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Häuslebauer im alten Palästina

Ein Stück Erde sollte ihnen Heimat werden. Hier wollten sie siedeln, ihren Glauben leben, der sie geheißen hatte, ins Gelobte Land Palästina zu ziehen, ins Land ihres Erlösers. Über das Wasser waren sie gekommen, ein paar Dutzend Menschen aus dem fernen Schwabenland. Hier, an den Küsten des Heiligen Landes, in Haifa hatten sie zum ersten Male fremde Erde betreten. Haus und Hof ließen sie zurück in der Heimat Württemberg. Im Nahen Osten wollten sie ein neues Leben wagen. Ein weiter Weg, und ein großes Risiko für die unerfahrenen Menschen. Konnte der kühne Plan gelingen? Wie sie sich dem Betrachter darbot, die neue, fremde Landschaft zur Mitte des 19.Jahrhunderts, die Bilder des zeitgenössischen deutschen Malers Bauernfeind zeigen ihre abweisende Härte. An diese heißtrockene Welt mussten sich die Männer, Frauen und Kinder der Schwaben anzupassen versuchen, körperlich, seelisch, wenn sie überleben wollten. Unbekannte Gefahren lauerten auf sie: Räuber, Diebe, Dürren, Teuerungen, Seuchen und was alles noch. Doch mutig machten sie sich ans Werk.

Die Rede ist von den deutschen Templern, einer Glaubensgemeinschaft. Es war im Herbst 1989. Freunde in Israel erzählten die spannende Geschichte der schwäbischen Bauern, die Mitte des 19.Jahrhunderts aufgebrochen waren aus ihrer alten Heimat, um in Palästina zu siedeln, lange vor der Existenz des Staates Israel. Palästina war eine Provinz des Osmanischen Reiches. Freunde zeigten mir alte Straßen, Plätze und Hausruinen, trockene Vergangenheit, könnte man denken, doch nein. Diese Deutschen aus Württemberg hatten deutliche Spuren ihres Tuns im Heiligen Land hinterlassen - Spuren, die auch im modernen, selbstbewussten Israel noch – oder wieder – beachtet werden.

