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Stimmungsbild Deutschland (1989)
oder:
Auf dem Bilde wird alles zum Gleichnis

Während unsere Kameras in Urwäldern und Sümpfen weilten, um neue Dokumentationen für den Bildschirm zu konstruieren, geschahen in Deutschland historische Umbrüche, welche die Zukunft deutlich verändern würden. Gebannt und besorgt schaute die Welt nach Leipzig, Dresden und Ostberlin, wo die friedliche Revolution eingeläutet und Deutschland in phänomenaler Schnelligkeit vereinigt wurde, so rasch, dass viele nicht mitbekamen, was da genau ablief, bis die Mauer fiel und die Menschen über die Grenzen liefen in den Goldenen Westen, den auch wir Fernsehleute mit vergoldet hatten für die DDRler. Ich beneidete die Kollegen von der Politik, die weltgeschichtliche Stunden erleben und über sie berichten durften. Ich kannte viele Landschaften der DDR aus der Vorkriegszeit, hatte Verwandte drüben und konnte mir vorstellen, wie eine Wiedervereinigung aussehen würde. Ich glaubte an ein eilendes Zusammenwachsen der beiden Staatsgebilde zu einer Nation. So weit waren die reiselustigen Sachsen von den karnevalbegeisterten Kölnern doch nicht entfernt. Doch der Sender ließ mir keine kontemplative Ruhe. Er dachte in planetarischen Dimensionen, an den Globus und sein künftiges Geschick. Mein Redakteur bat mich, in Israel, in den USA und auf den Philippinen zu schauen, was sich dort seit unseren Besuchen vor 20 und 30 Jahren ökologisch verändert hatte. Was wurde gelernt, was vergessen, ad acta gelegt? War die Einsicht gewachsen, dass die Vorräte an natürlichen Ressourcen nicht Schritt halten mit unseren Ansprüchen, dass man sie verwalten, erneuern, hegen musste? Und was kann moderne Wissenschaft tun, raten, ist sie fähig und willens, Wege aus der offenbaren Umweltkrise zu weisen? Kann sie Alternativen vorstellen? Als vorläufigen Titel hatte der Redakteur sich etwas Passendes und leise Humoriges ausgedacht: Sind wir noch zu retten? Er stellte mir eine Aufgabe, an der sich ein Regisseur abarbeiten würde, in steter Gefahr, sich zu verlaufen im Gestrüpp widersprechender Meinungen und Analysen. Ich notierte ein Gespräch in Mainz:
Merkwürdige Diskrepanz, typisch für das Fernsehgeschäft – hier siehst du die jubelnden Massen über die Mauer strömen – und dort die verarmte Dritte Welt, die noch immer ihre Ressourcen an die Reichen liefert. Und bei uns: Es sieht doch alles so gut und so optimistisch aus, nie lebten wir besser als heute. Aber die Leute sagen, die Welt ginge unter. Wenn es richtig sein sollte, dass die Erde seit ihrer Entstehung lebensfreundlich gewesen ist, was haben Menschen getan, dass sie aus dieser Freundlichkeit verbannt wurden. Ist es eine Verbannung aus dem Paradies, ein Fluch der auf der Menschheit lastet?

Im Institut für Astrophysik zu Garching traf ich Peter Kafka, vehementer Streiter wider Unvernunft und Borniertheit, auch in den Reihen seiner Wissenschaft, ein unermüdlicher Mahner.

Ich habe keine Rezepte zu verkünden, ich will zum Denken anregen. Ich fürchte, es werden noch große Zusammenbrüche passieren müssen, damit alle aufmerksam werden, dass es so nicht weitergeht. Aber so lange nur die Unterklasse betroffen ist, oder nur Tierarten aussterben, und man dabei nicht sieht, dass auch der Mensch gefährdet ist, so lange macht man weiter. Jetzt kommt die Erkenntnis, dass alles kaputtgehen kann, so schnell, dass man innerhalb einer Generation etwas ändern muss. … Wer im Elend lebt, der muss schauen, wie er mit seinen Kindern den nächsten Tag erlebt. So existiert ein großer Teil der Menschheit. ... Die Wissenschaft darf nicht frei sein, so wenig wie jede andere Macht, die Abhängigkeit schafft, sie wird dienen müssen und sicher für lange Zeit bei der Rettung dessen helfen, was von Natur und Kultur nach dem Wissenschaftsmissbrauch noch überlebt hat. Nicht Kirche, Wissenschaft und Politik werden uns retten, sondern Einzelne, die versuchen, die Sache in die Hand zu nehmen.

