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Die kalten Winter 1962 und 1963

Bedenkt man, dass wir Nordlichter mit Wohnsitz in Hamburg und Schleswig-Holstein fast auf dem gleichen nördlichen Breitengrad wie die Kanadier in Vancouver leben, fallen unsere Winter dank der permanenten Heizung durch den Golfstrom in Mitteleuropa mild, nass und schneearm aus. Leider gilt das auch für die Sommer bei uns im Norden. Der Dichterfürst Heinrich Heine schrieb: Unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter, sogar die Sonne muss bei uns eine Jacke von Flanell tragen, wenn sie sich nicht erkälten will.

Um so mehr bleiben uns dann die Jahre in Erinnerung, welche mit herausragenden Temperaturen und Wetterkapriolen glänzen konnten. Ich erinnere mich heute noch deutlich an den Februar 1962 und den gewaltigen Sturm, der damals über Hamburg hinwegfegte. Mit Orkanböen jagte ein Sturmtief über die Norddeutsche Tiefebene hinweg, über Tage blies der Sturm aus nordwestlichen Richtungen. Im Radio wurde das laufende Programm unterbrochen, um Hochwasser- und andere Warnmeldungen durchzugeben. An den Küsten kam es zu einer sehr schweren Sturmflut, das Wasser wurde durch den Nordweststurm in die Elbmündung gedrückt und konnte nicht mehr ablaufen, die Pegel in Hamburg zeigten Rekordwasserstände.

Zwar war ich davon nicht unmittelbar betroffen, da unser Haus am Rande der Stadt, auf 35 Metern über mittlerer Meereshöhe, von der Flut nicht erreicht werden konnte. Doch hörte ich mit dem alten Röhrenradio, das mein Vater für mich gebaut hatte, mit den Kopfhörern die auf der Mittelwelle stündlich durchgegebenen aktuellen Pegelstände und Meldungen.

Am Nachmittag des 15. Februar war ich mit meinem Fahrrad unterwegs in Richtung Lemsahl und Alstertal. In meinem Kopf hatte sich der Gedanke festgesetzt, dass auch auf der Alster ein erhöhter Wasserstand zu sehen sein müsste, da die Alster schließlich in die Elbe mündete, welche gerade Rekordwasserstände, ein Jahrhunderthochwasser erlebte. Mein Ziel war die Poppenbütteler Schleuse. Aber bereits in der Lemsahler Landstraße, in unmittelbarer Nähe des elterlichen Hauses konnte ich mich von der kolossalen Kraft des Sturmes überzeugen. Dort, wo sich heute ein kleines Industriegebiet am Hamburger Stadtrand, auf Glashütter, heute Norderstedter Gebiet befindet, gab es 1962 noch einen kleinen Wald mit hohen Fichten. Dort wuchsen im Herbst schöne Steinpilze und Maronen, die mein Vater und ich dann ernteten, um unseren Speiseplan durch ein herrliches Pilzgericht zu bereichern. Es gab hier noch keine asphaltierten Straßen, nur ein paar Sandwege durch Wald, Moor und Feldmark.

Diesen Wald gab es nun plötzlich nicht mehr. Die dicken Fichtenstämme waren wie Streichhölzer zerbrochen und das Holz lag chaotisch kreuz und quer über- und durcheinander. Eine beeindruckende Demonstration der Kraft dieses Sturmes. Mit dem Fahrrad zu fahren war wegen des starken Seitenwindes auch nicht gerade einfach, manchmal trieb mich der Wind geradezu vor sich her, oder warf mich so zur Seite, dass ich absteigen musste, um nicht zu stürzen. Daher verzichtete ich auf die Weiterfahrt zur Alster und begnügte mich den Rest des Tages mit dem Abhören der Meldungen im Radio, während der Wind an Stärke weiter zunahm und bedrohlich um das Haus heulte. Am 16. und 17. Februar brachen in Wilhelmsburg die Deiche, sie konnten den Wassermassen nicht länger standhalten und mehr als 300 Menschen ertranken während der Nacht in den Fluten. Für Hamburg war es die schlimmste Flut mit den höchsten Wasserständen und den meisten Flutopfern seit Menschengedenken. – Und in Düsseldorf und Köln feierten die Menschen Karneval…

Diese Flutkatastrophe ist mir tief in Erinnerung geblieben, durch die Meldungen und vor allem durch die Fernsehbilder von den Menschen, die in ihren Nachthemden auf den Dächern der Wohnhäuser und Behelfsheimen auf Rettung aus der Luft hofften. Der damalige Hamburger Innensenator Helmut Schmidt hatte sich über alle Formalitäten hinweggesetzt, und Einheiten der Bundeswehr sowie des Technischen Hilfswerks mitsamt der technischen Ausrüstung angefordert, in Hamburg Menschenleben zu retten und Tote zu bergen. Die Bundeswehr war trotz des starken Sturmes mit ihren Hubschraubern und Schlauchbooten pausenlos im Einsatz, und rettete viele Menschen von den Dächern der in den Fluten ertrunkenen Häuser. Nachdem sich der Sturm gelegt hatte, wurden die Aufräumarbeiten durch Eis und Schnee behindert, denn es war bitter kalt geworden. Das Orkantief hatte jede Menge Kaltluft aus der Arktis zu uns nach Norddeutschland geschaufelt. Schnee breitete sein Leichentuch über das zerstörerische Werk des Orkans.

