© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2019
https://ewnor.de / http://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
 zurück zur Normalansicht 

Aller Anfang ist schwer
oder
jedem Anfang wohnt ein Zauber inne?

Wenn ich an die erste Zeit nach meinem Umzug 1978, vom Süden Deutschlands in den hohen Norden nach Norderstedt, zurückdenke, stimmt wohl beides. Es war eine schöne und aufregende Zeit. Ein neues Leben fing an, alles war neu, die Menschen, die Wohnung, die Umgebung. Wir konnten im Frühjahr vom Fenster aus auf gelbe Rapsfelder sehen und weiter im Norden gab es Landschaft ohne Ende. Im Süden die schöne Hansestadt Hamburg mit guten Einkaufsmöglichkeiten und Kultur satt und am Wochenende Ausflüge an mein geliebtes Meer. Aber es war manchmal doch ein KulturschockLesen Sie auch:
Kulturschock
von Margot Bintig
, nicht nur privat, sondern auch im Berufsleben.

In meiner alten Heimat war ich in einer Lederwarenfabrik mit ungefähr 1.000 Mitarbeitern als Personalsachbearbeiterin beschäftigt und für die gewerblichen Mitarbeiter zuständig. Die Personalangelegenheiten der Angestellten bearbeitete ein Kollege, mit dem ich in einem Raum saß. Die Routinearbeiten erledigte für uns beide eine Hilfskraft. Man unterschied damals noch sehr genau zwischen Arbeitern und Angestellten. Es gab keine weitere Hierarchie, wir unterstanden beide direkt dem obersten Chef, der auch Alleininhaber der Firma war. Die Organisation war straff gegliedert und die EDV wurde schon damals effektiv eingesetzt. Überstunden waren an der Tagesordnung und an Urlaub zum Monats- oder gar Jahresabschluss konnten wir nicht mal denken. Dennoch machte mir die Arbeit großen Spaß, denn ich hatte Verantwortung und viel Kontakt mit Menschen.

Nun hatte ich in meiner neuen Heimat eine Anstellung in einer Firma der chemischen Industrie gefunden. Es war ein hochmoderner Ableger eines amerikanischen Großkonzerns. Hier wurde chirurgisches Nahtmaterial hergestellt und es gab ein großes Forschungslabor. Die Mitarbeiterzahl war etwa gleich hoch wie in meiner alten Firma und ich war wieder als Personalsachbearbeiterin für gewerbliche Mitarbeiter angestellt. Hier war ich aber zusammen mit fünf anderen Kolleginnen für diesen Mitarbeiterstamm zuständig. Unterstellt waren wir dem Personalleiter für gewerbliche Mitarbeiter. Die zwei Sachbearbeiterinnen für Angestellte hatten einen weiteren Personalleiter als Vorgesetzten. Darüber gab es noch eine weitere Hierarchiestufe bis zur obersten Geschäftsleitung, mit der ich nie persönlichen Kontakt hatte.

Für uns Sachbearbeiterinnen wurden die zu betreuenden Mitarbeiter alphabetisch nach den Anfangsbuchstaben der Namen aufgeteilt. Wenn eine Kollegin Urlaub hatte oder krank war, wurden die Buchstaben anders aufgeteilt, sodass zwar jede Mitarbeiterin einige Personen mehr zu bearbeiten hatte, aber für die fehlende Kollegin keine Arbeit liegen blieb. Es war immer noch ein pünktlicher Feierabend gewährleistet.

Die Firma legte großen Wert auf ein gutes Betriebsklima. So wurde ganz am Anfang meiner Beschäftigung eine Auto Rallye mit Partnern für die ganze Belegschaft veranstaltet. Wir als sogenannte Quiddjes sollten uns in einem Radius von ungefähr 20 Kilometern zurechtfinden und auf diesem Weg einige Aufgaben lösen. Wir waren noch völlig ortsfremd und unser Navi hieß Straßenkarte. Wir hatten jedoch Glück und kamen nur als Vorletzte zu der Abschlussveranstaltung.

Im Anschluss daran sollte ich mit einer Kollegin, die zeitgleich mit mir anfing und auch ein Quiddje war, ein Event vorbereiten. Wir sollten eine Abteilungsrallye zu Fuß ausarbeiten, die in einem Lokal unserer Wahl mit einer Abschlussfeier enden sollte. Für diese Aufgabe wurden wir ein paar Tage freigestellt. Unsere Buchstaben wurden für diese Zeit wieder aufgeteilt. Ich empfand das Ganze als Kindergeburtstag, doch während der Ausarbeitung zu diesem Event entstand mit dieser Kollegin eine Freundschaft, die bis heute anhält. Die Abteilungsfeier wurde ein voller Erfolg.

