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Rabenmutter

Es regnete in Strömen, als ich im Spätherbst 1967 das Haus betrat. Ich hatte schon eine Vorahnung und dachte ängstlich: Bitte jetzt noch nicht, ich bin doch erst 21 Jahre und ich habe noch so viel Zeit. Als ich das Haus wieder verließ, war ein Schalter umgestellt und ich schwebte auf Wolken. Ich wunderte mich, dass es immer noch regnete und die Leute mit mürrischen Gesichtern herumliefen. Es sollte doch jetzt die Sonne scheinen und alle Menschen sollten mich umarmen und beglückwünschen und wie im Theater sollte jetzt ein großes Orchester spielen. Nichts von alle dem geschah. Erst am Abend bekam ich die von mir erwünschte Zuwendung und ich trank den für lange Zeit letzten Schluck Sekt. Von nun an wurde ich behandelt wie ein rohes Ei.

Von allen Großtanten, die selbst keine Kinder hatten, sowie von meiner Mutter und Schwiegermutter prasselten die guten Ratschläge auf mich ein: Du musst dich jetzt schonen und darfst dich nicht anstrengen, Du musst jetzt für Zwei essen. Eine Tante meinte sogar: Ein Glas Rotwein pro Tag ist das Beste was es gibt, um Eisenmangel vorzubeugen.

Die Ratschläge, den Rotwein ausgenommen, befolgte ich nur zu gerne, was zur Folge hatte, dass ich in den nächsten Monaten viel mehr an Gewicht zunahm, als nötig war. Aber da alle meinten, ich sehe jetzt besonders gut aus und auch der Arzt nichts dagegen einzuwenden hatte, konnte ich es mir mit gutem Gewissen bequem machen und das Essen ausgiebig genießen. Ein großer Fehler, wie sich später herausstellte, denn ich passte nie wieder in meine alte Kleidergröße.

Auch mein Mann, der noch in dem Glauben großgezogen wurde, dass Hausarbeit eine für Männer entwürdigende Arbeit sei, half hier plötzlich mit. Nur durfte es niemand sehen und wissen. Wenn er zum Beispiel die wöchentliche Treppenhausreinigung übernahm, achtete er darauf, dass keiner im Treppenhaus war. Sobald eine Tür aufging, verschwand er in der Wohnung und wartete so lange, bis niemand mehr zu sehen war. Erst dann arbeitete er weiter.

Meine älteren Arbeitskolleginnen meinten jetzt, mich wie ein Küken behüten zu müssen, indem sie mir viel Arbeit abnahmen. Ich wurde dadurch von wichtigen geschäftlichen Information ausgeschlossen, was zur Folge hatte, dass ich Fehler machte. Meine Proteste wurden als Hormonschwankungen abgetan. Meine Kollegin und ehemalige Freundin, die für dieses Mobbing verantwortlich war, gestand mir später, dass sie neidisch auf mich war, denn ihr Kinderwunsch hatte sich leider nie erfüllt.

Nach langer, privat übermäßig behüteter Zeit, war es endlich soweit: Meine Tochter Sabine kam in einer heißen Hochsommernacht zur Welt. Ich durfte sie nur einmal kurz sehen, danach kam sie auf die Säuglingsstation.

Ich musste noch zehn Tage im Krankenhaus liegen. Das war Standard, denn eine junge Mutter sollte sich erstmal erholen und zu Kräften kommen. Auch ihr eigenes Kind wollte man ihr nicht zumuten, so wurden die Neugeborenen nur zum Stillen zur Mutter gebracht. Die Säuglinge lagen in einem Extraraum mit einer großen Glasscheibe, hinter der die Väter ihr Kind sehen konnten. Anfassen oder gar in den Arm nehmen war verboten. Dass Väter bei der Geburt dabei sein konnten, war vollkommen undenkbar.

