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Rückblick

Ende 1939 wurde ich Zeitzeuge der ersten Seeschlacht des Zweiten Weltkrieges.

Im fernen Europa tobte schon seit Monaten der Krieg und die Deutschen, die im damals noch neutralen Argentinien lebten, verfolgten mit Neugierde und Begeisterung die Nachrichten über die ersten Erfolge der deutschen Streitkräfte. Damals gab es noch kein Fernsehen und die Informationen wurden über das Radio auf der Kurzwelle empfangen, oder man sah sich die Wochenschau der UFA im Kino an. Plötzlich verlegte sich aber die Realität des Krieges praktisch vor unsere Haustür: alle Radios von Buenos Aires berichteten über eine Seeschlacht an der Mündung vom Rio de la Plata.

Das Panzerschiff Admiral Graf Spee der deutschen Kriegsmarine führte bereits seit dem 26. September 1939 einen erfolgreichen Handelskrieg auf dem Atlantischen sowie auch auf dem Indischen Ozean.

Zeitungsbericht

Funkbericht eines Korrespondenten von Bord der »Graf Spee« 18.12.1939 in der deutschen Presse

Am 13. Dezember 1939 unternahm das Schiff unter dem Kommando von Kapitän zur See Hans Langsdorff einen Vorstoß zur La Plata-Mündung, um seine eigentliche Absicht, heimwärts zu fahren, zu tarnen. Vor dem uruguayischen Badeort Punta del Este begegnete die Graf Spee unerwartet einer feindlichen Kampfgruppe, bestehend aus zwei britischen und einem neuseeländischen Kreuzer. Sofort wurde ein Gefecht eingeleitet, das den ganzen Tag andauerte.

Das deutsche Panzerschiff fügte seinen Gegnern schwere Havarien zu, musste aber auch selbst etliche schwere Treffer einstecken. Gegen Abend lief die Graf Spee in den Hafen von Montevideo ein, mit der Absicht, dort die Schäden reparieren zu lassen. Die uruguayischen Behörden verweigerten jedoch - auf Druck Großbritanniens - dem Schiff einen angemessenen Aufenthalt. Unter diesen Umständen wäre das Auslaufen, um das Gefecht mit dem inzwischen verstärkten britischen Flottenverband vor der La Plata-Mündung wieder aufzunehmen, aussichtslos gewesen.

Deswegen beschloss Kapitän Langsdorff, sein Schiff eigenhändig auf dem La Plata Fluss zu versenken. Die über tausend Mann starke Besatzung war vorher auf argentinische Schlepper und andere Flussschiffe ausgeschifft worden, um anschließend nach Buenos Aires zu fahren, wo sie schließlich interniert wurde.

Soweit eine Kurzfassung der historischen Vorgänge am Rio de la Plata, um jetzt daran meine persönlichen Erinnerungen anzuknüpfen…

Panzerschiff "Admiral Graf Spee"

 

Internierung in Argentinien

Nachdem Kapitän Langsdorff seine Mannschaft im Immigranten-Hotel von Buenos Aires in Sicherheit gebracht hatte, nahm er sich in seiner Unterkunft das Leben: er hatte den Untergang seines Schiffes nicht überleben wollen. Mein Vater und ich nahmen an der Beisetzung auf dem deutschen Friedhof im Stadtviertel Chacarita teil. Eine unübersehbare Menschenmenge bekundete dem Verstorbenen ihre Anteilnahme. Auch Vertreter des argentinischen Heeres und der Marine waren dabei. Das Verhalten des deutschen Kapitäns galt als Vorbild für die edelste Marinetradition.

Die feierliche Zeremonie machte einen großen Eindruck auf mich. Ich kann mich noch genau erinnern, wie der mit der Kriegsfahne bedeckte Sarg von Offizieren durch die Menschengasse auf den Friedhof getragen wurde. Zwei der Offiziere präsentierten auf roten Kissen die Ehrenzeichen und Orden ihres Kommandanten. Alle waren ihm zutiefst verbunden, weil er mit dieser Großtat seine Mannschaft vor einem sinnlosen Tod bewahrt hatte.
Einige Tage später veröffentlichte die Deutsche La Plata Zeitung eine Aufforderung an die in Buenos Aires ansässigen Deutschen, zur Weihnachtszeit Spee-Leute in ihre Wohnungen einzuladen. Meine Eltern waren sofort begeistert von der Idee, die erste Kriegsweihnacht in Begleitung von Landsleuten zu verbringen.

