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Peter Cornelius, Lehrer und Freund

Alles begann im Keller des Kieler Rathauses. Dorthin hatte man mich beordert, um Fotos für einen Wettbewerb auszusuchen. Bei dieser Arbeit stieß ich auf bemerkenswerte Bilder, die aber durch einen Wassereinbruch beschädigt, teilweise unbrauchbar waren. Der Copyright-Stempel auf der Rückseite nannte mir den Urheber, den rief ich an. Und wurde zu Besuch gebeten.
Die Klagemauer hießen die schmucklos-kahlen Neubauten in Kiel Holtenau, weil die Ladenleute über zu wenige Kunden unter den Betonwürfeln klagten. Im zweiten Stock musste ich klingeln, und Peter öffnete. Peter Cornelius gehörte zu den Schweigsamen. Er versprach, neue Abzüge für die zerstörten Fotos zu machen. Und lud mich ein, seine Arbeit zu sehen. Wir beide verschwanden im winzigen Kabuff, höchstens zwei mal drei Meter messend und abgezweigt dem Kinderzimmer, darin roch es nach Entwickler, nach Fixierbad, nach frischen Filmen. Das Heiligtum herrlicher Schwarzweiß-Drucke nach hauchdünnen Negativen. Sie wurden schweigsam gezaubert vom Hydrochinonentwickler, den nach Beutler man ansetzte in zwei alten Bierflaschen und dann im guten Verhältnis zusammengoss für drei oder dreieinhalb Minuten bei zwanzig Grad, der Negative äußerster Schärfe und Zartheit ergab. Ich wurde Peters freier Mitarbeiter, durfte lernen vom Meister. Und ich lernte begreifen, warum das Portrigarapidpapier ausentwickelt werden wollte, damit auch die feinsten Lichter in den hellen Partien noch aufleuchteten neben den tiefen Schwärzen.

Manchmal kam der Großauftrag. Vom kleinen Leicanegativ mit dem Stadtbild die Vergrößerung von einem Meter mal zwei. Fotopapier auf Rollen. Im Dunklen abgeschnitten, mit Bleibarren festgehalten auf dem Boden, der Vergrößerer hoch an der Decke befestigt. Belichten nach Minuten, heimlich und schnell das Papier im Stockdunklen durch den Flur ins abgedunkelte Bad, wo in der Wanne der warme Entwickler schwappte. Ein Abenteuer, mit dem vollgesogenen Schwamm das Papier in sorgender Gleichmäßigkeit befeuchten, abduschen, in das Fixierbad. Und vier Motive so präzise, dass man sie später an der Schulwand zusammensetzen konnte, ohne den Unterschied in der Schwärzung wahrzunehmen. Kunst am Bau, wie man sagte in den frühen 50er Jahren. Ich war stolz auf meinen Meister Peter Cornelius, der aus dem Kriege heimgekehrt war nach so vielen Jahren mit der Leica, die draußen in Russland einen hässlichen Sprung im Elmar davongetragen hatte und doch immer noch ging, im Schwarzmarkt-Deutschland eine Kostbarkeit.

Wer war dieser schweigsame, in sich gekehrte Mann, der Stunden verbrachte um eines Bildes wegen, das er als betrachtenswert erachtete? Geboren wurde Peter 1914 in Kiel. Als Schüler war er der einzige der Klasse, der nicht fotografierte, doch sammelte er alles, was er an guten Bildern fand. Dann studierte er an der Technischen Hochschule Architektur. Bei den besten Fotografen der Zeit (Wolff und Tritschler) lernte er das technische ABC, dann machte er bei einer Zeitung die Praxis des Bildjournalismus durch. Seine Begabung: rasches und eigenwilliges Sehen, das besondere Interesse an der Malerei, vor allem an den Impressionisten, an Cézanne. Neun Jahre verlor er durch den Krieg und die Gefangenschaft. Nach der Heimkehr versuchte Cornelius, in Kiel Fuß zu fassen mit Bildern von Schiffen, vom Wiederaufbau der zerstörten Stadt, von Segelregatten. Er heiratete eine freundliche Kindergärtnerin, bekam einen Sohn. Langsam festigte sich sein Ruf. Ich war sein erster und letzter Schüler. Und hörte Sätze, die ich nie vergaß.

Was ich sehe, wie ich es sehe – und auch, wann ich es sehe, entscheidet schon über die Qualität meiner Bilder. Wir müssen immer wieder versuchen, alles wie zum ersten Mal und ganz neu zu sehen, dabei geschieht eine Art Sensibilisierung des Auges, es entsteht ein Zustand erhöhter Aufnahmefähigkeit, in dem man beginnt, überwach und blitzschnell auf alles zu reagieren und auszuwählen aus dem Durcheinander der Dinge. Sehen ist das Wichtigste, was ein Fotograf tut, nicht das Experimentieren mit der Technik. Die Kamera sollte die Verlängerung unseres Auges sein, ein spontan auf unser Sehen reagierendes Instrument.

