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Die Kino-Wochenschau

Medium eines bewegten Jahrhunderts

Emsige Kinogänger werden sich der Tage erinnern, da das Filmprogramm eingeleitet wurde von einem hübschen Kulturfilm und einer munteren, lauten Wochenschau.
Der Kulturfilm handelte vielleicht vom Leben einer Blindschleiche. Die Wochenschau brachte ein Potpourri der verschiedensten Bilder und Szenen, untermalt von dramatischer Musik, da waren die prunkvolle Fürstenhochzeit und das Unglück im Bergwerk, die kuscheligen Hundebabys und die elegante Modenschau in Paris, ein Autorennen und ein Tor im Fußball-Endspiel. Nach 10 Minuten hatte der Zuschauer im Dunklen ein kleines Stück Weltgeschichte erlebt, heiter, traurig, spannend, bewegend. Und war nun bereit für den Hauptfilm.
Wochenschau gucken war zur lieben Gewohnheit geworden. Ohne sie war das ganze Kino nur die Hälfte wert. Und sie kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken, die zu großen Teilen in Hamburg spielt.

Zeitzeugen sagen, es sei recht kalt gewesen in Hamburg am 7. Januar des Jahres 1950, als die Mannschaft der Neuen Deutschen Wochenschau mit Sack und Pack einzog in das stilschöne Haus, das sich der Kunst- und Kulturhistoriker Aby Warburg 1926 für seine Bibliothek hatte bauen lassen. Es ist die Nr. 116 in der stillen Heilwigstraße, und sie liegt im vornehmen Hamburger Vorort Harvestehude. In dieser Villa mit dem weiten Park an der Rückseite, der an einem Fleet endet, siedelten sich Redaktion und Produktion der NDW an. Mehrere Dutzend von überall her engagierter Frauen und Männer schufteten, um Woche für Woche mit erbarmungsloser Pünktlichkeit ein 300 Meter langes Filmband fertig zu stellen, damit es, zusammen mit dröhnender Musik und schwarzweißen Bildern und harschen Kommentaren dem pp. Kinopublikum präsentiert werden konnte nach dem Motto des Hauses: Viel Unterhaltung, viele Sensationen und Katastrophen, wenig Politik, etwas Menschliches und ein bisschen Humor. Eben die allbekannte Wochenschau-Mixtur, wie sie seit den bunten Tagen der Weimarer Republik gewöhnt und geschätzt war. Der spätere Beobachter ahnt kaum, wie viel Phantasie, Findigkeit und mühsame Arbeit notwendig waren, um dieser Routine mit immer neuen Sensationen und Informationen und exklusiven Storys gewachsen zu sein.

Die Kinos, also die Kunden der NDW, spielten Das Schwarzwaldmädel, erster deutscher Nachkriegsfilm mit Sonja Ziemann, Herrliche Zeiten, die Filmsatire von Günter Neumann, Semmelweis-Retter der Mütter oder den dänischen Aufklärungsfilm So beginnt das Leben. Im Übrigen war es lebhaft auf der politischen Bühne. Ostdeutschland erlebte die Wahlen zur Volkskammer, mehr als eine halbe Million Berliner demonstrierten für die Freiheit, Minister Ehrhardt erstrebte die soziale Marktwirtschaft, Atomphysiker Fuchs wurde als Atomspion verurteilt, der große Schauspieler Emil Jannings war tot. Stoff für viele Wochenschauen, denkt der Laie und greift nach der NDW Nr.1 vom 3. Februar 1950, die ja schon einen Monat nach dem Arbeitsbeginn auf dem Markt erschien. Sie beginnt pompös mit dem Markenzeichen, dem sich drehenden Globus. Ihn umschlingt das Filmband mit dem Namen NEUE DEUTSCHE WOCHENSCHAU, darunter die Nr. 1 und das Datum. Dann erscheinen kostümierte afrikanische Eingeborene, die ziemlich wild nach dem einfältigen Song O lala sich verrenken, untermalt mit dem komisch sein sollenden Kommentar Wenn die Jungs wüssten, was sie in Europa verdienen könnten. Diesen Wilden folgen junge Frauen lustwandelnd am Strand Kaliforniens. Der Kommentar belehrt uns: Eine Parade, gegen die auch vom pazifistischem Standpunkt aus nichts einzuwenden ist, und trotzdem ein kriegerisches Ereignis, der bitterernste Kampf um den Titel einer Grapefruit-Königin, natürlich in Kalifornien –leckeres Früchtchen – Ein Humor, der sich späteren Zeitgenossen nur schwer erschließt. Die Erstausgabe der NDW hat Überlänge und ist bepackt mit Botschaften: Stapellauf in eine bessere Zukunft, Absage an den Kommunismus, dazu reichlich Sport, Politik nur dosiert. Zum Erscheinen der ersten Nummer der NDW gab es einen Werbefilm mit starken Musikakzenten. Sein Text setzt voraus, dass das Publikum wusste, dass zuvor die Wochenschauen von den Nazis, später von den Alliierten kontrolliert worden waren.