Das Krankenzimmer, in dem ich mit zehn weiteren Müttern lag, befand sich im Erdgeschoss eines alten Krankenhausbaus. Das Regiment führte eine konfessionell gebundene Schwester mit einer weißen Haube auf dem Kopf. Sie achtete streng darauf, dass vor allem die Besuchsregeln eingehalten wurden. Die Besuchszeit war nur am Nachmittag für zwei Stunden. Die meisten Väter mussten aber zu dieser Zeit arbeiten und es war ihnen deshalb nicht möglich, ihre Frauen zu besuchen. Außer am Tag der Geburt, da gab es einen Tag Sonderurlaub. Da das Krankenzimmer aber im Erdgeschoss lag, kletterten die Väter von außen durch die Fenster, die wegen der Sommerhitze geöffnet waren. Sobald der Drachen von Oberschwester das mitbekam, beförderte sie die Männer mit einer Schimpfkanonade nach draußen. Die jungen Väter ließen sich das ohne Widerrede gefallen und trotteten mit hängenden Köpfen davon, um es aber am nächsten Tag erneut zu versuchen.

Zu den fest vorgegebenen Stillzeiten wurden alle Säuglinge auf einem Wagen, der zwei Etagen hatte, hereingefahren und der Mutter übergeben. Die Kleinen lagen wie Brote auf dem Wagen, denn über die Windeln wurde ein dickes Moltontuch von der Hüfte ab eng um die Beine gewickelt, sodaß sie aussahen wie kleine Mumien. Bei dieser Wickelart konnten die Säuglinge die Beine nicht bewegen und das natürliche Strampeln wurde unterbunden. Man sagte, dass das wichtig wäre, sonst würden die Beine krumm bleiben. Während des Stillens versuchte ich immer wieder, mir das Gesichtchen meiner Tochter einzuprägen, denn ich hatte große Angst vor einer Verwechslung. Es gab zwar ein Namensschild am Füßchen, aber das konnte man durch die seltsame Wickelart nicht sehen.

Es ist für mich heute noch unfassbar, dass in unserem Zehnbettzimmer eine Frau lag, deren Kind tot zur Welt kam. Sie bekam jedes Mal, wenn die Säuglinge hereingebracht wurden, einen Weinkrampf, den man mit Beruhigungsspritzen zu unterdrücken versuchte.

Endlich war die Zeit im Krankenhaus vorbei und ich durfte mit meinem Kind nach Hause. Vor der Entlassung bekam ich gezeigt, wie die Stoffwindeln gewechselt wurden, und man drückte mir einen Ernährungsplan für die erste Zeit in die Hand. Dann kam noch die eindringliche Ermahnung, dass ich noch mindestens vier Wochen das Moltontuch eng wickeln und erst danach Strampelhöschen anziehen sollte. Wegen der krummen Beine! Wer wollte dieses Risiko schon eingehen?

Zu Hause angekommen wurde mir bewusst, welch große Veränderung in meinem Leben stattgefunden hatte. Ich war völlig unvorbereitet auf diese Situation. Ich hatte zwar die materiellen Dinge für das Baby zu Hause, aber wie geht man mit so einem kleinen Menschlein um? Es gab auch noch kaum Ratgeberliteratur, wie sie heute im Überfluss angeboten wird. Aber ich hatte ja die große Familie, die mir nun die Bude einrannte, um den Familienzuwachs zu bewundern. Während die Frauen mich mit gut gemeinten Ratschlägen überhäuften, hielten sich die Männer zurück und warfen nur einen Blick auf das Neugeborene. Säuglinge waren Weiberkram und es war ja noch nicht mal ein Stammhalter.

Ich sollte mich an folgende RegelnDiese Erziehungsratgeberentspachen dem Erziehungsideal der Johanna Haarer und der NS-Ideologie. 1934 erschien ihr erster Ratgeber zur Säuglingspflege: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Dieser war eng an den von Adolf Hitler in Mein Kampf skizzierten Erziehungsvorstellungen orientiert. Die Erziehung wird bei Haarer zu einer Technik, die durch die Ablehnung von Freude, Zuneigung oder Trösten gekennzeichnet ist. So forderte Haarer, wenn das Kind schreit und auch der Schnuller als Beruhigungsmittel versagt, dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Selbst heute werden immer noch solche Ratschläge zur Kindererziehung weitergegeben. Siehe Johanna Haaarer Wikipedia.org halten: Du musst das Kind auch im Sommer gut zudecken, denn es hat noch einen erhöhten Wärmebedarf. Wenn das Kind schreit, musst du es schreien lassen, das stärkt die Lungen. Du darfst nachts nichts füttern, es muss von Anfang an durchschlafen.

