Führerschein 1966
Meine Eltern besaßen in den 1960ern Jahren noch kein Auto, und als eigenes Fortbewegungsmittel kannte ich nur das Fahrrad. Nach meiner Heirat war ich über zwei Jahre lang nur Beifahrerin im Auto meines Mannes, doch nun wollte ich endlich auch selbst fahren. Der Führerschein war für mich ein Schritt in die Freiheit, und so meldete ich mich im Sommer 1966 bei einer Fahrschule an.
Auch damals spielte die Geldfrage eine Rolle, so wie heute auch, doch ein Führerschein war noch relativ erschwinglich. Die Führerscheinprüfung war zu dieser Zeit noch nicht vereinheitlicht. Es kam auf das Ermessen des Fahrlehrers und des Prüfers an, wie viele Fahrstunden man absolvieren musste – und damit, wie teuer der Führerschein wurde.
Auch Nacht- und Autobahnfahrten waren keine Bedingung und ich musste keine dieser, heute vorgeschriebenen, Sonderfahrten absolvieren.
Auf meinem alten grauen Führerschein kann ich am Stempel sehen, dass die Gebühr für die Ausstellung des Führerscheins acht D-Mark betrug. Kosten für Unterrichtsmaterial fielen nicht an, denn ich erinnere mich nicht, dass es welches gab und ich zu Hause „gebüffelt“ hätte.
Ein verpflichtender Erste-Hilfe-Kurs wurde erst einige Jahre später eingeführt, und obwohl der Sehtest damals bereits vorgesehen war, musste ich trotz meiner SehschwächeSiehe „Mein letzter Wille …“ keinen machen. Offenbar nahm man es mit manchen Vorschriften noch nicht ganz so genau.
Zuerst musste ich die theoretische Prüfung bestehen, bevor ich mich an das Steuer setzen durfte. Wir waren eine Klasse von ungefähr fünfzehn, überwiegend jungen Fahrschülern, ich war die einzige Frau. Es war eine nette Gruppe und ich fühlte mich wieder in die Schulzeit zurückversetzt. Wir lernten an Schaubildern die Straßenverkehrsordnung mit Schwerpunkt auf die Vorfahrtsregeln. Einen genauso großen Anteil hatte aber auch der technische Teil. Wir wurden zu „Hilfsautomechanikern“ ausgebildet. Man musste wissen, wie ein Rad gewechselt wird, wie der Vergaser funktioniert und wofür ein Choke da ist. Heute weiß kaum noch jemand, was ein Choke ist. Besonders amüsant fand ich den Tipp, dass man bei einer Panne den Keilriemen notfalls durch eine Damenstrumpfhose ersetzen könne, um bis zur nächsten Werkstatt zu kommen. Leider bin ich technisch nicht sehr begabt, deshalb habe ich diese Lerninhalte sofort nach der Prüfung wieder vergessen und ich brauchte sie auch nie anzuwenden. Lediglich die Sache mit dem Choke habe ich verinnerlicht, den musste ich noch lange beim Kaltstart herausziehen. Damals wurde sogar noch empfohlen, das Auto vor dem Losfahren erst warmlaufen zu lassen, was heute aus Umweltschutzgründen bei Strafe verboten ist.
Die ersten Fahrstunden mit einem Opel Rekord verliefen ganz gut, auch aufgrund dessen, dass es im Vergleich zu heute noch sehr wenig Verkehr gab. Eines Tages stand rückwärts einparken auf dem Programm. Ich weiß nicht, was mit mir an dem Tag los war, egal wie sehr ich mich bemühte – das Auto stand jedes Mal schief in der Parklücke. Nach mehreren erfolglosen Versuchen sagte der Fahrlehrer schließlich: „Wir brechen jetzt ab, das hat heute keinen SinnSiehe You-Tube Video Der 7. Sinn
aus den 1970er Jahren mit Ihnen. Sie haben sicher gerade Ihre Tage. Wir versuchen es wieder, wenn Sie normal sind“.
Ich war vollkommen sprachlos. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und er fuhr mich nach Hause. Dort schmiss ich mich aufs Bett und heulte hemmungslos. Heute weiß ich, dass der Fahrlehrer, dem damaligen Zeitgeist entsprechend, Frauen am Steuer noch belächelteGängiger Spruch damals: „Frau am Steuer - Ungeheuer“ und solche Bemerkungen einfach hingenommen wurden. Doch dass ich mich bis heute daran erinnere, zeigt, wie tief mich dieser Satz getroffen hat.
In der kommenden Woche übte ich mit unserem Privatwagen zu Hause in dem großen Hinterhof, in dem mehrere Garagen waren und es somit auch Autoverkehr gab, das rückwärts Einparken zwischen zwei Gartenstühlen. Nach unzähligen Versuchen machte es plötzlich „Klick“ und ich konnte es. Bei den nächsten paar Fahrstunden verliefen die Gespräche wieder sachlich und ich wurde zur Fahrprüfung angemeldet.
Die Prüfungsfahrt machte ich zusammen mit einem jungen Mann in meinem Alter, der zuerst dran kam. Ich saß während der Fahrt hinten. Der junge Mann bestand seine Prüfung ohne Fehler, und der Prüfer gratulierte ihm mit den Worten: „Das haben Sie sehr gut gemacht“ und mit Handschlag zur bestandenen Prüfung. Dann kam ich dran und ich dachte, dass ich es auch ganz gut gemacht hätte.
Am Ende der Fahrt stiegen wir vor der Fahrschule aus, und der schmierige alte Prüfer – er hätte eine Vorlage für Horst Schlämmer sein können – tätschelte mir gönnerhaft die Wange und sagte im breiten Dialekt: „Mädsche, mer wolle mal net so sei, du hast zwar e paar Fehler gemacht, awwer ich geb dir de Führerschei trotzdem. Was noch fehlt, kann dir ja de Mann beibringe.“ Dann drehte er sich um und ging in die Fahrschule. Da stand ich nun, mit meinem Führerschein der Klassen III und IV und ich dachte, dass ich nur einen Führerschein „zweiter Klasse“ in der Hand hätte. Der junge Mann, der seine Prüfung vor mir gemacht hatte, sagte: „Mach dir nichts draus, den siehst du nie wieder – doch du hast den Führerschein jetzt lebenslänglich“.
Er hatte ja Recht. Ich besaß bald ein eigenes Auto, einen kleinen grünen FiatSiehe: „Mein kleiner grüner Fiat“, und der alte „graue Lappen“ aus Leinenpapier war viele Jahre mein Begleiter, bis ich ihn später in ein anderes, praktisches Scheckkartenformat eintauschte. Der alte „Lappen“ wurde ungültig gestempelt, doch ich habe ihn zur Erinnerung aufgehoben. Doch mit „lebenslänglich“ hatte der junge Mann leider nicht Recht. Der Führerschein ist zwar immer noch gültig und ich gebe ihn auch nicht ab, doch vor einigen Jahren habe ich das Autofahren nach über 50 Jahren unfallfreier Fahrpraxis – abgesehen von einigen Blechschäden – aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Es ist mir sehr schwergefallen und es fühlte sich an wie eine körperliche Amputation.
Doch ich habe einen Trost: Ich besitze immer noch ein eigenes Auto. Nur fahre ich nicht mehr selbst damit, sondern meine Enkelin. Hin und wieder bekomme ich jetzt ein paar Verwarnungen für zu schnelles Fahren, wobei die Fotos keinerlei Ähnlichkeit mit mir haben.
Und ich habe jetzt das, was mir während meiner ganzen Fahrpraxis verwehrt blieb: Einen Punkt in Flensburg.


