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Die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erlebten heftige Auseinandersetzungen über die Einrichtung eines Nationalparks Wattenmeer, weil man glaubte, mit einem solchen Gesetz die einmalige Landschaft erhalten zu können. Auch die Medien standen nicht zurück und rührten genüsslich mit im Brei der Meinungen. Mir fiel die Aufgabe zu, einen recht trockenen Bericht für den NDR und einen lebhafteren für ZDF und BBC zu fertigen, und da ich selbst am Meer aufgewachsen bin, ging ich mit Begeisterung ran. Wie oft war ich als kleiner Dotz mit der Mutter bis zu den Knien im warmen Schlick versackt und hatte verzückt die munteren Dwarsläufer und Seesterne beobachtet. Heute weiß man, dass zwischen Esbjerg und Den Helder die größte zusammenhängende Wattlandschaft der Welt liegt. 1985, lange nach unseren Bemühungen, war es geschafft, das Watt wurde zum Nationalpark erklärt und 2009 zum Weltnaturerbe der UNESCO und Biosphärenreservat. Aber das alles wussten wir noch nicht. Pompöser Auftakt des Dokumentarfilms The Waddenzea (Regie John Sparks) war ein alkoholbefeuchteter Barfußmarsch von hundert munteren Gesellen, die laut singend und jubelnd einher latschten und ihrer Freude über den sanften Matsch Ausdruck gaben. Dem folgte die Wettfahrt der Krabbenkutter, auch er gewürzt mit Köm und Bier und sehr laut und lustig. Ernsthaft wurde es auf Texel, wo junge Forscher emsig ihre Netze auswarfen und Eiderenten und sonstiges Gevögel einfingen, die Tiere vermaßen, wogen und beringten und in Katalogen verewigten. Auf Sylt beobachteten wir Herrn Zieglmair, der mit seinen Studenten dem Innenleben des Watts auf der Spur war. Ihm hatte es LaniceDer bis zu 9 cm lange Bäumchenröhrenwurm (Lanice conchilega) baut auf sandigen Meeresböden Röhren aus Sedimentpartikeln. Die Röhren sind bis zu 40 cm lang und ragen einige cm aus dem Boden heraus. An der Spitze der Röhre befindet sich ein Geflecht aus Ästen. Quelle: Wikipedia.de angetan, ein Wurm, der sich Höhlen baute aus Sandkörnern. Es war faszinierend, diesem geduldigen Tun unter der Lupe zuzuschauen.

Auf Helgoland beobachteten wir Herrn Gunkel, der mit seiner Gruppe nach Bakterien forschte, welche in der Lage waren, üble Ölrückstände zu verzehren und in harmlose Verbindungen zu verwandeln. Damals sollte ein Unterwasserlabor vor der Insel versenkt werden, um weitere Tiefseeforschung betreiben zu können, und Herr Vaupel in der Vogelschutzwarte ruhte nicht, bis er alle durchziehenden Vögel beringt und katalogisiert hatte. Es geschah also eine ganze Menge in Sachen Wattenmeer in der Deutschen Bucht und die Filme wurden farbig und recht informativ. Die heftigen Auseinandersetzungen um den Nationalpark haben sie aber kaum beruhigt. Da gingen die Wogen in Wirtschaft und Politik noch mehr als ein Jahrzehnt hoch.

Anfang Juli 1972 bestiegen wir Paulsens Inge und tuckerten gemütlich bei Flut zur Hallig Nordstrandischmoor, empfangen von der freundlichen Familie Glienke auf der großen Warft. Ich begab mich zur Ostwarft zu Frau Kruse, die mir mit klagender Stimme von der schrecklichen Sturmflut 1962 berichtete, die so schlimm war, dass ihre 600 Schafe sich nicht retten konnten, sondern mit ihren dicken Fellen alle ertranken. Frau Kruse flüchtete mit ihrem Sohn in den ersten Stock des Strohdachhauses und zitterte die ganze kalte Nacht. Während in Hamburg die Menschen in WilhelmsburgBei der Sturmflut von 1962 kam es zu einer Flutkatastrophe an der deutschen Nordseeküste, und an den Unterläufen von Elbe und Weser sowie ihren damals noch ungesicherten Nebenflüssen wurden hohe, vorher nicht beobachtete Wasserstände erreicht. Außergewöhnlich schwer betroffen war das Unterelbegebiet mit der Hansestadt Hamburg, wo vor allem der Stadtteil Wilhelmsburg durch Deichbrüche in Mitleidenschaft gezogen wurde; dort starben die meisten der in Hamburg insgesamt zu beklagenden 315 Todesopfer. Ursächlich für das Ausmaß der Katastrophe in Hamburg waren neben technisch völlig unzureichenden und sich teilweise in einem sehr schlechtem Pflegezustand befindlichen Deichen und anderen Hochwasserschutzeinrichtungen, gravierende städtebauliche und verwaltungsorganisatorische Mängel.Quelle: Wikipedia.de auf den Dächern ausharrten, bis Helmut Schmidt sie mit Hubschraubern abholen ließ. Ja, über diese Flut und ihre Folgen wurde noch lange geredet, und die Techniker wurden in Marsch gesetzt. Die Halligen bekamen Steinkanten, um sie vor der verheerenden Erosion zu schützen, sie erhielten Schutzräume auf Betonstelzen und gepflasterte Wege, auch Schulen wurden eingerichtet, wenn auch nur für vier Schüler und die Warften auf den Halligen wurden mit Betonpfählen befestigt, dass die Häuser den Fluten besser standhielten, wenn der Blanke Hans beim nächsten Mal zuschlug. Unser Tag ging zu Ende mit lauten Gesängen und guten Getränken – mir war klar, ich würde wiederkommen.