Dies hören dürfen, war ein Privileg in jenen Jahren ohne Lehrbücher. Aber schwer wurde es, dem in der täglichen Praxis zu folgen. Oft stand ich neben dem Meister. Mit demselben Kameramodell, demselben Objektiv, demselben Film. Drückte im gleichen Augenblick auf den Auslöser. Und sah in der Dunkelkammer, dass ich zwei deutlich verschiedene Bilder desselben Motivs in Händen hielt. Niemals gelang mir ein Foto, so herausragend wie das der Yacht mit der feinen Spiegelung am Bug. Und dann begriff ich, ich war noch lange nicht so weit, hatte einen weiten Weg zu gehen, bis ich vielleicht den Grad der visuellen Poesie erreichen könnte, den die Bilder des Meisters auszeichneten und jeden Beschauer gefangen nahmen.

Peter und ich wurden Freunde. Wir flogen nach Helgoland und belichteten manchen Meter Pan-F mit den Gesichtern frecher Möwen und lustiger Lummen. Genossen den Sturm über dem roten Fels und tranken den Grog in der bunten Kneipe. Peter schenkte mir seine alte Leica mit dem guten 2,8 Elmar, und ich nahm sie roten Gesichts in die Hand wie einen Gral, schwor, sie nur auf gute, auf sinnfällige Objekte zu richten. Das aber konnte ich nicht einhalten, als der Furor mich gepackt hatte und ich alles anvisierte in Wald und Flur. Ich fuhr in die Schweiz, wurde Fremdarbeiter bei einem Kinobesitzer, belichtete uninteressante Portraitbildchen unter dem kastenförmigen Kontaktentwickler, fegte das Kino sauber und fühlte mich wie der letzte Mann.

Peter kämpfte derweil in Kiel um das Überleben seiner kleinen Familie mit dem Sohn im Babybett. Wie schwer war es, Aufträge zu bekommen in jenen mageren Tagen. Und die paar Konkurrenten taten alles, dem Leicamann das Leben zu versauen, denn er ja hatte nie den Meister-Brief erhalten, durfte sich also laut Gesetz nicht über Wasser halten mit Portraits, die waren den Innungsleuten vorbehalten. Künstler? Hatten keinen Wert auf dem Markt. Doch die Stadt wurde auf Peter aufmerksam, das brachte den einen oder anderen guten Auftrag, vor allem zur Kieler Woche. Für Walter Boje gehörte Cornelius zu den zwölf deutschen Farbfotografen, die in seinem deutschen Beitrag zur amerikanischen Picture History of Photography den Farbfotografen von Weltgeltung zur Seite gestellt wurden. Seit 1963 war Peter Gastdozent für Farbfotografie an der Ulmer Hochschule für Gestaltung.
Wollte, konnte ich diesen Weg gehen, würde je die Begabung reichen für das freie Leben des Lichtbildners?

Ende der 50er Jahre waren internationale Patente abgelaufen. Agfa Farbfilm durfte auch von Liebhabern zuhause nach Rezepten des Hauses entwickelt und vergrößert werden. Mit bescheidenem Stolz zeigte Peter mir schon früh ein paar Abzüge – atemlos. Da war der dunkelhäutige Mann vor den wenigen Früchten in der Araber-Altstadt Kenias; der Straßenhändler nahe der Place de la Bastille, alles grau in grau, nur die Kohlstrünke sparsam grün hervorgehoben, die fast abstrakte Hauswand in Paris in weiß, grün und rot als Vierecke gestaltet, der abendliche Kieler Hafen mit den spärlichen rötlichen Spanten am Schiff, die drei versteckten alten Damen im Tivoli-Park Kopenhagen. Welche Sparsamkeit, welche Gestaltung bei der Aufnahme, vielmehr aber mit den Filtern in der Dunkelkammer. Peter suchte die Papiere heraus, mit dem Interview, das er einer Kunstzeitung gab:

Der Künstler versucht, die Realität durch Farbe zu steigern, sie zu verwandeln ohne sie zu zerstören. Der Maler beginnt mit dem leeren Raum, der Fotograf mit der chaotischen, ungeordneten Welt. In diese Unordnung eine subjektive Ordnung zu bringen, ist seine Aufgabe. Die Frage, ob eine Farbe objektiv getreu wiedergegeben wurde, ist dabei sinnlos, denn zum Ordnen gehört auch die Möglichkeit, Farbe nachträglich zu verändern. Was ich sagen will, muss ich in einer eigenen, verständlichen und deutlichen Sprache mitteilen. Ich sage nicht, diese Farben sind vorhanden, sondern sie waren für mich einen Augenblick lang sichtbar. Wenige Farben sind genau so, in dieser Intensität und in diesem Klang in der Wirklichkeit vorhanden. Alles, selbst das Unbewegte, verändert sich ständig im Wechsel des Lichts, wird farblos, leuchtet, wird überstrahlt vom grellen Sonnenlicht und verschwindet im Schatten.

Ich wusste, diese Klarheit sinnlicher Erkenntnis würde mir verschlossen sein. Und dies war eine schmerzliche Erkenntnis. Aus der Ferne, mit anderem Broterwerb beschäftigt, durfte ich lesen, man hatte Cornelius im Januar 1972 den Kulturpreis verliehen, verbunden mit 10.000 Mark Preisgeld für die Witwe – denn im Sommer 1971 war mein Freund verunglückt, auf der nassen Landstraße nach Schilksee, wo er wieder seine berühmt gewordenen Aufnahmen gleitender Segler machen wollte, diese wundervolle Kombination von bildnerischer Kraft und technischer Dynamik. Ich habe lange um einen Freund, um einen bewunderten Lehrer und Meister getrauert.