Der Engel im Kleiderschrank
Da meine Eltern die Enttäuschung nie ganz überwunden hatten, dass ich ein Mädchen war, kam mein Cousin Heinz als Sohnersatz mit nach Mecklenburg. Meine Eltern bezogen eine Dienstwohnung und Heinz und ich hatten darin ein großes Kinderzimmer.
Heinz schloss sehr schnell Freundschaft mit den Jungen des Dorfes, ging mit ihnen angeln und streifte durch die Wälder. Ich war sehr zurückhaltend, hatte immer Angst, etwas falsch zu machen, und konnte mich daher schlecht anderen Kindern anschließen.
Heinz war mal wieder mit seinen Freunden unterwegs und ich ging allein durch das Dorf Krakow am See durch eine Gegend, die ich noch nicht kannte. So kam ich vor ein großes, eisernes Tor, das unheimlich quietschte, als ich es mit Mühe öffnete. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich auf einem Friedhof war. Eine große Stille umgab mich, als ich auf den Wegen entlang ging und die Gräber betrachtete. Ich bestaunte die kunstvollen Grabsteine. Die Inschriften konnte ich noch nicht lesen, ich ging erst seit einigen Monaten in die erste Klasse der Schule.
An einem Grab stand eine Bank und ich setzte mich. Wie so oft, dachte ich mir Geschichten aus; wenn ich tot wäre, wären meine Eltern hoffentlich sehr traurig und würden auf meinem Grab wunderschöne Blumen pflanzen. Sie würden bedauern, nicht so lieb zu mir gewesen zu sein, wie zu Heinz.
Ich machte mich auf den Rückweg und kam an einem Grab vorbei, auf dem ein Engel mit gefalteten Händen und herrlichen Flügeln stand.
Wie gebannt blieb ich stehen, diesen Engel musste ich mitnehmen. Meine weite Jacke müsste genügend Platz haben, um ihn zu verstecken. Ich schaute mich vorsichtig um, ob auch niemand mich sah, aber ich war allein auf dem Friedhof. Ein Griff und schon war der Engel unter meiner Jacke verschwunden.
Zu Hause versteckte ich den Engel in der hintersten Ecke meines Kleiderschrankes und ich hatte das Gefühl, nicht mehr so allein zu sein. Mehrmals schaute ich nach, ob er noch da war, und strich zärtlich mit den Händen über seine glatte Oberfläche.
Vater kam vom Dienst nach Hause und beim Abendessen erzählte er wie jeden Abend, was im Dorf oder der näheren Umgebung passiert war. Wir fanden das immer spannend. „Heute hat es einen Diebstahl auf dem Friedhof gegeben, ein Engel ist von einem Kindergrab verschwunden. Der Dieb wird wenig Freude an dem Engel haben, denn um Mitternacht zur Geisterstunde“, fuhr er geheimnisvoll fort, „öffnen sich die Gräber und die Geister der Verstorbenen werden dem Kind helfen, den Dieb zu finden.“ Mir blieb vor Schreck der Bissen im Halse stecken, mir wurde heiß und kalt, und mit hochrotem Kopf starrte ich auf meinen Teller.
Jetzt war mir klar, dass ich etwas Entsetzliches getan hatte. Mein nächster Gedanke war: Wie werde ich den Engel wieder los?
„Du isst ja gar nichts“, sagte Mutter. Ich schüttelte nur den Kopf, konnte weder essen noch sprechen. Mir lag der Engel schwer im Magen.
An diesem Abend waren die Eltern bei Freunden eingeladen. So gegen 20 Uhr verabschiedeten sie sich mit der Ermahnung, spätestens um 21 Uhr das Licht zu löschen und zu schlafen.
Heinz zog sich in den hinteren Garten zurück, um seine Angelsachen für den nächsten Tag in Ordnung zu bringen. Das war die Gelegenheit für mich, den Engel wieder unter meiner Jacke zu verbergen und in aller Eile zum Friedhof zu laufen. Dort angekommen verabschiedete ich mich unter Tränen von ihm und beteuerte, dass ich es nicht böse gemeint hätte. In meiner Angst warf ich den Engel einfach auf den Weg, denn von welchem Grab ich ihn genommen hatte, wusste ich nicht mehr. Ich hetzte durch das Dorf nach Hause und war erleichtert, dass Heinz mein Verschwinden nicht bemerkt hatte. Im Bett flehte ich: Hoffentlich ist der Engel heil geblieben und kommt wieder an seinen rechten Platz.
In den nächsten Tagen wartete ich immer gespannt und ängstlich auf das Abendessen. Ich hoffte so sehr auf eine erlösende Nachricht, dass der Engel wieder das Kindergrab beschützt, aber mein Vater hat den Diebstahl des Engels nie wieder erwähnt.