Nichts kann auf dieser Welt geschehen, an dem nicht jeder von uns teilnehmen könnte. In allen Ländern der Erde, an jedem Tag, zu jeder Stunde, richten sich die Kameras unserer Filmreporter auf die interessantesten Ereignisse der Zeit. Sie bannen die Schönheiten der Natur, die Werke der Menschen, die Denkmäler der Kunst, die Zeugen und Gestalten unseres Jahrhunderts, überall in der Welt. Wir wollen den Atem der Zeit bannen. Wir wollen im Rhythmus und Tempo dieses Jahrhunderts die lebendige Geschichte unserer Tage im Bild festhalten.

Unter ihrem bayerischen Chefredakteur Manfred Purzer experimentierten die Hamburger, probierten, stritten um Formate und Themenmischungen, um einen unverwechselbaren NDW-Stil. In der NDW Nr.6 vom 6. März 1950 setzten sie auf die Innenpolitik. Die Kamera verfolgte den Bundespräsidenten Theodor Heuß auf seinem Gang durch den Hamburger Hafen. Jovial begrüßte Heuß die Stauerleute und schaut aus dem Fenster der Senatsbarkasse freundlich auf den rauen Seegang. Dann empfing er einen französischen Diplomaten, es ging an der Saar um das Schicksal dieses Landes: französisch oder deutsch? Und um die Heimatvertriebenen, deren lange, dunkle Kolonnen im Schnee Bilder von erschütternder Intensität zulassen. In der Wirtschaft ging es um den Wohnungsbau und eine übliche Grundsteinlegung. VW Wolfsburg verloste seinen 100.000ten Käfer. Die Katastrophen kamen ins Bild mit einem Flugzeugabsturz. Spaß wurde ernst beim spanischen Stierkampf, Kunst wurde lebendig mit den tanzenden Medau-Schülerinnen vor imposanter Gebirgskulisse. Der Sport war vertreten mit Eishockey und Sechstagerennen. Insgesamt 11 Stories in 14:30 Minuten. Die Fleißigen in Harvestehude hofften inständig, dass Kinobesitzer und Kinopublikum zufrieden (vielleicht gar lächelnd?) reagieren würden. Sicher waren sie sich dessen nie. Bei manchen Textstellen hat Wochenschausprecher Hermann Rockmann wohl überlegt, wie man es sympathisch spricht: Mein Freund Theobald ist ein vielbeschäftigter Erfinder und braucht dringend seine Nachtruhe. Aber er ist auch Familienvater. Als konstruktiver Kopf hat er sozusagen das Ei des Kolumbus in die Familienwiege gelegt. Ein Druck auf den berühmten Knopf und beide Eltern haben Ruh. Bübchen fallen die Augen zu, schlaf Kindchen schlaf. Das mit dem Ei in der Wiege muss einem erstmal einfallen, Texter hatten es auch damals nicht leicht.

Die NDW Nr.17, 1950 machte auf mit einem bewegenden Trauerzug mit weinenden Müttern und Kindern:
Angesichte des Kampfes, den die Mächtigen dieser Erde um die Schätze des Ruhrgebietes führen, erinnert das Unglück auf der Zeche Dahlbusch daran, dass es in dieser Landschaft nicht nur um Kohle und Stahl, sondern auch um das Schicksal von Menschen geht. Viele Tränen von Frauen, Müttern und Kindern, die um die Opfer von Gelsenkirchen vergossen werden, haben in diesen Tagen und Stunden den Lärm der Politik verstummen lassen

Die Wochenschau entstand meist erst am Schneidetisch. Die Cutterin entscheidet über den Rhythmus und das Tempo des Schnitts, und über die untergelegte Musik, die Geräusche. Geschäftsführer Hinderikus Wiers erinnert sich einer Szene aus dem Koreakrieg:
Da sitzt ein kleines Kind auf der Straße, weinend, einsam, weit und breit niemand, ein Kind allein auf der Straße, das Herz konnte einem bluten, wenn man es sah. Was aber machen die Wochenschauleute? Da kommt das Geräusch von Bombern drüber, jeden Moment muss die Bombe fallen. Die flogen da vielleicht gar nicht. So war es zwar nicht die Wirklichkeit, aber die Wahrheit. Obwohl diese Geräusche Verfälschungen waren.

