© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Mein erstes Schuljahr in Ostpreußen

Erste Schwimmversuche

Als ich im ersten Schuljahr war, machte die ganze Schule einen Wandertag nach Heiligelinde. Bis dorthin waren es ungefähr acht Kilometer.

Nun wurden Zuhause von Mutter für drei Kinder Stullen geschmiert und belegt, in Zeitungspapier eingepackt und im Tornister verstaut. Ob ich auch etwas zum Trinken mitbekam, das weiß ich heute nicht mehr.

Klassenweise mussten wir uns aufstellen und dann ging es los. Drei Kilometer von unserem Hof in Bärenwinkel bis zur Schule hatte ich ja schon mit meinen kleinen Füßen zurückgelegt, und es folgten noch acht allein für den Hinweg. Dass ich bei der Ankunft in HeiligelindeHeiligelinde; ab 1945: Święta Lipka schon recht müde war, ist nachvollziehbar. In der Kirche haben wir allerlei erklärt bekommen, was ich gar nicht verstanden habe. Zeit genug war dann noch im Heiligelinder See zu baden. Ich hatte bis dahin noch nie einen See gesehen. Für mich war es sehr aufregend. Mein Bruder Kurt wollte mir das Schwimmen beibringen. Dazu hielt er mich umarmt und ging immer weiter in den See, während ich irgendwelche Bewegungen machte. Dann ließ er mich los und meinte wohl, seine Bemühungen hätten Erfolg gehabt. Ich aber versank wie ein Stein im Wasser. Zwar holte Kurt mich wieder hoch, aber danach habe ich für mein ganzes Leben Angst vor dem Wasser mitbekommen. Bis heute habe ich nie mehr versucht, das Schwimmen zu erlernen.

Eine Schulreise war geplant

Es hieß, dass nur jeweils zwei Kinder einer Familie an dieser Reise teilnehmen dürfen. Meinem Vater war das wohl zu unverständlich und er fragte nach dem Warum? Er bekam von der Schulleitung zur Antwort, dass ich noch zu klein für diese Reise wäre. Aber warum sind die Kinder denn nicht zu klein, die keine älteren Geschwister haben? fragte mein Vater. Also durfte auch ich mit.

Ein Leiterwagen fuhr bei der Schule vor. Wir Kinder stiegen auf und wurden nach Ratenburg zum Bahnhof gefahren. Wir fuhren nach LötzenLötzen, früher auch Lözen; ab 1945: Giżycko mit der Bahn und weiter mit einem Schiff über den LöwentinseeLöwentinsee oder Lötzener See; ab 1945: Niegocin nach AngerburgAngerburg; ab 1945: Węgorzewo. Der Name der Stadt leitet sich von den Aalen, altpreußisch angurgis (polnisch Węgorz, litauisch Ungurys) ab, die hier früher in großer Zahl gefangen wurden.. Dort besuchten wir ein damals sogenanntes Krüppelheim1880 wurde das Siechen- und Krüppelheim und die »Wohltätigkeitsanstalten Bethesda« in Angerburg gegründet.Siehe auch den Artikel der Wikipedia.org über Kinder-Euthanasie im Dritten Reich. Was das war? Ich habe vorher noch nie etwas davon gehört. Als ich dann bei der Führung in verschiedenen Räumen die Menschen und vor allen Dingen die Kinder in ihren Betten angeschnallt sah, ihre tierischen Laute hörte, da fasste ich meine Lehrerin Fräulein Salomon an die Hand und versteckte mich ab und zu hinter ihrem Rücken. Da saß ein Junge im Bett, aber man sah fast nur seinen Kopf, der fast so groß war wie ein Kürbis, er hatte einen Wasserkopf. Im Nebenbett lag ein Junge, der aß Seife und Papier, sobald er es erreichen konnte. In der Werkstatt, wo mit Holz gearbeitet wurde, ging ein kleines Männlein von nur sechzig Zentimetern Körpergröße mit einem kleinen Kehrblech und einem kleinen Handfeger hin und her und kehrte die Späne auf. Und – und – und… Ich habe nicht verstanden, warum man uns Kinder in diese Anstalt geführt hat.

Sollten wir schon in diesem Alter mit unwürdigem Leben und der Euthanasie vertraut gemacht werden? Im Schulunterricht meiner Klasse wurde darüber nicht diskutiert oder etwas erklärt. Ob und wie in den anderen Schulklassen darüber gesprochen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.