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Wie Oma die Gestapo beschäftigte

Der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Gelsenkirchen-Horst hatte meine Großmutter mütterlicherseits für das von Adolf Hitler gestiftete Ehrenkreuz der deutschen Mutter (Mutterkreuz) vorgeschlagen. Doch Oma weigerte sich es anzunehmen.

Ob es für den örtlichen Parteiführer eine Blamage oder ein Karrierehindernis oder gar Schlimmeres bedeutet hätte, wusste ich damals als Schulkind in der ersten oder zweiten Klasse anfangs des Krieges nicht. Jedenfalls schneite der Mann eines Tages in voller Parteiuniform in die Wohnung meiner Großeltern und beschwor regelrecht meine Oma, den Orden doch noch anzunehmen. Er zog alle rhetorischen Register. Und als er die gängige Parteiparole äußerte, es sei doch eine Ehre und gute Sache, dem Führer und dem deutschen Volk fünf lebende Kinder zu schenken, widersprach Oma mutig und eindeutig: Ich habe meine Kinder nicht dem Hitler geschenkt, sondern meinem Ehemann Friedrich Orgassa, und nahm Opa bei der Hand.

Die Ergebnislosigkeit seiner Bemühungen einsehend, machte der Ortsgruppenleiter meine Großeltern schweren Herzens auf die Folgen dieser krassen Beleidigung des Führers und Ablehnung seiner Ideologie aufmerksam. Er müsse es weitermelden, was er nicht gerne tun werde, denn sie wohnten zusammen in einer Straße seit vielen, vielen Jahren, lange vor der Machtergreifung (30. Januar 1933) und hätten immer gute Nachbarschaft gepflegt, was auch stimmte.

Opa versuchte, pfiffig wie er sein konnte, zu retten, was noch zu retten war, indem er behauptete, Oma sei nicht mehr richtig im Kopf. Es sind wohl die Wechseljahre, meinte er. Ach was, schnauzte der Uniformierte, die hat doch jede Frau.

Aber bei ihr sind sie besonders schlimm, seufzte Opa. Als der Ortsgruppenleiter Beweise verlangte, erwiderte er masurisch bedächtig: Na, ja, in letzter Zeit sucht sie immer ihre Lesebrille und weiß nicht, wo sie sie gelassen hat.

Das geht doch jedem von uns schon mal so, konterte der Goldfasan, wie damals hinter vorgehaltener Hand Parteiführer in Uniform genannt wurden.

Und dann hat sie gestern die Erbsensuppe anbrennen lassen, das hat sie vorher noch nie getan, zählte Opa weiter auf, wobei meine beiden jüngsten Tanten, die inzwischen hinzugekommen waren, lebhaft nickten. Sie wollten damit Opas Aussagen als glaubhafte Zeugen bestätigen. Glaubhaft deshalb, weil sie, noch unmündig und nicht verheiratet, im Haushalt ihrer Eltern, meiner Großeltern, lebten.

Aber auch dieses Argument lehnte der offizielle Besucher ab. Doch bei Opas nächstem sogenannten Beweis im reinen Bergmannsdeutsch wurde er zumindest nachdenklich.

Einige Male in letzter Zeit hat sie mir, als ich auf Schicht ging, zweimal ein Paket Kniften in die Tasche gesteckt. Sie wusste nicht mehr, dass sie mir schon ein Paket geschmiert hatte.

Und was haben Sie mit den überzähligen Butterbroten gemacht? fragte misstrauisch der Ortsgruppenleiter.

Opas Antwort: Na, die habe ich als Hasenbrot wieder nach Hause gebracht. Meine Tanten nickten wieder eifrig zu dieser Schutzbehauptung.

Erst viel, viel später wurde mir klar, welch genialen Schachzug Opa damit getan hatte. Er hat nämlich gleichzeitig seine Frau verteidigt und sich selbst entlastet im Falle einer Taschenkontrolle auf der Zeche. Wie ich in meiner Geschichte Die flambierte HandLesen Sie von diesem Autor:
Die flambierte Hand, über die Zeit im Frühling zwischen der Eroberung des Wohnortes im Ruhrgebiet durch amerikanische Truppen und der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945.
beschrieben habe, brachte Opa nämlich den hungernden Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen heimlich etwas zu essen mit in die Grube, was bei strengster Strafe verboten war. Wenn die überzähligen Butterbrote in seiner Tasche entdeckt worden wären, hätte er keinen besseren Entlastungszeugen als den Ortsgruppenleiter benennen können.

Die Männer bei der Gestapo waren ein schwereres Kaliber und machten wenig Federlesen. Aufgrund des Berichts des Ortsgruppenleiters ließen sie meine Oma nicht so leicht aus dem Visier.
Der Vorwurf des Deliktes Mutterkreuzverweigerung und subversive Äußerungen, war ihnen wahrscheinlich aufgrund Opas Einlassungen weich geworden. Kurzerhand schoben sie eine der schwersten Verdächtigungen nach, indem sie behaupteten, Oma sei eine verkappte Jüdin. Ihr Mädchenname lautete nämlich Salamon, und der deute auf Salomon hin, den antiken König der Juden. So könne nur ein Jude heißen. Außerdem sehe sie auch wie eine Jüdin aus: klein, zierlich und schwarzhaarig mit leicht gekrümmter Nase. Infolgedessen werde sie bald abgeholt und zum Arbeitseinsatz nach Osten umgesiedelt, drohten sie ihr an. Als Oma wahrheitsgemäß bestritt, Jüdin zu sein, gewährten sie ihr eine kurze Frist, um einen Ariernachweis vorzulegen.

Oma jedoch lehnte dieses Ansinnen mit schnaubender Verachtung als menschenunwürdig ab. Dann setzte sie noch einen drauf, indem sie den Gestapoleuten ins Gesicht sagte, sie lasse sich lieber auf Staatskosten nach Osten bringen, dort sei ihre Heimat (Ostpreußen) und sie wollte sie schon immer mal wiedersehen. Warum sie diese provozierende und ironische Äußerung tat, die ihre Lage nur verschlimmern konnte, wird ewig ihr Geheimnis bleiben.

Die ganze, ziemlich große Verwandtschaft bekam Angst und stand in heller Aufregung. Doch Oma blieb gelassen, betete mehr als gewöhnlich und stimmte in ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen das mir unvergessliche Kirchenlied an: Es kennt der HERR die Seinen und hat sie stets gekannt, die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land; er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein, im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein.

Kurz vor Ablauf der Frist konnte einer ihrer Brüder einen Ariernachweis erwirken. Oma sowie auch ihre Kinder und Kindeskinder, die nach den Nürnberger Rassengesetzen als Halb- bzw. Vierteljuden und Opa vielleicht als Rassenschänder gegolten hätten, waren damit vor der möglichen Deportation ins KZ gerettet, aber der Schrecken saß uns allen tief in den Knochen. Bis Kriegsende haben wir weiter um unsre Omma, wie wir sie liebevoll im Kohlenpottdeutsch nannten, gebangt, denn sie machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube, und das konnte damals im Dritten Reich lebensgefährlich sein.