Also fuhren mein Vater und ich zum Hafen, um unsere Gäste abzuholen. Unter strengster Bewachung von argentinischen Marineinfanteristen lungerten hunderte Matrosen der Graf Spee auf dem Gelände des neben dem Hotel liegenden Marinearsenals herum. Wir sprachen den Erstbesten an und fragten ihn, ob er in Begleitung eines anderen Kameraden uns über Weihnachten besuchen mochte. Er erklärte sich sofort bereit und stellte uns seinen Kumpel vor. Schnell wurden die Formalitäten erledigt, und wir machten uns auf den Weg nach Hause.

Damals hatten wir noch kein Auto, also nahmen wir einen ColectivoColectivoKleinbus, öffentliches Verkehrsmittel in Argentinien, Buenos Aires., der uns in etwa einer dreiviertel Stunde bis zu unserer Wohnung am anderen Stadtende von Buenos Aires brachte. Die deutschen Matrosen waren von der Größe der Stadt beeindruckt. Aber das Verkehrschaos hatte sie buchstäblich überwältigt. Bei jeder Schwankung hielten sie sich mit beiden Händen an den Sitzlehnen fest. Wenn der Bus andere Verkehrsteilnehmer in rasanter Fahrt überholte, brach bei ihnen der Schweiß aus. Später haben sie eingestanden, noch nie soviel Angst verspürt zu haben, nicht einmal während der vergangenen Seeschlacht!

Unsere beiden Gäste waren damals 21 bzw. 19 Jahre alt. Der eine war Obergefreiter und der andere Gefreiter. Da beide Heinz mit Vornamen hießen, nannten wir sie einfach Bubi und Heini, um sie besser unterscheiden zu können. Von ihren Erfahrungen während der Seeschlacht wollten sie am Anfang nicht viel erzählen. Wir erfuhren nur, dass Bubi am Entfernungsmessgerät tätig gewesen war und Heini ein 15 cm Geschütz bediente. Desto mehr wurde über ihre ersten Eindrücke in Argentinien geplaudert. Schon bei der Einfahrt in den Hafen von Buenos Aires in den ersten Morgenstunden nach ihrer Evakuierung von der Graf Spee merkten sie, dass die Besatzungen der kleinen Binnenschiffe aus einem sonderbaren Gefäß, das wie die erhärtete Rinde einer Birne aussah, durch ein Silberröhrchen ein Getränk saugten, das ihnen angenehm zu munden schien. Mit Zeichensprache versuchte man sich zu verständigen. Die Argentinier nannten das Getränk mate und das Röhrchen bombilla. Einige der Spee-Leute erinnerten sich an einen Tee, der in Deutschland Mate-TeeDer Mate-Strauch (Ilex paraguariensis A.St.-Hil, auch: Ilex paraguensis D.Don und Ilex paraguayensis Hook.), auch Mate-Baum genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Stechpalmen (Ilex) in der Familie der Stechpalmengewächse (Aquifoliaceae). Die Heimat der Pflanze liegt in Südamerika.
Mate ist ein in Südamerika weit verbreitetes Aufgussgetränk, das durch Aufguss kleingeschnittener trockener Blätter des Ilex paraguayensis gewonnen wird. Mate bezeichnet ursprünglich das Trinkgefäß (aus dem Quechua mati für Trinkgefäß), heutzutage auch das Getränk, das von den Guaraní caiguá genannt wurde. Die Blätter hingegen werden als yerba bezeichnet.Quelle: Wikipedia, die freie Enzyclopädie
oder Paraguay-Tee genannt wurde. Dort trank man ihn jedoch aus Tassen, und er sollte gut für den Magen sein. Als sie hier das Getränk zu Probieren bekamen, schmeckte es ihnen viel zu bitter und sie lehnten dankend jedes weitere Angebot ab.
Es war den Spee-Leuten auch aufgefallen, dass die argentinischen Marinesoldaten, die sie bewachten, mit deutschen Mauser-98-Gewehren bewaffnet waren. Wieder mit Zeichensprache machten die deutschen Matrosen ihnen verständlich, dass sie bei ihrer Ausbildung genau dieselben Waffen gebraucht hätten. Sie baten einem der Wachmänner auf dem Hof des Marinearsenals, ihnen das Gewehr kurz auszuhändigen. Der freundliche Argentinier übergab gedankenlos seine Waffe dem Gefangenen und staunte nicht schlecht, als dieser mit geschulten Griffen das Gewehr in mehrere Teile zerlegte und ihn danach aufforderte, es wieder zusammenzusetzen.

