana führt uns zu den Sites in der riesigen Burganlage des Agrippa, wo sie eben graben lässt. Schleier aus schwarzen Tüchern schützen die Fleißigen vor der stechenden Sonne. Viel Erde ist da zu bewegen. Wir bewundern genial behauene Burgmauern, Tunnel, weite Innenräume. Jahrzehnte wird man brauchen und viel mehr Geld, um dies eben entdeckte Zeugnis aus den Zeiten Jesu in ganzer Pracht zeigen zu können. Leider müssen wir bald weiter – zum Ufer des Kinnereth Sees. Im hohen Uferschilf die reifenden Früchte des Kaktus mit Namen Sabre (frohen Gedenkens der grässlichen Stacheln vor zehn Jahren) Am Kibbutz En Gev warten gekühlte Touristenbusse in Viererreihen. Im neu hergerichteten Kapernaum findet meine Erinnerung kaum etwas wieder vom früher Gesehenen, alles ist nun ein touristengerechtes Openair-Museum. Die Stimmung des Testaments, vor Jahrzehnten noch fühlbar, ist versiegelt. Sehen, das heißt hier Durchschleusen und geschleust werden. Mit oder ohne bunte Postkarte.

Durch den Wald heller Platanen gelangt man zu den moorigen Laufstegen im Huleh-Reservat. Niedrigwasser ist eingetreten. Einsam quirlen letzte Fische im Modder. Der Papyrus steht im Saft und wiegt die grünen Schäfte. Ja, meint besorgt der Ranger, Fallensteller fänden sich hier schon ein und auch Wilderer. Schwere Sorgen belasten den Mann um den Erhalt des kostbaren Reservats. Zurück ins Grenzdorf Metulla. Orly Shoshani im Café Habronit bietet wohlschmeckenden Kaffee, der Gast mustert die Gegenstände des Schenkens in den Ikearegalen, von der Kunstblume über Kleingemälde zum Silberschmuck. Zum Abend lädt eine befreundete Familie, die mit dem Schutz des Pan-Heiligtums befasst ist. Von der Terrasse geht der Blick weit hinüber in den Golan. Saft wird gereicht und kleine Küchlein. Der Mann dient als Lehrer und Kritiker der E-Musik. Der Abend verklingt unter den brausenden Akkorden der mächtigen Hausorgel, deren Manuale, Register und Pedale der Meister beherrscht. Klingenden Ohres wandeln wir durch den schweigenden Ort. In der Ferne grollen immer noch die Geschütze.

Mittwoch. Hadas wartet mit ihren Zeitungen auf dem hochgelegenen Parkplatz über der Ebene. Ich wandere in den mächtigen, Hitze strahlenden, chaotisch umher liegenden Steinwällen und Mauern der berühmten Feste Nimrud am Hang des Hermon, oberhalb der Bantas-Quelle, 1228 erbaut gegen die Kreuzritter. Der Blick geht biblisch-weit ins wellige Land mit den braunen Feldern, schmalen Büschegruppen und mäandernden Wegen. Darüber ein wolkenverhangener Himmel, aus dem gleißende Strahlen der Sonne blitzen, wie wenn Jahwe spräche zum erwählten Volk. Archaisch, märchenhaft, Israel, wie man es eindringlicher nicht erlebt. Weiter fahren wir auf Wegen biblischer Frühgeschichte. Da ist das Reservat Dan mit einem wilden Fluss, einem feucht-engen Urwald, den Ruinen des uralten Heiligtums. Balancierend auf glitschigen Kieseln erzählt Hadas von den Stämmen Israels, unter denen Dan eine wichtige Rolle spielte. Israel ist immer zuerst Geschichte zum Anschauen. Und der Reisende möchte sich die mitgebrachte Flasche Wasser über den Kopf gießen, um wieder denken zu können. In der Weizmannstraße ist die Jugend immer noch am Werkeln. Sohn Dan diskutiert über das israelische Militär, seine Rolle im Nahen Osten, sind vier Jahre Wehrdienst nicht zu viel? Der Jugendliche kommt spät zur Berufsausbildung, zum Studium, Aber das Land kann ohne Militär nicht existieren. Dan braucht Hilfe beim Befestigen des wandgroßen weißen Anti-Bibi Plakates im 4. Stock. Weithin soll es die Autofahrer ermahnen, die Demo unbedingt zu besuchen.

Freitag. Wir fahren ins Altenheim Pinchas Rosen Parent Home in Ramat Chen. Hier versorgt man mehr als hundert alte Menschen, viele von ihnen in Deutschland geboren. Blumenrabatten, ein Aquarium. Die Leiterin erlaubt mir die Aufnahme eines Rundgesprächs über die Erlebnisse der Alten 1938 in Berlin, zur Reichskristallnacht. Die Menschen erzählen von damals, lebhaft, bewegt, den Tränen nah. Nebenan im Fernsehzimmer zeigt der Bildschirm minutenlang Clintons Sexprobleme, kaum jemand findet das hier lustig. Abends brechen wir auf mit Freunden, Nachbarn und Hunden die Frishman Avenue entlang zum Rabin Platz, wo das Mahnmal für den Ermordeten liegt. Da stehen die Massen unter wehenden Plakaten und dröhnenden Lautsprechern. Reden werden gehalten gegen Bibi und dass er endlich gehen muss. Ein Volksfest, Kinder spielen, Hunde balgen sich, fröhliche Gesichter, Gekicher, nirgends heiliger Ernst. Schalom, Friede muss endlich werden. Unter munteren Gesprächen wandern die Massen heimwärts, manche weilen bis zum Morgen.

Sonntag. Müdigkeit klebt in den Augen. Ich wandere über die Dizengoff, einst die Straße des alten jüdischen Lebens in Tel-Aviv, mit den behüteten Damen in den Cafés vor dem Wiener Kuchen, die lieben verstaubten Antiquariate. Dizengoff hat an Glanz verloren, viele Läden geschlossen, tot. Die Jeckes sind nicht mehr da, die so manches mitbrachten an Büchern und Klamotten aus dem alten Europa, Bilder, die man verkaufen könnte in Notzeiten. Europa ist dabei, sich zu verabschieden aus diesem Teil des Orients. Dan und Freundin Ido bereiten das Mahl auf der nächtlichen Dachterrasse. Die Erzählungen kreisen um Israel, die Stimmung ist gedrückt. Der Rotwein warm. Dans Schwester Rona erscheint, bricht mit Freunden auf an die nächtliche Meeresküste südlich Jaffa. Man nimmt den Gast mit. Ein Becher kalter Kakao, junges Volk auf Holzbänken, Grillengezirpe, wummernde Musik fern, die Gespräche der Jungen klingen anders als die der Alten. Es ist ihr Land, diese Selbstverständlichkeit lassen sie den Gast freundlich spüren. Hinter ihrer Lustigkeit wartet die Sorge, wie wird es werden, später, morgen. Im nächsten Jahrzehnt? Sie haben keine Antworten. Die Geschichte des Landes vor 1948 interessiert sie kaum.