Aber dennoch fühlte ich mich nicht richtig wohl in der Firma. Ich fand, trotz aller Bemühungen des Unternehmens um ein gutes Betriebsklima, die Atmosphäre sehr unterkühlt. Auch mit den Kolleginnen die schon länger in der Firma waren, wurde ich nicht richtig warm. War das die norddeutsche Mentalität, vor der man mich zuhause gewarnt hatte? Nein, ich sollte es später auch anders kennenlernen. Bei den seltenen Privatgesprächen unter den Kolleginnen ging es überwiegend um das Thema Mode. Man interessierte sich ausschließlich für teure Markenklamotten und die angesagten Modeboutiquen. Das war nicht meine Welt. Zwar legte ich auch großen Wert auf gute Garderobe, aber ich behielt es lieber für mich, dass ich auch manchmal bei Chic&Adrett einkaufte.
Am meisten störte mich aber, dass ich nur noch Buchstaben bearbeitete und nicht mehr den direkten Kontakt zu den Mitarbeitern hatte. Ich konnte keinen Sachverhalt mehr vom Anfang bis zum Ende erledigen und mir wurde klar, dass mich das nur bedingt teamtauglich machte. Das sagte ich auch meinem direkten Vorgesetzten, der ein offenes Ohr für mich hatte. Ich bekam ab sofort einen festen Mitarbeiterstamm zugeteilt. Es waren die Arbeiter, die mit der direkten Produktion vor Ort nichts zu tun hatten, sowie die Betriebshandwerker und die Arbeiter in einer Außenstelle in Hamburg Langenhorn.

Bevor ich meinen Antrittsbesuch in dieser Betriebsstätte machte, wollte ich erst einmal am Wochenende sehen, wo sie sich befand. Ich hatte eine Adresse in der Essener Straße in Hamburg- Langenhorn, nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Als ich dort ankam, dachte ich, dass ich mir die falsche Anschrift notiert habe, denn ich landete vor einem verkommenen langen Gebäude, das mir schon früher negativ aufgefallen war. Am Montag wollte ich mir die richtige Adresse geben lassen, aber mir wurde gesagt, dass ich richtig war und in das Grundstück hineinfahren müsse. Man zeichnete mir auch den Weg innerhalb des Areals auf.

Als ich dann auf das angegebene große Gelände fuhr, um zu der Außenstelle der Firma zu gelangen, hatte ich ein beklemmendes Gefühl. Hier ist die richtige Kulisse für einen unheimlichen Kriminalfilm, dachte ich. Es war eine Ansammlung von verschieden großen Baracken, die zum Teil verfallen waren und leer standen. In einigen hatten Handwerker ihre Werkstatt oder es waren Lager eingerichtet.

Später fand ich heraus, dass meine düstere Empfindung berechtigt war. Diese Gebäude beherbergten früher zwei der größten Rüstungsunternehmen des Dritten Reiches. Die Hanseatischen Kettenwerke, die Geschosshülsen und Panzerfäuste herstellten und die Messap, die Deutsche Messapparate GmbH, die 1935 aus der Zusammenarbeit des Schwarzwälder Uhrenherstellers Junghans mit dem Oberkommando des Heeres (OKH) entstanden war und dort unter Einsatz von Häftlingen Zeitzünder für Granaten herstellte. Die Fabriken waren so gestaltet, dass sie, vor allem aus der Luft betrachtet, als ländliche Siedlung mit teilweise reetgedeckten Häusern wirkte. Für die Fachkräfte, die überwiegend von Junghans aus dem Schwarzwald kamen, wurden in unmittelbarer Nähe der Kettenwerke sogenannte Schwarzwaldhäuser errichtet, die sie an ihre Heimat erinnern sollten. Während des Krieges, als der Arbeitskräftebedarf in der Rüstungsindustrie stieg, wurde hier eine Außenstelle des KZ-Neuengamme errichtet und Zwangsarbeiter nach der unmenschlichen Nazi-Devise: Vernichtung von Menschen durch Arbeit eingesetzt.

