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Silvester im neuen Haus
oder
Die Feuerzangenbowle und ihre Folgen

Endlich war es soweit! Nach langer Bauzeit konnten wir im Sommer 1960 unser neues Haus beziehen. (Kopftuchsiedlung)Siehe auch meine Geschichte:
Die Kopftuchsiedlung

Die Baukosten belasteten enorm den Geldbeutel und deshalb wurde vorerst nur das Dringendste angeschafft. Dazu gehörte, dass alle Fenster neue Gardinen bekommen mussten. Diese nähte meine Mutter selbst. Sie war zwar ungeübt im Nähen, traute sich aber trotzdem auch an eine Gardine, mit einem ausgeschnittenen Rundbogen und Volant, für das Blumenfenster. Bis alle Vorhänge fertig waren, dauerte es ein paar Wochen und in dieser Zeit konnten wir uns im Wohnzimmer kaum bewegen, denn überall lagen Stoffballen herum. Aber zum Schluss hing alles akkurat an den Fenstern und die Nachbarn konnten sehen, dass wir ein ordentliches Haus hatten.

Das alte Küchenbuffet mit den Blümchengardinen an den verglasten Schrankfenstern, die den Einblick verwehren sollten, kam genauso mit in das neue Haus, wie das Wohnzimmerbuffet mit dem Mittelteil aus Glas, das offen den Blick auf die Sammeltassen und Trinkgläser freigab.

Ich hatte jetzt mein eigenes Zimmer, das mit meinem alten Klappbett, einem kleinen Kleiderschrank, einem Tischchen mit drei Beinen – Nierentisch sagte man damals dazu – und einem winzigen Cocktailsessel provisorisch eingerichtet war.

Im Wohnzimmer war jetzt sehr viel Platz, denn außer dem bereits erwähnten, jetzt sehr klein wirkenden Wohnzimmerbuffet und der Schlafcouch mit dem Tisch, dessen Höhe man mit einer Kurbel verstellen konnte, und ein paar Stühlen stand hier nichts. Halt, nicht zu vergessen die Musiktruhe, mit eingebautem Radio und Plattenspieler, mit dem man noch Schellackplatten abspielen konnte.

Bei einem fliegenden Händler für Flechtwaren kaufte meine Mutter ein paar Korbsessel, die eigentlich für die Terrasse gedacht waren, jetzt aber erst einmal ins Wohnzimmer gestellt wurden. Mutter träumte von einer Palisander-Schrankwand und einer schwarzen Ledergarnitur. Ein Wunsch des Hausherrn wurde sofort erfüllt, denn schon kurz nach dem Einzug stand ein großer, wuchtiger Ohrensessel im Wohnzimmer. Mein Stiefvater und der Sessel bildeten fortan lebenslang eine Einheit. Er bekam nur hin und wieder eine Verjüngungskur in der Polsterwerkstatt. Einen Fernseher besaßen wir zu dieser Zeit noch nicht. Wenn es eine interessante Fernsehsendung gab, gingen meine Eltern mit einer Flasche Liebfrauenmilch oder auch mal mit Eckes-Edelkirsch zum Nachbarn fernsehgucken.

Nach und nach wurde die Wohnung durch die Anschaffung kleinerer Gegenstände wie Lampen, kleine Teppiche und Bilder etwas gemütlicher und vorzeigbarer. So luden meine Eltern zu Silvester 1960 alle ihre Freunde ein, um stolz das neue Haus zu zeigen und mit ihnen in das neue Jahr zu feiern. Es gab Kartoffelsalat und Würstchen, Schnittchen, Käseigel, gefüllte Eier und, und… Dazu gab es Bier und Wein. Anschließend wurde eine Feuerzangenbowle zelebriert. Dazu wurde über einen Kupferkessel, der mit heißem, mit Zimt, Nelken und Orangensaft gewürzten Rotwein gefüllt war, eine Metallzange gelegt, auf der ein Zuckerhut lag. Dieser wurde erst mit hochprozentigem Rum durchtränkt und dann angesteckt. Das Licht wurde ausgemacht und es entstand eine ganz besondere Stimmung, wenn alle zusahen, wie das Feuer rotgelb um den Zuckerhut züngelte und der schmelzende Zucker brennend in den Rotwein tropfte. Mit einer Kelle wurde immer wieder Rum nachgeschenkt bis sich der Zuckerhut aufgelöst hatte und die Flasche leer war. Mit diesem hochprozentigen Punsch wurde die Zeit bis Mitternacht vertrieben. Ich war schon ein Teenager und durfte auch mal probieren. Mein kleiner Bruder konnte die Augen nicht so lange aufhalten und verschlief friedlich den Jahresanfang und was danach kommen sollte.