Kurt Brandes hatte die Liebe zur Kamera geerbt, schon sein Vater war Kameramann beim Stummfilm.
Als Kameramänner waren wir unpolitisch, wir wollten keine Meinung machen, sondern berichten, was wir sahen. Wir wollten Personen nicht durch die Aufnahme dynamisieren, indem wir sie von unten oder oben aufnahmen, um sie größer oder kleiner zu machen. In den ersten Jahren waren wir auch für die Hofberichterstattung zuständig, wir haben den Bundeskanzler in seinem Ferienort Cabdenabbia begleitet. So haben wir jedes Jahr einen Urlaubsbericht des Kanzlers erstellt.

Der Berliner Kameramann Erich Onasch erzählt: Ich muss erzählen vom 17.Juni 53. Steh ich allein auf meinem Fahrzeug am Potsdamer Platz oben auf dem Dach, ich hatte ein Stelleisen, damit es nicht schaukelt. Ich habe gerade die Panzer drin, am U-Bahn-Eingang mit der langen Brennweite, da poltert ein Herr auf meinen Wagen, ich hab ihn angeschnauzt, weil mein Bild verwackelt war. Ich dreh mich um, is et der Schöneberger Bürgermeister, der Kressmann vom Kreuzberg, der war neugierig, wollte von oben sehen. Nach dieser Geschichte wollte ich zum Brandenburger Tor. Ich kam nicht durch vor Rowdys und Verwundeten. Die eine Gruppe hat mich gezwungen, meinen Wagen zu benutzen als Krankenfahrzeug. Hab ich gleich reagiert und die Leute ins Krankenhaus gebracht. Das Columbushaus brannte dann nieder, die Kollegen am Potsdamer Platz brachen plötzlich zusammen hinter der Mauer. Das lief gleich am nächsten Tag in den Kinos.

NDW, Nr.354 vom 9. November 1956. Kommentar:
So hatte der Aufstand in Ungarn begonnen. Am 23. Oktober mit einem Protestzug gegen das sowjetisch orientierte System. Einen Tag später wurden die Waffen erhoben. Die Revolte nahm ihren unerbittlichen Lauf. Ungarn schossen auf Ungarn, der unselige Bürgerkrieg war da. Die roten Fahnen wurden verbrannt, Scheiterhaufen aus kommunistischer Literatur loderten auf. Dann setzte der Sturm auf das Avohaus ein. Das Gebäude des Staatssicherheitsdienstes. Nach erbitterten Kämpfen war die Polizeizentrale erstürmt.
Mit aller Intensität hielt die NDW ein Geschehen fest, das einst zu den wichtigsten Kapiteln der Europäischen Geschichte des 20.Jahrhunderts gehören würde.

In den kommenden Jahren teilten sich mehrere Anbieter das Wochenschaugeschäft, auf westlicher Seite Ufa-dabei, Die Zeitlupe Blick in die Welt, Fox tönende Wochenschau, manche schauten auch Der Augenzeuge in der Zone oder DDR.
Anfang der 60er Jahre zog die Mannschaft der Neuen Deutschen Wochenschau aus der Heilwigstraße in die Sieker Landstraße nach Rahlstedt. Dort gab es das imposante ehemalige Kasino der Kaserne in schönem Klinker und in einem Park gelegen, wo Kameramänner, Redakteure und Cutterinnen eine feine Heimat fanden. Dicht dabei die Kopieranstalt Atlantik, welche die Filme der Kameramänner sogleich fachgerecht entwickelte und die fertigen Filmrollen für die Kinos bereitstellte.

Doch ein Ende war abzusehen, seit das ZDF 1963 auf Sendung ging. Diese Konkurrenz war auf die Dauer zu stark, es begann ein Kinosterben. Archivleiterin Mechthild Meyer-Rix erinnert sich:
Wir haben die letzten Jahre immer versucht, mit Storys, die von den Auftraggebern bezahlt wurden, uns über Wasser zu halten. Aber es ging nicht mehr, es waren nur noch wenige Kinos da und kaum jemand bereit, eine Wochenschau zu zeigen, so dass 1977 die Wochenschau ein sehr unrühmliches Ende nahm. Sie ist gestorben ohne Paukenschlag, ohne Abschiedsfete, sie ist ganz einfach eingegangen.

Es blieb das gigantische Hamburger Archiv. Tief in Bunkern lagern 3000 Wochenschauen auf 17 Millionen Metern Filmmaterial, ein einzigartiges nationales Film-Gedächtnis, aneinander gereiht 7000 Stunden bewegter Zeitgeschichte. Sie werden nach wie vor emsig benutzt, vor allem von den Sendern, wenn sie über die Zeit nach 1945 berichten. Sie sind dankbar, dass neben dem Bundesarchiv in Berlin dies sorgsam gehütete Archiv auf gutem 35 mm Filmmaterial in Hamburg existiert, weit haltbarer und bildgenauer als jeder andere analoge oder digitale Träger.