© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Vom Schenken

Die Tochter meiner Freundin heiratet. Nach zwanzigjährigem Zusammenleben oder Wilder Ehe, wie man früher sagte. Was schenken? Ich kenne ihre Wohnung nicht, denn sie wohnt weit entfernt und wir treffen uns immer nur bei festlichen Anlässen. Der obligatorische Gutschein vom Baumarkt mit Gartencenter schied aus, denn sie hat keinen Garten. Außerdem sollte es schon ein schönes Päckchen sein und nicht nur ein Umschlag mit einem Gutschein.

Es sollte auch kein Stehrumchen und Staubeinchen sein. Also kam nur etwas zum Verbrauchen in Frage. Dank Internet fand ich eine schöne Geschenkbox mit 30 verschiedenen Gewürzgläsern. Drei Jahre haltbar. Da beide gerne kochen, können sie die Gewürze sicher verbrauchen und den Rest nach drei Jahren mit gutem Gewissen entsorgen.

Was bekam ich damals zur Hochzeit geschenkt? Ich weiß es nicht mehr genau, aber das Schenken fing schon viel, viel früher an:
Als ich aus dem Spielalter heraus war, etwa ab dem zehnten Lebensjahr, dachten die Verwandten und auch Freunde der Eltern, dass es nun an der Zeit wäre, an die Aussteuer für die Kleine zu denken. Ich hatte eine große Verwandtschaft, jede Menge Großtanten und -onkel, die überwiegend noch im vorletzten Jahrhundert geboren wurden. Ich hatte einen guten Kontakt zu ihnen und sie waren für mich Ersatz für die nicht vorhandenen Omas und Opas. Von dieser Seite kam einiges an Aussteuergeschenken zusammen. Auch mein Stiefvater hatte viele Geschwister, die dachten, dass man dem angeheirateten Kind anstandshalber auch etwas schenken muss. Ich gehörte hier aber nicht wirklich dazu.

Seltsamerweise hatten alle, bis auf eine Ausnahme, keine eigenen Kinder. Das war sicher der Grund, dass sie sich nicht in die Wünsche eines Kindes hineinversetzen konnten. Es ist schon immer so gewesen, dass ein Mädchen die Aussteuer mit in die Ehe bringt und da kann man nicht früh genug damit anfangen, wurde mir gesagt, wenn ich mich über die Geschenke beschwerte.

In unserer Familie wurde immer sehr auf das Geld geachtet, aber für die Aussteuer war nur das Beste gut genug. Es sollte ja ein Leben lang halten, – oder wollte man die Familie, in die ich mal hineinheirate, beeindrucken?

Es gab jede Menge weiße Damast Bettbezüge und Bettlaken aus echtem weißen Leinen. Als ich sie viele Jahre später hätte gebrauchen können, war die pastellfarbene und bügelleichte Irisette Bettwäsche modern. Ich habe mich lange mit zwei farbigen Wechselgarnituren begnügt, denn niemals hätte ich die weiße Krankenhausbettwäsche überzogen.

Auch ein Besteck mit allen Zusatzteilen von WMF musste in der Aussteuer sein. Natürlich gab es zu jedem Anlass immer nur ein Teil der bestimmten Serie. Kuchengabeln, oh wie schön. Danke, sagte ich als Zwölfjährige artig, als ich die Besteckteile in Empfang nahm. Tante Marie verlangte auch immer noch einen Knicks, bevor sie mir gönnerhaft über die Wangen strich. Meine Mutter schimpfte später mit mir: Mach ein freudiges Gesicht, wenn du dich bedankst, und guck nicht so muffelig.

Das Besteck sowie ein Rosenthal-Kaffeeservice Ähre mit Goldrand wurden nie vervollständigt, obwohl es für beides eine lange Nachkaufgarantie gab, denn die großzügigen Spender, die diesen Part übernommen hatten, verstarben vorzeitig. Ich habe auch später nichts nachgekauft, denn die Teile waren für mich damals viel zu teuer.