Solche Grass root movements hatte ich in Kalifornien kennen und schätzen gelernt, ich war erstaunt, was sie alles zuwege gebracht hatten im Kampf um eine lebensfreundliche Umwelt.

Die Fahrt nach SeewiesenLesen Sie von diesem Autor auch:
Konrad Lorenz
war eine Fahrt in eine freundliche Vergangenheit. Doch wo einst der Nobelpreisträger Konrad Lorenz seine Jünger und Schüler um sich versammelte – wo er sein weit hallendes Koom-koom erschallen ließ und der Himmel sich verdunkelte von den Hundertschaften lebhafter Graugänse, die sich um den Meister scharten – war es still. Der See überwachsen, weit und breit nicht die Feder einer Gans: Als ob hier, im einstigen Mekka der Verhaltensforschung, nie die Sternstunden der Ethologie stattgefunden und den Ruf von Seewiesen hinausgetragen hätten in die Welt. Mich empfing der Meisterschüler des Konrad Lorenz, Professor Wolfgang Wickler. Sein Hobby: die Mechanismen der Evolution. Für mich dozierte er:

Evolution und Selektion zielen automatisch auf Vermehrung. Wer mehr Nachkommen hat, prägt das Bild der Art. Das wandelt sich. Das Bild der Art erhalten wäre das Gegenteil von Evolution. Die Evolution spielt sich in Programmen ab, die kodiert sind. Genetisch in Form von Eiweißmolekülen, die anderen Programme sitzen im Hirn, sind per Erziehung in die Köpfe gekommen und werden tradiert, und da gelten dieselben Aussagen wie für die genetische Evolution. Da werden automatisch diejenigen Programme das Bild der Art prägen, die den leichtesten Zugang von einem Träger zum nächsten finden. Ideen zünden, setzen sich durch, also: Gene breiten sich aus durch Zeugung, Ideen durch Überzeugung. Die Menschen sollten erheblich mehr Respekt und Sorge haben vor der Weise, wie man uns mit den geistigen Programmen infiltriert. Wenn es wahr ist, dass diese geistigen Programme uns eh beherrschen, weshalb machen sich die Leute nicht viel mehr Sorgen um Schulsysteme – als um das bisschen Gentechnik? Ich glaube, wenn jemand Sorge um die Menschheit hat, dann muss er an der Traditionsbildung ansetzen.

Ich verließ den still gewordenen See und grübelte dem Phänomen des Geistes nach. Da war ein Ort und da war ein Mann, Konrad Lorenz in Seewiesen – und beide formten etwas wie eine Einheit in der Suche nach Wahrheit, und der Mann stirbt, und der Ort fällt zurück in die Gleichgültigkeit unzähliger anderer Orte. Irgendwie schien mir hier eine Metapher für das Numinose zu liegen, aber vielleicht war das nur eine spinnerte, durch das Besondere des Ortes hervorgerufene Idee.

Tief über das Okular gebeugt auf der Suche nach den anatomischen Geheimnissen eines Röhrenwurms, dessen Heimat die Türkei war, traf ich im Hamburger Zoologischen Institut den Professor und Evolutionsforscher Michael Dzwillo. Er kochte einen erfrischenden Tee für uns und hörte sich meine Sorgen an, antwortete ebenso freundlich wie bestimmt in seinem rauen baltischen Dialekt.