Heute steht auf diesem Areal der Business-Park Hamburg Nord mit vielen zukunftsorientierten Unternehmen. Nur ein kleiner Gedenkstein erinnert noch an das Kettenwerk und die Opfer der KZ-Außenstelle. [1]Lesen Sie den Artikel der Morgenpost: Zwangsarbeit und Kindermord - als Langenhorn zur Waffenschmiede der Nazis wurde. [1], [2]Lesen Sie auch:
Das Kettenwerk in Langenhorn
von Harald Meyer (Willy-Bredel-Gesellschaft)
[2]

Hier also sollte die Zweigstelle meiner hochmodernen Firma sein? Man hatte mich nicht vorgewarnt, aber kurz darauf erfuhr ich den Grund, warum der Betrieb so abgelegen und versteckt war. Schon als ich aus dem Auto stieg, nahm ich einen widerlichen Geruch wahr. Der Betrieb war auf zwei Baracken aufgeteilt. In einer großen langen Baracke war die Produktion, in einer kleineren Nachbarbaracke waren die Kantine und ein Büroraum untergebracht.

Ich ging zuerst in die Produktionsbaracke, wo mich dieser Geruch fast umgehauen hätte. Ich sah meterlange, auf Pfosten gestellte und mit Wasser gefüllte Blechwannen, an denen Arbeiter und Arbeiterinnen mit Gummistiefeln, Gummischürzen und Gummihandschuhen hantierten. Was sie genau machten, wollte ich nicht sehen, denn mir wurde hundsmiserabel schlecht.

Wie schon anfangs berichtet, stellte die Firma chirurgisches Nahtmaterial her. Dieses Nähgarn für Operationen bestand überwiegend aus Synthetik. Für besondere chirurgische Eingriffe wurden damals noch die Fäden aus Schafsdärmen (Catgut) benutzt, die sich im Körper vollkommen auflösen. Durch mehrere Sterilisationsverfahren wurden die Schafsdärme so behandelt, dass die daraus gewonnen Fäden die höchsten Ansprüche der Chirurgen erfüllten.

Ich war nun hier an der ersten Station dieser Verarbeitung. Die Schafsdärme kamen aus Neuseeland. Sie wurden dort direkt nach der Schlachtung der Schafe ungereinigt in Fässern verpackt und auf Schiffe geladen. Nach wochenlanger Seereise kamen sie in Hamburg an und wurden an die Außenstelle geliefert. Hier wurden die Därme in den langen Wannen in Handarbeit gereinigt. Kurz bevor ich ankam, war gerade ein neues Fass geöffnet worden, was diesen ekelerregenden Verwesungsgeruch noch verstärkte.

Der Meister begrüßte mich sehr freundlich, sah aber sofort, dass ich schon grün im Gesicht war. Er nötigte mir gleich einen Schnaps auf und meinte: Das geht hier vielen so, wenn sie zum ersten Mal hier sind. Dann ging er mit mir in die Nachbarbaracke in sein Büro. Hier musste er mir den zweiten Schnaps nicht erst aufzwingen, denn ich kippte ihn freiwillig hinunter.

Nachdem es mir etwas besser ging, sah ich mich in dem Gemeinschaftsraum um. Die Kantine war wie eine gemütliche italienische Trattoria eingerichtet, mit karierten Tischdecken, Hintergrundmusik und der damals üblichen Weinlaub-Deko. Auch hier bemühte sich die Firma, es den Mitarbeitern so angenehm wie möglich zu machen. An den erschwerten Arbeitsbedingungen war allerdings nichts zu ändern.

Ich stellte bei meinen späteren geschäftlichen Aufenthalten hier fest, dass dieser Mitarbeiterstamm eine eingeschworene Gemeinschaft war, etwas derb aber herzlich. Es gab auch hier, im Gegensatz zum Stammhaus, kaum Fluktuation.

Ich richtete es immer so ein, dass ich zu den Pausen kam, um die personellen Angelegenheiten zu erledigen, damit ich nicht mehr in die Reinigungshalle musste. Für die Mitarbeiter war das kein Nachteil, denn sie konnten ihre Pausenzeit entsprechend verlängern. Meine Besuche in der Außenstelle Langenhorn waren aber bald zu Ende, denn ich suchte und fand bald eine andere Firma, die meinen Vorstellungen mehr entsprach.

