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Einführung der Ultrakurzwelle

Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre hatten die traditionellen Rundfunkgerätehersteller Hochkonjunktur. Neben AEG-Telefunken, Graetz, Loewe-Opta, Saba, Schaub-Lorenz, Siemens und Nordmende etablierte sich auch eine anfangs recht kleine Firma mit dem Namen Grundig dazu. Die Zeit der Volksempfänger war langst vorbei, jetzt wollte jeder einen Kasten, mit dem er Beromünster oder London auf Mittel-, Lang- und Kurzwelle empfangen konnte. Die Sendereinstellung musste beleuchtet sein, es war übrigens auch kein Riesenkreis mehr sondern eine richtige Skala aus Rauchglas mit zentimeterlangen Strichen, die die ungefähre Lage der Sender markierten. Weil die Technik auch hier schon rasante Fortschritte machte, waren die Namen fast aller europäischen Sender treppenförmig angeordnet. Manche Radioapparate, die so genannten Superhets, den Namen bekamen sie nach ihrer speziellen Röhrenschaltung, hatten auch schon eine Zusatzeinrichtung, um die Sender genau einzustellen, ein so genanntes Magisches Auge. Das war eine gläserne Röhre, von der auf derSkala allerdings nur das Köpfchen sichtbar war.

Dort flimmerte ein fluoreszierendes V, dessen Schenkel sich fast schlossen, wenn der Sender optimal eingestellt war. Später gab es auch das so genannte Magische Band. Hier war die Funktion ähnlich, je dichter sich die beiden rechts und links aufleuchtenden Teilstücke annäherten, umso genauer war der Sender eingestellt.

Meist jedoch hörte man die örtlichen Stationen, denn die weiter entfernten Sender hatten - vor allem am Tage - mit den atmosphärischen Schwankungen Schwierigkeiten und Hörerlebnisse waren das dann eben nicht! Als Junge durfte ich manchmal an dem Radio meines Onkels rumdrehen, das war ein großer länglicher Kasten von der Firma Nordmende, auf der einen Seite hinter Velours der Lautsprecher, auf der anderen Seite die große, beleuchtete Skala mit den Stationsangaben, die man erst einmal mit dem Zeiger ungefähr markieren musste, um dann nach Gehör die Feinabstimmung hinzubekommen. Ich war ganz stolz, wenn ich die typischen Pausenzeichen und die Stationsansagen hörte, vor allem, wenn sie mit der Skala übereinstimmten. Dann durfte aber niemand in der Nähe sein, denn hier passte der Spruch … Musik wird nicht als schön empfunden, wenn sie mit großem Krach verbundenWer hatte das bloß gesagt? …Nun, Alter, sei gescheit und weise
Und mache leise, leise, leise!
Schnarräng! Da tönt ihm in das Ohr
Ein Bettelmusikantenchor.
Musik wird oft nicht schön gefunden,
Weil sie stets mit Geräusch verbunden.

Kaum ist's vorbei mit dem Trara,
So ist der Wühler wieder da.

Wilhelm Busch, aus Der Maulwurf (1872)
Aber Recht hat er!

Dass man über weite Entfernungen Radiostationen auch ohne Relaisstationen abhören konnte, natürlich immer noch kann, liegt an einem Phänomen, das mit dem merkwürdigen Aufbau unserer Atmosphäre zusammenhängt: die physikalisch gesehen recht langen Rundfunkwellen werden zum Teil von der Ionosphäre zurückgestrahlt, praktisch als wenn oben am Himmel ein Spiegel hängen würde. Sie werden tatsächlich gespiegelt und daher muss der Sender nicht im Sichtfeld des Empfängers stehen. Starke Sendeleistung garantierte also auch einen weitreichenden Empfang. Da die Spiegelschicht aber nicht statisch ist, sondern gewissermaßen wabert, kommen diese unangenehmen Schwankungen der Lautstärke zustande. Außerdem haben die Sender nur ein geringes Sendeband zur Verfügung, so dass auch die Höhen und Tiefen eines Musikstücks nicht ausreichend übertragen werden können, man musste da auch bei den ortsnahen Sendern noch ziemliche Abstriche machen.