Aber wir sind doch eine Species? Ja – wir unterliegen den biologischen, den Evolutionsgrenzen. Aber dadurch, dass er das Bewusstsein evaluiert hat, erreichte der Mensch ein Evolutionsniveau, das es ihm ermöglichte, über die biologische Evolution hinaus in einem Maße sich und seine Umwelt zu beeinflussen, das weit über das hinausgeht, was wir von der biologischen Evolution her kennen. Die Kulturevolution geht ja unendlich schneller als die genetische Evolution. Die Schadstoffe, die wir in die Natur hineinbringen, wirken so schnell, dass wir keine Resistenz gegen sie erwerben können. Die Schadeinflüsse, die wir produzieren, sind so vielfältig, dass sich die meisten Organismenarten nicht darauf einstellen können, und wir selber erst recht nicht. Darum rotten wir ja laufend Organismenarten aus. Der Mensch ist weitgehend souverän, er kann sich den verschiedensten ökologischen Gegebenheiten anpassen – die anderen Organismen sind aber an bestimmte Lebensräume angepasst. Wenn wir deren Räume vernichten, ist es aus mit ihnen.
Die Naturwissenschaft ist in die Pflicht genommen. Der wissenschaftliche Fortschritt wird von Leuten gemacht, die auf ihrem Gebiet stark sind. Aber wer macht die große Synthese? Es handelt sich doch um ein hochkomplexes Ursachengefüge, auch das sollte Aufgabe der Wissenschaft sein, sich daran zu machen. Jeder Wissenschaftler in seinem Fach sollte sich verpflichtet fühlen, zu sagen, was er dazu tun kann, Wege aufweisen, wie man das Rasen in den Abgrund stoppen kann – aber die große Synthese finden?

Anspruchsvolle, fordernde Stimmen im Konzert jener, die ich befragen durfte. Es war nicht leicht, daraus eine filmgerechte Aussage zu stricken, die unser Sender dann auch ausstrahlen würde. Die Kopfschmerzen nahmen kein Ende.

Die Maschine hüpfte über blaue LagunenLesen Sie von diesem Autor auch:
Stippvisite auf den Philippinen
und grüne Berge, ließ sich nieder auf dem Dorfflugplatz von Dumaguete auf der Insel Negros Oriental. Wir schafften uns und das Gepäck zum weitläufigen baumbestandenen Campus der Siliman-Universität, die einen Ruf als Stätte naturwissenschaftlicher Forschung und Lehre hatte. Gerahmt wurde das bunte Bild der Blumenrabatten und weißen Häuser im Kolonialstil von imposanten Bergkulissen. Am Straßenrand warben farbige Plakate mit glücklichen Gesichtern für Familienplanung, notwendig in diesem hoffnungslos übervölkerten katholischen Land, in dem Kondome und Verhütungspraktiken von der Kirche verboten waren. Ich suchte die Vizepräsidentin Dr. Abregana, eine Schönheit von Angesicht. Nach der Vorlesung kam sie mit 30 Studenten, lagerte sich unter den Schattenbäumen auf Holzbänken des Atriums vor der altertümlich-gelben Kapelle. Halb in der Heimatsprache Tagalog, halb in Englisch, gaben die Studenten Antworten auf unsere Fragen nach Ökologie und Meeresforschung und ihrem Blick in die Zukunft. Die Jünglinge schwiegen, überließen den Phillipina das Wort. Ich fühlte mich nach Stanford versetzt in Kalifornien. Hier aber berichteten Zeitzeugen schaudernd von den SS-Methoden der japanischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg, die Siliman as Hauptquartier und Folterkammer benutzten. Noch immer waren Japaner auf den Philippinen als Touristen unerwünscht. Abregana begann resigniert:

Wir Philippinos sind auf der Suche nach einer Identität, aber wo sollen wie sie finden? Jeder arbeitet für sich allein, niemand für alle, jeder sucht sein Glück woanders. Junge Leute, die bei uns graduieren, suchen sich einen Job in Deutschland oder den USA, weil man da besser bezahlt. Uns fehlen die Wissenschaftler, es ist ein großes brain-draining. Übrigens, hören Sie eine Vogelstimme? Alles was Vogel ist, wird hier von den Kindern mit dem Gummikatapult abgeschossen, wie sie es von ihren Vätern lernen. Was Sie hören, sind die Kampfhähne an jeder Ecke. Die große Leidenschaft der Philippinos ist Wetten auf den Sieg des eigenen Hahns, Haus und Hof wird verwettet. Das schlimmste aber ist, dass wir keine Leute mehr haben für viele gute Projekte, die wir liegenlassen müssen, auch in der Meeresforschung, die für uns so wichtig ist.