Zwei Jahre danach, 1964 erhielten alle Schüler meines Jahrgangs zum Schulabgang das Buch Die große Flut 1962, welches von der Schulbehörde herausgegeben wurde, mit Bildern, Texten und seitenlangen Namenslisten der Flutopfer. Alle meine Mitschülerinnen und Mitschüler von damals haben sich mit ihrer Unterschrift in meinem Exemplar verewigt. Das Buch befindet sich heute noch in meinem Besitz.

Im Laufe des Jahres 1962 kam die Stadt mit den Aufräumarbeiten in dem am schwersten getroffenen Stadtteil Wilhelmsburg gut voran. Die Süderelbe, die bis dahin in das Mühlenberger Loch mündete, wurde zugeschüttet. Dort entstand in den folgenden Jahren ein Industriegebiet, auf dem die Reynolds Aluminiumwerke angesiedelt wurden. Die vielen Behelfsheime in den Wilhelmsburger Kleingärten, bis dahin geduldet, da die 1943 schwer zerstörte Stadt nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit dem Wiederaufbau kaum voran kam, den Bedarf an Wohnungen zu decken, hatten ihren Bestandsschutz und zum großen Teil auch ihre Bewohner verloren. Das ganze Gebiet wurde nach 1962 zum Hafenerweiterungsgebiet erklärt. Dort wurden in den folgenden Jahren große Containerterminals gebaut. Das Köhlfleet diente fortan als Wasserstraße zu den Hafenbecken und Terminals für die heutigen großen Containerschiffe.

Nach einem eher mäßigen Heine-Sommer begann im November 1962 der strengste Winter des zwanzigsten Jahrhunderts mit mehr als sechzig durchgehenden Frosttagen. Bis Ende März erlebten wir eine enorme Kälteperiode und eine Boulevardzeitung schrieb: Kommt eine neue Eiszeit?

Aus Radio- und Fernsehmeldungen wusste ich, dass die Außenalster zugefroren war und die Leute dort Schlittschuh liefen. An den Ostseeküsten hatten sich Berge von Packeis gebildet und selbst die Elbe drohte zuzufrieren. Elbfähren und Barkassen mussten wegen starken Eisgangs ihren Betrieb einstellen, der alte Elbtunnel war die einzige Verbindung zum südlichen Elbufer mit seinen Werften, welche den Werftarbeitern noch zur Verfügung stand. Die Fahrrinne der Unterelbe wurde von Eisbrechern Tag und Nacht offen gehalten, doch die Stückgutfrachter kamen nur noch mühsam voran. An den Kais des Hamburger Hafens drohten die Schiffe einzufrieren. Und am Sonntag beschlossen wir, einen Familienausflug an die Elbe zu unternehmen.

Ich hatte zu Weihnachten 1961 einen Fotoapparat geschenkt bekommen, gut geschützt in einer hellbraunen, ledernen Bereitschaftstasche. Eine Kleinbildkamera für schwarz-weiß- und Farbfilm der Marke Voigtländer mit einem starren Objektiv. Die Kamera musste natürlich mit, um die enormen Eismassen am Elbufer zu dokumentieren. Mit dem Bus des Reisedienst Schmidt fuhren wir bis zum U-Bahnhof Langenhorn-Mitte, der heute Langenhorn Markt heißt, dann mit der U-Bahn bis zur Kellinghusenstraße. Hier konnten wir umsteigen in die U-Bahn-Ringstrecke der U3 in Richtung St. Pauli Landungsbrücken. Von der hochgelegenen Station Landungsbrücken konnten wir bereits die enormen Eismassen erkennen, die den ganzen Elbstrom bedeckten. Man hatte den Eindruck, trockenen Fußes von einem Ufer zum anderen über die Eisschollen spazieren zu können. Unseren Sonntagsspaziergang unternahmen wir von hier bis nach Teufelsbrück, immer am Elbufer entlang.

Dort hatten sich die Schollen übereinander geschoben, aufgetürmt zu Packeis, wie es nur aus den Bildberichten aus der Antarktis bekannt war. Es gestaltete sich sehr schwierig, zwischen den Schollen hindurch an den Fluss zu kommen, außerdem war es nicht ganz ungefährlich. Dort, zwischen den träge treibenden Schollen und dem Packeisgürtel wanderten wir auf den Eisschollen, die den gesamten Strand bedeckten, unter größter Vorsicht elbabwärts. Bei Teufelsbrück ist das Elbufer recht flach, dort hatte sich das Eis weit landein bis auf die Elbchaussee geschoben, sodass die Straße mit schwerem Räumgerät vom Eis befreit werden musste.

Auf der Elbe mühten sich zwei Schlepper, um ein Frachtschiff zurück ins Fahrwasser zu ziehen. Der Dampfer war quer aus dem Ruder gelaufen und steckte nun im Eis fest. Eine besondere Attraktion für die Hamburger, die hier unterwegs waren, und es wurde nicht gespart mit Kommentaren und Vorschlägen, wie der Frachter wieder flottgemacht werden konnte. Leider haben die Schlepperkapitäne die guten Ratschläge nicht hören können, da draußen, auf der fast zugefrorenen Elbe.

Immer wieder hat es danach mal im Winter eine längere Kälteperiode gegeben, die sogar die Außenalster zufrieren ließ. Manchmal wurde das Eis von den zuständigen Behörden sogar zum Eislaufen freigegeben, was den Hamburgern ein besonderes Alstervergnügen bereitete. Aber nie wieder habe ich ein solches Packeis an der Elbe erlebt, wie im Winter von 1962 auf 1963.