Das Frühjahr ist eine gute Jahreszeit, um im heißen Nahen Orient herumzulaufen auf der Spurensuche. Das Land blüht von Blumen und die Nächte sind kühl. Sari Gal, Lehrerin und Autorin israelischer Geschichte, führte ein gastliches Haus im Vorort Tel-Avivs. Ihr Gast war der Geologe Nir Mann, intimer Kenner der Schwabenstory und ihrer Zeit. Gehen Sie nach Sarona, riet er, da finden Sie den altdeutschen Geist und stilvolle Häuser. Auch die Überbleibsel der deutschen Weinkelterei. Sarona, jener Stadtteil Tel-Avivs zwischen Kaplanstraße und Petach Tikva ist streng gehütetes Militärgebiet. Es heißt jetzt Akirya-Stadt. Die freundliche Presseoffizierin überreichte mir den Bildausweis zum Betreten des alten Sarona, das heute als Kantinenbereich und Wohngebiet für Soldaten und Offiziere dient. Ich bewunderte die wenigen noch stehenden riesengroßen Eukalyptusbäume, die Schwaben hatten sie einst gepflanzt. Ihre Kolonie lag im Sumpfland der Sharon-Ebene nahe am Fluss Yarkon, der hier in den Ayalon mündet. Viele Kinder mussten sterben um 1872 an der heftigen Malaria. Und die Bäume sollten mit ihrem starken Aroma dagegen helfen. ZDF Landesfürst Dietmar Schulz zeigte seinen Dokumentarfilm über den Besuch des Deutschen Kaisers 1895 in Jerusalem, wo die Kaiserin die Einweihung der Erlöserkirche mit ihrer Gegenwart beehrte. Begleitet und bewacht von zwei Sicherheitsoffizieren drehte Manes Avni, unser israelischer Kameramann, deutsche Spuren in Sarona. Aus dem gut erhaltenen und stilecht antik geschmückten Gemeindesaal der Templer mit deutschen Sprüchen am Giebel hatte die Armee einen Speiseraum für Soldaten gemacht. Das kleine Museum gegenüber lud ein zum Betrachten wohlgepflegter Maschinen und Geräte aus alter Zeit: Olivenpresse, Haus- und Gartengeräte, Dampfmaschinen mit deutschen Inschriften. Wir stellten unser kleines Kameralicht hinein und die Hinterlassenschaften begannen zu leben. Alles erinnerte uns an historische Taten. Wo heute die Stadt das Land frisst und der Boden der Filetstücke immer teurer wird, erstreckten sich einst die riesigen bewässerten Plantagen und Gärten der Templer. Hier gediehen der Kohl und die Zwiebeln, Rüben und Zuckerrohr, Zitronen und Pfirsiche und Oliven. Kühe gaben fette Milch. Der Hit des 19.Jahrhundert aber waren die großen, saftigen Orangen der Deutschen, geerntet mit arabischen Hilfskräften, verpackt, verschifft vom Hafen Jaffa in die Welt – daher der alte Markenname Jaffa-Orange. Heute noch prägen Orangenhaine das Landschaftsbild im Norden Israels. Und in Sarona wuchsen die Reben. Noch steht halbverfallen das Lagerhaus der Weingenossenschaft mit riesigen, leeren Kellergewölben. Auf dem zeitgenössischen Foto erkannt man wartende Gespanne davor mit ihren Traubenladungen. Heute kennt niemand mehr den Geschmack des einst bekannten Saroner Weißwein Riesling. Plattenfotos erinnern daran, dass Kaiser Wilhelm geruhte, ein Glas des guten Tropfens zu genießen.
Dann erschien, geführt von Tochter und Enkel, der alte, blinde Poet Zwi Aviel und erzählte uns lebhaft auf deutsch von seiner Jugendzeit in Köln, wie er seine Bücher von der Leihbücherei holte, bis den Juden das verboten war, von der Flucht nach Palästina, wo er keine Freunde hatte, von der deutschen Bäuerin, die ihn gastlich aufnahm in Sarona, und wie er hier im Garten ihren Kirschsaft trank, las und den Schäferhund Rolf streichelte. Bis auch die Bäuerin vertrieben wurde von den Engländern, und Rolf nicht mit durfte und getötet wurde. Da hat der Junge geweint.
Freundin Hadas Tamir kannte Israel und seine Geschichte wie wenige. Mit ihr fuhr ich Tage später ins Land, vorbei am alten Flugplatz Lod und zu einer besonders großen Templersiedlung auf 800 Hektar fruchtbarer Fläche: Wilhelma, 1906 gegründet und benannt nach dem König Wilhelm von Württemberg, dem Landesvater der Schwaben. Gerade saubere Straßen, blühende Vorgärten, eine Schule und der Saal, wie man einst sagte, das Versammlungshaus, die ehemalige Landwirtschaftsschule. Gemüseplantagen, intakte Wohnhäuser im altdeutschen Stil. Unglaublich deutsch das Ganze, ein Fremdkörper im Nahen Osten und doch wieder nicht. Hier experimentierten die Schwaben mit neuen Düngestoffen, zogen Orangen und Reben, sammelten ihren eigenen Honig. Bis zum Schluss wurde ihre Milch regelmäßig mit dem Wagen nach Jaffa und Jerusalem gefahren. Vor seinem Haus saß der israelische, ehemalige Flugingenieur Abraham, der es gepachtet hatte. Die Templer?, natürlich, wir kennen die alten Deutschen, haben gute Arbeit geleistet, aber ihre Landwirtschaft gibt es nicht mehr, sie lohnt sich nicht mehr heute. Wilhelma heißt seit 1953 hebräisch Bnet Atarot, erzählte Abraham, das bedeutet Kinder von Atarot, weil Atarot nämlich eine Siedlung nahe Jerusalem gewesen sei, dass deren Siedler hätten fliehen müssen und seien von Wilhelma aufgenommen worden. So war als freundliche Erinnerung der israelische Name entstanden. Am Ende der breiten Dorfstraße der majestätische Wasserturm. Man hat hier später eine Badeanstalt errichtet, doch sie ist vergammelt, unbrauchbar, der Beton bemalt mit idyllischen Szenen.
Wir fuhren durch den dichten Verkehr der Ephraim-Siedlung der Templer in Jerusalem, nicht weit vom Jaffator, sahen würdige Denkmäler mit deutschen Namen, das Gemeindehaus und Inschriften auf dem stillen Friedhof hinter der hohen Mauer. Im alten Gemeindesaal habe jemand ein Hotel geplant, hieß es, sei aber gescheitert, die alten deutschen Häuser stünden unter Denkmalschutz. Im weiten Park des Deutschen Hospizes hockten die fröhlichen Nonnen Gemma und Ludmilla von den Borromäerinnen vor ihren Beeten und zupften Unkraut, strahlten in die Kamera. Sammlung des Volkes Gottes in Jerusalem, Aufrichtung des geistlichen Tempels, das hatte Templergründer Christoph Hoffmann als Ziele der Gemeinschaft gepredigt, als er hier eine Kolonie gründete, 1873. Hoffmann machte seine Kolonie Jerusalem nach 1878 zum geistlich-kulturellen Mittelpunkt der Tempelgesellschaft, fast 300 Templer zählte die Gemeinde um 1898. Aber dann wandte sich die Jugend von ihm ab und wandte sich praktischen wirtschaftlichen Fragen zu. Die Errichtung eines geistlichen Tempels geriet in den Hintergrund. Auf dem nahen Templerfriedhof liegt auch Christoph Hoffmann begraben. Man mag denken, er sei letztlich gescheitert an seinen hohen Ansprüchen eines geistlichen Tempels im Lande der Türken?
Professor Carmel, Geschichtsprofessor und tief vertraut mit den Templern, rief uns nach Haifa, denn hier werde das deutsche Erbe restauriert. Hier sind 1868 Templerbauern mit ihren Familien erwartungsvoll und ängstlich an Land gestiegen, um ein neues Leben zu beginnen. In der breiten, geraden Ben-Gurion-Street lag in einem vor kurzem stilecht renovierten Bauernhaus das Office der German Colony. Architektin Tamara de la Zerde zeigte uns das aufwendig gestaltete Modell der ersten Templerkolonie mit ihren weiten Hängen, in denen die Schwaben ihren Wein anbauten. Mutig machten die Deutschen sich ans Werk im vorausschauenden Entwurf. In eine osmanische Provinz, heruntergekommen durch Misswirtschaft und Korruption, setzten sie gerade Alleen mit sauberen, haltbaren Häusern, ein großes Gemeindehaus errichteten sie, das Zentrum der Sekte, die sich losgesagt hatte von der protestantischen Kirche. Um Tempel zu bauen, nicht aus Stein, sondern aus der Gemeinschaft der Gläubigen. Mit dem mitgebrachten Geld kauften die Schwaben Regierungsland vom türkischen Staat und bauten, nach Plan und gemeinschaftlicher Übereinkunft, Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude, sie bohrten im trockenen Land nach Wasser. Die Moslems legten den ungeliebten Christen viele Steine in den Weg und erhoben harte Steuern. Ohne Bakschisch, lernten die Schwaben, lief bei den Türken nichts. Die Beduinen verwüsteten manche Plantage mutwillig. Zur Anpassung an das Fremde gehörten bei den Templern gute Ausbildung des Nachwuchses und Fremdsprachenkenntnisse. Sie bauten Schulen mit engagierten Lehrern. Kinder der Schwaben und der Einheimischen konnten hier gemeinsam Deutsch lernen, Arabisch und Französisch. Das Bildungssystem der Deutschen hinterließ seine Spuren, auch nach ihrem Abzug. Damit einher ging eine langfristig geplante Verbesserung der maroden Infrastruktur des Landes, das kaum Straßen kannte. Templer reparierten und befuhren die lohnende Strecke Jaffa-Jerusalem nach Fahrplan, transportierten Pilger und Güter mit eigens konstruierten Pferdefuhrwerken.