Auch bekam ich ein Sammelsurium von Kristall: Kristalldosen, Kristallvasen, Kristallflaschen und Kristallgläser, weil sich die Schenkenden nicht miteinander abgestimmt hatten.

Eine Tante brachte mir immer wieder eine Sammeltasse mit. Sie übergab sie mir jedes Mal mit den Worten Ich schenke nur das, worüber ich mich auch selbst freuen würde. Ich hätte mich aber so sehr über einen tragbaren Plattenspieler und Schallplatten gefreut.

Die scheußlichen Tassen wanderten zu allem anderen, für mich nutzlosem, Zeug in die Truhe auf den Dachboden. Zum Glück gehören die frustrierenden Aussteuergeschenke für junge Mädchen heute lange der Vergangenheit an.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich außer des unvollständigen Bestecks etwas von der Aussteuer benutzt habe. Als ich Mitte der 1960er Jahre heiratete, waren andere Sachen modern und die 1950er Jahre waren passé. Später habe ich einiges, zusammen mit anderen gut gemeinten Geschenken auf dem Flohmarkt verkauft.

Von meiner Mutter bekam ich nur das geschenkt, was ich dringend benötigte. Zu meinem Geburtstag, der Anfang Februar immer in den Winterschlussverkauf fiel, gab es neue Kleidung. Sie wurde immer etwas größer gekauft, damit es im nächsten Winter noch passte. Zu Weihnachten ein paar Kleinigkeiten, an die ich mich nicht erinnern kann. Aber ein oder zwei Bücher waren immer dabei. Darüber habe ich mich anfangs am meisten gefreut. Als aber Heidi und Rosenresli nicht mehr altersgerecht waren, konnte ich mit den Büchern, die ich von meiner Mutter geschenkt bekam, nichts mehr anfangen. Sie handelten von jungen Mädchen, die in einer heilen Familie lebten, die ein eigenes Pferd hatten und Graf Koks versprochen waren. Das alles hatte mit mir nichts zu tun. Da waren mir Karl May mit Winnetou und Old Shatterhand viel lieber. Diese Bücher lieh ich mir in der Stadtbücherei aus. Das ist doch nichts für junge Mädchen, meinte meine Mutter. Sie konnte mich nicht überzeugen. Auch später habe ich an ihren Geschenken gemerkt, dass sie sich nicht wirklich mit mir beschäftigt hat.

Es macht mir Spaß etwas zu verschenken und das Geschenk soll Freude bereiten. Aber man kann mit Geschenken auch daneben liegen, sie können enttäuschen – wie mich früher –, beschämen oder sogar verpflichten. Am meisten Spaß macht es, kleine Kinder zu beschenken. Aber auch hier habe ich schon erlebt, dass sie lieber mit der Verpackung als mit dem Inhalt spielen.

Oft wird unter Partnern vereinbart: Wir schenken uns nichts. Doch häufig hält sich nur ein Partner an die Abmachung und der Ärger ist da. Ich habe einmal Folgendes kurz vor Weihnachten beobachtet: In einem Café saßen am Nebentisch zwei ältere Damen. Nach einiger Zeit holte die eine ein Päckchen aus der Tasche und gab es der anderen. Die fing an zu schimpfen: Wir hatten doch vereinbart, dass wir uns nichts schenken!. Nachdem wieder ein paar Minuten vergangen waren, holte auch sie verschämt ein Päckchen aus der Tasche und gab es der anderen. Danach mussten die beiden laut lachen und ich musste mitlachen, denn das Ganze kam mir sehr bekannt vor.

Mehrere Jahre habe ich das mit meinem Mann erlebt: Wir schenken uns nichts zu Weihnachten, beschlossen wir. Das wurde mal von dem einen, mal von dem anderen eingehalten, was immer zu einer leichten Verstimmung führte. Jetzt erleben wir seit vielen Jahren endlich eine stressfreie Vorweihnachtszeit, weil wir uns beide endlich an die Abmachung halten.