Ich hielt mich nicht daran, sondern stillte das Kind auch nachts, wenn es vor Hunger schrie, denn ich dachte, dass der kleine Magen nicht die Nahrung für eine ganze Nacht aufnehmen kann. Ich legte die Kleine, nachdem sie satt war, wieder ins Bettchen und hoffte, jetzt auch wieder schlafen zu können. Doch dann hörte ich angestrengt in die Stille: Atmet sie noch? Also stand ich auf und vergewisserte mich, dass es so war und deckte das Baby wieder fest zu – was, wie ich heute weiß, grundverkehrt war – und legte mich wieder hin. Kurz nachdem ich endlich eingeschlafen war, hatte sich der kleine Magen wieder geleert und meldete Hunger, der sich mit lauten Schreien bemerkbar machte. Ich dachte damals, dass ich niemals wieder richtig schlafen würde.

Nach einiger Zeit hatte ich vom Waschen der Stoffwindeln im wahrsten Sinn des Wortes die Nase voll und verwendete Wegwerfwindeln. Das waren Zellstoffeinlagen, die in eine kleine gelbe Gummihose gelegt wurden. Diese Mölny-Gummihöschen wurden seitlich mit Druckknöpfen geschlossen und konnten gewaschen werden, während die Einlage in dem Müll landete.

Als die weibliche Verwandtschaft das mitbekam, rümpfte sie die Nase und ich las in ihren Augen: RabenmutterRabenmutter ist eine deutsche Tiermetapher, die als Schmäh- oder Schimpfwort (Dysphemismus) eine Mutter herabwürdigt, die ihre Kinder aus Sicht des Sprechers vernachlässigt. Der Begriff wird insbesondere für berufstätige Frauen verwendet, die sich angeblich ungenügend um ihre Kinder kümmern.Siehe Wikipedia.org.

Als das Kind dann feste Nahrung zu sich nehmen konnte, nahm ich mir alle Ratschläge zu Herzen und kochte frisches Gemüse, drehte es durch den Fleischwolf und kochte Brühe aus Kalbsknochen. Immer in kleinen Mengen, denn das Essen sollte stets frisch sein. Das Ergebnis war, dass ein Teil der Mahlzeit im Topf, im Fleischwolf und auf dem Teller blieb, ein Teil auf meiner und der Babykleidung landete und das Geringste dort ankam, wo es hin sollte. Anschließend hatte ich noch eine Menge Arbeit, um die Küche wieder sauber zu machen, bevor es erneut wieder losging. Ich war den ganzen Tag mit Arbeiten rund ums Kind beschäftigt, sodass ich für die schönen Momente wenig Zeit hatte. Deshalb stellte ich auch bald auf die Hipp-Gläschennahrung um und sparte damit eine Menge Zeit.

Als die weibliche Verwandtschaft das mitbekam, rümpfte sie abermals die Nase und ich las in ihren Augen: RabenmutterDer Begriff gehört bis heute zu den Schimpfwörtern im Themenvorrat der deutschen Gesellschaft. Der Ausdruck geht vermutlich auf die Beobachtung zurück, dass junge Raben ähnlich wie junge Stare nach dem Verlassen des Nestes am Boden sehr unbeholfen erscheinen und als zu früh sich selbst überlassen beurteilt wurden. Junge Raben sind zwar Nesthocker, verlassen aber vor Erlangen der Flugfähigkeit aus eigenem Antrieb das Nest. Es ist insofern ein Trugschluss, dass Raben keine fürsorglichen Eltern seien. Die Elternvögel füttern die bettelnden Jungvögel tatsächlich einige Wochen lang und warnen und schützen ihre Jungen vor Feinden. Das Gegenteil des Schimpfwortes der Rabeneltern ist der Begriff der Helikopter-Eltern. Das Gegenteil des weiblichen Stereotyps der Rabenmutter ist das der Gluckenmutter, einer bisweilen überfürsorglichen Mutter. Sie gehören zu den zahlreichen Begriffen, die ein Abweichen von Idealen bzw. Leitbildern der Elternschaft in Deutschland als inadäquates Maß an Fürsorge abwertend markieren..

Ich bekam zu hören: Das Kind ist so dünn, du gibst ihm nichts anständiges zu Essen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn Sabine verweigerte oft die Nahrung. Der Kinderarzt versicherte mir aber, dass das Kind vollkommen gesund sei und dass ich es auf keinen Fall zum Essen zwingen sollte.