Mit der berühmten Hedschaschbahn konnte Palästina sich später einknüpfen in das Verkehrsnetz des Nahen Ostens, wurde zu einem Nebenschauplatz der Balkanwirren zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die einher gingen mit dem Niedergang des Reiches der Türken. Die Deutschen hatten das alles mitzuerleiden.

Wir eilten weiter auf den Berg Carmel mit seinen blühenden Wäldern . Hier schossen die Deutschen ihre Rehe für den beliebten Sonntagsbraten – bis es keine Rehe mehr gab im Waldgebirge. Rangerin Aviva erklärte es uns und wollte Rehwild einführen. Im Gottlieb Schumacher Institut drehte Manes eindrucksvolle Gemälde mit Templermotiven des Malers Gustav Bauernfeind und historische Fotos. Hier wirkte Professor Carmel, der eben Vorträge zum Thema Templer hielt an der Universität Zürich. Mit der intelligenten Studentin Lilly drehten wir Szenen im verfallenen deutschen Gemeindesaal und am Eingang der Ruine der deutschen Schule. Über manchen Hauseingängen entzifferten Touristen lachend die Inschriften in altdeutscher Schreibweise. Bis hierhin hat uns Gott gebracht. Auf dem wohlgepflegten Friedhof lasen wir deutsche Namen und Daten, vor allem von Kindern, die allzu früh an Seuchen gestorben waren. Das Klima des Nahen Ostens hat den Siedlern hart zugesetzt und manche Familie zum Aufgeben gezwungen.
Weiter ging es über blühendes Bauernland zum Örtchen Bet Lehem (Galiläa). 1906 erwarben Templer von der arabischen Familie Sursuq ein 700 Hektar großes Gelände des ehemaligen Araberdorfes Beyt-Lahm im Tal Jesreel nicht weit von Nazareth. Und sie errichteten eine Siedlung mit 500 Einwohnern, davon 60 Bauern. Der Blick vom Waldrand auf das Dorf ist kitschig-schön und gibt den Eindruck, die Deutschen seien noch gar nicht weg. Wir trafen den israelischen Bauern Bursteyn. Er hatte aus seinem großen Hof neben ausgedehnter Landwirtschaft mit Pferden und Kühen eine Pension mit sauberen Gästezimmern und einer Weingaststätte gemacht. Alte Geräte waren liebevoll ausgestellt. Karl Krockenberger habe sein Vorgänger, der deutsche Bauer, geheißen, berichtete der Israeli, er sei aber seit dem April 1948 weg. Die Deutschen seien damals vom Staat entschädigt worden, und die Israelis seien Pächter, keine Besitzer. Ein kleines Museum unterhält das Dorf, sein Chef Arie Dressler kannte sich aus in der Geschichte und erzählte gern. Die alten Schwaben rückten uns von Ort zu Ort näher.