Anfang August – das Wetter war sonnig und mit viel Wind – schnappte ich mir meinen Sohn und fuhr wieder mit der Inge nach Nordstrandischmoor. Den Glienkes war es recht, dass Harald sich emsig betätigte bei der Heuernte. Mich hielt es nicht an Land, ich wanderte mit dem Sohn unter freundlichen Gesprächen über das trockengefallene Watt. Und sah einen runden Sodbrunnen – jedenfalls sagte Herr Gliencke, dies sei ein alter Brunnen einer untergegangenen Warft. Natürlich musste ich das genau prüfen und steckte meinen Arm in den Modder, der vehement nach faulen Eiern roch. Tief, noch tiefer hinein. Fasste tief unten an Knochen, an Scherben. Holte sie heraus. Eines war wohl ein Schaf gewesen, und die Scherben – braun und blau gefärbt? Das konnten doch nur die Überbleibsel der schrecklichen Flut sein? Wir wanderten zur Hallig und redeten über unsere Funde, zeigten sie vor im Haus. Ja – das war wohl die Zweite Grote Manndränke meinte Herr Glienke. Die Leute haben damals auch immer alles, was sie nicht brauchten, in den Brunnen geschmissen. Ich fing an zu träumen. Wie mag es gewesen sein?

Der Sturm tobte – warf die Wellen hoch aufs Land, es war die Hölle. Die Dämme brachen, die Flut kam herein, spülte alles weg, was lebte. Kein Vieh konnte sich retten auf den Weiden, kaum ein Mensch behielt das Leben. Die Manndränke, die menschentötende Flut, war gekommen über die Westküste in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634. Welch ein Unglück. Denn zur gleichen Zeit tobte der 30jährige Krieg und verheerte alles bäuerliche Land und manche Stadt. Apokalyptische Reiter tobten über Deutschland.

Der niederländische Wasserbauingenieur Jan Adrianzoom Leegwater berichtete:
Gegen den Abend hat sich ein großer Sturm und Unwetter von Südwest her aus der See erhoben. Da begann der Wind aus dem Westen so heftig zu wehen, dass kein Schlaf in unsere Augen kam. Als wir ungefähr eine Stunde auf dem Bett gelegen hatten, sagte mein Sohn zu mir: Vater, ich fühle das Wasser auf mein Angesicht tropfen. Die Wogen sprangen am Seedeich in die Höhe auf das Dach des Hauses. Es war ganz gefährlich anzuhören. Morgens da waren alle Zelte und Hütten weggespült, mit allem Menschen die darin waren. Große Seeschiffe waren auf dem hohen Deich stehengeblieben, mehrere Schiffe standen in Husum auf der hohen Straße. Ich bin auf dem Strand allda geritten und hab wunderliche Dinge gesehen, viele verschiedene tote Tiere, Holz, Balken von Häusern, auch hab ich dabei manche Menschen gesehen, die ertrunken waren.

Peter Sax aus Koldenbüttel erzählte: Um sechs Uhr am Abend fing Gott der Herr aus dem Osten mit Wind und Regen zu wettern, um sieben wendete er den Wind nach dem Südwesten und ließ ihn so stark wehen, dass fast kein Mensch gehen oder stehen konnte. Um acht und neun waren alle Deiche schon zerschlagen. Gott der Herr ließ donnern, regnen, hageln, blitzen und den Wind so heftig wehen, dass die Grundfesten der Erde sich bewegten, um zehn war alles geschehen.

Und als die Burchardiflut sich endlich zurückzog, da waren die Deiche an 44 Stellen gebrochen, 50 000 Stück Vieh waren tot und 6000 Menschen ertrunken. Die hufeisenförmige Großinsel Alt-Nordstrand gab es nicht mehr, die Flut hatte sie zerschlagen. Reste blieben – Pellworm, Nordstrand und Nordstrandischmoor, wo einst die Verbrecher angesiedelt worden waren. Theodor Storm hat wie kein anderer vermocht, das Wesen einer Sturmflut nachfühlbar zu machen in seinem Schimmelreiter, mit dem Schicksal des Deichgrafen Hauke Haien, der mit seiner Familie der Flut zum Opfer fällt:

Der Mond sah leuchtend aus der Höhe; aber unten auf dem Deiche war kein Leben mehr, als nur die wilden Wasser, die bald den alten Koog fast völlig überflutet hatten. Noch immer aber ragte die Werfte von Hauke Haiens Hofstatt aus dem Schwall hervor, noch schimmerte von dort der Lichtschein, und von der Geest her, wo die Häuser allmählich dunkel wurden, warf noch die einsame Leuchte aus dem Kirchturm ihre zitternden Lichtfunken über die schäumenden Wellen.

Und heute: Kann es wieder eine Manndränke geben, mit dem Ruf Land unter? Wir sind besser geschützt als unsere Vorfahren im 17. Jahrhundert. Wir erleben aber einen Klimawandel, und es ist kaum auszumachen, welche Wirkungen die zunehmende Erwärmung auf die Luftzirkulation und die Ozeane haben wird. Ganz ausgeschlossen ist die nächste große Sturmflut wohl nicht. Hoffen wir, dass sie nicht so viele Opfer fordert wie alle die vorangegangenen. Ich behalte immer noch einen Scherben, den ich aus der Tiefe des Sodbrunnens holte und hüte ihn mit Sorgfalt – auch zur Erinnerung an Nordstrandischmoor und die Burchardiflut.