Je näher der Jahreswechsel rückte, umso lustiger und ausgelassener wurde die Gesellschaft. Schlag zwölf stießen alle nochmal stilecht mit Sekt an und sagten sinnigerweise Prost Neujahr. Dann ging das Feuerwerk los. Meine Eltern und auch die Gäste hatten allerlei Knallkörper besorgt, die vor dem Haus gezündet werden sollten. Es regnete aber und keiner hatte recht Lust, ins Freie zu gehen. So beschloss man, die Feuerwerkskörper vom Küchenfenster aus zu zünden. Die Kiste mit den Böllern stand auf dem Küchentisch neben dem Fenster.

Die ersten Kracher waren schon losgelassen, plötzlich ein lauter Aufschrei. Mein Stiefvater rannte aus der Küche, eine Blutspur hinter sich herziehend. In der Küche ging jetzt ein unglaubliches Getöse los. Es krachte, ballerte, donnerte und zischte. Man konnte durch die starke Rauchentwicklung aber nicht sehen, was sich eigentlich abspielte. Wir schlossen die Küchentür und warteten das Ende des Spuks ab. Aus dem noch geöffneten Fenster kam starker Rauch. Es dachte niemand daran, die Feuerwehr zu rufen. Telefon hatten wir noch nicht und auch noch keiner aus der Nachbarschaft, und ob in dem Neubaugebiet schon eine öffentliche Telefonzelle stand, weiß ich nicht mehr.

Wie sich später herausstellte, hatte mein Stiefvater einen Feuerwerkskörper falsch angezündet und die Explosion schoss direkt in seine Hand. Daraufhin warf er den noch brennenden Knaller in die Kiste mit den restlichen Silvesterkrachern, die dann das taten, wofür sie gemacht waren. Der Unglückliche wurde von einem Nachbarn ins Krankenhaus gefahren, aus dem er erst bei Tagesanbruch mit einer dick verbundenen Hand zurückkam. Die Notaufnahme war überfüllt mit ähnlichen Verletzungen und er musste lange auf seine Behandlung warten. Zum Glück hat er keine bleibenden Schäden davongetragen, aber er war ein paar Wochen arbeitsunfähig.

Als sich der Rauch am nächsten Morgen verzogen hatte, öffneten wir die Küchentür und sahen schwarz. Schwarz, alles, aber auch wirklich alles war schwarz. Die ganze Küche war zerstört. Es gab zwar kein offenes Feuer, aber der Ruß war in alle Ecken und alle Ritzen gedrungen.

Leider war auch ein Todesopfer zu beklagen: der Goldhamster meines Bruders. Der Käfig hatte nachts seinen Platz in der Küche, denn durch die Nachtaktivität des Tieres wurde der Junge im Schlaf gestört. Der kleine Nager ist wohl an einer Rauchvergiftung verstorben. Mutter bekam – nach aufwändigen Renovierungsarbeiten – eine neue Küche. Die Palisander-Schrankwand und die schwarze Ledergarnitur mussten noch etwas warten.

Nach meiner Überzeugung war die Feuerzangenbowle nicht ganz unschuldig an diesem missglückten Jahresanfang 1961. Ich habe seitdem nie mehr einen Feuerwerkskörper gezündet.