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1914 – die ersten Tage des Ersten Weltkrieges
Erinnerungen von Erika Voigt

Die Nachricht von dem Mord in Sarajewo wurde durch Extrablätter bekannt gemacht. Ich war 13 Jahre alt, aber ich hörte gern zu, wenn über die Folgen dieses Attentates gesprochen wurde. Das Wort Krieg gewann zum ersten Mal einen Sinn. Ich wusste aus der Schule vom Krieg 1870/71. Man hatte von Kriegsteilnehmern von den Ereignissen dieser entfernten Zeit gehört. Aber wohl jeder dachte damals, es würde nie wieder Krieg geben.

Fast hatte man alles Bedrohliche wieder vergessen, da kam jener 31. Juli 1914. Ich spielte am Strand mit meinen Freundinnen, ganz vertieft in das Werk des eifrigen Buddelns im Sand. Da begannen urplötzlich die Sirenen aller im Hafen liegenden Schiffe zu heulen. So beängstigend klang es, dass wir die Schaufeln sinken ließen. Bald kamen im Gleichschritt kleine Marineabteilungen heranmarschiert – Maate, die das Koppel umgeschnallt hatten und den Sturmriemen unterm Kinn. Sie hatten jeden Matrosen auf sein Schiff zu beordern. Sie betraten jedes Lokal und forderten mit lauter Stimme die Mannschaften auf, sofort an Bord zu gehen. Erregung erfasste die Badegäste. Immer von neuem heulten die Sirenen. Das ist die Mobilmachung, sagten Eingeweihte.

Unermüdlich heizten die Heizer auf den Kriegsschiffen die Kessel an. Bunkerkohle wurde in großen Booten an die Schiffe herangefahren, und die Matrosen schippten mit wilder Eile. Nachrichten überstürzten sich. Man erfuhr, dass der Kaiser auf seiner Yacht Hohenzollern nach Norwegen gefahren, nun aber umgekehrt sei. Sommergäste spielten in meiner Heimat eine wichtige Rolle, sie brachten Geld in die Stadt. Die Strandhäuser, die nur auf das Vermieten an Gäste eingerichtet waren, standen plötzlich leer. Nie habe ich so viele Droschken zum Bahnhof fahren sehen. Hals über Kopf flohen die Fremden. Man wusste ja nicht, was indessen in Berlin oder woher sonst man stammte, geschehen war.

Ich lief nach Hause, um von den Eltern zu erfahren, was das alles bedeutete. Sie waren besorgt und unruhig. Wir setzten uns zum Essen, aber niemand mochte recht an Essen denken. Mutter erwog, was sie an Vorräten besorgen wollte. Vielleicht sollte man sich auf eine feindliche Belagerung einrichten. Alte Herren verlangten, zum Geschützdienst am Strand kommandiert zu werden. Eine Landung englischer Schiffe schien sehr möglich. Dass unsere Ostsee recht flach ist, bedachte man wohl nicht. Merkwürdigerweise verhaftete man eine Ladeninhaberin, die in den Kolonnaden am Kurhaus ein Konfitürengeschäft betrieb, weil sie das Haar kurz geschnitten trug, man witterte in ihr und überall Spione.

Am 2. August wurde in aller Frühe an allen Häuserecken und Litfaßsäulen der Mobilmachungsbefehl angeschlagen. Vor den Kasernen drängten sich die Freiwilligen, manche so jung, dass man sie lächelnd abwies. Die Primaner des Gymnasiums wurden mit Papiergeld in ländliche Orte geschickt, sie sollten alles Goldgeld dafür eintauschen und bringen, das sich auftreiben ließ. Die in Swinemünde stationierten Artilleristen und Infanteristen rückten aus. Dafür wurde Einquartierung in alle Privathäuser gelegt. Reservisten waren es, die in aller Eile zu den Fahnen gerufen, hier zusammenströmten. Zu Weihnachten sind wir wieder da, sagten sie alle voller Überzeugung.

Am 3. August lief Kreuzer Augsburg in den Swinemünder Hafen ein und machte in Ostswine an den Dalben fest. Das Schiff hatte Libau beschossen und wurde unendlich bewundert, da es am 2. Mobilmachungstag schon eine kriegerische Tat hinter sich gebracht hatte.

Es ging gegen Frankreich, den Erbfeind. In den Abteilen der Soldatenzüge standen Parolen wie Siegreich woll’n wir Frankreich schlagen. Die ersten Nachrichten von Zusammenstößen mit französischen Soldaten trafen ein. Diese trugen zuerst noch ihre Friedensuniformen mit den roten Hosen. Die Friedenshelme mit den Spitzen unserer Soldaten trugen feldgraue Stoffüberzüge.

Wir Schülerinnen des Lyzeums strickten mit Eifer Strümpfe für die Soldaten. Dazu sangen wir kriegerische Lieder: Frisch auf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd. Längst pensionierte Lehrerinnen unterrichteten uns. Unsere jungen Lehrer zogen ins Feld. Die ersten Todesnachrichten trafen ein. Aus Ostpreußen kamen Schiffe, die Menschen brachten – halbtot vor Angst. Die Russen waren in das noch friedliche Ostpreußen eingefallen, hatten alle Menschen, die sie erreichen konnten, nach Russland verschleppt. Die Flüchtlinge wurden am Hafen mit Essen und Kleidung versorgt. Meine Mutter hatte an Zucker und Mehl soviel wie möglich aufgekauft. Aber die Rationierung der Lebensmittel erfolgte viel später. Die Nachbarsfamilie hatte ihre beiden Söhne verloren. In den Zeitungen stand: In stolzer Trauer zeigen wir den Heldentod unserer Söhne an.

 

SMS Pommern – Messezeitung Nr.5 1916

Rule Germania!

Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,
Der Dampfer ist ganz gesund.
Da geht er mit Ladung und Leuten
Ganz plötzlich zertrümmert zu Grund.

Die Luft ist von Sturm nicht durchzogen,
Und ruhig liegt das Meer,
Britannien beherrscht die Wogen,
Wo kommt nur der Untergang her?

Die Frage lässt England nicht schlafen,
Sie fasst es mit Ach und mit Weh,
Es hält seine Dreadnoughts im Hafen
Und schickt sie nicht mehr in See.

Ich glaube, schon fangen die Credos
In England zu wandeln sich an.
Und das hat mit ihren Torpedos
Die deutsche Flotte getan!

Die neuen Herren

Hier habt Ihr unsere deutsche Hand,
Schlagt ein und lasst es gelten:
Wir schaffen für das Vaterland,
Ob dräuen alle Welten!

Seid unser auch mit Hand und Herz,
Und lehrt uns Männer werden
Von gradem Sinn, aus Stahl und Erz,
Zum Schutz der deutschen Erden.

Das Band sei fest, der Schwur sei hehr:
Für einen lasst uns stehen,
Frei auf dem ganzen weiten Meer
Soll Deutschlands Flagge wehen!

Zeichnet Kriegsanleihen !!!
gedenket allzeit des Roten Kreuzes!!
gedenket der hungernden Vögel!!

Heute: Kriegsnachrichten

Geheim! Wie das Admiralsschiff Rügen, so soll auch das Schulschiff Pommern Telefonanschluß bekommen. Ebenso wie beim Rügen wird auch hier eine neue Erfindung in Anwendung gebracht werden, nämlich Anschluss an das Stadtnetz durch Steckkontakt. Das ist praktischer, denn wenn das Schiff mal den Hafen verlässt, braucht man nicht erst die ganze Leitung abmontieren, sondern nur den Kontakt lösen.