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Eheschließung heute und gestern
(Von Kindern, Kultur und Kirche)

In meiner Lebenszeit, die fast ein Jahrhundert währt, ergeben sich Rückblicke in die Vergangenheit von selbst. Sind es Fortschritte oder Rückschritte, die wir erleben? Immer aber Änderungen, nachdenkenswert und eindrucksvoll. Gerade erlebte ich es an einem Beispiel, bei der Hochzeit meiner Enkelin.

Elisabeth ist Lehrerin, spezialisiert auf lernbehinderte Kinder. Einen Partner hat sie auch seit wenigen Jahren.
Früher nannte man das Ehemann, wobei es eine Selbstverständlichkeit war, dieses Verhältnis durch den Staat auf dem Standesamt bestätigen und zusätzlich noch durch die religiöse Instanz Kirche absegnen zu lassen.

Da ich es mir als Großmutter längst abgewöhnt habe, ein staatlicherseits und kirchlicherseits unbestätigtes Verhältnis, wie in meiner Kinderzeit üblich, eine wilde Ehe zu nennen, toleriere ich natürlich solche Verhältnisse als emanzipiert.

Als dann das Schicksal meiner netten Enkelin ein allerliebstes Zwillingspärchen schenkte, wobei ich immer noch der Meinung bin, dass dabei der liebe Gott wie früher eine Rolle spielt, konnte ich eine neugierige Frage doch nicht unterdrücken und fragte: Wollt Ihr denn nicht endlich offiziell heiraten? Aber Oma, bekam ich zur Antwort‚ das eilt doch gar nicht. Du mit deinen altmodischen Ansichten von der richtigen Reihenfolge! Das ist heute alles anders. Heute schafft man sich erst die Kinder an, wenn überhaupt, und wenn es dann feststeht‚ dass es funktioniert mit der Kinderbetreuung, mit dem Familienleben und dem Beruf, dann wird geheiratet.

Inzwischen war dieser Zeitpunkt gekommen und zu meiner großen Freude wurde ich zur Hochzeit eingeladen, zu einer festlichen Hochzeitsfeier in einer Kirche in Essen, dem Herzen des Ruhrgebietes, wo die Zwillingsmutter mit Familie wohnt. Sie erteilt inzwischen den lernbehinderten Kindern in der Schule wieder Unterricht in deutscher Sprache, Grundrechnen und in sozialem Verhalten. Ihre eigenen Kinder, mittlerweile eineinhalb Jahre alt, werden inzwischen von anderen Frauen betreut und gefördert, eine fortschrittliche Einrichtung der Neuzeit, die den Müttern meiner Generation nicht einleuchtend erschien. Ein Kind im Alter bis zu drei Jahren gehört ausschließlich in die Arme und in die Betreuung der eigenen Mutter. Darüber waren sich noch vor vier oder fünf Jahrzehnten alle Kinderärzte‚ Psychologen, Pädagogen und Juristen einig, überhaupt die gesamte Gesellschaft.

Bei der Trauung in der Kirche stellte ich dann fest, dass eine Tradition erhalten geblieben war, trug die Braut doch das festlich lange Baumwollspitzenkleid, das ich ihrer Mutter vor vierzig Jahren gekauft hatte und das von ihr sorgsam aufgehoben worden war.Und alle weiblichen Hochzeitsgäste fragten die Braut: Wo hast du nur dieses tolle Kleid her?

Fritzchen und Fide‚ die Zwillinge, trugen als moderne Jungs ihre ersten Jeans, Hamburger Fischerhemdchen und Körbchen mit weißen Gänseblümchen, die wir zusammen auf einer Wiese gepflückt hatten. Sie waren den kleinen Jungen viel zu schade, um sie auf die schmutzige Erde zu werfen. Sie spielten damit lieber an den Stufen des Altares während der feierlichen Trauungszeremonie ihrer Eltern ein sehr anrührendes Bild‚ das in meiner Kinderzeit unmöglich gewesen wäre.

Und als nach der festlichen Zeremonie der Pastor verkündete: Und nun, liebes Brautpaar, dürft ihr, wonach ihr euch schon so lange gesehnt habt ‒ ihr dürft euch den ersten Kuss geben, genossen das alle Teilnehmer in Erinnerung an Bräuche von früher, fröhlich lächelnd. Ich dachte prompt an ein Zwillingspärchen meiner Kinderzeit, das außerhalb der Ehe geboren die Sensation unserer katholischen Kleinstadt gewesen war. Die Mutter war die Schwester unserer Hausgehilfin Hedwig gewesen. Und sogar meine Mutter, die Tratsch nicht mochte, hatte Anteil genommen, denn man denke nur, die Zwillingsmutter war Mitglied des Katholischen Jungfrauenvereins! Und sie hatte bei der letzten Fronleichnamsprozession im weißen Kleid und himmelblauer Schärpe über dem Busen die Fahne getragen, die Fahne vor dem Allerheiligsten! Man denke nur! Es war die absolute Sensation unserer Zehntausend-Einwohner-Stadt.

Dagegen verblasste sogar der Fackelzug der SA, der irgendwann in dieser Zeit auch stattfand. Fackelzüge waren damals gerade die große Mode, wozu auch eine zünftige Klopperei gehörte. So ist es mir in Erinnerung geblieben aus der Kinderzeit.