Deshalb wurde bald die Ultrakurzwelle eingeführt, die wegen ihrer physikalisch völlig anderen Modulation nur mit neuen Radioapparaten empfangen werden konnten, die mussten nämlich UKW-tauglich sein. Die UKW-Wellen spiegeln sich nicht an der Ionosphäre, deshalb musste auch eine ganz neue Sendetechnik aufgebaut werden. Das war ein völlig neues Hörerlebnis und daher brauchte man dann auch ganz neue Lautsprecher.        

Die Radioapparate wurden größer und leistungsstärker, es gab nicht nur einen einzigen Lautsprecher, sondern ganze Lautsprechersysteme, mit Hoch- und Tieftöner, die nicht nur nach vorn, sondern auch seitlich abstrahlten. Jetzt musste die Werbung her und die musste tief in die Trickkiste greifen. Und da hatte Grundig die Nase vorn, es wurde der Goldblattdiskantstrahler® erfunden und obwohl man die Unterschiede kaum oder gar nicht hören konnte, die Käufer ließen sich beeindrucken und Grundig hatte mit dieser Strategie hervorragende Verkaufserfolge! Schließlich wurde dann Ende der 50er Jahre noch der so genannte 3D-Ton erfunden und manche Großradios, eben die Flagschiffe, hatten sogar schon eine Halltaste, so dass aus den Radioapparaten erstaunliche Töne kamen.

Das Ende dieser Epoche mit den wundersamen Lautsprechernamen kam dann  ziemlich plötzlich, als in den frühen 60er Jahren die Sender-Stereophonie ausgereift war und nun auch die Rundfunkstationen anfingen, einen rechten und einen linken Kanal mit etwas unterschiedlichen Informationen abzustrahlen, so dass man mit einem Male sogar orten konnte, aus welcher Richtung die Trompete oder die Geige kam. Jetzt lösten sich wieder die Lautsprecher von den Apparaten. Ein echtes, stereophones Hörerlebnis hatte man auch schon mit einfachen Lautsprechern, wenn sie nur weit genug von einander aufgestellt wurden. Dass die dann später um ein Vielfaches teurer und auch größer sein konnten, als die eigentlichen Empfänger, die übrigens seitdem Verstärker, Tuner oder Receiver heißen, war für Puristen ein absolutes Muss, aber für Otto Normalverbraucher kein Thema.

Was aus dem guten alten Dampfradio geworden ist, haben viele aktive Senioren selbst miterlebt: als krächzender, schwarze Kasten hat es in den 30er Jahren seine erste Blüte als so genannter Volksempfänger erlebt, nach dem Krieg wurde durch UKW der Hörgenuss gesteigert und kultiviert, dann reifte es über die Stereophonie zur High Fidelity (HiFi) heran. Neuerdings sendet der Rundfunk sogar schon in 5.1- Dolby®, früher mal einfach Quadrophonie genannt. Der Ton wird hier auf 4 Kanälen gesendet, kommt also aus allen 4 Ecken im Raum und das nennt sich dann Kinoton. In den nächsten Jahren werden auch die normalen Radiostationen nur noch digital senden und dann könnte man auch über Kurzwelle Übertragungen in CD-Qualität senden, aber um unseren Globus schwirren so viele Satelliten herum, dass man für Fernempfang nicht mehr auf die Ionosphäre angewiesen sein wird. Mit dem terrestrischen Digitalzeitalter werden dann wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren die alten Sendetechniken eingemottet.

(1) Zitat: Musik wird störend oft empfunden, derweil sie mit Geräusch verbunden; (Wilhelm Busch)