Das Entsetzen war dem Argentinier ins Gesicht geschrieben als er merkte, dass ein von ihm zu bewachender Gefangener ihn auf dieser Art und Weise entwaffnet hatte. Es wurde ihm bewusst, dass dies sehr schwere Konsequenzen mit sich bringen könnte und bat verzweifelt, ihm seine Knarre wieder zusammenzubauen. Die Spee-Leute waren über diese Situation sehr amüsiert, wollten aber den armen Kerl nicht weiter leiden lassen und bauten ihm seine Waffe wieder zusammen. Schnell sprach es sich herum, wie hoch die technische Ausbildung der Deutschen doch war.

Die Unterhaltung mit unseren Gästen verband uns immer enger, und nach den Weihnachts- und Silvesterfeiern hatte sich schon eine freundschaftliche Beziehung entwickelt. Es wurde beschlossen, die beiden Matrosen während ihrer Internierungszeit bei uns wohnen zu lassen. Schließlich, so meinte man, würde der Krieg ja nur ein paar Monate dauern...

Mittlerweile hatten sich die Bewohner von Buenos Aires schon an die deutschen Matrosen, die in ihren schnittigen Uniformen überall auf den Straßen der Hauptstadt zu sehen waren, gewöhnt. Nur den Vertretern der alliierten Kriegsmächte gefiel es nicht besonders, dass die etwa Tausend schicken Marinesoldaten einen so freundlichen Eindruck auf die argentinische Bevölkerung machten.

Deshalb gab es diplomatischen Druck auf die argentinische Regierung und diese entschloss sich anzuordnen, dass die Spee-Besatzung sich nur noch in Zivil auf den Straßen sehen lassen dürfte. Nach einer Ausschreibung bekam das Herrenmodengeschäft Albion House den Auftrag, die Matrosen von Kopf bis Fuß neu einzukleiden. Eigentlich hatte die Benennung Albion keinen britischen Hintergrund. Im Gegenteil, die Inhaber der Firma waren deutschfreundliche Spanier. Und so bekam jeder Spee-Mann Anzüge, Hemden, Unterwäsche, Strümpfe, Schuhe, Krawatten, den damals unentbehrlichen Hut und einen hellen Regenmantel (Trenchcoat). Da die Argentinier eher dunklere Kleidung bevorzugten, fielen die Hunderte von hellen Regenmänteln auf den Straßen besonders auf. Dadurch war natürlich der Effekt, die Präsenz der vielen deutschen Soldaten in Buenos Aires zu tarnen misslungen.

Für die Internierten verging die Zeit friedlich, und einige hatten schon einen Job angenommen. Aber die Kriegereignisse in Europa wirkten sehr verschieden auf die neutralen Länder. Die argentinischen Behörden sahen es bald als eine Gefahr an, dass so viele Kriegsbeteiligte frei in der Hauptstadt verweilten. Also beschloss man, die deutschen Matrosen auf verschiedene Lager im Inland zu verteilen.

Bubi wurde erst nach Santa Fe verschickt und später in einem Vorort der Stadt Rosario untergebracht. Heini kam auf die Insel Martin García, einem Marinestützpunkt auf dem La Plata Fluss, etwa 3,3 km von der uruguayischen Küste entfernt. Bei Ebbe verkürzt sich diese Entfernung auf weniger als die Hälfte und dieser Umstand wurde von einigen Offizieren der Graf Spee genutzt, um schwimmend nach Uruguay zu fliehen. Auf Umwegen kehrten sie dann in ihre Heimat zurück, um weiterzukämpfen. Einen von ihnen, den 1. Artillerieoffizier der Spee, ereilte allerdings sein Schicksal im Mai 1941, als er beim Untergang des Schlachtschiffes Bismarck sein Leben verlor.

In den verschiedenen Internierungslagern verbrachten die Spee-Leute ihre Zeit meistens mit Sport, Bastelarbeiten, Studium und den üblichen Hausarbeiten. Ich hatte die Gelegenheit, meine Freunde ab und zu in Rosario und Martin García zu besuchen. Immer noch wurde an den baldigen Endsieg geglaubt und die feindlichen Meldungen der alliierten Radiosender als Kriegspropaganda eingestuft.