[1] Zwangsarbeit und Kindermord
- als Langenhorn zur Waffenschmiede der Nazis wurde

Erschienen in der Hamburger Morgenpost am 02.10.18 - Weblink: https://www.mopo.de/hamburg/historisch/zwangsarbeit---kindermord-als-langenhorn-zur-waffenschmiede-der-nazis-wurde-31196192

Der Essener Bogen in Langenhorn, ein Gewerbepark, in dem Unternehmen aus den Bereichen Forschung und Entwicklung ansässig sind, Hightech, Logistik, Handel und Software. Moderne Stahl- und Glasarchitektur. Hell und freundlich. An die grausige Vergangenheit erinnert nichts mehr – abgesehen von einer ziemlich versteckt aufgestellten Stele aus Stahl, die den vielen tausend Zwangsarbeitern gewidmet ist, die an diesem Ort schuften und sterben mussten.

Unter Missachtung des Versailler Vertrages von 1919, der es Deutschland verbot, Kriegswaffen herzustellen, begannen die Nazis 1934 heimlich mit dem Aufbau ihrer Rüstungsindustrie. Der Zweite Weltkrieg fünf Jahre später war da längst ausgemachte Sache.

Die Entscheidung, wo zwei der größten Rüstungsunternehmungen des Dritten Reiches angesiedelt werden sollten, fiel am 19. Dezember 1934: Langenhorn wurde als Standort der Deutschen Messapparate GmbH und der Hanseatischen Kettenwerke ausersehen – bei beiden Bezeichnungen handelte es sich natürlich um Tarnnamen. Die Kettenwerke stellten nicht etwa Ketten für Klospülungen her, sondern Geschosshülsen und Panzerfäuste. Und die Messapparate GmbH (Messap) – übrigens eine Tochterfirma der Schwarzwälder Uhrenfabrik Junghans – produzierte statt Zeitmesser Zeitzünder.

Weil niemand merken sollte, was die Nazis im Schilde führten, wurde das Projekt verschleiert und getarnt durchgeführt. Die NS-Rüstungsexperten legten großen Wert auf verstreut liegende Gebäude mit Grünbereichen dazwischen. Nichts sollte gigantisch aussehen, sondern harmlos und klein. Auch die Werkswohnungen in der Nähe wurden so konzipiert, dass sie – vor allem aus der Luft betrachtet – wie ländliche Siedlungen wirkten. Für ihre Feinmechaniker aus dem Schwarzwald baute die Messap an der Essener Straße die sogenannte "Schwarzwaldsiedlung" (mit Häusern, die ein wenig an Schwarzwald erinnern). Und an der Langenhorner Chaussee entstand die "Beamtensiedlung" mit reetgedeckten Dächern.

Mit Beginn des Krieges stieg der Arbeitskräftebedarf der beiden Werke rapide. Waren in den Anfangsjahren lediglich wenige Hundert Menschen in Lohn und Brot, stieg die Zahl bis 1940 auf auf 2000 und bis Kriegsende nochmal auf 8000 Menschen. Die meisten davon: Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus Neuengamme, die in der Nähe in streng bewachten Barackenlagern hausten. Es handelte sich um Russen, Belgier, Franzosen, Ukrainer, Italiener, Kroaten, Niederländer, Dänen, aber auch manche Deutsche waren darunter – Halbjuden beispielsweise.

Überliefert ist das Schicksal der Ukrainerin Marija Iwanowna Bilous. Sie wurde gezwungen, in der Messap zwölf Stunden pro Tag Zünder für Bomben zu montieren. Im Januar 1944 kam ihr Sohn Victor zu Welt. Die Verhältnisse im Zwangsarbeiterlager Tannenkoppel, wo Mutter und Kind hausen mussten, waren furchtbar. Die mangelnde Hygiene, der ständige Hunger – kleine Kinder hatten keine Überlebenschance. Keine zwei Monate war Victor alt, als er starb…

Der Tod der Neugeborenen war gewollt. Wurde eine Zwangsarbeiterin schwanger, bekam sie Besuch von einem Mitarbeiter der SS-Rassenhygiene. "Gutrassige" Kinder wurden den Müttern entrissen und "germanisiert". Fällte der Gutachter das Urteil "schlechtrassig", dann erzwangen die Nazis entweder die Abtreibung. Oder die Kinder blieben nach der Geburt sich selbst überlassen – um zu sterben. So kamen allein am Standort Langenhorn mindestens 360 Säuglinge ums Leben.

