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Ferien auf dem Bauernhof

Aus heutiger Sicht mag das wohl idyllisch anmuten, viele Tiere kennenlernen, im Stroh wühlen und den ganzen Tag spielen und rumtoben. Das habe ich nie so erleben dürfen, ich war voll eingeplant mitzuhelfen, die Ernte einzubringen.

Damals fuhren noch nicht Ungetüme von Mähdreschern über die Felder und die viele Arbeit war getan. Zuerst musste mit der Sense ein Streifen zum Nachbarfeld oder zur Grenze vorgemäht werden, damit für Pferde und Flochtenmäher Platz war. Die Flochten (Flügel) schoben von der Holzplatte jeweils soviel Abgemähtes, dass davon eine Garbe gebunden werden konnte. Dann drehte man von ein paar Halmen einen Strick, nahm das Getreide in den Arm und band alles zu einer Garbe zusammen. Das Stroh war je nach Art des Getreides verschieden lang. Ging mein Vater durch das Ährenfeld, um den Reifegrad des Getreides zu überprüfen, konnte man gerade noch seinen Kopf sehen. Wenn dann das Feld abgemäht war, wurden die Garben zu Hocken aufgestellt, damit sie bei Sonne und Wind trocknen konnten. War es nach ein paar Tagen soweit, wurde der lange Leiterwagen angespannt und man fuhr die langen Hockenreihen ab. Auf dem Wagen stand einer und hat diese mit einer Forke hochgereichten Garben zu einem Fuder gestapelt. Nun kam ich ins Spiel. Ich musste den Leiterwagen von Hocke zu Hocke weiterfahren, hielt die Leine in Händen und hatte die beiden vorgespannten Pferde im Griff. Das volle Fuder wurde in die Scheune gefahren, abgeladen und bis unter das Scheunendach aufgefleiht. Es waren immer mehrere Leute notwendig, wenn eingefahren wurde. Wer macht das denn heute noch so?

Irgendwann, aber noch vor dem Zweiten Weltkrieg, kaufte Vater zusammen mit Onkel Fritz Schiweck einen Fahr-Selbstbinder, der doch erhebliche Erleichterungen in den Ernteablauf brachte.

Erst im Winter wurde dann in der Scheune auf der Tenne das Getreide ausgedroschen. Die Dreschmaschine wurde von einem Diesel – Deutz Motor angetrieben. Mit einer glimmenden Lunte wurde er vorgeglüht. Dann wurde die Kurbel solange gedreht, bis der Motor angesprungen war und über einen breiten Riemen die Dreschmaschine in Gange setzte.

Meine Mutter stand auf der Maschine, löste die Garben auf und fütterte den Dreschkasten damit. Und wer kocht das Mittagessen? Zu diesem Zweck schrieb mein Vater für mich eine Entschuldigung für die Schule und ich war nun die Köchin! Zum ersten Mal musste ich ein Huhn schlachten. Wie das gemacht wurde, das hatte ich schon oft gesehen. Ich goss dann kochendes Wasser in einen Eimer, tauchte das Huhn hinein, damit sich die Federn leichter abrupfen lassen. Ein Huhn ausnehmen, das musste ich schon mal machen. In der Zeit, in der das Huhn kochte, habe ich Nudeln gemacht. Zugesehen hatte ich schon, aber nun war Nachmachen gefragt. Alles gelang mir ganz gut, denn sonst hätte mich mein Vater nicht gelobt.

Wir hatten nicht nur Rossgärten, wie wir die Koppeln nannten, in denen zuerst die Pferde grasten, danach die Kühe. Es gab auch noch zwei Wiesen, die zuerst für Heu gemäht wurden. War das Gras nachgewachsen, musste ich nicht nur in den Sommerferien, nein, auch täglich nach der Schule dort die Kühe hüten. Unser Hütehund Lore begleitete mich. Er gehörte meiner älteren Schwester Else, die ihn sich von ihrem ersparten Geld von einem Melker aus der Nachbarschaft gekauft hatte.

Wenn uns mal jemand aus der Verwandtschaft besuchte, brachte man für uns drei Kinder eine Tüte Bonbon oder eine Tafel Schokolade mit. Manchmal bekamen wir auch jeder einen Pfennig, ein Dittchen sagten wir geschenkt. Meine Schwester hat ihr Dittchen gespart. Ich kaufte mir lieber im Dorfladen Brausepulver, Hefe  oder Puddingpulver. Meine alte Tante Minna hat mir dann einen Pudding gekocht ‚ den ich alleine aufgegessen habe. Meine Schwester bekam davon nichts ab. Sie sparte ihre Dittchen und ich sollte meine mit ihr teilen?

Wenn ich nun auf der alten Pelerine saß, die Kühe grasten friedlich vor sich hin, habe ich meine Schürze bestickt. Wir mussten immer eine Schürze in der Schule tragen. Wer ein und dieselbe eine ganze Woche umhatte und sie nicht beschmutzt hatte, bekam von der Lehrerin ein Lob ausgesprochen. Da waren wir alle hinterher, denn es wurde damals nicht oft gelobt! Manchmal nahm ich auch mein Schifferklavier mit und gab für die Kühe ein Dudelkonzert. Aber wer Kühe kennt, der weiß, dass sie nicht nur friedlich grasende Tiere sind. Sie versuchen immer wieder in für sie verbotene Felder zu gelangen, am liebsten aber in ein Rübenfeld. Ich habe manches Mal geweint. Am Schlimmsten war es aber, wenn ein Viech den Schwanz hob und in eine x-beliebige Richtung galoppierte und alle anderen hinterher. Dann hätte ich am liebsten alles hingeschmissen und wäre abgehauen.

Am Abend, wenn die Kühe gemolken wurden, hatte ich auch Feierabend. Etliche Kilometer hatte ich tagsüber zurückgelegt, war müde und musste nun noch meine Schularbeiten machen. Ich erinnere mich, es war schon nach dem Abendbrot, als ich mit einer Rechentextaufgabe nicht zurecht kam und meinen Vater um Hilfe bat. Und was sagte er darauf? Lass dir das Schulgeld zurückzahlen, wenn du das nicht kannst. Meinte er etwa die zwanzig Pfennige Lehrmittelbeitrag, die wir vierteljährlich in der Schule abliefern mussten? Heute weiß ich es nicht mehr, ob ich mit der Rechenaufgabe fertig wurde.

Also wie gesagt, waren die Ferien auf dem Bauernhof nicht für mich erdacht. Ich freute mich schon wenn ich für zwei Tage zu meiner Oma nach Wilkendorf durfte. Oder, wenn mit einem Fuhrwerk Korn oder Kartoffeln nach Rastenburg gebracht wurden, und ich bei dieser Gelegenheit vielleicht auch ein Paar Schuhe bekam, die ich sogar selber anpassen durfte. Sonst hat Vater von der Ligusterhecke nur ein Ästchen abgeschnitten, damit meinen Fuß abgemessen und für mich Schuhe gekauft. Aber erst, wenn ich in die Alten nicht mehr reinpasste. Ab 1940 brauchte man dazu einen Bezugsschein.