Als die BBC jedoch im Juni 1944 über die Invasion in der Normandie berichtete, brach Argentinien die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland und Japan ab. In Buenos Aires wurden Zeitungen, die noch immer positiv über die Achsenmächte berichten, verboten und die Lage der Internierten verschlechterte sich zusehends. Sie bekamen weniger Freiraum und wurden strenger bewacht.

Als schließlich die argentinische Regierung am 27. März 1945 Deutschland und Japan den Krieg erklärte, änderte sich der Status der ehemaligen Besatzungsmitglieder der Admiral Graf Spee. Sie wurden automatisch Kriegsgefangene. Als solche kamen sie in ein Sammellager in der Garnison von Campo de Mayo in der Nähe der Hauptstadt Buenos Aires. In Zelten hinter Stacheldrahtzäunen verbrachten sie ihre letzten Monate in Argentinien.

Nur einmal noch konnte ich meine Freunde in dem streng bewachten Lager besuchen. Nach mühevollen Formalitäten durfte ich sie über einen zweireihigen Stacheldraht begrüßen und ihnen eine gute Heimreise wünschen.

Einige der deutschen Matrosen hatten inzwischen sogar argentinische Frauen geheiratet und Kinder bekommen. Dies wäre in normalen Zeiten Grund genug gewesen, um nicht des Landes verwiesen zu werden. Aber in Kriegszeiten läuft alles anders. Die argentinischen Behörden bestanden hartnäckig darauf, den britischen Forderungen Folge zu leisten. Also versuchten diese Matrosen, irgendwie aus dem STALAG zu fliehen. Einigen wenigen ist es auch gelungen. Als sie Besuch von ihren Ehefrauen bekamen. verkleideten sie sich mit von denen mitgebrachten Kleidern und verließen unerkannt das Lager.

Anderseits versuchten die angeheirateten Frauen es auf diplomatische Weise, indem sie sich an Eva Peron, die Gattin des Staatspräsidenten, wandten. Sie hatten einen Sammeltermin bei der mächtigsten Frau Argentiniens ergattert und warteten stundenlang auf die verabredete Audienz. Als spät am Abend Frau Peron endlich in ihrem Amtsgebäude erschien, warf sie einen kurzen Blick auf die wartenden Frauen mit ihren Kindern und sagte: Ach, Ihr seid wohl die Frauen der Männer von der Espí (Jargon für Spee)? Tut mir leid, aber ich kann nichts für Sie tun...

Und das war's dann. Im März 1946 wurden die Kriegsgefangenen mit dem ehemaligen britischen Passagierschiff Highland Monarch nach Deutschland zurückgeführt.

 

 Anhang  Soweit meine Erinnerungen an die Internierungszeit der Mannschaft der Admiral Graf Spee in Argentinien. Eine direkte Begegnung mit dem Wrack des Panzerschiffs hatte ich jedoch nicht. Aber als ich Ende 1994 im Auftrag der Hamburg Messe nach Montevideo reiste, um bei der Deutsch-Uruguayischen Handelskammer die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit lokalen Ausstellungsunternehmen zu prüfen, hatte ich die Gelegenheit, einen Teil des Schiffes zu besichtigen.
An einem heißen November-Nachmittag nahm ich mir vor, das Denkmal für die Graf Spee, in Montevideo ausfindig zu machen. Ich hatte gehört, dass in den Hafenanlagen 1964 ein Denkmal mit einem der geborgenen Anker der Graf Spee errichtet wurde. Genaue Hinweise über dessen Standort konnte mir aber keiner geben. Ich fragte mich also unter den Hafenarbeitern durch und bekam schließlich einen Tipp, wo ich genauer zu suchen hätte. Mit meiner durchgeschwitzten Jacke über dem Arm stand ich dann plötzlich vor dem gesuchten Objekt. Versteckt hinter Containerstapeln entdeckte ich endlich den Anker des einst so stolzen Kriegschiffes. Der schwere Anker liegt auf einem Grashügel, der im Hintergrund durch eine niedrige Mauer begrenzt wird. In schon teilweise zerbrochenen Buchstaben steht dort in spanischer Sprache geschrieben:
Que perduren los ideales que hoy juntos defendemos (Es sollen jene Ideale fortbestehen, die wir heute gemeinsam verteidigen).

Ein schöner Abschlussgedanke für meine Geschichte.