Die ältere Generation musste im und besonders nach dem Krieg hungern, deshalb hatte sie später einen großen Nachholbedarf an Essen und futterten sich häufig überflüssige Pfunde an. Rund und dick war ein Zeichen von Gesundheit und Wohlstand. So wurde mir am Tisch immer wieder gesagt: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt und Du bleibst so lange sitzen, bis du alles aufgegessen hast. Während ich das brav befolgte, wehrte sich meine Tochter von Anfang an - und bis heute - erfolgreich dagegen, mit dem Ergebnis, dass sie immer noch eine sehr gute Figur hat.

Als Sabine die ersten Laute von sich gab, versuchten alle, mit ihr zu sprechen. Das lief etwa so ab: Duzi, duzi, ei wo ist denn das kleine Bienchen? Wollen wir atta-atta gehen und Wauwau gucken? Nun geht's aber ab in die Heia. Als ich mich dagegen wehrte und sagte, dass ich das nicht möchte und mein Kind keine Babysprache lernen sollte, wurde ich als zickig bezeichnet. Das war schon immer so und wir haben trotzdem alle anständiges Deutsch gelernt.

Als dann die unvermeidliche Trotzphase begann, bekam ich Sprüche vor allem von Männern zu hören wie: Hau ihr doch einfach eine runter, Eine Ohrfeige hat noch nie geschadet, Du musst sie mal ordentlich über das Knie legen. Diese Aussagen waren damals noch völlig legitim, denn seit Generationen hielt man sich an den Spruch, der seinen Ursprung aus der Bibel (Sprüche 13.24) hat: Wer sein Kind liebt, züchtigt es. Ziemlich alle hatten unter dieser drastischen Erziehungsmethode zu leiden. Ich blieb davon auch nicht verschont und deshalb wollte ich diese erniedrigende Strafe meinem Kind niemals zumuten. Erst in den 1970er Jahren wurde die Prügelstrafe an deutschen Schulen offiziell abgeschafft und im November 2000 wurde eine gewaltfreie Erziehung, ohne körperliche Bestrafung  und ohne seelische Verletzungen, als Recht des Kindes gesetzlich festgeschrieben.

Immer wurden mir ungefragt Ratschläge gegeben und die Befolgung genaustens überwacht. Ständig wurde mir gesagt: Du musst dies, du musst das. Es war sicher gut gemeint, denn Sabine war der erste und einzige Nachwuchs in beiden Familien seit langer Zeit und alle machten sich Gedanken über das Wohl des kleinen Menschen. Ich war für die Verwandtschaft wohl noch zu jung und unerfahren. Während sie so über das Kindeswohl sprachen, zündeten sie sich, in Anwesenheit des Kleinkindes, eine Zigarette nach der anderen an. Keiner war sich bewusst über die Gefahren des passiven Rauchens. Auch ich nicht.

Nachdem ich die Einmischung, die mir das Gefühl gab, eine Rabenmutter zu sein, aus Unsicherheit lange Zeit zuließ, sagte ich mir eines Tages: Ich MUSS überhaupt nichts. Durch diese Einstellung wurde vieles entspannter. Man merkte mir die Entschlossenheit wohl an, denn ab diesem Zeitpunkt waren alle etwas zurückhaltender mit ihren ungefragten und oft falschen Ratschlägen.

Es waren sehr schöne Jahre mit meiner kleinen Tochter und andere Mütter beneideten mich um mein pflegeleichtes Kind. Dabei hatte Sabine durchaus ihren eigenen Kopf. Ich ließ ihr aber viel Freiheit und der Satz, den ich häufig hörte: Ein Kind hat nichts zu wollen, war tabu. Ich erzog sie zur Selbstständigkeit und habe nur von Fall zu Fall eingegriffen.

Dabei habe ich einiges falsch, aber wohl auch vieles richtig gemacht. Das zeigt mir das Ergebnis, denn ich musste mir nie Sorgen um meine erwachsene Tochter machen, die ihr Leben selbstbewusst meistert. Dennoch – es ist wohl eine chronische Mütter-Krankheit, dass sie sich auch grundlos Sorgen machen.

Meine Tochter hat mir vor einiger Zeit eine große Freude bereitet mit dem Geständnis: Ich hatte eine schöne Kindheit.