Nahe Jaffa fanden wir hinter Bäumen versteckt das alte deutsche Konsulat und die einst berühmte Wagners Maschinenfabrik, die das Land mit technischen Geräten versorgte, die man damals nirgendwo kaufen konnte. Heute werden dort Autos repariert. Nostalgisch wurde uns zumute im verwucherten, alten Bahnhof zu Jaffa. Kaum vorstellbar, dass dies Schmuckstück aus Glas und Schmiedeeisen 1892 pompös und mit Musik und Reden eingeweiht worden ist und lange ein Zentrum des modernen Eisenbahnverkehrs blieb. Warum, fragten manche Israelis angesichts ständiger Verkehrsmisere, sollte man den Eisenbahnverkehr im Lande nicht wieder aufleben lassen? Die Templerstory hatte weit mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Man hatte aber manches gelernt über ein Stück Palästinageschichte, das kaum je im Schulunterricht des Nahen Ostens erschienen ist. Die Templer und ihr Schicksal sind verschwunden unter einer Schicht schrecklicher Naziverbrechen.

Juli 1941. Rommel kämpfte in Afrika, und die Deutschen wurden von den Engländern als 5. Kolonne gefürchtet. Wilhelma und andere Kolonien wurden mit Stacheldraht eingezäunt und zu Internierungslagern für die Deutschen. Dann ließen die britischen Mandatsbehörden gewaltsam den größten Teil der Palästinadeutschen - viele von ihnen hatten das Naziregime begrüßt und waren der Partei beigetreten - per Zug und Schiff nach Ägypten und weiter nach Australien schaffen. Fast achtzig Jahre nach den mutigen Anfängen einer kleinen Siedlergruppe war es vorbei wie ein Spuk. Spuren sind geblieben, segnende Sprüche über den Türen, grade Straßen und schwäbische Häuser, die hinein gehören in die Sight-Seeing-Tour durch das moderne Haifa. Der Prachtboulevard, einst Carmelstraße genannt, wird bald in alter Schönheit erstrahlen. Hier soll eine Stätte der Muße und Erholung in gediegener Atmosphäre geschaffen werden.
Unauffällig kommen sie wieder ins Gespräch, die Deutschen im heutigen Israel. Und ihre Bedeutung für diesen Staat wird neu beschrieben, etwa vom Historiker Haim Goren:
Die Templer waren deswegen eine wichtige Geschichte, dass sie ein Beispiel gegeben haben, und wenn die israelischen Kolonisten hierher kamen, sie hatten schon ein Beispiel nachzugehen, und wir haben sehr viele Beweise zu dieser Sache, dass die Juden gehen und suchen bei die Templer und sprechen mit Hoffmann und nehmen dann die Empfehlungen. Dann auch in diese Jahre die Beziehungen zwischen Juden und Templer waren ganz gut.

Er wollte damit sagen: Als in den Zwanzigern jüdische Siedler nach Palästina kamen, brachten sie oft nur wenige oder keine Erfahrungen in der Landwirtschaft mit. Sie sprachen mit den Templerbauern, und diese gaben ihnen freundlich-nützliche Ratschläge, etwa zur Düngung, zur Hühnerhaltung, zur Saatzucht. Und manche Fachleute behaupteten, die Deutschen hätten die Vorläufer der Kibbuzzim geschaffen und in der israelischen Architektur deutliche Akzente gesetzt.
Sie kamen übers Wasser, die Templer, und so gingen sie auch wieder. Und heute sind die fleißigen Schwaben zu einem anerkannten Bestandteil der Geschichte Israels geworden.