Als im April 1945 klar wurde, dass das "Tausendjährige Reich" seinem Untergang entgegensah, überschlugen sich die Ereignisse: Ein Teil der Belegschaft musste Panzergräben ausheben und Sperren aufstellen, ein andrer Teil mithelfen, Konstruktionspläne zu verbrennen. Leitende Mitarbeiter stellten sich gegenseitig Entlastungsschreiben aus. Es ging das Gerücht, dass – aus Gründen der Tarnung – noch einmal die Produktion umgestellt werden sollte: auf Kuckucksuhren.

Soweit kam es nicht mehr. Am 3. Mai 1945 marschierten britische Truppen in Hamburg ein und verwendeten die Gelände beider Rüstungsfirmen für die Wartung und Instandhaltung ihres Fahrzeugpark. Die Werksanlagen der Messap wurden später von der Philips-Tochter Valvo zur Herstellung von Röhren genutzt.

Heute sorgt sich die Geschichtswerkstatt Willi-Bredel-Gesellschaft darum, dass die dunkle Vergangenheit Langenhorns nicht in Vergessenheit gerät. Sie will auch dafür sorgen, dass Geld gesammelt wird für die Instandsetzung und Pflege der vor zehn Jahren aufgestellten Erinnerungs-Stele, die sich in einem erbärmlichen Zustand befindet.

Insbesondere die Firmen und Betriebe in der näheren Umgebung sind aufgerufen mitzumachen. Die Firmen Dekra, Hermes und Jungheinrich haben der MOPO bereits ihre Unterstützung in Aussicht gestellt.

- Spendenkonto der Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e. V., Haspa, IBAN: DE49 2005 0550 1057 2101 04, Stichwort Zwangsarbeiter-Stele

Quelle: Hamburger Morgenpost, 2.10.2018

-------------------------

[2] Das Kettenwerk in Langenhorn

Die Industrie- und Verwaltungsgesellschaft (IVG) plant mit Duldung der Behörden den Abriss des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Hanseatischen Kettenwerke (HAK), einem der größten Hamburger Rüstungsbetriebe während des Dritten Reiches. Mit der Zerstörung dieses Gebäudes würde erneut ein Stück unliebsamer Zeitgeschichte entsorgt werden. Wir baten den Künstler Harald Meyer, der seit einigen Jahren Räume dieses Gebäudes mit anderen Künstlern nutzt, seine Argumente und Gedanken für den Erhalt dieses Gebäudes zu formulieren.

Harald Meyer schreibt: Nach ihrer Machtergreifung im Jahre 1933 begannen die Nationalsozialisten auch in Langenhorn mit dem systematischen Aufbau der Rüstungsindustrie. Zu jener Zeit galten noch die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages vom Juni 1919, die strenge Auflagen für die deutsche Rüstungsindustrie verlangten. Sie wurde überwacht und durfte keine neuen Waffensysteme entwickeln.

Dies führte dazu, dass Planungen und Bau von neuen Anlagen der Rüstungsindustrie verschleiert und getarnt konzipiert und ausgeführt wurden.

Entlang der Essener Straße, die damals einfach nur Weg Nr. 4 hieß, entstanden so zwei der größten Rüstungsbetriebe Hamburgs: die Hanseatischen Kettenwerke (HAK) und die Deutsche Messapparatebau (MESSAP).

Beim Bau der Betriebe legte man bewusst Wert auf verstreut liegende Gebäude mit dazwischenliegenden Grünbereichen. Ebenso wurden die Werkswohnungen in unmittelbarer Nähe zu den Betrieben so konzipiert, dass sie - aus der Luft gesehen - eher wie bäuerliche Siedlungen aussahen. Nachzuvollziehen ist dies heute noch an der "Schwarzwaldsiedlung" in der Essener Straße und der ehemaligen Beamtensiedlung, den "Strohdachhäusern", an der Langenhorner Chaussee. Aber auch die Namensgebung beider Werke ließ keine direkten Verbindungen zur Rüstungsindustrie erkennen.

