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Der Drachenläufer

Nein, liebe Leser, ich werde Khaled Hosseini mit einer Neuauflage eines Buches gleichen Titels keine Konkurrenz machen. Sie erinnern sich aber sicher an die Geschichte seiner Kindheit in einem vom Bürgerkrieg geschüttelten Afghanistan, die als packender Roman im Jahre 2003 erschien und wenig später sogar verfilmt wurde?

Auf einem herbstlichen Spaziergang erinnere ich mich an diesen Roman und meine eigene Kindheit. Strahlend blauer Himmel und eine schon tief stehende Sonne locken meine Frau und mich nach draußen. Das Laub zeigt sein herbstliches Farbenspiel und der Wind weht über die  Stoppelfelder, der Sommer ist vorbei. Ganz in der Nähe unserer Wohnung gibt es in der Landschaft eine künstlich geschaffene Erhebung, allgemein als der Müllberg bekannt, inzwischen begrünt und baumbestanden ein beliebtes Freizeitgelände für jedermann. Von dort oben hat man bei klarer Sicht einen guten Blick auf die Hansestadt. Auf dem langgezogenen Kamm des Berges angekommen, sehen wir Väter mit ihren Kindern, wie sie in der frischen Brise Lenkdrachen steigen lassen und damit allerlei Figuren fliegen. Ein wenig abseits entdecke ich einen altmodischen Drachen mit einem langen Schwanz, so einen, wie ich ihn als Kind im Herbst selber gebaut habe.

Die Schnur hält ein Mann mit einem schwarzen Bart und dunklen Augen. Das muss Khaled Hosseini sein, er erinnert mich an den Protagonisten des Romans, den ich erst kürzlich gelesen habe. Ich spreche ihn an, er freut sich über mein Interesse an seinem Drachen und erzählt mir, dass es in seinem Land Tradition ist, solche Drachen steigen zu lassen. Er kommt aus Afghanistan, ist vor dem dort seit 30 Jahren herrschenden Bürgerkrieg geflohen. Ich erzähle ihm, wie wir im Nachkriegsdeutschland ebensolche Drachen bauten und im Herbst damit auf die Stoppelfelder zogen – den Müllberg gab es damals noch nicht.

Ganz in der Nähe meines Elterhauses gab es in den 1950er Jahren ein paar kleine aneinandergereihte Läden. Die Verkaufsräume waren so klein, dass vielleicht zehn Kunden gleichzeitig darin Platz fanden. Im ersten Geschäft war der Bäcker mit seiner Backstube untergebracht, gleich daneben der Schlachter. An den habe ich keine guten Erinnerungen. Ich wurde manchmal von meiner Mutter mit einer leeren Flasche dorthin geschickt, um frisches Schweineblut zu holen. Davon wurde dann zu Hause Grützwurst in der Pfanne gemacht, mit Rosinen und Gewürzen  abgeschmeckt und mit Kartoffelbrei serviert ‒ nicht gerade mein Lieblingsessen.

Insgesamt gab es in dieser Ladenzeile sechs solcher kleinen Geschäfte. Ich erinnere mich nicht mehr, was in den anderen Läden verkauft wurde. Ich weiß aber noch, dass im letzten Laden, der von zwei älteren Damen geführt wurde, Zeitungen, Zigarren, Kurzwaren und Papier verkauft wurden. Von meinem spärlichen Taschengeld, das meine Mutter für die jetzt erforderlichen Anschaffungen aufbesserte, kaufte ich dünne Paketschnur und einige Bögen von diesem herrlich bunten, transparenten, knisternden Drachenpapier. Die Paketschnur war äußerst reißfest und wurde von uns Kindern deshalb Drachenband genannt.

Vom Tapezieren unserer Räume blieb immer etwas übrig und da ein Siedler nichts wegwirft, kamen die Reste in eine Tüte und wurden dann auf dem Hausboden verstaut, getreu nach dem Motto manchmal braucht man das noch. Diese Restetüte war eine Fundgrube für mein Vorhaben. Es gab dort schöne bunte, fingerdicke Kordeln, die als Tapetenabschluss mit Stahlstiften oben an die Wand genagelt wurden, oder schön verzierte Tapetenleisten, die dem gleichen Zweck dienten. Aus den Tapetenleisten baute ich das Rückgrat meines Drachens. Eine lange Leiste und eine etwas kürzere ergaben ein Kreuz, das von verknotetem Drachenband gehalten wurde. Das Kreuz musste genau ausgewogen werden, damit der Drachen später auch gerade in der Luft stand. Als nächstes folgte eine äußere Bespannung, ebenfalls mit der dünnen Drachenschnur als Halt für das Drachenpapier. Nun wurde das Papier passend geschnitten, sodass es etwas über die Bespannung hinausragte und um die Schnur verklebt werden konnte. Den Kleber machte ich mir selbst aus etwas Weizenmehl und Wasser. Für teuren Kleber aus der Tube reichte mein Taschengeld nicht und Weizenkleber war fast genau so gut. Mein Vater hatte mir aus Holz ein Brettchen mit zwei Kurbelgriffen zum Aufwickeln der Drachenschnur gebastelt. Komplett wurde der Drachen aber erst durch seinen langen, bunten Schwanz und manchmal klebte ich noch ein Gesicht darauf.

Gleich hinter der Hamburger Stadtgrenze auf Glashütter Gebiet fingen die Felder an, auf denen Getreide, Kartoffeln oder Rüben angebaut wurden.  Es gab viel freien Platz und keine Straßen oder Häuser behinderten den Wind. Dort konnte ich meinen Drachen steigen lassen. Gut getrimmt stand er dann ruhig am herbstlichen Himmel. Kleine Zettel schickte ich nun auf der Drachenschnur als Post nach oben.

Der Mann mit dem schwarzen Bart hatte aufmerksam zugehört und erzählte mir jetzt davon, wie er als Kind in Afghanistan Drachen gebaut hatte. Auch wenn dieses Gespräch teils in Englisch, mit den Händen und auf Deutsch geführt wurde, haben wir uns doch verstanden, vermutlich weil wir ein gemeinsames Thema gefunden hatten.