Im Interview merkte ich der international nicht erfahrenen Wissenschaftlerin an, wie sie unter der Flucht der jungen Intelligenz litt, dass sie wenig Hoffnung auf Änderung der wirtschaftlichen und politischen Lage ihres Landes sah. Optimistischer sah die Lage Amos Richmond, Direktor des Jacob-Baustein-Instituts für Wüstenforschung in Sde Boqer, Israel.

Da ist genug Kapital in der Welt. Was fehlt sind Visionen, Ideen und Neueinführungen. Was wir brauchen sind Hirne, was wir nicht brauchen ist brain-drainingenglisch brain drain, wörtlich Gehirn-Abfluss im Sinne von Talentschwund. Klar, dass du Hirne brauchst um vernünftig zu arbeiten und nie aufzugeben. Es gibt zwei Gruppen von Leuten. Die eine sieht ein Problem und sagt, o was müssen wir jetzt tun? Die andere kleinere sieht das Problem und sagt, o das ist gut, es gibt uns die Chance, es zu lösen. Diesen Typ brauchen wir. Schau dir die Wüste an. Wir müssen viel mehr tun, um Wüsten-Lebensräume zu studieren. Niemals darfst Du gegen die Wüste arbeiten, immer mit ihr, und du nutzt die positiven Entwicklungen in der Wüste aus. Eine Wüste ist kein verlorenes Land. In Wahrheit könnte sie ein reiches Land sein, wenn es dir gelingt, ihre Ressourcen zu nutzen. Dies ist das Schlüsselelement in unserem Denken, in unserer Entwicklung. Wir müssen lernen, das Wasser besser zu nutzen, auch das salzige Wasser, wir müssen unsere Häuser nach dem Muster der eingeborenen Baumeister errichten, schauen Sie sich nur die wunderbaren alten Häuser im Iran an. Wir müssen vor allem das Wüstenklima besser verstehen lernen, vielleicht versuchen, die Niederschläge zu vermehren, wie das in Wadi Maschasch geschieht. Es gibt so viele Wege zum Menschsein, auf denen die Wüstenforschung uns helfen kann!

Ich sehe weite Küstenländer versinken unter steigendem Meeresspiegel, während der Leihwagen über die Interstate nach Santa Cruz fährt in den waldreichen Campus der Universität. Verborgen unter einem Bartgestrüpp das humorvolle Gesicht des Chaos-Mathematikers Ralph Abraham. Er sah die menschliche Lage äußerst kritisch.

Unser San Lorenco ist nur noch ein Rinnsal. Oben in den Bergen streitet man sich um's Wasser. Kalifornien ist ein reicher Staat, aber durch die Dürre könnte er bald verarmen. Unsere größte Industrie ist die Landwirtschaft, und sie existiert von der Bewässerung und diese führt zur Versalzung von Hunderttausenden von Hektar. In der Not bohrt man nach Grundwasser, so wie man im Mittleren Osten das Öl aufbraucht. In 30 Jahren sind die Ressourcen verschwunden. Dieses vierte Dürrejahr könnte durchaus verursacht sein durch einen globalen Klimawechsel. Globale Erwärmung um 1-3 Grad erhöht die Verdunstungsrate. Bodenwasser geht verloren. Regionen in Russland, China und auch Europa könnten Dürren erleiden. Wissenschaftler rechnen mit Ernteverlusten in den wichtigsten Getreideanbaugebieten bis zu 20%.

Abraham zeichnet für mich zum Abschied ein schwer zu entschlüsselndes Bild der atmosphärischen Chaos-Dynamik. Das ist sein Steckenpferd, wenn er nicht in der Wüste wandert, um  zu meditieren.

Nach unserer Weltreise sieht Hamburg uns wieder. Mein Kopf ist voll von Dürren, Wüsten, Evolutionen und Traditionen. Und was begegnet uns hier in Deutschland: Endlose Streitereien um das Für und Wider des Anschlusses der DDR an die Bundesrepublik. Und was das alles kostet und dass natürlich wir die ewig Zahlenden seien. Und wäre Kohls Wiedervereinigung nicht eigentlich ein Flop?
Es würde noch lange so weitergehen.