Verantwortlich für die Organisation der Rüstungsindustrie im gesamten "Deutschen Reich" war die Verwertungsgesellschaft für die Montanindustrie (MONTAN) mit Sitz in Berlin-Charlottenburg. Ihre Aufgabe war es, Rüstungsbetriebe zu erwerben bzw. zu errichten und nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu organisieren. Im Aufsichtsrat saßen ausschließlich Militärs, die damals bis zu 120 Rüstungsbetriebe kontrollierten. Neu war es, mit Firmen aus dem Rüstungsbereich nach dem Montan-System Mantelverträge über die Errichtung von Werksanlagen und deren anschließende Verpachtung an einen Betrieb der Muttergesellschaft zu schließen. Das Hanseatische Kettenwerk war eine der ersten Firmen im damaligen Deutschland, mit der ein solcher Vertrag abgeschlossen wurde. Die Muttergesellschaft war die Firma Pötz&Sand aus Monheim bei Düsseldorf; sie bestand seit 1876 und produzierte Ketten für WC-Spülungen, Boa-Ketten für Pelzkragen, Gliederketten für Handtaschen u.a. Während des l. Weltkrieges waren in Monheim unter Einsatz von britischen und französischen Kriegsgefangenen Munitionshülsen produziert worden. Diese Erfahrungen wollten die Militärs sich wieder zu Nutze machen. Und so begann man im Frühsommer 1935 mit dem Bau der ersten Werksanlagen. 1936 konnte die Produktion von 2 und 3,7 cm-Geschosshülsen für leichte Flak-Geschütze und Fliegerbordkanonen anlaufen. Später kam die Fertigung von Panzerfäusten und sogenannten Hohlraumgeschossen hinzu.

Die zweite Rüstungsfirma, die am Weg Nr. 4 angesiedelt wurde, hieß Deutsche Messapparate GmbH. Sie war eine Tochter-GmbH der Schwarzwälder Uhrenfabrik Junghans aus Schramberg. Auch die Firma Junghans war in der Produktion von Rüstungsgütern kein unbeschriebenes Blatt. Während des 1. Weltkrieges waren in Schramberg Fliehkraftzünder für Artilleriegranaten entwickelt worden. Nach dem Krieg geriet die Firma in Schwierigkeiten.

Jetzt bot sich den Gebrüdern Junghans die Gelegenheit, auf die sie jahrelang hingearbeitet hatten. Unter Umgehung der Bestimmungen des Versailler Vertrages hatten Konstrukteure des Werkes die Fliehkraftzünder in den Niederlanden weiterentwickelt. Bei der MESSAP sollten diese Erfahrungen in eine serienmäßige Produktion von Zündern umgesetzt werden. Ein Jahr später als in der HAK begann man bei der MESSAP mit der Produktion. Beide Betriebe arbeiteten eng miteinander zusammen. Die Zündmechanismen wurden in der MESSAP gefertigt, die Geschosshülsen im Hanseatischen Kettenwerk. Zusammengebaut und mit Sprengstoff gefüllt wurden die Teile in Krümmel bei Geesthacht im Werk der Dynamitfabrik Alfred Nobel AG.

Für den Aufbau der HAK und der MESSAP wurde Fachpersonal (Meister, Facharbeiter) aus den Stammwerken nach Langenhorn beordert. Um ihnen das Einleben in der Fremde zu erleichtern und ihnen "ein Stück Heimat mit auf den Weg zu geben" entstand am Weg Nr. 4 eine Werksiedlung im Schwarzwaldstil. Architekt war Paul Richter; die Planung jedoch hatte das Schwarzwälder Uhrenwerk inne.

Die für verdiente Mitarbeiter 1936 erstellte "Beamtenkolonie" an der Langenhorner Chaussee wurden mit Strohdächern versehen, um den Charakter einer bäuerlichen Siedlung vorzutäuschen und die öffentliche Aufmerksamkeit von der Existenz des Werkes abzulenken. Wegen des moorigen Untergrundes mussten ebenerdige Schutzräume erstellt werden, und so erhielten die sechs strohgedeckten Häuser sechs strohgedeckte Luftschutzräume. Die Zahl der Beschäftigten, die man in beiden Werken nun für Rüstungsarbeit benötigte, stieg in den Kriegsjahren rapide an. Waren es in den Aufbaujahren lediglich einige hundert, so betrug ihre Zahl 1940 schon 2000. Bis Kriegsende mussten in beiden Werken über 8000 Menschen arbeiten.

Anfangs freiwillige, später immer mehr dienstverpflichtete Arbeiterinnen und Arbeiter aus Langenhorn und dem Hamburger Umland wurden zur Rüstungsarbeit herangezogen.

Zu Anfang der 40-er Jahre entstanden neue werkseigene Lager in direkter Nähe der MESSAP und der HAK. Dort wurden Fremdarbeiter aus Dänemark, Frankreich, Holland, Belgien, Italien und Kroatien untergebracht.

Mit zunehmender Kriegsdauer, der Besetzung Polens und dem Überfall auf die Sowjetunion, wurde ein großer Teil der dort lebenden Bevölkerung zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie rekrutiert. Im Kettenwerk und in der MESSAP mussten bis Kriegsende über 1000 Menschen aus der Sowjetunion, vorwiegend Ukrainer, Zwangsarbeit leisten. Untergebracht wurden sie in einem 1942 eigens errichteten Ostarbeiterlager am Weg Nr. 4. Das Lager wurde streng bewacht, und Kontakte zu deutschen "Gefolgschaftsmitgliedern" waren unter Strafandrohung verboten.

Die Sozialabteilung des "Musterrüstungsbetriebes" HAK war mit dem Aufbau und der Leitung aller Lager für männliche und weibliche Fremd- und Ostarbeiter betraut, sie arbeitete eng mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und der Gestapo zusammen. Man war bestrebt sogenannte "Musterlager" zu schaffen durch Einrichtungen wie eigene Lagerküche, Gemeinschaftshaus, Waschanstalt, Kranken- und Lazarettstube, welche mit deutschem Personal besetzt waren. Dies schloss allerdings die alltäglichen Erniedrigungen und Diskriminierungen gegenüber den Häftlingen nicht aus.

Mittlerweile besaß das Kettenwerk auch Büroniederlassungen in Paris, bis 1943 waren in Frankreich schon zwei Werke zur Fertigung von Patronenhülsen errichtet worden und weitere drei Werke für diese Produktion vorgesehen. Auch in der besetzten Tschechoslowakei wurde ein Zweigwerk eingerichtet, um die Nachschubwege zur Ostfront zu verkürzen. Zur Rüstungsarbeit im Kettenwerk wurden auch Gefangene aus Fuhlsbüttel herangezogen. Im Konzentrationslager Neuengamme errichtete die MESSAP im Jahre 1942 einen Betrieb zur Herstellung von Zündern für Flak-Granaten.

Im Jahre 1944 wurde neben dem Ostarbeiterlager (heute Essener Straße) ein Frauenaußenlager des KZ-Neuengamme eingerichtet. Über 700 jüdische Frauen verschiedener europäischer Nationalitäten zwangen die Faschisten hier in Langenhorn zur Rüstungsarbeit und zum Aufbau von Plattenbauten (Poppenbüttel).

Zwölf Jahre nationalsozialistischer Politik hatten auch in Langenhorn ihre Spuren hinterlassen. Inmitten von Werkshallen, Splittergräben und Flak-Geschützen, "heimatlichen" Strohdachhäusern, Bunkeranlagen, idyllischen Schwarzwaldhäuslein, Plattenbauten, Barackenlagern und umzäunten Häftlingsbaracken waren hier die unterschiedlichsten Schicksale zusammengetroffen. Belgier, Franzosen, Italiener, Kroaten, Holländer, Dänen, Langenhorner, ukrainische Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter, KZ-Häftlinge verschiedenster Nationalität, Sträflinge aus den umliegenden Gefängnissen, Facharbeiter und Meister aus dem Schwarzwald und dem Rheinland, Direktoren, Gestapo- und SS-Wachmanschaften. Man spürte, dass es mit dem sogenannten "Tausendjährigen Reich" zu Ende ging und es nur noch Tage waren, bis die anrückenden englischen Truppen auch Langenhorn erreichten. So schienen sich die Ereignisse zu überschlagen. Während ein Teil der Belegschaft im Bereich der Langenhorner Chaussee herangezogen wurde, um Panzergräben auszuheben und Sperren aufzustellen, mussten andere mithelfen, Konstruktionspläne zu verbrennen. Im Umfeld der Werke wurde tonnenweise Munition vergraben, und bei der MESSAP stellten sich leitende Angestellte Entlastungsscheine aus. Es ging auch das Gerücht um, dass man die Produktion noch einmal umstellen wollte: auf Kuckucksuhren.

Am 3. Mai 1945 zogen die englischen Truppen in Hamburg ein. Anfang September übernahmen sie die Kettenwerke und die MESSAP und nutzten das Gelände für die Wartung und Instandhaltung ihres Fahrzeugparks. Später zogen die englischen Truppen auf das ehemalige Gelände von Blohm & Voss nach Finkenwerder. Die Werksanlagen der MESSAP wurden einige Jahre von der Royal Air Force (RAF) und später von einem anderen ehemaligen Rüstungsbetrieb, der Philips-Tochter VALVO (Röhrenfabrik) genutzt.

Die Baracken des ehemaligen KZ-Außenlagers wurden zu einem Wohncamp umfunktioniert, welches für heimkehrende Soldaten, Flüchtlinge, Vertriebene und Helfer zur Verfügung stand. Heute befindet sich dort eine Wohnsiedlung. Nur die Reste eines Röhrenbunkers, der an das Ostarbeiterlager angrenzte, sind aus jenen Tagen übrig geblieben.

Im Jahre 1951 änderte die Verwertungsgesellschaft für die Montanindustrie ihren Namen, unter dem sie auch heute noch firmiert: "Industrie- und Verwaltungsgesellschaft" (IVG) und verlegte ihren Sitz von Lippoltsberg nach Bonn. Ihre Zweigstelle Hamburg, mit Sitz in der Essener Straße in Langenhorn, verwaltet auch heute noch die Gelände der ehemaligen Rüstungsbetriebe HAK und MESSAP.

Die IVG plant heute, auf dem ehemaligen HAK-Gelände einen industriellen Gewerbepark entstehen zu lassen. Viele ehemalige Fabrikationsgebäude der HAK sind diesen Plänen schon zum Opfer gefallen. Obgleich es in einem am l4.5. 1993 erstellten Gutachten des Hamburger Denkmalschutzamtes über das Gelände des Kettenwerkes heißt:
Die Gesamtanlage der ehemaligen Hanseatischen Kettenwerke stellt ein äußerst wichtiges Dokument der NS-Zeit dar. Als Kristallisationskern für die Entwicklung des Stadtteils Langenhorn, in dem die spezifisch 'nationalsozialistischen' Vorstellungen von Arbeiten und Wohnen in ihrer antidemokratisch-hierarchischen Struktur verwirklicht wurden und zugleich auch die unter politischen und besonders auch rassistischen Vorzeichen im Zusammenhang mit der Rüstungsproduktion in Gang gesetzte Vernichtung von Menschen durch Arbeit stattfand, haben sie historische Bedeutung. Aus historischen Gründen ist die Gesamtanlage erhaltenswert. Ihre Erhaltung liegt im öffentlichen Interesse.

Diese Interessen wurden bei der Erteilung von Abrissgenehmigungen durch die verantwortlichen Behörden und politischen Gremien jedoch nicht berücksichtigt.

Von den wenigen Gebäuden, welche aus jener Zeit noch erhalten sind, ist das ehemalige Verwaltungs- und Direktionsgebäude der HAK in der Essener Straße 99 eines der letzten. Hier ging damals die Verwaltungsspitze des Rüstungsbetriebes ein und aus, hier wurden Entscheidungen über die Steigerung der Rüstungsproduktion getroffen, hier wurde über menschliche Schicksale entschieden.

Seit 1995 ist der Kunstverein Kettenwerk e.V. der Hauptmieter des von der IVG verwalteten Gebäudes. Künstler haben hier ihre Ateliers, und regelmäßig finden hier kulturelle Veranstaltungen (Ausstellungen, Lesungen, Konzerte) statt. Im Kellergeschoss des Hauses wurde von mir eine Rauminstallation in den noch authentischen Räumen erarbeitet, welche sich mit der Geschichte des Hauses und der beiden Rüstungsbetriebe auseinandersetzt. Die Spurensuche und ihre Umsetzung sind dabei zu einem persönlichen Teil von Erinnerungsarbeit geworden.

Dies alles soll im Frühjahr 1999 verschwinden, wenn die Abrisspläne der IVG in die Tat umgesetzt werden. Das ehemalige Verwaltungs- und Direktionsgebäude, die dahinter liegende Baracke (ehem. Konstruktions- und Laborgebäude) sowie das am Eingang stehende ehemalige Wachgebäude sind diesmal die Ziele der Abrissbagger.

Somit verschwinden für die Langenhorner Bürger Stück für Stück immer mehr nachvollziehbare Zeugnisse der Zeitgeschichte.

Quelle: Harald Meyer, Weblink: http://www.bredelgesellschaft.de/schoeps/rb1999.html#Kettenwerk